Geschichte und politische Theorie

Italien 1919/20: „Alle Macht den Räten!“

Teil 4 der Artikelserie: Revolutionen und ihre Lehren
Jan Millonig

Mit Ende des 1. Weltkrieges und inspiriert von der Machtübernahme der Sowjets (Arbeiter*innen- und Soldatenräte) in Russland im Oktober 1917 entwickelten sich in vielen Ländern Rätebewegungen. Im Gegensatz zu Russland gelang es diesen nirgends, den Kapitalismus zu stürzen. Überall dort rettete die Führung der Sozialdemokratie die herrschende Klasse, indem sie sich gegen die revolutionären Anstrengungen stellte. Hinzu kam die Schwäche der Führungen der neugegründeten Kommunistischen Parteien in den sozialen Auseinandersetzungen der folgenden Jahre sowie die Entwicklung des Stalinismus. All das verhalf dem Faschismus zum Aufstieg.

Die Massenbewegung im „Biennio Rosso“, den „zwei roten Jahren“ im Italien 1919-20 ist ein Beispiel an diesem Scheidepunkt der Geschichte. Bis zu 2,5 Millionen Arbeiter*innen beteiligten sich an Streiks. Der Höhepunkt war die Besetzung der Mehrheit der metalltechnischen Industriebetriebe in Norditalien durch eine halbe Million Beschäftigte. Unter der Losung „Machen wir es wie in Russland!“ gründeten sich schnell landesweit Fabrikskomitees, wobei Turin ein Zentrum der Bewegung bildete.

Zwei Formen der Macht existieren gleichzeitig

Die Sozialistische Partei Italiens (PSI) und der Gewerkschaftsverband verzeichneten enormen Mitgliederzuwachs. In der PSI waren revolutionärer Flügel, Schwankende („Zentrist*innen“) und Reformist*innen (die auf einen parlamentarischen Weg setzten) vereint. Die „Zentrist*innen“ legten eine revolutionäre Rhetorik an den Tag, die die Massen immer weiter ermutigte, aber scheuten davor zurück dieser auf Basis der realen revolutionären Lage Taten folgen zu lassen. So blieb die Führung der PSI weitgehend untätig und verzichtete darauf, sich konkret für die volle Machtübernahme durch die Arbeiter*innenklasse einzusetzen. Das führte zur widersprüchlichen Situation, dass die (Land-)Arbeiter*innen an vielen Orten zwar die Wirtschaft kontrollierten und sich gegen Regierungstruppen, Rechte und die Besitzenden verteidigten, aber die bürgerliche Regierung trotzdem noch die Staatsmacht inne hatten. 

Eine treibende Kraft der Rätebewegung in Turin und Kopf der revolutionären Opposition in der PSI war der Marxist Antonio Gramsci. In der Wochenzeitung „L’Ordine Nuovo“ („Neue Ordnung“) zog er die Lehren der Sowjetrevolution in Russland und machte klar, dass die Fabriksräte den Embryo einer sozialistischen Gesellschaft darstellten, aber diese zur Organisation der gesamten Gesellschaft ausgeweitet werden müssen.

Auch in jüngsten Bewegungen zeigt sich, dass die Bildung von lokalen (Fabriks)Komitees selbst noch nicht den Sturz der Gesellschaftsordnung bringt, v.a. wenn sie nicht die Kontrolle über die Wirtschaft erreichen. Sowohl in Bosnien 2014 als auch im “Arabischen Frühling” 2010 oder im Sudan 2018 bildeten sich Komitees zur Organisierung des täglichen Lebens in Fabriken und Stadtvierteln. Und selbst wo es eine “Vernetzung” gab fehlte eine zentrale Organisierung und Planung, um über die lokale Eben hinaus die Kontrolle über die Gesellschaft zu übernehmen.

Erfolgreiche Revolution braucht Räte & Partei

Dazu braucht es eine politische Kraft, die bereit ist mit dem alten System zu brechen. Gramsci rief die PSI auf, die Revolution koordiniert in ganz Italien und auch auf politischer Ebene zu vollziehen. Leider blieb er damit in Turin isoliert.

So bewahrheitete sich seine Prophezeiung, „entweder die Eroberung der politischen Macht durch das revolutionäre Proletariat für den Übergang zu neuen Produktions- und Verteilungsformen oder eine gewaltige Reaktion der Grundbesitzerklasse“, im negativen. Die Bewegung fand 1920 ihr Ende nachdem die Regierung drohte sie niederzuschlagen und die Partei- und Gewerkschaftsführung einen Deal mit den Kapitalist*innen schloss. Weitere Aufstände wurden von Regierung und Unternehmen mit Hilfe von rechten Banden immer stärker angegriffen bis schließlich der Faschismus die Arbeiter*innenbewegung endgültig ausschaltete. Auch im Sudan, Tunesien und Ägypten kamen nach der Niederlage der revolutionären Bewegungen wieder brutale Regimes an die Macht.

Auch wenn Gramscis Schlüsse danach teilweise die Hürden einer Revolution „im Westen“ überschätzten, gründete er in Folge die Kommunistische Partei Italiens, um weiter für einen revolutionären Kurs zu kämpfen.

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Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Russland 1917: Revolution wird gemacht

Teil 3 der Artikelserie: Revolutionen und ihre Lehren
Till Ruster

Am Ende dauerte es nur eine Woche, um die 400 Jahre alte Zaren-Dynastie der Romanows zu stürzen. Eine Woche im Februar 1917 (bzw. März, nach dem russischen Kalender) voll Streiks, Demonstrationen und massenhafter Befehlsverweigerungen der Soldaten an der Front genauso wie derer, die den Aufstand niederschlagen sollten. Millionen von Arbeiter*Innen, Soldaten und Bauer*Innen waren beteiligt.

Das repressive System war schon lange morsch. Das Elend des 1. Weltkrieges hatte die Widersprüche zwischen Adel und Armut, Arbeiter*innen und Kapitalist*Innen weiter zugespitzt. Als sich die Wut endlich die Bahn brach, hatte die alte Ordnung keine Chance: Schnelle Reformversuche, um die Monarchie zu retten, halfen nichts.

Wer kann mit der Revolution mithalten?

Räte organisierten alles: Schutz vor Plünderungen, Müllentsorgung, bis zu Gesundheitssystem oder Versorgung der Armee. Räte („Sowjets“), die während des Aufstands überall als Kampforgane entstanden waren. In Nachbarschaften, Kasernen, Dörfern und v.a. Betrieben wurden Delegierte gewählt, die aus ihren Reihen Vertreter*innen wählten, um sich auf Bezirks-, Stadt- und nationaler Ebene zu organisieren.

Revolutionen sind turbulent, was gestern noch heilig war, ist heute überflüssig. Wahlen sind Momentaufnahmen von Stimmungen, die sich aber ständig ändern. Das Räte-System aber lässt zu, dass Delegierte ständig ab- und neu gewählt werden können. Im Mai fanden die Wahlen zum „1. allrussischen Sowjetkongress“ statt. Zu diesem Zeitpunkt hatten eher gemäßigte Parteien der Linken eine Mehrheit. Sie meinten, das Wichtigste sei jetzt „Stabilität“, also eine Versöhnung mit den alten Eliten und sogar eine weitere Beteiligung am Krieg. Auf dieser Basis wurde eine Unterstützung für eine bürgerliche Regierung ausgesprochen, die es wohl ohne diese Unterstützung nicht gegeben hätte.

Rasch gerieten die Sowjets in einen immer heftigeren Konflikt mit dieser Regierung, die darum bemüht war, möglichst viel der alten Ordnung zu erhalten. Doch am Land fingen Bäuer*innen an, endlich den Großgrundbesitz des Adels auch gegen den Willen der Regierung unter sich aufzuteilen. In den Städten kam es wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen regierungstreuen Soldaten und streikenden Arbeiter*Innen und an der Front weigerten sich die Soldaten, die Befehle der Regierung auszuführen. Konterrevolutionäre Generäle erhöhten den Druck auf die Regierung, um den Zaren mit Gewalt zurück zu bringen.

Revolution sucht revolutionäre Partei

Schon auf dem 1. Sowjetkongress hatten die Bolschewiki, aus denen später die Kommunistische Partei wurde, ihr Programm deutlich gemacht: Die Sowjets sollten die Macht übernehmen und der Sowjetkongress das höchste Gremium werden. Damals waren sie eine Minderheit, aber die Entwicklung gab ihnen Recht. Niemand außer einer Sowjetregierung konnte die wichtigsten Forderungen der Massen erfüllen: „Land, Frieden, Brot!“.

