Antifaschismus und Antirassismus

Sahra und die Wagenknechte

von Martina Gergits, zuerst veröffentlicht in der VORWÄRTS-Ausgabe vom Dezember 2023

Nach langer Androhung hat sich Sahra Wagenknecht nun von der Partei “Die Linke” getrennt und gründete das “Bündnis Sahra Wagenknecht” (BSW). Damit möchte sie im Wahljahr 2024 unter dem Motto „Vernunft und Gerechtigkeit“ antreten, bereits zur EU-Wahl erwartet Wagenknecht ein zweistelliges Ergebnis. Wahr ist, dass die Linke in den letzten Jahren versagt hat, offensive Oppositionspolitik zu machen - aber bietet Wagenknecht wirklich eine Alternative?

Bündnis für das Kapital

Sieht man sich das vorgestellte Programm an, stützt sich die Wirtschaftspolitik vor allem darauf, deutsche Konzerne zu stärken und erinnert an Trumps „America First“-Strategie: „Massive Investitionen [...] und Förderung innovativer heimischer Unternehmen und Start-Ups“. BSW inszeniert sich damit als Bündnispartner für das deutsche Kapital, und was von den Profiten abfällt, soll an Leute mit deutschem Pass verteilt werden. Allerdings haben staatliche Subventionen für Unternehmen noch nie zu größerer sozialer Gerechtigkeit oder Vorteilen für die Arbeiter*innenklasse geführt. Noch weniger wird dies in der aktuellen Wirtschaftskrise der Fall sein.

Rassistische Politik als Alternative zur AfD?

Programmatisch ist Wagenknecht damit nach rechts gerückt, im Versuch Wähler*innenstimmen zu gewinnen. So versucht sich BSW sogar als „linke Version“ der AfD zu positionieren: “Ich wünsche mir, dass wir viele Wähler, die aus Protest für die AfD gestimmt haben, davon überzeugen können, dass unsere Konzepte seriöser sind”. Tatsächlich hat Wagenknecht Konzepte der AfD übernommen: Sie fiel in den letzten Jahren immer wieder mit rassistischen und sexistischen Aussagen auf, beschrieb queere Personen als „skurrile Minderheiten“ und forderte die Kürzung von Sozialleistungen bei Asylbewerber*innen. Sie spielte in diversen Interviews die Thematiken Arbeitsplätze, Löhne, Wohnen, Klima, Sexismus und Rassismus gegeneinander aus. Das ist keine linke Politik. Im BSW-Programm lassen sich dazu keine konkreten Punkte finden, offensichtlich möchte man sich den Vorteil als neue Wahloption offen lassen, in die auch von Links viel hineininterpretiert werden kann.

Sich nicht zu Rassismus, Sexismus zu äußern oder im schlimmsten Fall rassistische Argumentationslinien zu übernehmen, kennen wir bereits von europäischen Sozialdemokratien. Die Idee dahinter ist, den „kleinen Mann“ nicht zu verschrecken und damit Wähler*innenstimmen zu bekommen. Die Annahme, man müsse sich auf den „kleine Mann“ konzentrieren übersieht dabei einen Großteil der Arbeiter*innenklasse, die sich auch schon in Kämpfen befindet: Frauen, queere Personen und Migrant*innen.

Bewegung von unten aufbauen

Es ist nicht ausgeschlossen, dass BSW zumindest zu Beginn auch Erfolge einfahren wird. Aber was bringt das, wenn es dann nur eine weitere Variation bürgerlicher Politik ist? Natürlich braucht es auch eine linke Option am Wahlzettel, diese kann aber nur als ein Werkzeug im Kampf gegen Kapital und Unterdrückung funktionieren. Eine echte linke Alternative steht in enger Verbindung zu den aktuellen gewerkschaftlichen Kämpfen und feministischen/antirassistischen Bewegungen. Eine starke linke Politik sieht im Kapital keinen Bündnispartner, sondern in den 99 %, den Vielen. In den Streiks des öffentlichen Dienstes, Kindergärten, Krankenhäusern, den 180.000 neuen Gewerkschaftsmitgliedern. Sie schreibt sich den Kampf für höhere Löhne, leistbaren Wohnraum, Bildung, Gesundheit, auf die Fahne und erkennt, dass dies mit einem gemeinsamen Kampf gegen Rassismus und Sexismus Hand in Hand gehen muss und nicht diesen ausschließt.

Kein Personenkult, kein künstliches Trennen “sozialer” und “kultureller” Fragen, keine Übernahme rechter Programmatik - sondern nur der vereinte, organisierte Kampf als Arbeiter*innen, Frauen, queere Personen und Migrant*innen kann echte Verbesserungen erzwingen.

 

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

"schule brennt" gegen Rassismus im Schulwesen!

Rede von @schulebrennt-Aktivistin und Pflichtschullehrerin Sarah M. am Lehrer*innenprotest im Oktober in Wien

Liebe Kolleg*innen,

vor den Sommerferien sind wir am Aktionstag Bildung wieder auf die Straße gezogen und haben laut und deutlich gesagt, was wir brauchen: Ganz dringend mehr Personal und Ressourcen für eine gute Bildung für alle. Denn unsere Arbeitsbedingungen sind die Lernbedingungen der Kinder und Jugendlichen.

Aber ein weiteres Mal wurden unsere Forderungen nicht gehört. Die politisch Verantwortlichen haben sogar die Frechheit besessen, die Situation an den Schulen schönzureden. NEOS-Abgeordnete Beate Meinl-Reisinger hat am 8.Oktober in der ZIB behauptet, dass wir jetzt in Wien dank der Politik von Wiederkehr & Co von administrativen Aufgaben befreit seien. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich frage mich, wie weit weg diese Politiker*innen eigentlich von unserer Realität sein können.

Wir sind im neuen Schuljahr angekommen und es ist kein Zufall, dass jetzt die zahlreichen Krankenstände zahlreiche Standorte ans Limit bringen. Der Mangel an multiprofessionellen Teams - Sozialarbeiter*innen, Erstsprachenlehrer*innen und vieles mehr - bedeutet chronische Burnout-Quoten.

Gleichzeitig haben wir bei den Nationalratswahlen gesehen - es wird versucht, von den wahren Problemen im Bildungsbereich abzulenken, indem rassistisch nach Sündenböcken gesucht wird. Hass geschürt wird, auf dem Rücken von uns, Lehrpersonen die von Rassismus betroffen sind & von Schüler*innen die von Rassismus betroffen sind. Wir müssen laut und deutlich sagen, es sind nicht die Kinder und Jugendlichen, die hierher kommen,teilweise traumatische Erfahrungen auf der Flucht machen mussten, die Schuld sind an der Bildungsmisere. Sie selbst leiden am meisten darunter. Wir lassen uns nicht von rassistischer Hetze spalten. Deshalb müssen wir auch klare Kante zeigen, wenn die FCG den Stopp des Familiennachzugs fordert. Familiennachzug stoppen heißt Menschen sterben lassen. Das ist nichts weiter als menschenverachtende Politik. Solche Positionen haben nichts in einer Gewerkschaftsbewegung zu suchen. Und es gäbe genug Geld und Ressourcen, um gute Bildung für alle zu ermöglichen - es ist nur falsch verteilt.

Rassismus spaltet uns und Rassismus macht uns und unsere Schüler*innen krank. Die Deutschförderklassen, die von schwarz-blau eingeführt wurden sind ein Paradebeispiel dieser Spaltung und Diskriminierung. Die Mischung aus Ressourcenmangel und Rassismus ist dramatisch. Personalmangel bedeutet auch, dass es keine Anlaufstellen gibt bei Diskriminierungserfahrungen, keine Strukturen gibt um gegen rassistische, sexistische, queerfeindliche Übergriffe vorzugehen - eine Realität für ganz viele Schüler*innen. Eine neue Studie der Uni Wien zeigt: Im Zusammenhang mit DFKL geben über 50% an, dass nicht genug Lehrpersonal zur Verfügung steht. Ein Großteil der Schüler*innen fühlt sich ausgegrenzt. Es wurde zitiert “niemand redet mit uns”. 

Das sind Ergebnisse, die Expert*innen und Lehrpersonen seit der Einführung der Deutschförderklassen vorhergesehen haben. Und wieder zeigt sich was es heißt, wenn Politik über unsere Köpfe hinweg gemacht wird. Die Realität ist: Diese Selektion, Diskriminierung und Ungleichheit wird sich bei einer Regierungsbeteiligung der FPÖ nur verschlimmern. Wir müssen als Beschäftigte im Bildungsbereich klare Kante zeigen gegen Rechts, gegen jeden Rassismus und jede Form der Diskriminierung an unseren Schulen - das muss integraler Bestandteil unseres Kampfes um Verbesserungen sein. Der Kampf um eine bessere Schule geht nur antirassistisch.

Doch egal welche Regierungskonstellation vor der Tür steht - klar ist, durchsetzen werden wir unsere Forderungen nur durch eigene Kraft. Demonstrationen wie die heutige sind wichtig und notwendig - noch wichtiger ist aber, dass wir uns organisieren. Schule brennt geht voller Motivation ins neue Schuljahr - wir rufen alle Kolleg*innen auf, mit uns aktiv zu werden und sich an den Standorten für die eigenen Interessen einzusetzen. Wenn es sein muss, werden wir das auch mit Streiks an den Schulen tun - denn würden einmal Lehrpersonen in diesem Land streiken, würde es den Verantwortlichen schwer fallen, uns weiterhin zu ignorieren. Die Elementarpädagog*innen und Freizeitpädagogik*innen haben es vorgemacht - auch wir können das tun, wenn wir uns organisieren & Arbeitskämpfe kollektiv vorbereiten - und Druck aufbauen innerhalb der GÖD für Maßnahmen & Arbeitskämpfe die wirklich etwas bewirken. Also mach mit & schließ dich uns an

- für multiprofessionelle Teams

- für mehr Personal, Räume, Ressourcen

- gegen jede Diskriminierung

- für eine inklusive Gesamtschule für alle

 

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Österreich: Land des antimuslimischen Rassismus

Neue Studie zeigt die schockierende Verbreitung von antimuslimischem Rassismus - die Auswirkung jahrzehntelanger Hetze von Parteien, Institutionen und Medien.
Rina, Kimi und Christoph - ISA-Ortsgruppe Wien West

Die hohen Zustimmungswerte von fast 30% für die rechtsextreme FPÖ, die sie zur stärksten Partei machen, und die alltägliche rassistische Rhetorik mögen zwar kaum mehr überraschen - zumal auch die etablierten Parteien durch diskriminierende Positionen, Praktiken oder ihre stillschweigende Komplizenschaft den Weg dafür geebnet haben. Dennoch schockieren diese Ergebnisse zutiefst:

Laut der Studie der Europäischen Grundrechteagentur hatten in Österreich 66 Prozent innerhalb eines Jahres Diskriminierung erfahren, im Fünfjahresschnitt waren es sogar 74 Prozent - der höchste Wert unter den 13 EU-Ländern. Unter Befragten aus Subsahara-Afrika sogar 80%.

Besonders erschreckend sind diese Zahlen angesichts der Tatsache, dass die Studie im Jahr 2021/2022 noch vor dem Genozid in Gaza durchegfürht wurde. Seither hat sich die antimuslimische Hetze in Medien und etablierten Parteien massiv verschärft. So erklärt ÖVP-Generalsekretär Christian: “Einem Volk, das sich dazu entschieden hat, willkürlich zu entführen, zu vergewaltigen und zu morden, kann man nicht zur Seite stehen.”https://www.slp.at/artikel/rassistische-welle-im-schatten-des-gaza-kriegs-11262). Diese rassistische Rhetorik setzt sich in der Hetze gegen migrantische Jugendliche am Reumannplatz und anderen öffentlichen Plätzen fort und spitze sich nach dem vereitelten Terroranschlag auf das Taylor Swift Konzert besonders zu. Die politischen Reaktionen zeugen von einer klar reaktionären und hetzerischen Haltung: Dominik Nepp (FPÖ), meint „die Schuld der Willkommensklatscher, zu denen ich auch Bürgermeister Ludwig und einige ÖVP-Vertreter zähle.“ Dem schloss sich Karl Mahrer von der ÖVP an: „Die Wiener Stadtregierung muss endlich aufwachen und den Tatsachen ins Auge sehen: Wir spüren schon längst die Folgen von politischem Islam hier in Wien.“ https://www.slp.at/artikel/das-abgesagte-taylor-swift-konzert-und-der-rechtsruck-11359). 

Neben den statistisch messbaren Ausprägungen von Rassismus existieren zahlreiche subtilere Formen der Diskriminierung, die sich nur schwer erfassen lassen. In alltäglichen Begegnungen zeigen sie sich als sog. “Mikroaggressionen” - vermeintlich harmlose Aussagen oder Handlungen, hinter denen sich jedoch tief verwurzelte Vorurteile und feindliche Einstellungen verbergen. Eine besonders prägende Form dieser alltäglichen Diskriminierung zeigt sich im antimuslimischen Rassismus, der fest in gesellschaftliche und institutionelle Strukturen eingebettet ist. Dabei werden Vorurteile nicht immer bewusst artikuliert, sondern durch etablierte gesellschaftliche Normen fortgeschrieben. Dies wird etwa im Bildungsbereich sichtbar: Lehrkräfte, geprägt durch stereotype Darstellungen in Medien und Politik, bewerten muslimische Schüler*innen häufig strenger oder haben geringere Erwartungen an sie - ein diskriminierendes Verhalten, dessen volles Ausmaß sie sich oft nicht eingestehen. Diese unreflektierte Übernahme gesellschaftlicher Vorurteile verstärkt die systematische Benachteiligung im Bildungssystem und manifestiert sich als strukturelle Diskriminierung, die oft unbemerkt bleibt - nicht weil sie weniger schwerwiegend wäre, sondern weil sie durch gesellschaftliche Erwartungshaltungen als 'normal' wahrgenommen wird.