Die Bolschewiki hatten anfangs wenig Mitglieder, aber hatten sich zunehmend den Ruf als kämpferische Partei erarbeitet. Jetzt wuchsen sie rasant. Sie bemühten sich um die „besten Kämpfer*innen“ aus den Sowjets und konnten ihre Ideen so verbreiten. Sie versuchten, die Erfahrungen und Lehren aus vergangenen Revolutionen zu ziehen. Unermüdlich diskutierten und agitierten sie und orientierten sich an Stimmung und Bewusstsein in den kämpferischsten Teilen der Arbeiter*innenklasse und auch der Bäuer*innen und nicht am liberalen Bürgertum. Nicht was für die Bürgerlichen “möglich” war, sondern was für die Massen nötig war, war ihr Fokus. Es war der Wunsch nach echter Veränderung und die konkreten Vorschläge der Bolschewiki in den Sowjets, die dazu führten, dass die Sowjets in Petrograd den Sitz der Regierung stürmten und letztlich dem 2. Sowjetkongress die Macht übergaben.

Tausende unkontrollierbare Prozesse und Faktoren machten die Revolution aus. Der entscheidende Augenblick war aber das bewusste Handeln der revolutionären Partei. Erfahrung, Verankerung und Marxismus machten aus den Bolschewiki die richtige Partei für diese Aufgabe und gaben dem russischen Proletariat die historische Chance, den ersten sozialistischen Staat aufzubauen. Die spätere Entwicklung des Stalinismus bricht mit den kämpferischen und demokratischen Prinzipien der Bolschewiki und wird in einem späteren Teil der Serie behandelt.

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Der Aufstieg und Fall der Kommunistischen Internationale

veröffentlicht 1943
Ted Grant

Die Dritte Internationale ist offiziell begraben worden. In der unwürdigsten und verachtungswürdigsten Weise, die man sich überhaupt vorstellen kann, hat sie die Bühne der Geschichte verlassen. Überstürzt und ohne Beratung mit all den zugehörigen Parteien, ganz zu schweigen von der Basis in der ganzen Welt, ohne jede demokratische Diskussion und Entscheidung, unter dem Druck des amerikanischen Imperialismus hat Stalin auf hinterhältige Art die Komintern aufgelöst.
Um zu verstehen, wie diese Organisation, die den Schrecken und Hass der gesamten kapitalistischen Welt entfacht hat, auf Verlangen des Kapitalismus zu solch einem unrühmlichen Ende gekommen ist, ist es notwendig, kurz an den stürmischen Aufstieg und sogar noch stürmischeren Verfall der Internationale zu erinnern. Die Erklärung ihrer Auflösung war nur ein Eingeständnis dessen, was alle informierten Leute seit langem schon wussten: dass die Komintern als ein Faktor des Aufbaus des weltweiten Sozialismus tot war und sich für immer von ihren ursprünglichen Zielen und Absichten verabschiedet hatte. Ihr Ableben war seit langem vorhergesehen und -gesagt worden.

Die Dritte Internationale erwuchs aus dem Zusammenbruch des Kapitalismus im letzten Krieg [A.d.Ü.: dem 1. Weltkrieg]. Die russische Revolution verbreitete eine Welle der revolutionären Begeisterung unter der Arbeiterklasse der ganzen Welt. Zu den kriegsmüden, enttäuschten und verbitterten Massen kam sie als eine Nachricht der Hoffnung, der Belebung und Ermutigung; sie zeigte den Ausweg aus dem blutigen Chaos, in das der Kapitalismus die Gesellschaft gestürzt hatte. Sie wurde als direkte Konsequenz des Verrats und Zusammenbruchs der zweiten Internationale geboren, die im letzten Krieg die herrschenden Klassen unterstützt hatte, und sogar noch verräterischer, die Revolutionen in der Folge des letzten Krieges sabotiert und zerstört hatte. Der Zusammenbruch des Imperialismus und Kapitalismus wurde angezeigt durch die Revolutionen in Deutschland, Österreich, Ungarn, revolutionäre Situationen in Italien, Frankreich und sogar Großbritannien. Die Aussicht auf eine Sozialistische Revolution lag über ganz Europa. Die Memoiren und Schriften von fast allen bürgerlichen Politikern aus dieser Zeit offenbaren die Verzweiflung, den Mangel an Selbstvertrauen in der Bourgeoisie im Angesicht der Revolution, und die Anerkennung der Tatsache, dass sie die Kontrolle über die Lage verloren hatten.

Die Sozialdemokratie rettete den Kapitalismus. Die mächtigen Bürokratien der Gewerkschaften und Sozialisten setzten sich selbst an die Spitze des Aufstands und lenkten ihn in harmlose Bahnen. In Deutschland konspirierten Noske und Scheidemann mit den Junkern und Kapitalisten, um die Revolution zu zerstören. Die Räte der ArbeiterInnen, Soldaten, Matrosen, BäuerInnen und sogar Studierenden, die in der Novemberrevolution von 1918 entstanden waren, hielten die Macht in ihren Händen. Die Sozialdemokraten gaben die Macht an die Kapitalisten zurück. Stückweise, langsam und friedlich, wie ihre theoretischen Konzepte es entwickelten, wollten sie den Kapitalismus zum Sozialismus umformen. In Italien hatten die Arbeiter 1920 die Fabriken besetzt. Anstatt die ArbeiterInnen zur Machtübernahme zu führen, brachte sie die Sozialistische Partei dazu, ihre „nicht verfassungsmäßige" Aktion zu beenden. So war es in ganz Europa. Die Folgen dieses Programms sind heute offensichtlich. Die schlimmste Tyrannei und der blutigste Krieg in der Geschichte des Kapitalismus.

Aber genau wegen des Zusammenbruchs des internationalen Sozialismus in der Zweiten Internationale, die den Marxismus verraten hatte, wurde die Dritte Internationale aufgebaut. Schon am Anfang des letzten Weltkriegs hatte Lenin unerschrocken die Dritte Internationale gefordert. Die Dritte Internationale wurde im März 1919 formell gegründet. Ihre erklärten Ziele und Absichten waren der Sturz des Weltkapitalismus und die Errichtung einer weltweiten Kette von Vereinigten Sozialistischen Räterepubliken, die sich der UdSSR anschließen würden; die UdSSR selbst stellte man sich dabei nicht als unabhängige Einheit vor, sondern nur als Basis für die Weltrevolution. Ihr Schicksal hing ab und würde bestimmt werden durch das Schicksal der Weltrevolution.

Die Bildung der Dritten Internationale führte schnell zur Gründung von mächtigen Kommunistischen Parteien in den wichtigsten Ländern der Welt. In Deutschland, Frankreich, der Tschechoslowakei und anderen Ländern entstanden Kommunistische Parteien mit einer Massenbasis. In Großbritannien wurde eine kleine Kommunistische Partei gebildet, die beachtlichen Einfluss gewann. Der Erfolg der Weltrevolution in der nächsten Periode schien durch diese Entwicklung der Ereignisse gesichert zu sein. Die Kommunistischen Parteien in Europa gewannen ständig Mitglieder und Einfluss auf Kosten der Sozialdemokratie.

Der letzte Krieg hatte keines der Probleme des Kapitalismus lösen können. Tatsächlich hatte er sie noch verschärft. Der Kapitalismus war an seinem „schwächsten Glied" auseinandergebrochen, wie Lenin es formulierte. Die Versuche, die junge Sowjetrepublik in den Interventionskriegen zu zerstören, waren völlig fehlgeschlagen. Der deutsche Kapitalismus, der mächtigste Europas, fand sich von seinen Rohstoffen und von einem Teil seines Gebietes abgeschnitten, belastet mit außerordentlichen Reparationszahlungen und allgemein in eine unmögliche Position gedrängt. Der britische und der französische Imperialismus, die „Sieger" im letzten Weltkrieg, waren im Grunde in keiner besseren Position. Ermutigt durch die Russische Revolution, wurden die kolonialen und halb-kolonialen Massen unruhig und bereiteten den Aufstand vor. Die Massen zuhause waren ruhelos und unfreundlich, und die wirtschaftliche Position des englisch-französischen Imperialismus hatte sich im Vergleich zum japanischen und amerikanischen Kapitalismus entscheidend verschlechtert.

Vor diesem internationalen Hintergrund brach 1923 in Deutschland die Krise aus. Deutschland mit seiner hohen Produktivkapazität war gelähmt durch die Einschränkungen von Versailles und war nun das schwächste Glied in der Kette des weltweiten Kapitalismus geworden. Das Unvermögen Deutschlands, die Raten der Reparationen zu zahlen, brachte die französischen Kapitalisten dazu, an der Ruhr einzumarschieren. Dies trug dazu bei, die deutsche Wirtschaft völlig zusammenbrechen zu lassen, und die deutsche Bourgeoisie versuchte, die Lasten auf die Schultern der Arbeiter- und Mittelklassen abzuwälzen. Der Wert der Mark viel von 20 auf 40 Mark für ein Pfund im Januar, auf 5 Millionen im Juli und auf 47 Millionen Ende August. Die zornigen deutschen Massen wandten sich dem Kommunismus zu. Der damalige Führer der Kommunistischen Internationale, Brandler, sagte beim Exekutivkomitee der Komintern:

„Es gab Anzeichen einer wachsenden revolutionären Bewegung: Wir hatten zeitweise die Mehrheit der Arbeiter hinter uns, und in dieser Situation glaubten wir, dass wir unter günstigen Umständen direkt zum Angriff übergehen konnten…"

Aber unglücklicherweise nahm die Führung der Internationale die Herausforderung nicht an und nutzte die Gelegenheit nicht zu ihrem Vorteil aus. Ein Erfolg in Deutschland hätte unweigerlich den Sieg in ganz Europa herbeigeführt. Jedoch wie in Russland 1917, so in Deutschland 1923: Teile der Führung schwankten. Stalin, mit seinem eingefleischten Opportunismus, drängte darauf, die deutsche Partei zu „zügeln", damit sie keine Initiative ergreift. Das Ergebnis war, dass die günstige Gelegenheit zur Machtübernahme in Deutschland verpasst wurde und die Kommunisten in Deutschland eine Niederlage erlitten. Aus ähnlichen Gründen erlitt auch die Revolution in Bulgarien Schiffbruch.

Aber die Niederlagen der Revolution in Europa, die durch das Versagen der Führung verursacht wurden, führten unweigerlich zu schwerwiegenden Konsequenzen. Wie Lenin geschrieben hatte, um auf die Notwendigkeit zur Vorbereitung des Aufstands in Russland 1917 zu drängen:

„Der Erfolg der Russischen Revolution und der Weltrevolution hängt von zwei oder drei Tagen Kampf ab."

Das Scheitern der Weltrevolution und die Isolation der Sowjetunion, zusammen mit ihrer Rückständigkeit, die Müdigkeit und Apathie der sowjetischen Massen, die durch Jahre des Krieges, furchtbarer Entsagungen und Leiden während des Bürgerkriegs und der Intervention gegangen waren, ihre Enttäuschung und Verzweiflung angesichts des Scheiterns ihrer Hoffungen auf Hilfe von den europäischen Arbeitern: dies alles führte unweigerlich zur Reaktion in der UdSSR.

Zu jener Zeit, beim — vielleicht unbewussten — Nachdenken über die Interessen der reaktionären und konservativen Bürokratie, die gerade begann, sich über die sowjetischen Massen zu erheben, stellte Stalin 1924 zum ersten Mal seine utopische und antileninistische Theorie vom Sozialismus in einem Lande auf. Diese „Theorie" erwuchs direkt aus der Niederlage, die die Revolution in Deutschland erlitten hatte. Sie zeigte eine Abwendung von den Prinzipien des revolutionären Internationalismus an, auf die sich die Russische Revolution gestützt hatte und auf denen die Kommunistische Internationale gegründet war. Beim Begräbnis Lenins im Januar 1924 erklärte Stalin, aus der Macht der Gewohnheit der Tradition der Russischen Revolution folgend: „Während Genosse Lenin uns verlässt, befiehlt er uns Treue zur Kommunistischen Internationale. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, unser Leben der Vergrößerung und Stärkung der Einheit der Arbeiter der ganzen Welt zu verschreiben, der Kommunistischen Internationale." Zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht die geringste Ahnung, wohin die Theorie vom Sozialismus in einem Land die Sowjetunion und die Komintern führen würde.

Die Geschichte der Komintern ist seit diesen Tagen verbunden mit der schwankenden Politik der Bürokratie in der UdSSR. Lenin hatte ständig das Schicksal der Sowjetunion mit dem der Arbeiterklasse der Welt verbunden, und besonders mit dem ihrer Vorhut, der Komintern. Sogar der Eid der Roten Armee verpflichtete die roten Soldaten auf die Loyalität mit der internationalen Arbeiterklasse. Tatsächlich wurde die Rote Armee nicht als eine unabhängige „nationale" Streitmacht betrachtet, sondern als eines der Instrumente der Weltrevolution. Natürlich wurde all dies längst von Stalin geändert.

Trotzki hat zusammen mit Lenin, der in seinen letzten Jahren die sich entwickelnde Situation mit Besorgnis verfolgte, schon 1923 den Kampf gegen die Bürokratisierung der Bolschewistischen Partei und des Sowjetstaates begonnen. Lenin warnte vor den Gefahren der Entartung, die den Sowjetstaat bedrohten.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Reaktion, national und international, erreichte der Kampf zwischen den Internationalisten und den Thermidorianern ein akutes Stadium. Trotzki verlangte, gemeinsam mit Lenin, die Wiederherstellung der völligen Demokratie in der Bolschewistischen Partei und in den Sowjets. Lenin, der dieses Ziel verfolgte, forderte, Stalin vom Posten des Generalsekretärs der Partei zu entfernen, weil er der Brennpunkt geworden war, um den die Bürokratie sich kristallisierte. Nach Lenins Tod brachten Sinowjew, Kamenjew und Stalin, „die Troika", einen Beschluss durchs Zentralkomitee, der Lenins Rat missachtete, und sie begannen eine Kampagne gegen Lenins Ideen, die von Trotzki vorgebracht wurden, mit der gefälschten Erfindung und Legende des „Trotzkismus".

Das Schicksal der Komintern war verbunden mit dem Schicksal der Bolschewistischen Partei der Sowjetunion, die wegen ihres Ansehens und ihrer Erfahrung natürlicherweise die bestimmende Kraft in der Internationalen war. Der Übergang von der Politik der Weltrevolution zu der des Sozialismus in einem Lande drückte einen scharfen Schwenk nach rechts sowohl in der internen russischen Politik als auch in der Politik der Komintern aus.

In Russland wurden Sinowjew und Kamenjew von der antimarxistischen Politik, die Stalin jetzt entwickelte, in die Opposition gezwungen. Sie wurden in eine Allianz mit Trotzki und seinen Anhängern geworfen. Stalin lehnte zusammen mit Bucharin die Politik der Industrialisierung Russlands durch eine Serie von Fünfjahresplänen, wie sie von der Linken Opposition unter Trotzkis Führung vorgeschlagen wurde, ab und brachte bei der Plenarsitzung des Zentralkomitees seinen berühmten Aphorismus, dass „der Versuch, das Wasserkraftwerk am Dnjepr zu bauen, für uns dasselbe bedeuten würde wie für einen Muschik [=Bauern] der Versuch, ein Grammophon zu kaufen statt einer Kuh." Noch Ende 1927, während der Vorbereitungen zum 15. Parteitag, dessen Aufgabe es war, die linke Opposition auszuschließen, sagte Molotow mehrmals: „Wir dürfen nicht in die Illusionen eines armen Bauern über die Kollektivierung der breiten Massen verfallen. Unter den gegenwärtigen Umständen ist das nicht mehr möglich." In Russland galt die Politik, den Kulaken (reichen Bauern) und NEP-Männern (Kapitalisten in den Städten) alle Rechte der wirtschaftlichen Entwicklung zu geben. Diese Politik wurde perfekt charakterisiert durch einen Ausspruch, den Bucharin mit voller Unterstützung Stalins prägte: „Bereichert Euch!"

Die Politik der Komintern wurde nun weit nach rechts gedrückt, weil Stalin damit beschäftigt war, Verbündete zu finden, um „die Sowjetunion gegen einen Angriff zu verteidigen." Die Komintern war schon auf die Rolle einer Grenzwache reduziert. Die Meinungsverschiedenheiten in der Bolschewistischen Partei und der Internationalen flammten an der Frage der Chinesischen Revolution und der Situation in Großbritannien auf. In China brachte die Revolution von 1925-27 die Millionen Asiens in Aktion. Anstatt sich auf die ArbeiterInnen und BäuerInnen zu verlassen, die die Revolution durchführen, wie es die Leninistische Politik in Russland war, zog es die Komintern vor, sich auf die chinesischen Kapitalisten und Generäle zu verlassen. Die Linke Opposition warnte vor den Konsequenzen dieser Politik. Die Chinesische Kommunistische Partei war die einzige Arbeiterpartei in China und hatte einen bestimmenden Einfluss auf die Arbeiterklasse; die Bauernschaft orientierte sich am Beispiel Russlands, das ihnen einen Ausweg aus ihrer Jahrhunderte langen Unterdrückung durch die Grundbesitzer zeigte: die Aneignung des Bodens. Aber die Komintern weigerte sich hartnäckig, den Weg der Unabhängigkeit der Arbeiterklasse zu gehen, auf dem Lenin bestanden hatte als Voraussetzung für kommunistische Politik im Verhältnis zu den bürgerlich-demokratischen und antiimperialistischen Revolutionen im Osten.