Wissenschaftliche Studien belegen diese systematische Diskriminierung in zentralen Lebensbereichen wie Bildung und Wohnungsmarkt - etwa durch die Analyse von Bewerbungsverfahren oder Bildungsabschlüssen. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Allgegenwärtigkeit des antimuslimischen Rassismus, der sich sowohl in offener Ungleichbehandlung als auch in versteckter Benachteiligung manifestiert.

Antimuslimischer Rassismus hat System

Der Anstieg des antimuslimischen Rassismus hat dramatische Auswirkungen auf das Leben aller Musliminnen und jener Menschen, die als muslimisch gelesen werden. Die 1522 gemeldeten Fälle antimuslimischer Diskriminierung in Österreich markieren dabei einen erschreckenden Rekordwert (wobei die gemeldeten Fälle nur einen Bruchteil des tatsächlichen Ausmaßes darstellen, https://www.derstandard.at/story/3000000221741/dokustelle-meldet-fuer-2023-einen-rekord-an-faellen-von-antimuslimischem-rassismus). In diesem Kontext zeigt sich besonders deutlich, wie die systematische Dehumanisierung muslimischen Lebens, die sich in der westlichen Außenpolitik manifestiert, sich unmittelbar in der innenpolitischen Realität widerspiegelt: Der Genozid in Gaza und die vehemente Unterstützung des Westens bei der Massakrierung der Palästinenser*innen sind Ausdruck tief verwurzelter imperialistischer und rassistischer Strukturen, die auch hierzulande ihre Wirkung entfalten.

Der antimuslimische Rassismus hat sich dabei so weit salonfähig gemacht, dass hetzerische Rhetorik zum vielversprechenden Werkzeug im Wahlkampf geworden ist. Die Konsequenzen sind erschütternd: Nach dem Wahlsieg der FPÖ berichten Lehrer*innen aus unterschiedlichen Schulen von Kindern, die von existenziellen Ängsten geplagt werden. Wenn Kinder sich mit Fragen wie 'Werden wir jetzt alle abgeschoben?' und 'Gibt es eine Liste, wer als erstes abgeschoben wird?' auseinandersetzen müssen, wird ihnen nicht nur ihr Recht auf eine unbeschwerte Kindheit genommen - es verdeutlicht auch die erschreckende Realität einer Gesellschaft, in der imperialistische Gewalt und kapitalistische Verwertungslogik die systematische Ausgrenzung und Entrechtung muslimischer Menschen legitimieren und vorantreiben. Besonders Muslimas mit Kopftuch sind häufig von Diskrimminierung betroffen. Diskrimminierung aufgrund des Kopftuchs wird zum Hindernis für die soziale Integration und berufliche Chancen gesehen. Muslimische Frauen berichten häufig von Ablehnungen oder Abwertungen im Arbeitsumfeld, selbst wenn ihre Qualifikationen den Anforderungen entsprechen. Diese besorgniserregenden Entwicklungen sind kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrelangen systematischen Diskriminierung und institutionellen Ausgrenzung.

Die Zunahme von antimuslimischem Rassismus fällt nicht vom Himmel, sondern ist das Resultat der rassistischen Hetze aller etablierten Parteien und Medien. Muslimische Institutionen werden auf einer “Islamlandkarte” diffamiert und so potenziellen rechtsextremen Angriffen ausgesetzt. Parteien fordern ein Maßnahmenpaket gegen den “politischen Islam”oder gar ein Verbot, doch ein Verbot der “christlichen ÖVP” bleibt selbsverständlich aus. Liberale Medien pauschalisieren alle, die sich mit Gaza solidarisieren, als Antisemit*innen. Selbst die SPÖ fordert “Wertekurse” für muslimische Migrant*innen, während “Wertekurse” für übergriffige Besucher jedes beliebigen Volksfestes oder Aprés Ski Party nie zur Debatte stehen. All das schürt antimuslimischen Rassismus und legt die Grundlage für Übergriffe und Gewalt.

Diese gezielte Stigmatisierung geht jedoch noch weiter. Parteien und Medien nutzen antimuslimischer Rassismus gezielt als zentrales Herrschaftsinstrument. Alle Probleme eines verfallenen Kapitalismus werden auf Muslim*a projiziert. Armut und soziale Missstände in bestimmten Bezirken sollen angeblich nicht durch die chronische Unterfinanzierung von Jugendzentren, ein rassistisches Bildungssystem und mangelnde Zukunftsperspektive, sondern durch migrantisierte Jugendliche, die sich im öffentlichen Raum aufhalten. Ähnlich verhält es sich bei Femiziden und geschlechterspezifischer Gewalt: Statt die Ursachen in der massiven Unterfinanzierung von Gewaltschutz und Prävention oder der tief verankerten patriarchalen und sexistischen Kultur zu sehen- die sich in offen frauen- und queerfeindlichen Parteien mit über 50% Zustimmung, einer übermächtigen katholischen Kirche und einem 'VolksRock'n'Roller' manifestiert, der sich über 'Gender-Wahn' echauffiert - oder in den strukturellen Bedingungen des Kapitalismus, der systematisch ökonomische Abhängigkeiten schafft und damit den materiellen Nährboden für Gewalt bereitet, wird die Schuld angeblich bei muslimischen Männern gesucht.

Die systematische Diskriminierung durchdringt alle Lebensbereiche: Von schlechteren Bildungschancen über erwzungende prekäre Arbeitsverhältnise - in die Menschen kapitalistische Lohnabhängigkeit und rassistische Arbeitsmarktstrukturen gedrängt werden- bis hin zu massiven gesundheitlichen Folgen und sozialer Isolation.Rassistische Diskriminierung bedeutet tägliche Traumatisierung - für Menschen, die oft bereits durch Flucht und jahrelange systematische Unterdrückung traumatisiert wurden, eine weitere brutale Form struktureller Gewalt. Statt Unterstützung zu erhalten werden Menschen mit Fluchtgeschichte hier mit einem System aus bürokratischen Hürden und alltäglicher Diskriminierung konfrontiert - während zynischerweise ihre 'normale Integration' eingefordert wird. Die Gewalt setzt sich nahtlos fort: Menschen, die womöglich vor der Verfolgung durch das Assad-Regime geflohen sind, werden hier durch systematischen Polizeirassismus weiter diskriminiert. 

Der Teufelskreis ist perfekt: Wer durch institutionellen Rassismus vom Bildungssystem, Arbeits- und Wohnungsmarkt ausgeschlossen wird und sich deswegen öfter auf der Straße aufhalten muss wird durch die Polizei aufgrund von racial Profiling öfter kriminalisiert. D.h. Rassismus ist immer eine selbsterfüllende Prophezeiung: rassistische Diskriminierung führt zu schlechteren Lebenssituationen und sozialer Isolation und dann wird diese Situation für neue rassistische Hetze genutzt. De facto gibt es also nur zwei Erklärungsmusten: die eine ist die Erkenntnis, dass Österreich ein zutiefst rassistisches Land ist, dass Muslim*a systematisch diskriminiert und unterdrückt und die andere ist rassistisch und sieht die Grundlage für soziale Probleme in Kultur oder Herkunft. Aktuell ist bei den politischen Parteien, Medien und der Mehrheit der bio-österreichischen Gesellschaft die rassistische Erklärung vorherrschend. 

Solange diese Erzählung dominiert und nicht durch eine lautstarke Bewegung herausgefordert wird, die sowohl den Rassismus als auch das kapitalistische System bekämpft, das immer neue Sündenböcke für seine Krisen braucht, wird es auch unmöglich sein, dem Rechtsruck in Österreich wirklich etwas entgegenzusetzen. 

Und die Linke?

Gerade deshalb ist es auch so katastrophal, dass die politische Linke Rassismus entweder ignoriert oder sogar selbst antimuslimischen Rassismus fördert. 

Gerade rund um den Genozid in Gaza fördert sogar ein großer Teil der radikalen Linken zentrale Erzählungen von antimuslimischem Rassismus. Dies geschieht, indem der Genozid geleugnet oder gerechtfertigt wird. Wenn die systematische Ermordung von bis jetzt wahrscheinlich 100.000 Menschen, die gezielte Vertreibung und Aushungern von Millionen unter Unterstützung des westlichen Imperialismus ignoriert, verharmlost oder die Kritik daran sogar als “Antisemitismus” diffamiert wird, zeigt dies, dass muslimische Leben offenbar weniger erachtet werden- die Definition von Rassismus. Das zeigt sich, wenn ÖH Wien Strukturen gegen das Gaza-Solidaritätscamp mobilisieren oder “Antisemitsmus-Tage” organisiert, jedoch zum Genozid in Gaza schweigt. Dieser Genozid führt nicht nur zu einem drastischen Anstieg von antimuslimischem Rassismus, sondern auch von Antisemitismus. Oder wenn auf der Donnerstagsdemo anti-palästinensische rassistische Lieder gespielt werden. Auch subtilere Fälle sind problematisch, wenn linke Strukturen aktuell “Nationalfahnen” auf Demos verbieten - und damit offensichtlich die palästinensische Fahne meinen - oder von “unterschiedlichen Positionen in Bezug auf Israel-Palästina [sic]” sprechen. Angesichts eines Genozids sind solche Formulierungen oder das Verbot der Fahne, die den Kampf dagegen ausdrückt, nichts anderes als antimuslimischer Rassismus im pseudolinken Gewand. Wer vom Genozid in Gaza schweigt, der fördert bewusst oder unbewusst antimuslimischen Rassismus.

Andere Teile der radikalen Linke - wie die KPÖ - entscheiden sich dazu, nicht über Rassismus  zu reden -  und schon gar nicht über antimuslimischen Rassismus spezifisch. Aus Angst davor potentielle Wähler*innen abzusprechen. Aber wie wollen diese Parteien, dann auch nur irgendwie Menschen vertreten, die tagtäglich mit antimuslimischem Rassismus konfrontiert sind.

Aber tatsächlich leisten auch die größten Organisationen der muslimischen Community nicht den notwendigen Widerstand gegen antimuslimischen Rassismus und den Genozid in Gaza. Aktivist*innen aus der Gaza-Solidaritätsbewegung berichten davor, dass das Thema teilweise von großen Organisationen explizit unterdrückt wird, um Beziehungen zum österreichischen Establishment nicht zu gefährden (https://www.instagram.com/reel/C_oEm8osH4J/?igsh=NG1vNXd5NHh4ejh2). 

Keine Sozialistische Alternative ohne Kampf gegen antimuslimischen Rassismus

Die Umfrage ist nur ein weiteres drastisches Zeichen für die massive Zunahme von antimuslimischem Rassismus und dessen dramatische Auswirkungen auf die Betroffenen. Die Hetze der letzten Jahre, die Wahlergebnisse und nicht zuletzt die Nutzung von antimuslimischem Rassismus zur Rechtfertigung der Dominanz des westlichen Imperialismus zeigen, wie stark antimuslimischer Rassismus zur Stützung dieses Systems instrumentalisert wird. Ohne entschlossenen Widerstand dagegen wird auch der Aufbau einer allgemeinen sozialistischen politischen Alternative unmöglich werden. Hier besteht nach jahrelanger Arroganz und Ignoranz durch Teile der Linke ein riesiger Aufholbedarf. Erste Schritte können die Verbindung von Kämpfen gegen Genozid, Rechtsruck und antimuslimschen Rassismus sein - ebenso wie das Einfordern eindeutiger Positionen von linken Parteien und Organisationen sein.

Eine Linke, die es nicht schafft, den Kampf gegen antimuslimischen Rassismus als integralen Bestandteil des Kampfes gegen Kapitalismus und all seine Unterdrückungsmechanismen zu begreifen, wird auch daran scheitern, eine umfassende Alternative zu diesem System von Ausbeutung und Spaltung aufzubauen. Nur wer die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Formen von Rassismus, Diskriminierung und kapitalistischer Herrschaft versteht und entschlossen an allen Fronten dagegen antritt, kann eine wirklich emanzipatorische, sozialistische Gesellschaft ohne Unterdrückung schaffen.

 

 

 

ROSA: Jetzt organisieren gegen FPÖ, Rassismus, Sexismus & Queerfeindlichkeit!

ROSA - Internationale Sozialistische Feminist*innen

Donnerstag, 3. Oktober

Wien:

16 Uhr ROSA-Treffpunkt zur Demovorbereitung Pappenheimgasse 2/1

18 Uhr Protest vor dem Parlament

19:30 Uhr Diskussion in der Pappenheimgasse 2/1: Was tun gegen Rechts?

Linz:

19 Uhr Kundgebung am Hauptplatz

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Die Nationalratswahlen haben unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Die Kickl-FPÖ ist als stimmenstärkste Partei gewählt worden. Wir sind im Schock. Kurz vor den Wahlen wurde eine Unterkunft für Geflüchtete in Oberösterreich in Brand gesetzt. Im selben Bundesland wirft FPÖ-Politiker Michael Gruber eine Regenbogenfahne in den Müll. Am Samstag singen FPÖ- und Burschenschafter-nahe Personen bei einer Beerdigung des ehemaligen FPÖ-Bezirksrats Walter Sucher ein SS-Lied. Auch wenn die FPÖ nicht Teil der Regierung wird, werden Übergriffe und Gewalt zunehmen. Rechtsextreme werden sich bestärkt fühlen, Alltagsrassismus wird zunehmen.

Was droht uns?

An oberster Tagesordnung hat die FPÖ eine Rückführungsoffensive für geflüchtete Menschen geplant - auch in Kriegsgebiete. Sie will völkerrechtswidrige Pushbacks an den Grenzen der EU legalisieren. Ähnlich wie Trump will sie unsere Steuergelder in die Errichtung von Grenzzäunen investieren, Familiennachzüge abschaffen und die medizinische Basisversorgung von geflüchteten Menschen verbieten!

Die Unterstützung Österreichs für das israelische Regime geht schon seit fast einem Jahr Hand in Hand mit einer Zunahme von antimuslimischem Rassismus. Während der Genozid in Palästina kein Ende nimmt und die israelische Regierung jetzt auch den Libanon angreift und damit die Gefahr eines regionalen Flächenbrands immer weiter zunimmt, sind Menschen die vor Krieg und Vertreibung fliehen, hierzulande unmenschlichen Bedingungen ausgesetzt.

Der Rechtszug durchzieht alle etablierten Parteien - ob Grüne, NEOS, ÖVP oder SPÖ. Vor 5 Jahren hat Van der Bellen noch Kickl als Innenminister entlassen. Er will jetzt die Grundpfeiler des “liberalen, demokratischen Rechtsstaates” erhalten, zeigt jetzt aber Bereitschaft nach “bestem Wissen und Gewissen” auf Lösungen und Kompromisse bei der Regierungsbildung einzugehen. Wie geht sich das aus?

Ein ganz klares Beispiel dafür ist auch die SPÖ. Wo Babler ein großer Hoffnungsträger war, hat auch seine Partei viele Schritte nach rechts gemacht: Gelobt für die Asylpolitik in Traiskirchen, ist die Babler-SPÖ mit den Forderungen nach verpflichteten Werte-Kursen für geflüchtete Menschen und für die Verhandlung von Rückführungsabkommen eingetreten. 

Der andere Hoffnungsträger, die KPÖ, schafft es nicht ins Parlament und spricht leider auch nach den Wahlen von den 2,4% als “positives Ergebnis”. Auch hier: kein Wort über die Gefahren der Rechten, Rassismus und über das, was uns jetzt droht. 

Wie können wir Widerstand aufbauen?

Es ist eine Frage der Zeit bis die FPÖ ihre konkreten Forderungen auch in die Tat umsetzt. Das bedeutet aber schon jetzt: eine Zunahme von antimuslimischen Rassismus, von sexistischen und queerfeindlichen Diskriminierungen und ein Abbau unseres Sozialsystems.

Sozialistisch-feministischer Widerstand wird alternativlos. Ein Angriff von rechts - also antimuslimischer Rassismus an Schulen, in der Arbeit, im eigenen Umfeld, die rechte Instrumentalisierung von geschlechtsspezifischer Gewalt, die Senkung von Lohnnebenkosten, Steueranreize für Betriebe… all das wird mit einer FPÖ in der Regierung zum Alltag. Dass die FPÖ gerade bei Frauen an Wählerinnen zugelegt hat, schockiert uns noch mehr. In Österreich gibt es ohnehin schon kaum Möglichkeiten kostengünstige Abtreibungen durchzuführen - die FPÖ wird das Abtreibungsrecht aber noch weiter einschränken. Sie will das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partner*innenschaften einschränken, sie hetzen gegen trans Personen, fordern schon seit 2009 ein Gesetz gegen “zu Homosexualität anspornende Informationen für Minderjährige”. Das unterstützt die Diskriminierung und geschlechtsspezifische Gewalt gerade gegen jene, die ohnehin schon vom Gesundheitssystem, vom Sozialsystem und von der Gesellschaft marginalisiert werden. 

Unser Widerstand muss umfassend sein, und vor allem eines: antikapitalistisch. Die bürgerlichen Parteien haben der FPÖ den Weg bereitet. Viele sind schockiert und wollen etwas gegen die FPÖ tun. Ein großer Teil der Menschen, die von Rassismus betroffen sind, durfte überhaupt nicht wählen. Was ist das für eine Demokratie? Das Potential gegen die FPÖ müssen wir in Organisierung verwandeln! Organisierung gegen ein System, das der FPÖ zum Aufstieg verholfen hat. Unser Widerstand gegen die FPÖ muss antirassistisch, feministisch, queer und antikapitalistisch sein! Wir wollen als ROSA versuchen, an unseren Arbeitsplätzen, an unserer Uni und in der Schule selbst Druck aufzubauen und den Kampf weiter ausbauen. 

 

Mit ROSA aktiv werden!

-> Komm am Montag, 7.10. um 18:00 Uhr nach Linz ins Restaurant Alte Welt, Hauptplatz 4 und besprich mit uns, wie wir uns gegen geschlechtsspezifische Gewalt organisieren können.

-> Komm am Freitag, 11.10. um 18:00 Uhr zu unserem Film-Screening zu “Naila & the Uprising” und besprich mit uns das Potential von Frauenbewegungen im Rückblick auf die 1. Intifada.

-> Komm mit uns am Montag, 25.11. um 17:00 Uhr (Handelskai) auf die Straße, um gegen geschlechtsspezifische Gewalt laut zu sein.

 

 

Das abgesagte Taylor Swift Konzert und der Rechtsruck

Wie der vereitelte Anschlag für rassistische Hetze missbraucht wird - und wie wir sie bekämpfen können.
von Yasmin Morag

Die Herrschenden nutzen die Beinahe-Tragödie rund um das Taylor Swift-Konzert zynisch, um Angst und antimuslimischen Rassismus zu schüren. Nur eine Bewegung gegen jede Ungleichheit, Diskriminierung und jeden Angriff, sowie für echte Verbesserungen in unseren alltäglichen Leben, kann eine Alternative zu Verzweiflung und Angstmache aufzeigen.

 

Tausenden von Swifties standen die Tränen in den Augen. Die Aussicht auf einen Terroranschlag, bei dem Dutzende oder Hunderte von jungen Frauen und LGBTQ+-Personen hätten getötet werden können, zeigte die bittere Realität, dass dieses zerfallende System immer weniger in der Lage ist, irgendeine Art von Sicherheit oder Glück zu bieten. Drei ausverkaufte Shows mit 195.000 erwarteten Zuschauern*innen wurden Berichten zufolge wegen eines geplanten Anschlags eines 19-jährigen Mannes mit Verbindungen zu einem „islamistischen Netzwerk“ abgesagt. Für viele Mädchen, Frauen und queere Menschen wären die Konzerte ein Ort gewesen, an dem sie feiern und sich in einer Atmosphäre begegnen hätten können, die weitgehend frei von alltäglichem Sexismus und Belästigung gewesen wäre.

Die Heuchelei von Nehammer und dem politischen und medialen Establishment ist kaum zu übersehen: Sie nutzten die Gelegenheit zum Wahlkampf und machten Fotos mit enttäuschten Swift-Fans, die Freundschaftsarmbänder trugen - während sie den geplanten Anschlag nutzten, um rassistischen Hass und Angst zu schüren. Unverändert unterstützen sie auch weiterhin das andauernde Blutbad in Gaza. Dort wurden erst die Woche davor bei einem einzigen Luftangriff während der Morgengebete mindestens 100 Menschen in einer Schule getötet, in der vertriebene Palästinenser*innen Zuflucht gefunden hatten. Es ist ihre Politik - rassistische Diskriminierung, antifeministische Propaganda und Angriffe auf Lebensstandards, ebenso wie ihre fortwährende, kriminelle Unterstützung des historischen Massakers in Gaza - die den Nährboden für reaktionären Terrorismus schaffen.

Hetze des Establishments

Als Reaktion auf den verhinderten Anschlag sagte Dominik Nepp (FPÖ), es sei „die Schuld der Willkommensklatscher, zu denen ich auch Bürgermeister Ludwig und einige ÖVP-Vertreter zähle.“ Dem schloss sich Karl Mahrer von der ÖVP an: „Die Wiener Stadtregierung muss endlich aufwachen und den Tatsachen ins Auge sehen: Wir spüren schon längst die Folgen von politischem Islam hier in Wien.“ Sie lassen offensichtlich keine Gelegenheit aus, eine Tragödie für ihre eigene zynische, rassistische Teile-und-Herrsche-Agenda zu nutzen. Umgehend forderte die ÖVP ein “härteres Vorgehen” gegen den „politischen Islam“. Die FPÖ fordert ein Verbot von politisch-muslimischen Organisationen. Dies alles geschieht im Rahmen einer breit angelegten Kampagne von  „Teile und Herrsche“ und Panikmache, mit der rassistische Rhetorik und Politik, politische Repression und antimuslimischer Rassismus verstärkt werden sollen.

Ebenso haben die Herrschenden und ihre Medien das historische Blutbad in Gaza und die Bewegung dagegen zynisch instrumentalisiert. Während es zehntausende Frauen und Kinder abschlachtete, hieß es, das israelische Regime kämpfe gegen „menschliche Tiere“. Proteste, die einen Waffenstillstand forderten, wurden kategorisch als antisemitisch und terrorunterstützend gebrandmarkt. Dies fügte sich nahtlos in die Hetze von FPÖ und Identitären gegen migrantisierte Menschen, insbesondere Jugendliche, ein. Auch die SPÖ machte mit. Die Kampagne sendet eine klare Botschaft an migrantische Communities: Der westliche Imperialismus und der österreichische Staat geben grünes Licht für das Massaker in Gaza und viele andere Gräueltaten, Kriege und Diktaturen in der ganzen Welt - und diese Gräuel stehen nicht zur Debatte. Wer dagegen protestiert, kann ins Gefängnis kommen. Dies geht Hand in Hand mit Abschiebungen und neuen rassistischen Einwanderungsgesetzen.

Teil eines größeren Zusammenhangs

In den letzten Monaten haben die Rechtsextremen die „entsetzlichen Zustände“ und „täglichen Gewaltexzesse“ (so FPÖ-Dominik Nepp in einer Pressekonferenz im Juni) in Favoriten auf die Tagesordnung gesetzt. Mit zynischer Angstmache wollen sie damit das Wahlergebnis der FPÖ stärken und breite Unterstützung für mehr Polizei, Überwachung, Repression und Verschärfung der Migrationsgesetze gewinnen. Die FPÖ reitet auf einer Welle realer Frustration arbeitender und armer Menschen über Armut und Perspektivlosigkeit in Arbeiter*innenvierteln - und treibt dabei gleichzeitig ihre rassistische Agenda voran, um die am stärksten davon betroffenen Teile der Gesellschaft zum Sündenbock zu machen.  

FPÖ und ÖVP bezeichnen Favoriten als „Brennpunkt“ und die Medien folgen ihnen auf der Spur. Sie zeichnen ein Bild von Jugendbanden, Drogenhandel und Messergewalt, die Frauen und Kinder im Bezirk in Gefahr bringen. Alleine die Tatsache, dass Jugendliche ihre Abende in Parks und auf öffentlichen Plätzen verbringen, wird als Gefahr dargestellt. Doch trotz der Panikmache, die Monate vor den Herbstwahlen in den Vordergrund rückt, zeigen Daten, dass die Kriminalitätsrate in Wien in den letzten Jahren stetig gesunken ist. Favoriten, der so genannte „Hot Spot“, hat zwar eine zahlenmäßig hohe Kriminalitätsrate, weil es der bevölkerungsreichste Bezirk Wiens ist, aber im Vergleich zum Rest der Stadt keine überdurchschnittliche Pro-Kopf-Kriminalitätsrate.

Dennoch gibt es in Favoriten vergleichsweise viel Armut, schlechte Wohnbedingungen sowie rassistische und polizeiliche Schikanen. Jugendliche im Bezirk sind nicht nur täglich nationalistischer und rassistischer Hetze in Politik und Medien ausgesetzt, sondern auch regelmäßig mit stichprobenartigen Durchsuchungen und polizeilichen Einschüchterungen konfrontiert. Dabei verschweigen Medien und Politik gerne, dass es gerade migrantisierte Jugendliche sind, die am stärksten von der Gewalt betroffen sind - dieselben Menschen, die von den Medien und der Polizei angegriffen werden.

Um diese Zustände zu bekämpfen, ist es notwendig, Millionen in Wohnen und soziale Infrastruktur wie Gemeinde- und Jugendzentren zu investieren, sowie Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen zu fördern: vom Recht auf Aufenthalt, auf Arbeit, auf leistbaren Wohnraum und gute, kostenlose Bildung bis hin zum Wahlrecht und einem Leben in Würde in Österreich. Dazu gehört auch, rassistische Diskriminierung und rassistisches Profiling durch die Polizei und die Gerichte zu beenden. Doch solche Investitionen und wirkliche Verbesserungen sind nicht in Sicht. Stattdessen arbeiten die Herrschenden daran, dieselben Bedingungen zu verschärfen, die Verzweiflung und Wut in der Gesellschaft hervorrufen: mehr Polizei, Schikanen und Überwachung in Arbeiter*innenvierteln sowie neue Angriffe auf Migrant*innen und Geflüchtete. 

Angriffe ohne Verteidigung

Obwohl FPÖ und ÖVP die Wortführer dieser katastrophalen Politik sind, schließen sich SPÖ und leider sogar die KPÖ diesem Trend an, anstatt eine echte Alternative zu bieten.

Babler, der sich als linker Flügel der SPÖ präsentiert, hat seinen relativ linken Standpunkt zur Migration als Bürgermeister von Traiskirchen aufgegeben und richtet sich nun im Schatten der ÖVP ein. Jetzt propagiert die SPÖ unter seiner Führung ein Programm für den Ausbau der verpflichtenden “Wertekurse” und für Abschiebungen schon bei Verdacht auf eine Straftat. In ihrem “Masterplan für Asyl, Migration und Integration” heißt es: „Wer grundlegende Werte wie Demokratie, Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit nicht akzeptiert, muss zur Verantwortung gezogen werden.“ Über die Bedingungen, welche die Probleme, die Verzweiflung und die Armut unter jungen Menschen schaffen und bei einer kleinen Minderheit zu Kriminalität führen, wird im SPÖ-Programm wenig gesagt. Auch zu den reaktionären, rechtsextremen Kräften, die offensiv rassistische Gewalt befürworten und systematisch gegen migrantisierte Menschen, Geflüchtete und People of Color hetzen, findet sich kaum etwas. Ebenso wenig fordert die SPÖ einen Waffenstillstand und ein Ende des Blutbads in Gaza - das aktuell schrecklichste Beispiel für die massenhafte Missachtung der „Grundwerte der Demokratie, Gleichheit und Gewaltlosigkeit“.