Inzwischen wurde eine ähnliche Politik in Großbritannien verfolgt, wo die Massen einen enormen Radikalisierungsprozess durchmachten. Als ein Mittel, Interventionen gegen die Sowjetunion zu bekämpfen, schlossen die russischen Gewerkschaften ein Abkommen mit dem Generalsekretär des [Gewerkschaftsdachverbandes] TUC. Die Tendenz zu revolutionären Entwicklungen in Großbritannien ist erkennbar an der Tatsache dass eine Million Mitglieder, ein Viertel der Mitgliedschaft der Gewerkschaften, in der Minderheitsbewegung organisiert waren. Trotzki, der die Situation in Großbritannien analysiert hatte, hatte den Ausbruch eines Generalstreiks vorhergesagt. Die Aufgabe der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale wäre es gewesen, die ArbeiterInnen auf den unvermeidlichen Verrat von Seiten der Gewerkschaftsführer vorzubereiten. Stattdessen säten sie Illusionen in das Bewusstsein der ArbeiterInnen, besonders nachdem sich die Gewerkschaftsführer hinter dem Abkommen mit den russischen Gewerkschaften versteckten, deren Autorität sie als Deckmantel benutzten. Nach dem Verrat des Generalstreiks durch die Gewerkschaftsbürokratie forderte Trotzki, die russischen Gewerkschaften sollten ihre Beziehungen zum TUC abbrechen. Stalin und die Komintern weigerten sich, dies zu tun.

Nachdem sie das Englisch-Russische Komitee benutzt hatten, solange sie es brauchten, brachen die britischen Gewerkschaftsführer mehr als ein Jahr nach dem Generalstreik die Beziehungen ab. Die Komintern ließ einen Aufschrei hören, sie sei betrogen worden. Die junge Kommunistische Partei Großbritanniens aber, die ihren Einfluss als Ergebnis dieser großen Ereignisse sprunghaft hätte ausbauen sollen, war gelähmt und richtungslos durch die Politik der Internationale, war völlig diskreditiert und verlor stark an Einfluss bei den Massen.

Diese weiteren Niederlagen der Internationale, die direkt auf das Konto von Stalin und der Bürokratie gingen, steigerten —auf den ersten Blick paradox— die Macht der Bürokratie in der Sowjetunion. Die sowjetischen Massen wurden durch diese neuen Niederlagen des internationalen Proletariats weiter entmutigt und desillusioniert und erlitten ein weiteres Absinken der Moral. Die Niederlagen, die eine direkte Konsequenz der Politik Stalins und der Bürokratie waren, stärkten ihre Stellung in der Sowjetunion. Die „Linke Opposition" unter Trotzkis Führung, die diese Entwicklungen richtig analysiert und vorhergesehen hatte, wurde nun aus der Bolschewistischen Partei und der Internationale ausgeschlossen.

Die inneren Ergebnisse von Stalins Politik begannen Früchte zu tragen in Form des alarmierenden Wachstums der Stärke und des Einflusses der Kulaken und der NEP-Männer. Die Sowjetunion stand an der Schwelle einer Katastrophe. In Panik und Schrecken waren Stalin und die Bürokratie gezwungen, eine Karikatur genau der Politik anwenden, wegen der Trotzki und seine Mitdenker ausgeschlossen worden waren. In Russland wurden die Fünfjahrespläne eingeführt, die Stalin so eifrig bekämpft hatte. Auf dieser Grundlage einer geplanten Produktion hat die Sowjetunion ihre größten Erfolge errungen und darauf steht die UdSSR heute im Krieg.

Der panikartige Schwenk nach links im Inneren führte mittlerweile auch international zu einem panikartigen Schwenk nach links. Stalin hatte sich böse die Finger verbrannt bei seinem Versuch, sich auf die kapitalistischen Elemente in China zu verlassen und die Sozialdemokratie zu beschwichtigen. Nun drehte er die Internationale scharf in eine andere Richtung. Ihre eigenen Statuten verletzend, hatte die Internationale seit vier Jahren keine Konferenz mehr abgehalten. Eine neue Konferenz wurde einberufen, die offiziell das Programm des Sozialismus in einem Land in das Programm der Kommunistischen Internationale einführte. Es wurde auch das Ende der kapitalistischen Stabilität und der Beginn einer sogenannten „Dritten Periode" proklamiert. Diese „Dritte Periode" sollte angeblich in die Periode des endgültigen Zusammenbruchs des Kapitalismus führen. Gleichzeitig sollte sich nach der einst berühmten (aber heute begrabenen) Theorie Stalins die Sozialdemokratie selbst in den „Sozialfaschismus" verwandelt haben. Keine Abkommen mit den „Sozialfaschisten" waren nun mehr möglich, da sie die Hauptgefahr für die Arbeiterklasse darstellten und zerstört werden mussten.

Genau zu dieser Zeit suchte die beispiellose Rezession von 1929-33 die Welt heim. Besonders Deutschland war betroffen. Die deutschen ArbeiterInnen wurden in eine Position von Abstieg und Elend geworfen und die Mittelklassen wurden ruiniert. Die deutschen Arbeitslosenzahlen wuchsen ständig bis sie schließlich den Gipfel von 8 Millionen erreichten. Die Mittelklasse, die in der Revolution von 1918 nichts bekommen hatte und enttäuscht war vom Scheitern der Machtübernahme der Kommunisten 1923, begann nun in Wut und Verzweiflung in einer anderen Richtung eine Lösung ihrer Probleme zu suchen. Subventioniert und finanziert von den Kapitalisten, fingen die Faschisten an, sich eine Massenbasis in Deutschland zu sichern. Bei den Wahlen im September 1930 erhielten sie fast 6,5 Millionen Stimmen.

Trotz ihres Ausschlusses aus der Kommunistischen Internationale betrachteten sich Trotzki und seine AnhängerInnen immer noch als ihr Teil und forderten wieder und wieder, dass ihnen die Rückkehr in ihre Reihen gestattet würde. Gleichzeitig unterzogen sie die Selbstmordtheorie, die nun von der Komintern angenommen worden war, einer scharfen Kritik. Anstatt dieser verlangten sie eine Rückkehr zur realistischen Leninistischen Politik der Einheitsfront als Mittel, die Massen in der Aktion und durch deren eigene Erfahrung für den Kommunismus zu gewinnen.

Bei Hitlers Wahlsieg schlug Trotzki Alarm. In einer Broschüre mit dem Titel „Die Wende in der Kommunistischen Internationale — die Situation in Deutschland" gab er das Startzeichen zu einer Kampagne, die die Internationale Linke Opposition — als das betrachteten sich die Trotzkisten — drei Jahre lang durchführte. In Deutschland, Frankreich, USA, Großbritannien, im weit entfernten Südafrika und in allen Ländern wo sie Gruppen hatten, führten die TrotzkistInnen eine Kampagne mit der Forderung, dass die Kommunistische Partei Deutschlands eine Kampagne für eine Einheitsfront mit den Sozialdemokraten starten sollten, um Hitler an der Machtübernahme zu hindern.

Auf die direkte Anweisung und das Drängen Stalins und der Komintern hin denunzierte die Kommunistische Partei Deutschlands diese Politik als eine konterrevolutionäre und „sozialfaschistische". Sie bekämpften immer wieder die Sozialdemokratie als den „Hauptfeind" der Arbeiterklasse und behaupteten, es gebe keinen Unterschied zwischen Demokratie und Faschismus. Im September 1930 erklärte die Rote Fahne, das Organ der KPD: „Die letzte Nacht war der größte Tag Hitlers, aber der sogenannte Wahlsieg der Nazis ist der Anfang vom [ihrem, A.d.Ü.] Ende." Durch all diese Jahre setzte die Komintern diesen tödlichen Kurs fort. Als Hitler 1931 eine Abstimmung organisierte, um die sozialdemokratische Regierung in Preußen zu stürzen, stimmten die deutschen Kommunisten auf direktes Drängen Stalins und der Komintern mit den Nazis und gegen die Sozialdemokraten. Noch im Mai 1932 konnte der britische Daily Worker mit Stolz die Trotzkisten so angreifen:

„Es ist kennzeichnend, dass Trotzki sich für eine Einheitsfront zwischen den kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien gegen den Faschismus eingesetzt hat. Gegenwärtig hätte man der Klasse keine störendere und konterrevolutionärere Führung geben können."