Die KPÖ ruft zwar vage zu einem Waffenstillstand und so genannter „Neutralität“ auf und spricht sich (wenn sie gefragt wird) gegen rassistische Hetze aus. Dennoch hofft sie, ähnlich wie die SPÖ, dass sie eine Handvoll Stimmen von der FPÖ abziehen kann, indem sie die reale Gefahr durch Rassismus und Angriffe auf Frauen- und LGBTQ+-Rechte ignoriert. In Wirklichkeit stärkt dies nur den Rechtsruck. Denn so bleiben die Angriffe auf die am stärksten marginalisierten Schichten der Gesellschaft unbeantwortet - und die Tür für Angriffe auf alle arbeitenden und armen Menschen wird weiter geöffnet. Weder die SPÖ noch die KPÖ zeigen einen glaubwürdigen Weg im Kampf gegen Reaktion, rassistische Hetze und die brutale Teile-und-Herrsche-Politik auf.

Das System ist das Problem

Letztendlich finden es alle etablierten politischen Parteien, von der FPÖ bis zur SPÖ, bequem, eine Schicht in der Gesellschaft für das Versagen ihres politischen und wirtschaftlichen Systems verantwortlich zu machen. Das Bildungssystem ist dafür ein gutes Beispiel. Überfüllte Schulen und chronischer Personal- und Lehrer*innenmangel werden regelmäßig auf den „Familiennachzug“, also auf Migrant*innen und Geflüchtete geschoben. So werden Schulen als weiterer „Brennpunkt“ für „islamistische Sympathien“ und Kriminalität präsentiert. Der wahre Grund für die katastrophalen Lern- und Arbeitsbedingungen ist aber die systematische und chronische Unterfinanzierung durch die derzeitige Regierung und die Regierungen vor ihr. Fehlende Mittel für Materialien und Bücher, sowie erdrückende Arbeitszeiten und Stress bei gleichzeitigen Verschlechterungen beim Gehalt machen es unmöglich, genügend Lehrkräfte und Personal zu finden. Darunter leiden wiederum die Schüler*innen und Lehrer*innen, die die Misere ausbaden müssen. Wieder sind es gerade die ärmeren Schüler*innen und diejenigen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte, die am stärksten betroffen sind. Sie haben oft keine Familienangehörigen, die sie unterstützen können, und keine Ressourcen für Nachhilfe. So verfestigen die schlechten Bedingungen im Bildungssystem die Diskriminierung und verschlimmern Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher, insbesondere migrantisierter.

Zynischerweise werden auch Femizide und Fälle von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt routinemäßig dazu benutzt, Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund zum Sündenbock zu machen. Fälle von häuslicher und sexueller Gewalt nehmen in allen Gesellschaften und auf der ganzen Welt zu. Sie sind eine direkte Folge der alptraumhaften Krise des Kapitalismus und sexistischer Ideologien, wie sie von der extremen Rechten verbreitet werden. Davon betroffene People of Colour und migrantisierte Personen stoßen in Österreich auf rassistische Hürden, Misstrauen und Ressourcenmangel, wenn es um polizeilichen Schutz, psychische Gesundheit und Wohnraum geht - was sie noch anfälliger für sexuelle und häusliche Gewalt macht. Wie eine Rednerin bei einer ROSA-Demonstration anlässlich von 5 Femiziden innerhalb von 24 Stunden im Februar sagte: „Die Polizei sagte, das sei in eurer Kultur normal. Ich habe ihnen gesagt, dass das in keiner Kultur normal ist“.

Rassistische Diskriminierung, etwa durch Abhängigkeit von Partnern oder Familienangehörigen bei der Erteilung von Visa sowie erzwungene Armut verschärfen diese Situation noch. Gleichzeitig wird jede sechste Frau aus Platzmangel von einem Frauenhaus abgewiesen und die Wartelisten für psychiatrische Behandlungen werden immer länger. Doch anstatt in die notwendigen Ressourcen zu investieren, um tatsächlich Schutz und Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt zu gewährleisten, schlägt ÖVP-„Frauenministerin“ Susanne Raab vor, häusliche Gewalt einfach zu akzeptieren. Zu den 5 Femiziden im Februar meinte sie, es lasse sich nicht jeder einzelne Fall von Gewalt verhindern, gerade wenn es keine Hinweise im Vorfeld gegeben habe. Aus Sicht der herrschenden Eliten ist es ein bequemer Umgang, Menschen mit Migrations-/Fluchtgeschichte für jedes Problem in der Gesellschaft verantwortlich zu machen, für das ihre eigene Politik verantwortlich ist - und sich so aus der Verantwortung zu ziehen und zu verhindern, dass diese Probleme tatsächlich angegangen werden.

Dieser Kontext von kapitalistischer Krise und systematischem Rechtsruck der Herrschenden bildet den Nährboden für Wut, Frustration und Verzweiflung in der Gesellschaft. Die von der extremen Rechten angeführte reaktionäre Offensive schürt geschlechtsspezifische und LGBTQ+-feindliche Gewalt unter FPÖ-Wähler*innen sowie unter einer Minderheit von selbst diskriminierten, migrantisierten Jugendlichen. So wird eine Atmosphäre in der Gesellschaft geschaffen, die eine reale Gefahr für das Leben von People of Color und migrantisierten Menschen, sowie von Frauen und LGBTQ+-Personen darstellt - was sich auch in einer Zunahme von gewalttätigen Übergriffen auf Trans-Jugendliche oder dem geplanten Anschlag auf die Vienna Pride 2023 widerspiegelt.

Tatsächlich ist der Fall des gescheiterten Attentäters auf das Talyor Swift-Konzert ein Lehrstück für diesen Teufelskreis: Er wuchs in einem armen Haushalt mit Migrationsgeschichte und ohne wirkliche Perspektiven im kleinen niederösterreichischen Ort Ternitz auf. Ternitz ist besonders in den letzten Jahren zur Hochburg von Neonazis und Rechtsextremen geworden. Zentralen Anteil daran hat das Lokal “Siga/Siga” (“SS”) welches der ursprünglich griechische Rechtsextreme Ioannis Paleologaros 2021 eröffnete. Getarnt als griechisches Restaurant dient es als überregionaler Treffpunkt von Rechtsextremen aller Art. Während Corona gab es dort regelmäßige Versammlungen von rechtsextremen Verschwörungstheoretiker*innen und Neofaschist*innen - auch der führende Neonazi Gottfried Küssel war dabei. Die faschistische Präsenz wurde so offensichtlich, dass die Polizei mehrmals Veranstaltungen beenden musste. Es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass diese Rechtsextremen, ihre Hetze und die Atmosphäre von Hass und Gewalt, die sie seit Jahren im Ort verbreiten, dazu beigetragen haben, dass ein migrantisierter Jugendlicher ohne Zukunftsperspektive sich zur scheinbar radikalsten Opposition gegen diese Gesellschaft hinwendete.

Polizeischikane, Überwachung und die Verschärfung der Asyl- und Einwanderungsgesetze werden die Lage nur verschlimmern, vor allem, wenn sich die Lebensbedingungen weiter verschlechtern und der giftige rassistische Hass weiterhin bei jeder Gelegenheit geschürt wird. Ihre Politik kann und wird die Bedrohung durch individuellen Terrorismus oder andere reaktionäre Ausdrucksformen der Wut einer kleinen Minderheit frustrierter Jugendlicher, die in organisiertem Widerstand keine Alternative sieht, nicht abwenden. Was wir brauchen, ist breit organisierter Widerstand gegen reaktionäre Kräfte in unseren Stadtvierteln, Schulen und an unseren Arbeitsplätzen, der die Grundlage für eine breite und kämpferische Bewegung gegen die extreme Rechte und für eine echte Alternative schafft.

Organisierter Widerstand gegen Rechtsruck und für echte Verbesserungen

Nicht nur in Österreich, sondern weltweit erhebt die reaktionäre extreme Rechte ihr hässliches Haupt. Doch mit ihr wächst auch der antifaschistische und antirassistische Widerstand. In England, Schottland, Wales und Nordirland kam es im August zu antifaschistischen Protesten in Städten und Gemeinden als Reaktion auf rechtsextreme Ausschreitungen und Pogrome, bei denen Moscheen angegriffen und Asylunterkünfte in Rotherham, Liverpool, Hull und Bristol in Brand gesetzt wurden. Bei den Gegenprotesten standen Tausende von Menschen einigen Dutzend Rechtsextremen gegenüber. Einige Gemeinden organisierten Nachbarschaftswachen, um die Arbeiter*innenviertel und arme Communities vor nationalistischen Angriffen zu schützen. Eine Reihe von Gewerkschaften rief zu Protestaktionen auf und beteiligte sich an der Gegenwehr. Nun braucht es mehr Gewerkschaften, die sich dem Kampf anschließen und eine führende Rolle darin spielen, auch durch Streiks.

Dies ist ein kleines Beispiel für die Art von Kampf, welche reaktionäre Kräfte zurückdrängen und eine Perspektive für eine echte Alternative zur rassistischen, ausbeuterischen Kürzungspolitik der Herrschenden eröffnen kann. Jeder Femizid, jeder rassistische, nationalistische und LGBTQ+-feindliche Angriff muss mit Widerstand beantwortet werden - von einer Kundgebung in der Nachbarschaft bis hin zu einem Walkout oder einem Streik in der Schule oder am Arbeitsplatz. Eine solche Bewegung wäre nicht nur in der Lage, reaktionäre Kräfte zurückzudrängen. Sie wäre auch ein Gegengift gegen die Verzweiflung, die viele junge Menschen empfinden, indem sie eine Perspektive für einen wirksamen Weg zu Veränderungen bietet. Sie könnte den Kampf gegen den Rechtsruck, gegen Diskriminierung und rassistische Politik auch am Arbeitsplatz führen. Sie könnte und sollte Druck auf die Gewerkschaften aufbauen, Forderungen nach Bleiberecht und Wahlrecht für alle, nach Milliarden für Bildung statt spaltender “Deutschförderklassen” und rassistischer Diskriminierung, und für ein Ende von rassistischem Polizeiprofiling, Schikanierung und Repression aufgreifen.

Ein solches Programm wäre auch die Grundlage für eine weitergehende Kämpfe, die echte Verbesserungen fordern und erreichen können - vom Bleiberecht für alle bis hin zu massiven Investitionen in Prävention und Schutz vor häuslicher Gewalt; von demokratischer Kontrolle von Nachbarschafts- und Arbeiter*innenorganisationen über Polizei und Institutionen bis hin zu höheren Löhnen und Milliarden für Gesundheit, Soziales und Wohnraum - finanziert durch die Unmengen gehorteter Profite der Reichen und demokratisch von den Beschäftigten verwaltet. Selbstverständlich könnte sich so eine Bewegung nicht auf Landesgrenzen beschränken: Ihr Kampf würde vom Ende der Besatzung und der nationalen Unterdrückung der Palästinenser*innen bis hin zu internationalen Widerstand gegen alle imperialistische Ausbeutung, Diktaturen und Kriege auf der ganzen Welt reichen.

Letztlich würde eine solche Bewegung eine Perspektive für die Überwindung dieses alptraumhaften kapitalistischen Systems von Krise und Chaos schaffen. Für eine grundlegend andere Gesellschaft, die wir eine demokratische und sozialistische nennen: frei von Ungleichheit, Unterdrückung, Ausbeutung und Armut, unter der Kontrolle und Führung der Menschen, welche die Gesellschaft tatsächlich am Laufen halten - die Massen der Arbeiter*Innen, Armen und Unterdrückten.

 

 

Bild: Wikimedia, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Für antirassistische Kämpfe im Bildungsbereich!

von Sarah Moayeri, ISA- und ROSA-Aktivistin sowie Mittelschullehrerin

Die Ausweitung von DNA-Tests, auch unterstützt von der SPÖ, Hetz-Kampagnen gegen angebliche “Fake-Familien”, der “Vorarlberger Kodex”, den sich NEOS-Bildungslandesrat Wiederkehr in Wien zum Vorbild nehmen will: Die etablierten Parteien nutzen den Familiennachzug geflüchteter Menschen zynisch, um Rechte weiter zu beschneiden. Die Situation an Schulen, die in der Tat miserabel ist, wird genutzt, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Obwohl seit November 2023 die Anzahl der Asylanträge aufgrund des rassistischen EU-Grenzregimes stetig gesunken ist, wird rassistisch Panik geschürt. 

Fragiles Bildungssystem auf Kosten der Schwächsten

Warum fragt niemand, wie es sein kann, dass schon um die 300 Kinder pro Monat mehr (noch nicht einmal alle im Schuleintrittsalter) den Wiener Bildungsbereich angeblich “an den Rand des Kollaps” bringen? Der Ressourcen-, Platz- und Personalmangel an Schulen war schon vorher dramatisch, Kolleg*innen wurden massenhaft ins Burnout getrieben. Die Situation wird jetzt instrumentalisiert, um gegen Geflüchtete zu hetzen. Natürlich ist der Bildungsbereich unhaltbar - und diejenigen, die am meisten darunter leiden, sind Kinder und Jugendliche, die traumatisierende Fluchterfahrungen haben, kein Deutsch sprechen, in einer fremden und oft feindlichen Umgebung aufwachsen und nicht die Bildung bekommen, die ihnen zusteht. Die “Lösung” der Containerklassen ist nicht nur unsinnig, weil sie das Personal- und Ressourcenproblem nicht löst, sondern auch unmenschlich. Die Opposition gegen diese Klassen kommt oft von Rechts und ist rassistisch gefärbt, aber wir müssen aus einer antirassistischen Sicht gegen solche “Lösungen” kämpfen, weil sie allen Kindern, insbesondere geflüchteten, das Recht auf gute Bildungsumgebung und Lehrer*innen das Recht auf gute Arbeitsbedingungen nehmen. 