Inzwischen hatte Trotzki vier Broschüren und Dutzende von Artikeln und Manifesten geschrieben, überall kämmten die internationalen TrotzkistInnen jede Straße durch, um Druck auf die Komintern auszuüben, damit sie ihre Politik änderte. Vergeblich. Im Januar 1933 wurde Hitler die Machtergreifung ohne jede organisierte Opposition ermöglicht, in einem Land mit der am höchsten organisierten Arbeiterklasse und der stärksten kommunistischen Partei außerhalb Russlands. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde es der Reaktion erlaubt, die Macht zu erobern ohne Widerstand von Seiten der Arbeiterklasse. Die KPD zählte 6 Millionen Wähler, die Sozialdemokratie 8 Millionen — zusammen waren sie die mächtigste Kraft in Deutschland.

Durch diesen Verrat war die KPD für immer verdammt. Aber die Komintern war weit davon entfernt, das Ausmaß der Katastrophe zu erkennen. Stattdessen bestätigte sie feierlich die völlige Richtigkeit der Politik der KPD und der Internationale.

Eine Organisation, die nichts aus den Lektionen der Geschichte lernen kann, ist verdammt. Als treibende Kraft des weltweiten Sozialismus war die Kommunistische Internationale tot. Die Internationale Linke Opposition spaltete sich ab und erklärte die Notwendigkeit einer neuen Internationale. Aber was für die Vorhut, die den Versuch, die Komintern zu reformieren, aufgegeben hatte, völlig klar war, konnte für die breiten Massen nicht klar sein. Nur in gewaltigen Ereignissen konnten sie lernen.

Die Kommunistische Internationale setzte diese falsche Politik noch bis 1934 fort. Als die Faschisten in Frankreich, durch die Erfolge des Faschismus in Österreich und Deutschland ermutigt, bewaffnete Demonstrationen für den Sturz der liberalen Regierung und des Parlaments durchführten, gab die KP die Parole aus, mit ihnen zu demonstrieren. Aber jetzt war die ganze Gefahr, die Hitler für die Sowjetunion darstellte, jedem klar. Stalin und die Bürokratie gerieten in Panik. Gegen die Möglichkeiten der Komintern als Instrument der Weltrevolution verächtlich und zynisch eingestellt, verwandelte Stalin sie offener in ein Instrument der russischen Außenpolitik. In der Klassengesellschaft verfällt eine Organisation, die aufhört, die Arbeiterklasse zu vertreten, unweigerlich dem Druck und Einfluss der Bourgeoisie. Bei seiner Suche nach Verbündeten wendete Stalin sich jetzt an die Bourgeoisie von Großbritannien und Frankreich. Die „Volksfront"politik war begonnen und wurde vom letzten Kongress der Internationale 1935 angenommen. Diese Politik der Koalition mit den liberalen Kapitalisten ist von Lenin während seines ganzen Lebens bekämpft worden. Sie stellte ein neues Stadium der Degeneration der Kornintern und des ersten Arbeiterstaates dar.

Mit dem Aufstieg Hitlers, wieder wegen der Politik Stalins, wurde der Würgegriff der Bürokratie in der Sowjetunion noch fester. Höher und höher hat sich die bürokratische Kaste über die sowjetischen Massen erhoben und ihre Macht ausgebaut. Aber diese fortschreitende Degeneration hat qualitative Veränderungen gehabt. Anfangs nur unfähig, irgendetwas anderes als Niederlagen für die Arbeiterklasse der Welt zu erzielen, ist der Stalinismus jetzt ein Gegner von Arbeiterrevolutionen in anderen Ländern geworden. Die Moskauer Prozesse, die Ermordung der alten Bolschewiki, die Säuberungen, Mord und Exilierung von Zehntausenden der Blüte der russischen kommunistischen ArbeiterInnen haben die stalinistische Konterrevolution in der Sowjetunion vollendet.

Die Ereignisse in Frankreich und Spanien sind jedem frisch in der Erinnerung. Die Komintern spielte bei der Zerstörung der Revolution, die erreichbar gewesen wäre, die Hauptrolle. Sie entpuppte sich sogar als kämpfende Vorhut der Konterrevolution. Die Niederlagen der Welt-Arbeiterklasse führten unvermeidlich zum neuen Weltkrieg. Ironischerweise wurde der Krieg von einem Pakt zwischen Hitler und Stalin eingeleitet. So fügte Stalin der Weltarbeiterklasse und der Komintern neue Schläge zu. Die machte nun einen Salto und führte eine Kampagne für den Frieden im Interesse Hitlers, mit einer gekonnten Imitation einer „revolutionären" Politik. Wie Trotzki in seiner Voraussage des Stalin-Hitler-Übereinkommens in einem Artikel von März 1933 es annahm:

„Der Grundzug von Stalins internationaler Politik in den letzten Jahren war dieser: er handelt mit Bewegungen der Arbeiterklasse wie er mit Öl, Mangan und anderen Waren handelt. In dieser Feststellung liegt nicht ein Jota Übertreibung. Stalin betrachtet die Sektionen der Komintern in verschiedenen Ländern und die Befreiungskämpfe der unterdrückten Nationen so wie Wechselgeld im Handel mit imperialistischen Mächten.

Wenn er die Hilfe Frankreichs braucht, überlässt er das französische Proletariat den radikalen Bourgeois. Wenn er China gegen Japan unterstützen muss, überlässt er das chinesische Proletariat der Kuomintang. Was würde er im Fall eines Abkommens mit Hitler tun? Hitler, soviel ist sicher, braucht nicht unbedingt Stalins Hilfe, um die Kommunistische Partei Deutschlands zu erwürgen. Der unbedeutende Zustand, in dem letztere sich befindet, ist darüber hinaus durch ihre gesamte vorherige Politik sichergestellt worden. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Stalin der Einstellung aller Zahlungen für die illegale Arbeit in Deutschland zustimmen würde. Das ist eine der geringfügigsten Konzessionen, die er machen müsste und er wäre einigermaßen bereit, sie zu machen.

Man sollte außerdem annehmen, dass die lautstarke, hysterische und unechte Kampagne gegen den Faschismus, die die Komintern in den letzten Jahren geführt hat, klammheimlich zum Verstummen gebracht wird."

Diese Politik Stalins und der „verwesende Leichnam" der Komintern wurden unwiderruflich ruiniert, als die Nazis in die Sowjetunion einmarschierten. Die Komintern musste einen Rechtsum-Schwenk ausführen und sich in eine Fußmatte für Roosevelt und den britischen Imperialismus verwandeln. Aber mit der verstärkten Abhängigkeit Stalins vom amerikanischen und britischen Imperialismus ist auch der Druck von Seiten der kapitalistischen „Alliierten" gewachsen. Besonders der amerikanische Imperialismus hat die Beendung der Komintern verlangt, als eine endgültige Garantie gegen die Gefahr der sozialen Revolution in Europa nach Hitlers Niedergang.

Die langgezogene Vorspiegelung ist vorbei. Stalin hat die heruntergekommene Komintern aufgelöst. Dabei erklärt er offen seinen Übertritt auf die Seite der kapitalistischen Konterrevolution, sofern es den Rest der Welt betrifft. Aber die Imperialisten, die Stalin diesen Handel aufgezwungen haben als Gegenleistung für ihre Konzessionen und Angebote, haben die Konsequenzen nicht verstanden, die dies haben wird.

Es kann und wird nicht das Entstehen von neuen Revolutionen in der ganzen Welt verhindern. In weniger als zwei Jahrzehnten seit dem Beginn ihrer Entartung hat die Komintern viele günstige Situationen in vielen Ländern ruiniert. Die kommenden Jahrzehnte werden Zeuge von vielen Revolutionen mit dem Niedergang und Zusammenbruch des Kapitalismus sein. Sogar die gewaltig stürmische Epoche zwischen den Kriegen wird vergleichsweise ruhig erscheinen, verglichen mit der kommenden Periode. Auf dieser Grundlage von Stürmen und Aufständen wird ein wirkliches Instrument der Weltrevolution entstehen. Was den Arbeitern außerhalb Russlands in den letzten Jahrzehnten am meisten gefehlt hat, war eine bolschewistische Partei und eine bolschewistische Führung. Die großen Zeiten der Komintern von 1917-23 werden wieder aufleben. Eine neue Internationale, als die Erbin und Fortführerin der Traditionen des Bolschewismus, die sich auf die reichen Erfahrungen der Vergangenheit gründet und die Lektionen aus den Niederlagen der Arbeiterklasse lernt, wird die Unterdrückten zum Sturz des Kapitalismus und zur weltweiten Sozialistischen Republik führen.