Gemeinsame Kämpfe und Streiks an Schulen nötig

Kimberger (FCG/ÖVP) stimmt als Vorsitzender der Pflichtschullehrer*innengewerkschaft in die rassistische Hetze ein, anstatt einen Kampf um mehr Ressourcen zu organisieren. Er sagte in einem Interview: “Es ist nicht nur eine Frage der Sprachförderung, es geht auch um Demokratie und unsere Werte”. Auch wenn das nicht überraschend ist, zeigt es, dass wir uns nur auf uns selbst verlassen können. Wir müssen den Bildungsaktionstag zum Anfang einer Offensive nehmen, um durch Streiks und Organisierung die Dinge zu erkämpfen, die es im Interesse aller Schüler*innen, Beschäftigten und Eltern braucht: Kleinere Klassen, mehr Personal für Alphabetisierung, psychologische Betreuung, Sozialarbeiter*innen, Schulgebäude, eine gemeinsame Pflichtschule für alle und mehr. So ein Kampf muss explizit antirassistische Forderungen, wie integrative Deutschförderung statt rassistisch-selektiver Deutschförderklassen aufstellen, denn der Mangel verstärkt Diskriminierung. Es gibt genug Geld, um die Ressourcen für gute Bildung für alle, besonders für die, die es am schwersten haben, zur Verfügung zu stellen: Die reichsten 5% in Österreich besitzen 53,5% des Vermögens, während Kinderarmut, von der geflüchtete Familien besonders betroffen sind, immer weiter zunimmt. FPÖ & Co lenken davon ab. Gegen ihre rassistische Hetze hilft nur ein Kampf im Bildungsbereich, der alle Betroffenen einschließt, sich den Reichtum und das Geld dort holt, wo er konzentriert ist und sich gegen ein System stellt, das Menschen zur Flucht zwingt. 

 

Info:

Mehrsprachigkeit ist eine wichtige Ressource, um Deutsch zu lernen. Deutschpflicht an Schulen bzw. das Verbot, andere Sprachen zu sprechen, lässt Kinder verstummen und hat katastrophale psychische Auswirkungen: (https://www.derstandard.at/story/2000145174328/mehrsprachigkeits-expertin-das-system-laesst-kinder-verstummen)

 

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Antirassismus & Feminismus: Same Struggle, same fight!

ROSA Flyer

Antirassismus & Feminismus: Same Struggle, same fight!

Jetzt organisieren gegen jeden Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Rechtsruck und Kapitalismus!

Vor vier Jahren wurden wir Zeug*innen von dem rassistischen Mord an George Floyd durch einen Polizeibeamten. Das war der letzte Tropfen, der in einem Land, in dem täglich schwarze Menschen von der Polizei und durch Waffengewalt ermordet werden, das Fass zum Überlaufen brachte. Millionen, darunter Schüler*innen und Arbeiter*innen, gingen gemeinsam auf die Straßen in US Städten, riefen “Black Lives Matter!” und forderten ein Ende der Polizeigewalt, des racial profilings und des tagtäglich erlebten Rassismus. Auch weltweit begann eine Welle an Protesten. Allein in Wien nahmen 50.000 an der Demo teil, um gegen Rassismus und Polizeigewalt an Black & People of Colour und Menschen mit Migrationgeschichte laut zu sein. Vier Jahre später müssen wir immer wieder von Nachrichten wie dem rassistischen Angriff auf ghanaische Mädchen lesen. Hierzulande ist Rassismus tief in den Strukturen verankert, hat tiefe Wurzeln in Institutionen wie der MA35 (Magistrat für Einwanderung und Staatsbürgerschaft), BFA (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl), im Parlament, in der Polizei und Justiz. Abschiebungen bedeuten tägliche Gewalt. Auch am Arbeitsplatz dürfen und sollten wir unsere Muttersprache nicht sprechen. In Schulen werden wir in Deutschförderklassen gesteckt, die noch mehr soziale Ausgrenzung erzeugen. Laut Dokustelle sind Mädchen und Schüler*innen am stärksten von antimuslimischem Rassismus betroffen. All diese Strukturen befördern Ausgrenzung, Armut, Diskriminierung und Vorurteile und legitimieren rassistische Vorfälle und Ungleichheiten.

“In a racist society it is not enough to be non-racist, we must be anti-racist.” ― Angela Y. Davis

Vier Jahre nach Floyds Tod leben wir in einer Zeit, in der es seit 1945 noch nie so viele Krisen und Kriege gab. Während europäische Waffen und imperialistische Regierungen das Massenmorden in Gaza ermöglichen, wird Protest dagegen kriminalisiert. Palästina-Solidarität wird als “antisemitisch” diffamiert, um Hetze gegen Muslim*innen zu schüren. Menschen, die zur Flucht gezwungen werden, haben hier keine Aussicht auf ein lebenswertes Leben, wenn sie nicht schon an den EU-Außengrenzen ermordet werden. Pushbacks, 3100 im Mittelmeer ertrunkene Menschen allein 2023. Österreich finanziert menschenrechtsverletzende Lager u.a. in Bosnien mit. Wir sehen einen massiven internationalen Rechtsruck, der unser und das Leben unserer Geliebten täglich bedroht. Auch in Österreich stehen wir vor der Nationalratswahl, bei der eine FPÖ/ÖVP Koalition wahrscheinlich ist. Eine rechte Regierung bedeutet härtere Asyl- und Grenzpolitik, es bedeutet dass mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken, mehr Polizeigewalt und mehr Alltagsrassismus, weil Rechte und Polizei mehr Selbstbewusstsein bekommen und Rassismus akzeptierter wird. Sie wollen geflüchtete Menschen zum “Ehrenamt” zwingen - eine Form der modernen Sklaverei. Es bedeutet für Menschen, die Opfer von Rassismus werden, in der Schule schlechter benotet und gefragt zu werden, woher man “wirklich” kommt. Es bedeutet, keine Wohnung zu bekommen oder ohne Grund von der Polizei kontrolliert zu werden. Es bedeutet, nicht in Clubs hineingelassen werden, komische Blicke abzubekommen oder es bedeutet, sich an Ereignisse wie das ekelhafte Sylt Video zu gewöhnen. Es kann auch physische Gewalt bedeuten, angespuckt zu werden oder sogar aus rassistischen Motiven, so wie Marcus Omofuma, umgebracht zu werden. 

Wir dürfen kein Vertrauen in die etablierten Parteien haben. Die SPÖ stimmt in den rassistischen Chor mit ein und steht auch für Abschiebungen. Die Grünen haben jede rassistische Schweinerei der ÖVP mitgetragen. Sogar die KPÖ schweigt noch viel zu oft über Alltagsrassismus. Es ist positiv, dass viele Menschen letzt links und die KPÖ wählen und auch wir rufen dazu auf - aber noch wichtiger ist, dass wir uns antirassistisch organisieren und von KPÖ, Gewerkschaften & Co verlangen, dass sie klare Kante gegen jeden Rassismus zeigen. Wir dürfen nicht die Illusion haben, dass die etablierten Parteien für unsere Rechte kämpfen. Es war und ist der westliche Imperialismus, der in unsere Heimatländer gekommen ist und für Verwüstung, Armut, Ausbeutung, Sklaverei und Gewalt verantwortlich war und ist! Es sind Parteien wie die ÖVP, die uns gegeneinander aufhetzen, die BIPOC verantwortlich für Femizide und Sexismus machen und es auf “Kultur, Herkunft und Religionen” schieben. Sie spielen auch Transpersonen gegen Frauen aus. Wir sagen: Unsere Kämpfe gehören zusammen! 

“If you're not careful, the newspapers will have you hating the people who are being oppressed, and loving the people who are doing the oppressing.” Malcolm X

Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit und andere Unterdrückungsformen haben ihre Wurzel im profitorientierten Kapitalismus. Der Kapitalismus braucht Rassismus, um durch billige Arbeitskräfte mehr Profite zu machen. Das aktuellste Beispiel sind die Fahrradbot*innen und ihre Streiks während der Zeit der Österreich Spiele in der EM. Angst vor Abschiebungen und ein unsicherer Asylstatus erschweren es genau diesen Menschen, für ihre Rechte - am Arbeitsplatz und darüber hinaus - zu kämpfen. Viele haben nicht nur Angst ihren Job zu verlieren, sondern auch ihren Aufenthaltstitel. Die Fahrradbot*innen brauchen unsere volle Solidarität im Kampf gegen Armutslöhne! Es sind die Mächtigen, die Rassismus nutzen, um bestimmte Gruppen noch mehr auszubeuten. Der Kapitalismus, in dem Frauen, Queere und BIPOC mehrfach aufgrund des Aufeinandertreffens der Unterdrückungsformen benachteiligt sind. Der Kapitalismus, in dem Banken an den Wolken kratzen und die große Mehrheit unter prekären Bedingungen lebt. Aber hier liegt auch unsere Stärke - wie es Çetin Gültekin in seiner Rede anlässlich des 4. Jahrestages des Anschlags in Hanau betonte "Vielleicht sollten alle Migrant*innen mal für eine Woche die Arbeit niederlegen. Welcher Bus würde noch fahren? Wer würde den Müll abholen? Wer würde die Straßen und Häuser bauen? Wer würde die Alten pflegen?"

“We are not outnumbered. We are out-organized” -Malcolm X

Um gegen Unterdrückung vorgehen zu können, brauchen wir eine starke und politisch klare Bewegung, die gegen alle Arten von Ausbeutung und jede Ungleichheit laut wird. Die sich an Schulen, Arbeitsplätzen, Universitäten und Co. ausbreitet und auf jeden Angriff reagiert und eine Basis für eine grundlegende Systemveränderung schafft. Bewegungen wie Black Lives Matter, die Solidaritätsbewegung mit Gaza, oder Frau Leben Freiheit, die den Kampf gegen unterschiedliche Unterdrückung miteinander verbinden. Aber auch die Streiks der Freizeitpädagogi*innen oder Fahradbot*innen die aufzeigen welche Rolle migrantisierte Beschäftigte in dieser Gesellschaft spielen. Eine Bewegung für eine Welt für alle, in der unsere Interessen vertreten werden und nicht die der obersten Zehntausend. 

ROSA ist eine antirassistische, sozialistisch-feministische Initiative gegen jede Unterdrückung. Werde jetzt mit uns aktiv, um eine starke Bewegung gegen Rechts und jeden Rassismus aufzubauen, um unter anderem für diese Forderungen und eine sozialistische Alternative zum rassistischen, imperialistischen Kapitalismus zu kämpfen:

-> Gegen Polizeigewalt, rassistische Polizeikontrollen und rassistische Behördenwillkür (MA35): für ein unabhängiges Organ zur Kontrolle der Polizei und Behörden!​

-> Nein zur Festung Europa! Bleiberecht für alle! Zugang zu Arbeit, leistbarem Wohnraum, kostenloser Gesundheitsversorgung und Bildung für alle!

​-> Gratis Therapie für alle und vor allem für Menschen, die von Rassismus betroffen sind!

-> Gegen rassistische und ausgrenzende Strukturen im Bildungssystem: Schluss mit Deutschförderklassen, Hijab-Verboten und Verbot von Erstsprachen. Für eine ausfinanzierte inklusive Gesamtschule ohne Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit, in der alle die gleichen Chancen haben, organisiert und geleitet von Lehrpersonen, Pädagog*innen und Schüler*innen selbst.

-> Solidarität mit dem Arbeitskampf der Fahradbot*innen! Für eine gewerkschaftliche Kampagne für bessere Arbeitsbedingungen und gegen Rassismus gerade in schlecht organisierten und migrantisierten Berufen! 

-> Diskriminierung am Wohnungsmarkt beenden! Immobilienspekulant*innen enteignen! Wir brauchen leistbaren öffentlichen Wohnbau frei verfügbar für alle um nicht mehr der Willkür von rassistischen Makler*innen und Vermieter*innen ausgesetzt zu sein!

-> Wahlrecht für alle Menschen, die hier leben! 

-> Bekämpfen wir ein System, das Menschen zur Flucht zwingt: Bauen wir die Bewegung gegen das Massaker in Gaza, Besatzung und Imperialismus und für einen sofortigen Waffenstillstand auf!

-> Organisieren wir uns überall wo wir wohnen, leben, lernen und arbeiten, um jede Form von Rassismus zurückzudrängen: Für antirassistische und antifaschistische Gruppen an Schulen, Arbeitsplätzen, in Unis und in Nachbarschaften als Basis für eine Bewegung gegen das gesamte ausbeuterische System!

 

Aktiv werden 

ROSA im Park:

Wir wollen den Sommer nutzen, um uns politisch weiterzuentwickeln und uns auf Kämpfe im Herbst vorzubereiten, u.a. werden wir über Antifaschismus diskutieren. Die Termine werden wir online posten.

Antirassistisches, feministisches und sozialistisches Sommercamp von ISA & ROSA 18-25.8.

Eine Woche lang werden wir über unterschiedliche politische Themen diskutieren und Erfahrungen über Bewegungen teilen.

Widerstand gegen den Rechtsruck, Femizide und Kapitalismus

Im Herbst wollen wir rund um die Nationalratswahlen Aktionen gegen Rechts organisieren und eine Kampagne und Demo zum internationalen Tag gegen geschlechterspezifische Gewalt am 25.11. 

Wenn du mehr Infos haben und aktiv werden willst melde dich einfach bei uns!