Buchpräsentation: „Im Hamsterrad – Lehren aus der Geschichte der SPÖ-Linken von 1945 bis heute“

mit einem Vorwort von Derek Weber (Autor von »Der kalte Krieg in der SPÖ«)
Sonja Grusch

Auf 160 Seiten widmet sich ISA-Aktivistin Sonja Grusch der Geschichte der Linken in der SPÖ seit 1945. Die Autorin stellt klar: „Für den Neuformierungsprozess der Linken können und müssen wir aus den Fehlern und natürlich auch aus den Erfolgen linker VorkämpferInnen lernen.“ Behandelt werden die Linken in SPÖ und v.a. diversen Jugendorganisationen (SJ, JG, VSStÖ, VSM, AKS), aber auch in der Gewerkschaft. Die Arbeit dieser Linken, die verhältnismäßig wenig organisiert auftraten und daher nie wirklich zur Gefahr für die Parteirechte wurden, wird im Laufe der Jahrzehnte immer erfolgloser und frustrierender. Das Wirken der Gruppe um Erwin Scharf wird ebenso analysiert wie die Cap-Kandidatur 1983 und linke Strömungen wie Vorwärts, Funke, Stamokap oder neuere Versuche. Zahlreiche EinzelkämpferInnen und ihre Rolle dabei, v.a. linke Jugendliche an die SPÖ zu binden, werden untersucht. Die Einleitung hat Fritz „Derek“ Weber verfasst, der Autor des Standardwerkes „Der kalte Krieg in der SPÖ“. Andreas Pittler, Buchautor und lange selbst in der Sozialdemokratie, meint über „Im Hamsterrad“, dass das Buch „einen wirklich guten Überblick darüber gibt, dass mit der SP eben kein Gegenentwurf zum Kapitalismus zu machen ist und es daher Illusion war und ist, innerhalb der Sozialdemokratie etwas zum Positiven verändern zu können.“

 

W24-TV-Interview zum Thema/Buch: https://www.youtube.com/watch?v=IwFn-KMfvQg

 

Bestellen: "Im Hamsterrad – Lehren aus der Geschichte der SPÖ-Linken von 1945 bis heute" ist im linken "Manifest Verlag" in Berlin erschienen (ISBN 978-3-96156-003-5). Das 162 Seiten umfassende Buch kann um 9,90 (zuzüglich Porto) auch bei der ISA direkt bezogen werden. Einfach E-Mail an slp@slp.at!

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Putin, Stalin, Kommunismus – alles das Gleiche?

Jan Millonig

Im Februar jährt sich der russische Angriff auf die Ukraine, im März Stalins Todestag. Warum der immer wieder gebrachte Vergleich zwischen Putin und Stalin Unsinn ist, kann in der Infobox nachgelesen werden. Doch neben Propaganda gegen den Feind im imperialistischen Konflikt zwischen China/Russland auf der einen und USA/Westen auf der anderen Seite, Rechtfertigung für Rüstungsausgaben usw., dient der Krieg den Herrschenden im Westen auch als günstige Gelegenheit, gegen „Kommunismus“ zu wettern.

Denn vor allem der Jugend heute „fehlt“ die Erfahrung mit der antikommunistischen Propaganda im Kalten Krieg und das Image des kapitalistischen Systems ist schon länger in der Krise. In einer weltweiten Umfrage sagten 2020 über 50%, dass der Kapitalismus mehr schadet als nützt. Selbst in Deutschland findet die Mehrheit der 16- bis 29-Jährigen, die „soziale Marktwirtschaft“ erfüllt ihr Versprechen nicht. Dieser Trend verstärkt sich laufend. Umfragen zeigen auch, dass „Sozialismus“ vor allem unter Jungen immer mehr Sympathien bekommt. So versucht man, diese neu gegen die Idee einer sozialistischen Gesellschaft zu „immunisieren“.

Aber wenn jetzt vor „der Rückkehr des Sowjetsozialismus“ gewarnt wird, weil in Russland der Staat stark in die Wirtschaft eingreift, sind das Strohmänner. Jeder Staat (wie übrigens auch die Ukraine) greift in Kriegszeiten zu solchen Maßnahmen, inklusive der Kontrolle über die Rüstungsproduktion und anderen Eingriffen in die Wirtschaft.

Die ganz normale imperialistische Kriegshetze

Das weltweite kapitalistische Wirtschaftssystem zwingt die einzelnen Player zu Profitsteigerung und Wachstum. In einer endlichen Welt muss das unweigerlich zu Verteilungskämpfen um Ressourcen und Absatzmärkte führen. Die einzelnen Nationalstaaten (und Blöcke) versuchen dieses Interesse bestmöglich für „ihre“ Kapitalist*innen durchzusetzen, bis hin zu militärischen Auseinandersetzungen. Der Westen und die NATO konnte das in Europa bis jetzt durch „sanfte Maßnahmen“, wie wirtschaftliche und politische Einflussnahme oder den Ausbau der NATO-Verteidigungslinie umsetzen. Putin konterte mit Flucht nach vorne.

Dabei geht es ihm nicht nur um seine persönliche Macht, sondern die Interessen der russischen Oligarch*innen-Elite, deren wirtschaftlichen und politischen Interessen in der Region zu sichern und Einflusssphären im Rahmen des imperialistischen Kampfes auszubauen.

Die Neigung zu Aggression und Eroberung liegt also nicht in der „russischen Seele“, sondern ist ein Ergebnis kapitalistischer Mechanismen, im Rahmen derer die USA und der Westen genauso ihre eigenen Interessen in Europa, gegenüber China im Pazifik oder am Balkan verteidigt. Zur Verschleierung wird von der „Verteidigung westlicher Werte“ fabuliert, Russ*innen mit rassistischen Vorurteilen belegt und alle mit Putin gleichgesetzt. Doch „der Westen“ hat überhaupt kein Problem mit Diktaturen oder repressiven Regimes, wenn sie auf ihrer Seite stehen, siehe Erdogan oder Saudi Arabien.

Genauso falsch ist es, sich aus einer gerechtfertigten Ablehnung des westlichen Imperialismus und in einer „der Feind meines Feindes ist mein Freund“-Manier mit dem scheinbar „besseren“ (chinesischen oder russischen) Imperialismus zu solidarisieren.

Tatsache ist, dass Russland und China nichts mit „Sozialismus“ zu tun haben. Tatsache ist auch dass „der Westen“ weit entfernt ist von einer Gesellschaft, die frei von Ausbeutung und Unterdrückung ist.

Die Antwort auf diese Verteilungskämpfe unter denen da oben kann nur Solidarität von unten gegen eben diese sein. Wir stehen mit der russischen, ukrainischen, iranischen, chinesischen und amerikanischen Arbeiter*innenklasse gegen Putin, Biden, Xi, Selensky und Chamenei. Und zwar gegen Ausbeutung und Krieg und alle herrschenden Klassen und für  eine von der gesamten Arbeiter*innenklasse demokratisch verwaltete Wirtschaft und Gesellschaft.

 

INFO:

Wie Putin selbst, betrachten westliche Kommentator*innen die Rolle historischer Figuren oft nur oberflächlich, versuchen ihr Handeln durch ihren „Charakter“ zu erklären, ohne soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge und Interessen zu analysieren. Doch selbst Putin unterscheidet (richtigerweise) zwischen Lenin und Stalin. Ersterer stand für die Machtübernahme durch Arbeiter*innen- und Soldatenräte und mit den Bolschewiki für einen schnellen Ausstiegs Russlands aus dem 1. Weltkrieg sowie das Recht auf nationale Unabhängigkeit unterdrückter Völker. Genau das kritisiert Putin, der eher in der nationalistischen Tradition des Zaren-Reiches steht. Wenn er sich auf die Sowjetunion positiv bezieht, dann auf die übelsten stalinistischen Elemente. Denn auch Stalin hat auf Nationalismus gesetzt und nationale Minderheiten unterdrückt, um „Einheit“ zu erzwingen und so die Macht der stalinistischen Kaste zu sichern. Das ging Hand in Hand mit dem Abbau der sozialen und demokratischen Errungenschaften der Oktoberrevolution 1917.

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Pariser Kommune 1871: Der Staat ist nicht neutral

Teil 2 der Artikelserie: Revolutionen und ihre Lehren
Anna Hiemann

 

Die Pariser Kommune war der erste Versuch der Arbeiter*innenklasse, die Macht zu ergreifen. Am 28. Mai 1871 brachten die Arbeiter*innen und Armen Paris unter ihre Kontrolle. Doch sie konnten diese Macht nur für 72 Tage halten. Am Ende wurde die Kommune innerhalb einer Woche in einem grausamen Blutbad niedergeschlagen.

Klassenkrieg statt Völkerkrieg

Zwischen Frankreich auf der einen und Deutschland unter preussischer Führung auf der anderen Seite herrscht 1871 bereits seit Monaten Krieg. Die reguläre Armee ist großteils in deutscher Kriegsgefangenschaft, die Bevölkerung von Paris erhält Waffen, um die Stadt zu verteidigen. Die ohnehin große gesellschaftliche Ungleichheit wird durch Krieg und die Belagerung von Paris weiter verstärkt. Der Unmut steigt, auch sozialistische Gruppen erfahren regen Zulauf, da viele Leute sich von der französischen herrschenden Klasse entfremdet haben. Bereits Anfang März 1871 kommt es zu Unruhen und viele der Reichen verlassen die Stadt. Aus Angst vor dem Unmut der Arbeiter*innen und Armen versucht die bürgerliche Regierung, die inzwischen einen Deal mit dem bisherigen Feind geschlossen hat, die Waffen zurückzuholen, was misslingt. Ab diesem Zeitpunkt steht sie dem revolutionären Paris feindlich gegenüber.

Denn die Arbeiter*innen beginnen mit dem Aufbau einer neuen, proletarischen Demokratie. Das stehende Heer wird abgeschafft und durch eine Nationalgarde ersetzt. Außerdem werden die Wohnungen der Reichen beschlagnahmt und Mieten erlassen. Fabriken, die von geflohenen Besitzer*innen zurückgelassen werden, werden von den Arbeiter*innen betrieben. Die Kirche verliert ihre Macht und Privilegien, dafür erhalten die neugewählten Vertreter*innen nur einen durchschnittlichen Arbeiter*innenlohn. Frauen nehmen aktiv am politischen Leben teil und sind an der Verteidigung der Kommune beteiligt. Nachdem sich die französischen Bürgerlichen mit den deutschen Herrschenden zusammengetan haben, gelingt es ihnen, in die Stadt einzudringen, es kommt zu blutigsten Kämpfen und die Kommune und mit ihr rund 30.000 Kommunard*innen fallen.

Lehren über die Rolle des Staates

Die Kommune hatte den Staat der herrschenden Klasse nicht zerschlagen. Deren Vermögen blieben weitgehend unangetastet, sie konnten ungeschoren abziehen. Das ist jedoch verheerend, wie Karl Marx 1872 schreibt: „Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, dass die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen kann“, sondern sie muss sie „zerbrechen“. Bis dahin hatte auch in der sozialistischen Bewegung ein klares Bild vom Staat gefehlt, die Kommune hatte dafür teuer bezahlt. Die zentrale Rolle des Staates, nämlich die unterdrückten Klassen kleinzuhalten und so die Stabilität des herrschenden Systems zu gewährleisten, wurde deutlich. Seit der Entstehung von Klassengesellschaften und den daraus resultierenden Klassengegensätzen nutzen die Herrschenden den Staat für ihre Interessen. 

Das französische Bürgertum gab den Arbeiter*innen Waffen, um Paris für sie zu verteidigen. Als das Proletariat jedoch auch für sich etwas wollte, verbündete sich das französische Bürgertum mit dem deutschen Militär. Die Erkenntnis daraus ist bis heute gültig: Der iranische “Prinz” will die Bewegung nutzen, um wieder an die Macht zu kommen. Die Ziele der heutigen Protestbewegungen aber würden nicht erfüllt werden, wenn sie Bündnisse mit diesem oder bürgerlichen Kräften, die das iranische Öl an westliche Konzerne verkaufen möchten, eingeht. Länder wie der Iran werden nur durch eine breit organisierte Arbeiter*innenbewegung den Kampf für echte Demokratie gewinnen. 

In revolutionären Bewegungen reicht es nicht, Ämter bzw. staatliche Institutionen mit “eigenen” Leuten zu besetzen, denn “der Staat ist eine Maschine zur Aufrechterhaltung der Herrschaft einer Klasse über eine andere.“ (Lenin 1917)

Die Erfahrungen der Pariser Kommune führten dazu, dass im Zuge der Russischen Revolution 1917 die bestehenden staatlichen Institutionen zerschlagen und die Herrschaftsverhältnisse grundlegend neugestaltet wurden, um die Basis für eine gänzlich andere Gesellschaft zu legen. Das muss auch das Ziel von Bewegungen des 21. Jahrhunderts sein.

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

VORWÄRTS-Schwerpunkt: Feminismus - bürgerlich oder sozialistisch?

Frauen haben in Österreich schon lange um ihre Rechte gekämpft. Die Frauenbewegungen waren keinesfalls homogen, doch welche Unterschiede gab es zwischen den verschiedenen Strömungen? Während der bürgerliche Feminismus auf der Seite des herrschenden Systems steht und die eigenen Forderungen im Zweifelsfall diesem unterwirft, stellt der proletarische Feminismus die Frauenfrage untrennbar von der Klassenfrage: Die Ausbeutung der mehrheitlich weiblichen Arbeitskraft, auch in der unbezahlten Haus- und Pflegearbeit, sowie Gewalt an ihren Körpern sind Schlüsselelemente für die Stabilisierung des kapitalistischen Systems.

Seit einigen Jahren zeigt sich ein wachsendes feministisches Bewusstsein durch weltweite Protestwellen von Millionen von Frauen. Wir wehren uns gegen Gewalt und Diskriminierung, Geschlechterrollen und Ausbeutung. Dabei muss die feministische Bewegung die Kampfmethoden der Arbeiterinnenbewegung aufgreifen und zum feministischen Streik aufrufen. Gleichzeitig muss die Frauenfrage in der Arbeiterbewegung, in Gewerkschaften und Organisationen bewusst gestellt werden, denn die Emanzipation und Befreiung der proletarischen Frau ist ein notwendiger Bestandteil des Klassenkampfes.

Bei der Revolution 1848 bildeten proletarische Frauen die vorderste Front und organisierten sich für den Kampf um Recht auf Arbeit – und heute sind die mehrheitlich weiblichen Beschäftigten im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialbereich in vielen Fällen der aktivste und kämpferischste Teil der Arbeiter*innenbewegung. Die proletarische Frauenbewegung ist die einzige, welche in der Lage ist, die Wurzeln von Sexismus zu überwinden, indem sie das kapitalistische System selbst bekämpft. Dafür braucht es ein revolutionäres Programm mit sozialistisch-feministischen Perspektiven. Bei diesem Kampf stehen Frau, Männer und alle, die nicht in vorgefertigte Kategorien passen wollen, Schulter an Schulter, denn sie sehen den Ursprung ihrer Trennung und Unterdrückung in der patriarchalen kapitalistischen Klassengesellschaft.

Destina

 

Die Lehren der proletarischen Frauenbewegung

“Die” Frauenbewegung gab es nie - der bürgerlichen Frauenbewegung ging es immer um Gleichstellung von bürgerlichen Frauen im Kapitalismus, während die Aktivist*innen der proletarischen Frauenbewegung dieses System als Grundlage der Unterdrückung bekämpften. Sie kämpften mit dem Bewusstsein, dass die Unterdrückung, die sie als Frauen und Arbeiterinnen erfuhren, untrennbar mit der Ausbeutung auch des männlichen Teils der Arbeiter*innenklasse zusammenhängt und nur gemeinsam abgeschafft werden kann.

„Besonders die Weibsbilder betrugen sich wie die Furien; auf die roheste, empörendste, unsittlichste Weise wurde die Garde beleidigt“ - so rechtfertigten Nationalgardisten im Sommer 1848 das Blutbad bei der “Praterschlacht” in Wien im Rahmen der 1848er Revolution. Hier trat die Arbeiter*innenklasse erstmals selbst in Aktion trat und wurde prompt von der bürgerlichen Nationalgarde angegriffen. Schon an dieser Episode zeigt sich: Im Kampf gegen ihre eigene Unterdrückung nahmen Frauen in revolutionären Bewegungen eine führende Rolle ein - gleichzeitig werden sie auch von scheinbar fortschrittlichen bürgerlichen Kräften bekämpft, wenn ihr Kampf die Grundlage bürgerlicher Herrschaft - die kapitalistische Wirtschaft - bedroht.