Instagram: @rosa_oesterreich

WhatsApp: +43 660 9543696

,Mei Favoriten is ned deppat‘ – Nein zur rassistischen Hetze!

von Celina Brandstötter

Der 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten gilt bereits seit längerem als  ,Neukölln 2.0’, Negativschlagzeilen mit rassistischem Ton um Wiens einwohner*innenstärksten Bezirk häufen sich jedoch seit Jahresbeginn zunehmend. In Zentrum stehen hierbei vor allem Delikte wie Körperverletzung, Diebstähle, Drogenhandel oder sexualisierte Übergriffe, die durch die Polizei vermeldet werden. Diese Probleme im Bezirk sind ernstzunehmen, sie werden jedoch einerseits medial überzeichnet, andererseits politisch und medial ganz klar mit einer ,außer Kontrolle geratenen’ Migrations- und Asylpolitik in Verbindung gebracht. Mehr Polizei im Bezirk oder eine neue Waffenverbotszone werden keine längerfristige Lösung für soziale Probleme im Bezirk sein. Letztlich sind sie auch Mittel zum Zweck, um zusätzlich rassistische Vorurteile und antimuslimischen Rassismus zu schüren, der Favoriten spalten soll. 

Der Stadtpolitik sind Frauen und Favoriten egal!

Sowohl FPÖ und ÖVP nutzen Vorfälle im Bezirk in der derzeitigen Vorphase zur Nationalratswahl gezielt, um soziale Probleme mit dem Bild des nicht integrierbaren migrantischen Jugendlichen zu verbinden. Neben rassistischer Hetze (,Selbst Ausländer warnen vor diesen Örtlichkeiten’) fordern beide Parteien einen massiven Ausbau der Polizei im Bezirk. Die ÖVP fordert zudem die Senkung der Strafmündigkeit auf 12 Jahre. Etliche Forderungen der ÖVP und FPÖ stellen ganz klar muslimische migrantische Jugendliche per se als Gruppe gefährlicher potenzieller Straftäter*innen dar. Diese Hetze ist nicht nur gefährlich für Migrant*innen und spaltet die Gesellschaft - sie soll auch von der eigenen Rolle im System von Armut und Perspektivlosigkeit ablenken. Doch auch Wiens Regierungsparteien, die SPÖ und NEOS (früher auch die Grünen), sind mitverantwortlich für die soziale Misere, in der sich besonders Migrant*innen in einem von Wiens ärmsten Bezirken befinden: Mangelnder und teils schlecht instand gehaltener geförderter Wohnraum sowie fehlende schulische Strategien zur psychosozialen Unterstützung während Krisen wie der Corona-Pandemie sind hier nur einige Beispiele. Echte Lösungen von der Stadtregierung? Fehlanzeige. Stattdessen fordern auch SPÖ und Neos mehr Polizeipräsenz. 

Soziale Perspektiven statt rechter Hetze!

Wer Kriminalität in Favoriten wirklich beenden will, muss sich den realen sozialen Problemen und der gesellschaftlichen Ausgrenzung von migrantischen Menschen in Wien widmen. Gerade in Zeiten der kapitalistischen Mehrfachkrisen sind besonders für junge Menschen Zukunftsängste und psychische Belastung allgegenwärtig. Armut und soziale Isolation von der sogenannten ,Leitkultur’ treffen insbesondere Migrant*innen. Nicht zufällig sind die ärmsten Bezirke Wiens auch jene mit den höchsten Migrant*innenanteil. Sie brauchen echte Zukunftsperspektiven, die ihnen sichere Jobs, Wohnraum und genügend Geld zum Leben bieten. Für solche Perspektiven braucht es aber auch eine Politik abseits kapitalistischer Sachzwänge und rechter Hetze. 

Info:

Ein Blick in die polizeiliche Statistik zu Strafdelikten zeigt, dass Favoriten in seiner Kriminalitätsrate durchaus mit Städten wie Linz oder Innsbruck vergleichbar ist. Diese weisen bei gleicher Einwohner*innenanzahl eine ähnlich hohe statistische Kriminalitätsrate auf. Ebenso zeigt der Vergleich verschiedener Wiener Bezirke, dass bei Favoriten nicht von DEM ,Problembezirk’ gesprochen werden kann. Bemessen an der Einwohner*innenzahl liegen in der allgemeinen Kriminalitätsstatistik Bezirke wie Mariahilf oder Alsergrund vorne. Bei spezifischen Delikten wie Gewalttaten befinden sich der 16. und 2. Bezirk an der Spitze. In Favoriten selbst sind neben dem ‚verschrieenen'  Reumannplatz vor allem der Hauptbahnhof Wien und das Fußballstadion der Wiener Austria Konfliktzonen, in denen Straftaten gemeldet werden.   

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Hanau, 19. Februar 2020: “Der Tag, an dem ich sterben sollte”

Buchrezension: Said Etris Hashemi, "Der Tag, an dem ich sterben sollte - Wie der Terror in Hanau mein Leben für immer verändert hat"
Sarah Moayeri

Vier Jahre nach dem rassistischen, rechtsextremen Terroranschlag in Hanau veröffentlicht Said Etris Hashemi, der bei dem Anschlag seinen jüngeren Bruder und seine Kindheitsfreunde verlor und selbst schwer verletzt überlebte, mit seinem Buch eine erschütternde Anklage gegen ein System, das Hanau erst ermöglichen konnte. Das Buch erscheint zu einer entscheidenden Zeit, in der wir diskutieren müssen, wie wir den gefährlichen Rechtsruck bekämpfen können. Zuletzt hat ein Brandanschlag in Solingen, bei dem eine türkisch-bulgarische Familie ums Leben gekommen ist, viele Menschen an die rassistischen Mordanschläge 1993 in Solingen erinnert. 700 Menschen nahmen an einer Gedenkdemonstration teil und forderten eine vollständige Aufklärung des Falls, nachdem die Behörden unmittelbar “ein rassistisches Motiv” ausgeschlossen hatten. Antirassistische Aktivist*innen betonen zurecht, dass wir wissen, dass Worte zu Taten führen und verweisen damit auf die Gefahr durch die zunehmende rassistische Hetze, die wir aktuell erleben. Das Buch kann einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen jede Form von Rassismus leisten, weil es die brutale Realität für einen riesigen, von Rassismus betroffenen Teil der Bevölkerung im Detail schildert und eindrucksvoll zeigt, wie Staat, Behörden, Polizei und Regierungen mitschuldig und wesentlicher Teil des rassistischen Systems sind.

Struktureller und systematischer Rassismus - in allen Poren der Gesellschaft

“Vielleicht war damals schon der endlose Gedankenstrom eines typischen Migrantenkindes wie mir schuld daran, dass sich mein Kopf wie ein Bergwerk anfühlte, das niemals zur Ruhe kommt. Irgendwie haben wir ja alle einen Knacks.” 

Mit diesen Sätzen beginnt Said Hashemi den Rückblick auf seine Kindheit und Jugend, es ist ein ständiger Wechsel zwischen diesen Erinnerungen und Erinnerungen an das Attentat sowie an die Prozesse im Rahmen des Untersuchungsausschusses. Seine Eltern kamen in den späten 80ern / frühen 90ern aus Afghanistan nach Deutschland, er wuchs mit seinen Geschwistern in Hanau-Kesselstadt inmitten von Polizeischikanen, Rassismus und sozialen Missständen auf. Er beschreibt in dem Zusammenhang den tiefen Zusammenhalt und die Solidarität der Familie, Freund*innen und Nachbar*innen: “Gewalt, Drogen, Armut atmeten die Wände dieser Blocks genauso wie Zusammenhalt, Liebe und Freundschaft.”  und “Kesselstadt wird von der Polizei und Politik gern als “Migrationshotspot” oder “Problembezirk” bezeichnet. Aber ich empfinde Kesselstadt einfach nur als einen Ort, an dem sehr viele Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammenwohnen. [...] Das Problem war unsere Armut. [...] Und wir hielten zusammen. Nicht nur wenn die Bullen mal wieder irgendwo einritten, um mal zu Recht, mal zu Unrecht Menschen zu kontrollieren und festzunehmen, sondern auch, wenn jemand ein Mittagessen brauchte. [...] Es ist eine ganz komische Zerrissenheit, die wir alle in unseren Seelen tragen. Wir verfluchen und vergöttern den Beton, Asphalt und Rost, in dem wir aufwachsen, zu gleichen teilen.”

Er beschreibt die Geschichte seiner Familie; wie sein Onkel bei einem Bombenangriff in Afghanistan in den Armen seines Vaters starb, wie er mit seinen Cousins in einer zerbombten Nachbarschaft spielte, die Kriegstraumata und wie seine Eltern unter den widrigsten Bedingungen in Deutschland schufteten, um ein Teil des verdienten Geldes nach Afghanistan an die Familie schicken zu können. Er beschreibt, wie sein Vater immer stolz darauf war, eigenes Geld zu verdienen und wie die Bildung seiner Kinder das Wichtigste für ihn war. “Ich weiß nicht, ob sich mein Baba damals schon darüber im Klaren war, was Rassismus ist und wie er wirkt. Aber ich denke, er wollte einfach nicht bestätigen, was man eh von uns dachte. [...] Das ist in den Köpfen aller Migranten drin. Dieses ständige Sichhinterfragen, ständig unter Dauerverdacht stehen.”

Der 19. Februar 2020 war in Wirklichkeit eine Kontinuität von den Verhältnissen, die Hashemi beschreibt. Die Ausgrenzung, die Vorurteile, die Scham, der systematische, strukturelle Rassismus. Mert, sein bester Freund, wurde im Teenageralter vermutlich ermordet, die Tat wurde nie aufgeklärt. Ein anderer Freund wurde mit Absicht von der Polizei angefahren. In der Schule ließ der Lehrer die Schüler*innen auf der Schulbaustelle arbeiten, anstatt Mathematik zu unterrichten: “Die sehen uns voll als Gastarbeiter. Eigentlich sogar schlimmer. Die kriegen wenigstens Stundenlohn.” Rassistische Beleidigungen durch Lehrer*innen und Mitschüler*innen waren Alltag. “Auch die Pädagogen in meinem Leben begegneten mir häufig mit Vorurteilen, die in den meisten Fällen jeden Selbstwert und jede Selbstwirksamkeit in einem Kind auslöschen. Das begann schon im Kindergarten.”

Hashemi schreibt darüber, wie er als Jugendlicher darüber nachdachte, dass Geld und beruflicher Erfolg der Schlüssel waren, um aus diesen Verhältnissen herauszukommen. “Arme Menschen sterben früher. Armut frisst sich buchstäblich in jede Faser des Lebens - und frisst es am Ende auf.” Er beschreibt, wie er in den Jahren vor 2020 stolz auf das war, was er trotz der widrigen Umstände erreicht hatte: “Fester Job, Zukunftsperspektive - das gefiel auch meinen Eltern. [...] Und dann kam der 19.Februar und meine Zukunft zerbrach wie ein Glas.”

Das Attentat und die Mitschuld von Behörden, Polizei & Politik

Die Schilderung der Tatnacht in der Arena-Bar geht unter die Haut. Der Täter hatte sich den Ort des Attentats sehr gezielt ausgesucht, um seine rassistischen Vernichtungsfantasien zu erfüllen. Kurz vor der Tat verschonte er einen Kioskbesitzer, dem er seinen Namen und seine Herkunft nicht ansehen konnte. Mustafa, der Kioskbesitzer, sprach nicht, als der Täter ihn mit der Waffe bedrohte, weil er wusste, dass er gegenüber diesem Rassisten seinen Akzent verstecken musste - das rettete ihm vermutlich das Leben und ist ein erschütterndes Zeugnis für das Wesen rassistischer Gewalt. 

Der Täter von Hanau und sein rechtsextremer Hintergrund waren den Behörden bekannt, sogar nachdem er eine Frau stalkte, eine Sexarbeiterin bedrohte und sie von übergriffigen und gefährlichen Verhaltensweisen berichtete, sah die Polizei keinen Handlungsbedarf. Auch sie berichtete davon, wie die Polizei bei der Vernehmung eher daran interessiert war, “ob sie überhaupt rechtmäßig der Prostitution nachgehen würde”. Hashemi fasst im Buch zusammen, was alles über den Täter und seine rechtsextreme Gesinnung aufgedeckt wurde - entgegen der Fokussierung auf seine psychischen Erkrankungen. “Der Mann hatte offenbar eine Mission und ihm war viel daran gelegen, auch den Rest der Welt davon zu überzeugen.” Strafanzeigen im Jahr 2019 legten deutlich seine rassistische und antisemitische Gesinnung offen, doch die Behörden schauten ein weiteres Mal weg. Er konnte unbehelligt, trotz des Gefahrenpotentials, Waffen besitzen und an Schießübungen teilnehmen. Eine halbe Stunde vor der Tat wurde er noch von der Polizei kontrolliert, das Auto voller Waffen und Munition. 

Zeugenaussagen darüber, wie die Polizei den Barbetreiber angewiesen hatte, die Notausgangstür geschlossen zu halten. Die verspätete medizinische Versorgung, weil zuerst die Ausweise der Verletzten gesucht wurden. Polizisten, die behaupteten, nichts von den Problemen beim Notruf gewusst zu haben. Schockierende Details über die aktive Passivität, das Versagen und die Mitschuld der Behörden und politisch Verantwortlichen zeigen deutlich die Rolle des Staates im Aufrechterhalten rassistischer Strukturen und wie diese Institutionen nicht nur Rechtsxtreme schützen, sondern selbst durchsetzt sind von diesen Ideologien und Rassismus.

Gerade in dem Zeitraum vor der Tat prägte wieder einmal eine Welle der Hetze über Shisha-Bars, “kriminelle Clanstrukturen” und “Parallelgesellschaften” die deutsche Medienlandschaft. Nach dem Attentat war die Rede von “Shisha-Morden”. Hashemi zitiert den Bruder von Gökhan Gültekin, der immer wieder sagt, dass es zwei Anschläge gab. Den ersten am 19.Februar und den zweiten durch den Umgang der Behörden in den folgenden Tagen, Wochen, Jahren. “Als das SEK zum Beispiel Mercedes’ Vater und Familienangehörige mit gezogenen Waffen in seinem Auto umzingelte, weil die Beamten davon ausgingen, dass er ein Täter sein könnte - denn was hat ein Roma sonst um die Zeit am Kurt-Schumacher-Platz zu suchen?” Der Begriff der “sekundären Viktimisierung” taucht im Buch immer wieder auf. Er beschreibt genau diese Art der Täter-Opfer-Umkehr, der Retraumatisierung, des fehlenden Opferschutzes. Ähnlich wie bei den NSU-Morden wurden Familienangehörige verdächtigt. Auch Hashemis Handy wurde beschlagnahmt. Den Hinterbliebenen, Überlebenden und ihren Unterstützer*innen wurde sehr schnell klar: Im Kampf um Aufklärung, Konsequenzen, gegen den systematischen Rassismus können wir uns nur auf unsere eigene Kraft verlassen. 

Der Untersuchungsausschuss 

Durch den Druck der Angehörigen und antirassistischen Aktivist*innen wurde ein Untersuchungsausschuss einberufen, der 2023 endete. Hashemis Buch schildert detailliert Abläufe und Befragungen im hessischen Landtag und beginnt mit der Hoffnung, die viele der Angehörigen in diesen Prozess steckten - und die bitter enttäuscht wurden. “Wenn dieser Untersuchungsausschuss uns eines gelehrt hat, dann, dass sich ein Beamter niemals bei einem Kanaken entschuldigen wird, komme, was wolle.” Hashemi schildert unzählige Aussagen und Situationen in den Untersuchungsausschusssitzungen, die retraumatisierten, relativierten und die Angehörigen verhöhnten. 

“Hier stellt niemand die tatsächlich wichtigen Fragen, und wenn wir wollen, dass etwas vorangeht, müssen wir es selbst machen. Geleakte Gutachten, veröffentlichte Berichte - fast alles, was in diesem Untersuchungsausschuss erkenntnisreich war, lieferten wir Hinterbliebenen - teilweise unerlaubterweise, aber wir hatten ja keine Wahl!”

Viele Fragen bleiben offen, auch wenn der gesellschaftliche Druck dazu beitrug, dass diese Frage überhaupt erst in einem solchen öffentlichen Rahmen und Prozess gestellt wurden:“Unser Hauptanliegen war immer Aufklärung. In gesellschaftlicher Hinsicht haben wir die auch erreicht. Keiner bezweifelt mehr, dass der Notruf nicht richtig funktioniert hat. Dass der Notausgang verschlossen war. Dass der Vater des Täters ein Nazi ist, der nach wie vor unsere Heimatstadt terrorisiert.”

All diese Aufklärungsarbeit haben die Hinterbliebenen und Aktivist*innen im Laufe der letzten vier Jahre geleistet. Doch das Ergebnis der Untersuchungsausschusses ist ein weiterer Schlag ins Gesicht für sie - denn es werden keine Konsequenzen gezogen. Die Ermittlungen wegen des versperrten Notausgangs und des nicht funktionierenden Notrufs wurden eingestellt und nicht wieder aufgenommen. Verantwortliche Politiker*innen und Beamt*innen suchen noch immer nach Ausreden und Relativierungen, um von ihrer Schuld abzulenken. Für Hashemi und die Initiative 19.Februar ist letztlich klar:“Für den Mord an meinem Bruder Said Nesar Hashemi, an Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Mercedes Kierpacz, an meinen Jugendfreunden Hamza Kurtović, an dem Helden Vili Viorel Păun, an Fatih Saraçoğlu und Kaloyan Velkov hat es nie ein Verfahren gegeben. Weil der Täter sich selbst gerichtet hat.”

Gegen das Vergessen - Jeden Tag Widerstand gegen Rechtsextremismus und Rassismus aufbauen 

Hashemis Buch ist zu einer entscheidenden Zeit erschienen. AfD, FPÖ & Co verzeichnen neue Umfrage-Rekorde. Die “geheimen Remigrationspläne” der Faschist*innen haben uns in Schock versetzt, und waren doch für viele migrantisierte Menschen, die schon immer den systematischen Rassismus der kapitalistischen Gesellschaft und die rechtsextreme Gefahr auf allen Ebenen ihres Lebens zu spüren bekommen, keine große Überraschung. Eine neue Welle des Rassismus, gezielt gegen muslimische Jugendliche gerichtet, gefährdet heute wieder und immer noch Menschenleben. Wenn wir uns in Österreich beispielsweise aktuell die Nachrichten und die rassistische Hetze über den 10. Wiener Bezirk durchlesen, liegt die Angst vor zunehmender rassistischer Gewalt sehr nahe. Hashemi bringt es selbst auf den Punkt, wie rassistische Gewalt und Morde keine Einzelfälle und die Folge, die Spitze des Eisbergs, einer rassistischen Politik und Hetze sind: “Der Anschlag auf das Oktoberfest in München 1980. die rechtsextremen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991, ein Jahr später Rostock-Lichtenhagen, Mölln, 1993 dann Solingen. Die unzähligen Brandanschläge auf Asylheime in den 1990er Jahren sorgten zwar für Aufsehen, führten aber nicht zu härterem Durchgreifen in der rechten Szene. Die Antwort der Politik waren verschärfte Asylgesetze - auch dank Hetzkampagnen der Bild-Zeitung, die diese Stimmung weiter anheizte. Nicht zu vergessen der NSU, der sieben Jahre lang Migranten ermorden konnte, während Boulevardblätter es so darstellen, als seien die Migranten selbst schuld, als handele es sich um kriminelle Milieus, Ehrenmorde oder mafiöse Rivalitäten.” 

Da ist es besonders zynisch, wenn von der etablierten Politik, von Parteien, die selbst für diese rassistische Politik verantwortlich sind, versucht wird, die unermüdliche Arbeit und die Errungenschaften der Initiative 19.Februar zu vereinnahmen. Olaf Scholz ließ sich stolz mit Hashemis Buch fotografieren - wenige Monate nach massiven Asyrechtsverschärfungen und seiner Aussage “Wir müssen endlich im großen Stil abschieben.”

Tatsächlich markierte Hanau einen wichtigen Wendepunkt im Widerstand und in der Selbstorganisierung migrantisierter Communities. Wenige Monate später weiteten sich die black lives matter Proteste auch auf Deutschland und Österreich aus. Wie die Aktivist*innen selbst immer wieder betonen “Wir kämpfen weiter”. Hashemi sagt, “Weil so viele Migranten sich in unseren Namen wiedergefunden haben. Hanau hat eine Schockwelle durch unsere Communities geschickt.”

Dass die Angehörigen die Aufarbeitungs- und Aufklärungsarbeit selbst in die Hand nehmen mussten, die wegweisende Arbeit ihrer Organisierung und Initiative, zeigt, welchen Antirassismus wir brauchen: Von unten, von den Betroffenen und solidarischen Menschen selbst organisiert, die Probleme an der Wurzel packend und für Forderungen wie: Abschiebestopp, gleiche Rechte für alle, eine demokratische Kontrolle der Polizei und Behörden durch antirassistische Initiativen, unabhängige Anlauf- und Beschwerdestellen, Zugang zu guter Arbeit, Wohnraum, sozialer Sicherheit und Bildung sowie entschlossener Widerstand gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung. 

Hashemi beschreibt gegen Ende des Buches, wie im Zuge der Kampagnen der Initiative 19.Februar ein Treffen ihm besonders in Erinnerung geblieben ist und Eindruck hinterlassen hat, nämlich jenes mit der IG Metall: “Die Macht der Gewerkschaften wird oft unterschätzt. Sogar die Gewerkschaften unterschätzen manchmal ihre eigene Macht. Sie haben Millionen von Mitgliedern. Millionen von Stimmen, die vereint tatsächlich etwas verändern können. Nichts trifft einen Konzern so sehr, als wenn die wichtigste Ressource fehlt: die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen.”

Eine ähnliche Perspektive zeigte auch Çetin Gültekin in seiner Rede am 17.02.2024 auf der bundesweiten Gedenkdemonstration anlässlich des 4. Jahrestages des Anschlags auf, er sagte: "Vielleicht sollten alle Migrant*innen mal für eine Woche die Arbeit niederlegen. Welcher Bus würde noch fahren? Wer würde den Müll abholen? Wer würde die Straßen und Häuser bauen? Wer würde die Alten pflegen?"

Der Kampf gegen Rassismus muss integraler Bestandteil der Arbeiter*innenbewegung, ihrer Organisationen und aller Kämpfe sein. Wir haben es der Initiative 19.Februar, Said Etris Hashemi, Çetin Gültekin und allen anderen Angehörigen und Aktivist*innen zu verdanken, dass Hanau zu einem derartigen Symbol geworden ist und eine Bewegung angestoßen hat. Sie haben ihren unerträglichen Schmerz in den notwendigen Widerstand verwandelt, so wie Hashemi sagt “nicht weil sie all das tun wollen, sondern weil sie nicht anders können”. Ob im Mittelmeer, in Geflüchtetenlagern, auf den Spargelfeldern oder in den Fleischfabriken - migrantisches Leben und migrantische Arbeit ist in diesem System, im Kapitalismus, nichts Wert. Die Bewegung, die wir als Lehre aus Hanau aufbauen müssen, muss dieses gesamte System von Grund auf überwinden, denn: Hanau ist überall. 

 

 

VORWÄRTS-Schwerpunkt zum aktuellen Rechtsruck

von Sebastian Kugler und Christoph Glanninger

Rechtsruck? Widerstand!

Für das Superwahljahr 2024 wird global ein Rechtsruck vorausgesagt. In neun EU-Ländern, darunter Österreich, stehen rechtspopulistische und -extreme Parteien wie die FPÖ auf Platz 1 in Umfragen. In den USA droht die Rückkehr des stark radikalisierten Trump. In Russland dienen die Wahlen sowieso nur mehr der Festigung von Putins Regime.In Deutschland hält sich die AfD konstant über 20% und wird voraussichtlich bei den Landtagswahlen in einer Reihe von Bundesländern stärkste Kraft. Gleichzeitig driftet die gesamte etablierte politische Landschaft nach rechts. Vor allem die klassischen bürgerlich-konservativen Parteien - von den US-Republikanern über die britischen Tories und die deutsche CDU bis zur ÖVP - übernehmen nun offen die Rhetorik und Programmatik der Rechten. Das zeigt sich anschaulich im “Österreich-Plan” von Kanzler Nehammer, der den Kulturkampf der FPÖ komplett kopiert.Aber auch (ehemals) “linke” politische Kräfte richten ihre Fahnen nach dem rechten Wind. Während zurecht große Empörung über die Pläne zur “Remigration” auf dem faschistischen Treffen von Potsdam herrscht, konnte der deutsche Kanzler Scholz (SPD!) nur kurz davor auf dem Cover des Spiegel verkünden: “Wir müssen im großen Stil abschieben”. Auch SPÖ-Chef Babler, von dem sich viele einen konsequenten Antirassismus erhofften, steht offen zu “Verfahrenszentren” an den EU-Außengrenzen und akzeptierte den Ausschluss von SPÖ-Mitgliedern, die sich für die Rechte von Palästinenser*innen einsetzen. Gerade der Gaza-Krieg diente vielen Liberalen, wie NEOS und Grünen, dazu, ihr dünnes antirassistisches Jäckchen abzustreifen, im Namen “westlicher Werte” die Reihen bis zur FPÖ zu schließen und in die verallgemeinerte Propaganda gegen Migrant*innen und Muslime einzustimmen. Die ach-so-fortschrittliche EU lässt jeden Tag Geflüchtete an ihren Außengrenzen sterben und rollt damit den Rechtsextremen den Teppich aus. Nichts könnte das besser illustrieren als die Kandidatur des früheren Frontex-Chefs auf der Liste der französischen Rechtsextremen Le Pen.Woher kommt dieser Rechtsruck - und was können wir ihm entgegensetzen? Damit beschäftigt sich dieser Vorwärts-Schwerpunkt.

Wer vom Rechtsruck spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen

Liest man die gängigen Analysen zum Rechtsruck, bekommt man einfache Antworten: Die Menschen seien dumm, die Welt sei ihnen zu kompliziert - oder die Gruppen, gegen die sich der Hass richtet, seien selbst Schuld, weil sie diese Reaktion provoziert hätten. Dadurch werden die systemischen Wurzeln der aktuellen Entwicklungen - und Antworten darauf - verdeckt.

Krise des Kapitalismus als wirtschaftlicher Hintergrund

Die tiefe Krise, in der sich der Weltkapitalismus seit der Krise von 2008 befindet, bildet die Grundlage für die Verschiebungen in der Politik. Die Ära der neoliberalen Globalisierung ist zu Ende. Sie war gekennzeichnet durch eine Intensivierung des Welthandels und drückte sich durch internationale Freihandelsabkommen aus, mit denen nationale Märkte für internationale Konzerne auf Kosten der Arbeiter*innenklasse (durch Sozialabbau, Privatisierungen usw.) geöffnet wurden. Der Nationalstaat verlor an Bedeutung, stattdessen entstanden größere Machtblöcke wie die EU. Damit einher ging die Dominanz des globalen Finanzsektors, dessen Kollaps 2008  auch die Kehrtwende einläutete und Millionen Arbeiter*innen weltweit in Armut stürzte. Seither sehen wir einen Trend zur “Deglobalisierung”. Ohne wirkliches Wirtschaftswachstum und angesichts der Entzauberung der internationalen Finanzmärkte setzte in Wirtschaft und Politik ein Umdenken ein: Nun galt es, vor allem den eigenen “Wirtschaftsstandort” zu verteidigen - und der Nationalstaat erlebte als Instrument dafür ein Comeback. An die Stelle des Freihandels trat nun der Handelskrieg, wie Trump ihn gegen China anzettelte. Sein Slogan “America First” drückt den neuen kapitalistischen Zeitgeist aus und wird nicht zufällig überall auf der Welt kopiert: Brazil first, Russia first, China first usw. Bei Handelskriegen bleibt es nicht - im Ukrainekrieg und dem Säbelrasseln um Taiwan äußert sich die imperialistische Konkurrenz bereits militärisch.Die fortwährenden Krisen stellen die Grundlage für den Aufstieg des Rechtspopulismus dar. Er kann an der Wut über Unsicherheit, Krisen und soziale Verschlechterungen ansetzen, die Dauerkrisen einer scheinbar heilen Vergangenheit gegenüber stellen und dabei Feminismus, Migration und Co. die Schuld geben. 

Krise des Establishments als politischer Hintergrund

Auf der politischen Ebene bereitete die etablierte Politik selbst den Boden für den Rechtsruck. Rechte Politik wurde in den letzten Jahrzehnten im liberalen oder sozialdemokratischen Mäntelchen normalisiert - der Abbau des Sozialstaats, genauso wie die Aushöhlung des Asylrechts, wurde in den 1990ern von der SPÖ vorangetrieben. Gleichzeitig schuf der alltägliche rechtsstaatliche Rassismus - kein Wahlrecht, Diskriminierung am Arbeits- und Wohnungsmarkt usw. - erst jene verarmten und entrechteten migrantischen Bevölkerungsschichten, die das bevorzugte Ziel rechter Hetze sind. Andererseits haben Teile des politischen Establishments in den letzten Jahrzehnten fortschrittliche Ideen vereinnahmt. Doch die verschiedenen Formen des bürgerlichen Feminismus haben dabei versagt, die materielle Situation von Frauen und queeren Personen substantiell zu verbessern; der staatstragende Antirassismus hatte höchstens schöne Worte übrig, aber nicht gleiche Rechte und Investitionen in Jobs und Wohnungen für alle, die hier leben und leben wollen; die Klimakrise wurde nur mit hohlen Phrasen bekämpft, während man ihre Kosten auf die breite Bevölkerung statt auf die Profiteure von Umweltzerstörung ablud. Das alles erleichterte den Rechten ihre verlogene Darstellung von diesen zentralen Kämpfen für unsere Klasse als Eliten-Themen. Das politische und mediale Establishment  zieht nach, indem sie nun auch offen antifeministisch und ausländerfeindlich auftreten. Eine wichtige Lehre ist also, dass unsere Kämpfe gegen Sexismus, Rassismus und für Klimagerechtigkeit kein Vertrauen in dieses Establishment haben dürfen.

Rechte Pseudo-Antworten

Die Rechten machen diffuse Versprechungen von einem Systemwandel - obwohl sie gleichzeitig die größten Verteidiger des Profitsystems sind (z.B. spricht sich die FPÖ gegen Vermögenssteuern aus). Deswegen richten sie ihre Propaganda gegen “die Politiker”, aber nicht gegen die Bosse. Deswegen beschwören sie die Illusion eines abgeschotteten nationalen Kapitalismus ohne Krisen. Damit sprechen die Rechten vor allem kleinbürgerliche Mittelschichten an - jene, die sich sowohl von oben (von der Politik oder großen Konzernen) als auch von unten (von rebellischen Arbeiter*innen, Arbeitslosen, Flüchtlingen etc.) bedroht fühlen. Breiteren Schichten der Arbeiter*innenklasse soll diese Politik schmackhaft gemacht werden, indem ihnen vermittelt wird, auch sie wären in derselben Position. Deswegen propagieren die Rechten die angeblich gemeinsamen Interessen von Unternehmer*innen und Beschäftigten und wettern gegen den “Klassenkampf”. Gerade wegen mangelnder gewerkschaftlicher und politischer Kampftraditionen und angesichts fehlender Erfahrungen mit erfolgreichen Arbeitskämpfen trifft diese Ideologie auch unter Arbeiter*innen auf fruchtbaren Boden. Wer nicht das Vertrauen hat, durch betriebliche und politische Organisierung für die eigenen Interessen kämpfen zu können, kann sich Verbesserungen nur auf zwei Wegen erhoffen: nach oben buckeln und nach unten treten. Deswegen führen die Rechten auch Kulturkämpfe, in denen sie jenen, die ohnehin schon unten sind, einreden, sie hätten ganz anderes zu verlieren: ihre Männlichkeit, ihre kulturelle Identität, ihre “traditionellen Werte” usw. würden von Transpersonen, Flüchtlingen oder Klimaaktivist*innen gefährdet werden. In der Hetze gegen diese Gruppen und ihre Anliegen bieten die Rechten die Möglichkeit, doch noch nach unten zu treten und gleichzeitig einen Pseudo-Protest gegen die (angeblich linken) Eliten auszudrücken - ohne dass sich an deren Macht oder der eigenen Ohnmacht etwas ändern würde.

Widersprüche des Rechtsrucks

In der kapitalistischen Dauerkrise überschneiden sich die wirtschaftspolitischen Interessen des Kapitals immer mehr mit zentralen Angelpunkten rechter Ideologie - autoritärerer Staat, Kürzungspolitik, Ablenkung durch Rassismus und Queerfeindlichkeit. Gleichzeitig gibt es (noch) einen wichtigen Widerspruch zwischen den bürgerlichen Parteien, die die Interessen der großen Kapitalfraktionen vertreten, und den meisten ganz Rechten: FPÖ & Co haben sich als pseudo-soziale Opposition aufgebaut. Die EU-Feindlichkeit der FPÖ macht sie z.B. für Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung zu einem Problem - denn die wichtigsten Verbindungen der österreichischen Konzerne liegen im “Westen”.Die Widersprüchlichkeit spitzt sich zu, wenn der Rechtspopulismus in die Regierung kommt - in der Praxis setzt er die aggressivste kapitalistische Politik auch gegen die eigene Basis, bereichert sich selbst (Stichwort Ibiza) und muss durch noch intensivere Hetze davon ablenken. Gleichzeitig zwingen genau die rechten Angriffe immer mehr Menschen in Opposition zu ihnen: vor allem in den Schichten, die direkt angegriffen werden - Migrant*innen, Frauen und queere Personen, Arbeitslose und kämpferische Gewerkschafter*innen, aber auch unter breiteren Schichten der Arbeiter*innenklasse (z.B. rund um den 12-Stundentag) wächst dann das Bewusstsein um die Notwendigkeit, Widerstand zu leisten. Diesen Widerstand zu organisieren und mit einer programmatischen Perspektive auszustatten, die das Problem (den Rechtsruck) an seiner Wurzel (dem Kapitalismus) packt - darin besteht die dringlichste Aufgabe unserer Zeit.

Marx aktuell: Kritik der "Volksfront"

“Alle zusammen gegen Rechts” - dieser Anspruch klingt zunächst absolut logisch. Geht es nicht darum, alle, die z.B. gegen die FPÖ sind, unter einen Hut zu bringen?Eine wichtige Lehre ist hier die der “Volksfront”: Darunter verstand man vor allem in den 1930er Jahren das Bündnis sozialistischer bzw. kommunistischer Arbeiter*innen-Organisationen mit bürgerlichen “Parteien der Mitte” gegen den Faschismus. Die Volksfront scheiterte katastrophal: Als in Spanien 1936 der Putsch des faschistischen Generals Franco einen Bürger*innenkrieg vom Zaun brach, merkten die Massen schnell, dass man die Faschist*innen nur effektiv bekämpfen konnte, indem man ihnen den kapitalistischen Nährboden entzog: So wurden Betriebe und Ländereien enteignet und gemeinschaftlich verwaltet. Doch das oberste Ziel der bürgerlichen “Republikaner” war nicht der Kampf gegen Rechts, sondern die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems. Die Arbeiter*innenorganisationen ordneten sich komplett den Bürgerlichen unter, die Stalin-treue Kommunistische Partei gab das Land den Großgrundbesitzer*innen zurück und ließ antifaschistische Revolutionär*innen im Namen der Volksfront ermorden. Das brach nicht nur der Revolution, sondern auch dem Kampf gegen Franco das Genick. Die Bürgerlichen zogen die Niederlage gegen den Faschismus der sozialen Revolution vor. Die Lehre daraus ist, dass pro-kapitalistische Kräfte im Zweifel immer den Kampf gegen Rechts verraten, um ihr eigenes System nicht zu gefährden.Aber sind dann breite Bewegungen gegen Rechts nicht unmöglich? Keineswegs. Um gegen Rechts zu kämpfen, muss man nicht Marxist*in sein - aber man kann nicht kapitalistische Interessen über die Notwendigkeiten dieses Kampfes stellen. Das tun aber die Führungen aller etablierten Parteien - auch SPÖ und Grüne, die damit den Rechten den Boden bereiten. Was von Marxist*innen historisch als “Einheitsfront” bezeichnet wurde, meint dagegen eine echte Breite: Eine gemeinsame Bewegung für die Interessen derer, die unterschiedlich von rechter und unsozialer Politik betroffen sind - Beschäftigte, Frauen, Migrant*innen, queere Menschen u.a. - ist die beste Waffe gegen Rechts. 

Eine sozialistische Alternative zum Rechtsruck

Der Eindruck eines allgemeinen Rechtsrucks trügt - tatsächlich sehen wir eine Polarisierung: Dem Erstarken der Rechten steht auch ein Anstieg an sozialen Bewegungen gegenüber. Vor wenigen Jahren war “Streik” für viele in Österreich ein Fremdwort - nun gibt es jedes Jahr Streiks, bei denen Zehntausende ihre ersten Erfahrungen im Kampf um die eigenen Interessen machen. Dabei sehen sie auch, auf wessen Seite die Rechten in diesen Kämpfen stehen. Vor allem in Sektoren, welche die kapitalistische Vielfachkrise am stärksten spüren, also z.B. im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich, drückt sich das steigende Selbstbewusstsein in Basisinitiativen und immer mehr kämpferischen Betriebsrät*innen aus. Bis vor kurzem sprach fast niemand über Femizide - nun ist Gewalt gegen Frauen aufgrund einer neuen feministischen Welle ein breites gesellschaftliches Thema. Dazu kommt die massive Politisierung der LGBTQI+-Community - durch die Angriffe von Rechts wächst das Bedürfnis, aktiv für die eigenen Rechte einzustehen. So werden die radikalen Wurzeln der “Prides” und des 8. März wiederentdeckt. Außerdem sahen wir in letzter Zeit nicht nur die Massendemonstration tausender migrantischer Jugendlicher im Zuge von “Black Lives Matter” gegen Polizeigewalt - auch die Bewegungen zur Unterstützung der “Frau-Leben-Freiheit”-Bewegung im Iran und gegen das Massaker in Gaza werden von Migrant*innen geführt, die damit auch gegen den Rassismus hierzulande kämpfen. Diese Entwicklungen zeigen zwar eine Politisierung nach links, aber diese äußert sich erst begrenzt in langfristigen Bewegungen oder im Aufbau von Organisationen.

Kampf gegen jede Ausbeutung und Unterdrückung

Die Stärke der Rechten ist die Schwäche der Linken, diese Prozesse zusammenzuführen und zu organisieren. Die anfängliche Begeisterung für Babler und die lokalen Erfolge der KPÖ haben eine Idee von dem Potential konsequenter linker Politik gegeben - gleichzeitig zeigen sich hier entscheidende Schwächen ihrer reformistischen Strategien: Babler schreckt vor den Konsequenzen seines eigenen Programms zurück, denn dieses ließe sich nur durch die Konfrontation mit Bossen & Bürgerlichen durch Massenmobillisierungen und politische Streiks durchsetzen. Stattdessen setzt er auf Versöhnung mit den rechtesten Teilen der SPÖ wie Doskozil, der mit der FPÖ koalieren will. Die KPÖ präsentiert sich immer mehr als Single-Issue-Partei zum Thema Wohnen und vermeidet vor allem das “heikle” Thema Migration - im Wahlprogramm des “Modellbeispiels” KPÖ Salzburg fehlt jegliche antirassistische Forderung, Antifaschismus kommt nur als Denkmalpflege vor. Es ist ein fataler Irrglaube, zu glauben, man könne die FPÖ dadurch zurückdrängen, indem man einfach ein besseres allgemeines Sozialprogramm aufstellt und zu Fragen von Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie usw. schweigt. Die Rechten trennen nicht zwischen “sozialen” und “kulturellen” Fragen, sie führen den Klassenkampf von oben auch als Kulturkampf - deswegen muss der Widerstand von unten auch einer gegen jegliche Form von spezifischer Unterdrückung sein.Eine Stärkung von Babler und KPÖ auf der Wahlebene ist darum bei Weitem nicht genug, um den Rechtsruck aufzuhalten. Ihre Botschaft “Wählt uns, wir machen das schon für euch” ist ein Problem, weil eine solche Stellvertreterpolitik die Notwendigkeit von Selbstorganisierung und Mobilisierung in Betrieben, Bildungseinrichtungen, Nachbarschaften und auf den Straßen leugnet. Genau das ist jedoch notwendig, um die vorhandenen Kämpfe zusammenzuführen und zu stärken sowie Strukturen und Organisationen aufzubauen, die konsequent für das kämpfen, was notwendig ist: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn und Personalausgleich; Milliarden für Bildung, Wohnen, Gesundheit und Soziales statt für Aufrüstung und Geschenke an Superreiche, Banken und Konzerne; Bleiberecht und gleiche Rechte für alle, die hier leben und leben wollen; demokratische Kontrolle über die Polizei; legale, kostenlose Schwangerschaftsabbrüche und geschlechtsangleichende Behandlungen sowie gleicher Lohn für gleiche Arbeit; Enteignung der Profiteure von Teuerung und Klimazerstörung und echte Demokratie in Arbeit und Alltag - das sind nur einige Eckpunkte einer revolutionären sozialistischen Alternative zum kapitalistischen Chaos, die wir den Pseudo-Antworten der Rechten entgegensetzen müssen.

 

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