Radikale Wurzeln

Die ersten bürgerlichen Frauenvereine, die sich im 19. Jahrhundert gründeten, beschäftigten sich hauptsächlich mit karitativen Projekten und hatten keinen politischen Anspruch. Währenddessen war brutalste Lohnarbeit für Frauen aus der Arbeiter*innenklasse die Realität. Der Lohn von Männern reichte nicht aus, um eine Familie zu ernähren. Dies und der Hunger des Kapitals nach Produktionssteigerung führten zu rasant steigender Erwerbstätigkeit von Frauen. Frauen und Kinder mussten die gefährlichsten und niedrigsten Tätigkeiten übernehmen oder waren an die Heimarbeit gebunden. Die Arbeiterinnenzeitung beschreibt 1902 die Heimarbeit als den Ort, wo die Arbeiter*innenschaft am heftigsten ausgebeutet wird. Dennoch übernahm die reformistische Führung der sozialdemokratischen Arbeiter*innenbewegung lange die bürgerliche Ideologie vom politischen und organisatorischen Ausschluss der Frauen. Frauen wurden als Lohndrückerinnen eingesetzt - doch anstatt dies durch gemeinsame Organisierung für höhere Löhne für alle zu bekämpfen, wollte die reformistische Führung (die folgerichtig männlich dominiert war) sogar ein Frauenarbeitsverbot, während Revolutionär*innen dies klar ablehnten. Proletarische Frauen mussten von Beginn an ihren Platz in der Arbeiter*innenbewegung erkämpfen - auch deswegen stellte die proletarische Frauenbewegung oft eine Opposition zu reformistischer Anpassung dar.

1893 organisierte die Sozialistin Adelheid Popp eine Demonstration für das Frauenwahlrecht in Wien, von der Parteiführung wurde jedoch 1905 beschlossen, dass aus “taktischen Gründen” auf diese Forderung zunächst verzichtet werden sollte. Ziel war vorerst nur das allgemeine Männerwahlrecht, welches 1907 eingeführt wurde. Einige Frauen ordneten sich der Parteilinie unter, während andere, wie die deutsche Sozialistin Clara Zetkin, dies als Fehler bezeichneten. Zetkin ist die Einführung des internationalen Frauenkampftages zu verdanken - am 8. März 1911 demonstrierten in Wien 20.000 Frauen und Männer für das Frauenwahlrecht. Die bürgerliche Frauenbewegung sah das Wahlrecht als letzten Schritt zur vollständigen Emanzipation. Die proletarische Frauenbewegung sah im Wahlrecht jedoch nur eines von vielen Instrumenten, um die soziale Ungleichheit zu bekämpfen, was sich zum Beispiel in Forderungen nach dem 8-Stunden-Tag und gleichem Lohn für gleiche Arbeit ausdrückt.

Es war die sozialistische Frauenbewegung, die 1914 gegen den imperialistischen 1. Weltkrieg war, während die Führung der Sozialdemokratie dem Kriegskurs zustimmte. Auch die bürgerliche Frauenbewegung, schon zuvor teilweise glühende Verfechterinnen brutalster kolonialer Ausbeutung, war für den Krieg und sah ihn als Chance, sich als “Patriotinnen” zu beweisen. Dagegen rebellierten proletarische Frauen, die aufgrund des Krieges vermehrt auch in zuvor männlich dominierten Berufen eingesetzt wurden, bereits ab 1915 gegen die katastrophale soziale Situation. In der Folge befahl das österreichische Kriegsministerium, Frauen nur noch zu beschäftigen, wenn es nicht anders ging, weil sie „stets dasjenige Element darstellen, welches (...) die Ursache von Streiks bildet“. Dies wurde von den reformistischen, männlichen Partei- und Gewerkschaftsspitzen skeptisch bis ängstlich gesehen - während die Bolschewiki in denselben Entwicklungen in Russland revolutionäres Potential sahen und sie gezielt anfachten. So waren es dann auch die streikenden Textilarbeiterinnen in St. Petersburg, die 1917 Massendemonstrationen und die Russische Revolution auslösten.

Verschüttete Traditionen ausgraben!

Der Austro- und Nazifaschismus haben nicht nur die Arbeiter*innen-, sondern auch die proletarische Frauenbewegung in Österreich fast komplett zerstört. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges hatte die staatstragende Sozialdemokratie kein Interesse daran, an radikale Traditionen anzuknüpfen. Dennoch gab es ein gestiegenes Selbstbewusstsein unter Frauen: Sie hatten während des Krieges wieder die Gesellschaft am Laufen gehalten und im Nachkriegsaufschwung stieg die Erwerbsquote von Frauen wieder an. Die 2. Welle der Frauenbewegung entwickelte sich im Kontext von revolutionären Entwicklungen rund um koloniale Befreiung und die Bürgerrechtsbewegung in den USA - allerdings ohne dabei zentral in die Arbeiter*innenbewegung eingebunden zu sein. Das lag vor allem an der reformistischen Ignoranz der sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien, die Frauenbefreiung als “Nebenwiderspruch” abkanzelten. In Österreich wurde die Forderung nach Schwangerschaftsabbruch auf Krankenschein von der verbürgerlichten sozialdemokratischen Parteiführung zur Fristenlösung heruntergekocht. Diese legalisiert Abbrüche nicht, sondern stellt sie nur “straffrei” und sieht keine Übernahme der Kosten durch die Kassen vor.

Deshalb kann der Befreiungskampf der proletarischen Frau nicht ein Kampf sein wie der der bürgerlichen Frau gegen den Mann ihrer Klasse; umgekehrt, es ist der Kampf mit dem Mann ihrer Klasse gegen die Kapitalistenklasse. Clara Zetkin

Der Trend, dass die Arbeiter*innenbewegung die Frauenfrage nicht oder nur unzureichend aufgriff, setzte sich weiter in die 90er Jahre fort und als eine neue Welle der Politisierung rund um Fragen spezifischer Unterdrückung einsetzte, konnte sie keine sozialistischen Angebote und Antworten geben - befand sie sich doch selbst in einer tiefen Krise. Den Raum füllten akademische Theorien aus dem Bürgertum, die sich auf Symbolpolitik beschränken. Postmoderne Ansätze wie die Identitätspolitik geben keine Antworten und verbleiben bei abstrakten Diskussionen zu Geschlecht und Identität, das Konzept “Klasse” wurde immer mehr verdrängt. Klasse ist aber keinesfalls nur eine Unterdrückung von vielen, sondern ein materielles Verhältnis, das erst die Basis dafür schafft, dass Sexismus, Rassismus usw. existiert. Erst wenn wir als sozialistische Feminist*innen uns dessen bewusst sind und unseren Kampf gegen Sexismus als Kampf gegen den Kapitalismus führen, können wir echte Freiheit erreichen.

Die Schwäche der Arbeiter*innenbewegung, Antworten auf die Unterdrückung von Frauen zu geben, erschwert auch den Kampf gegen dieses System. Doch für eine ganze Schicht von Frauen ist klar, dass die Gewalt und Diskriminierung, die wir in diesem System erfahren, untrennbar mit dem Kapitalismus zusammenhängt. Nicht zufällig führen Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich, wo vor allem Frauen tätig sind, die oft dynamischsten Kämpfe für bessere Arbeitsbedingungen. Dies ist auch damit verbunden, dass in der momentanen Krise der Staat die Reproduktionsarbeit wieder vermehrt ins Private an Frauen auslagern will. Wir müssen heute an die radikalen Traditionen der proletarischen Frauenbewegung anknüpfen, um konsequent für Verbesserungen für Frauen und Arbeiter*innen kämpfen zu können und zu zeigen, dass dieser Kampf auch immer ein Kampf gegen das kapitalistische System ist.

Theresa Reimer & Sebastian Kugler

 

Marx Aktuell: Reformismus vs. Revolution

Fehlt die richtige Analyse des Kapitalismus und die Ambition, mit dessen grundlegenden Widersprüchen, und damit dem gesamten Prinzip, zu brechen, so wird ein wahres Ende von Sexismus, ausbeuterischen Geschlechterrollen und allen anderen Formen der geschlechtsspezifischen Unterdrückung nicht möglich sein. In der Geschichte sahen wir immer wieder, wie die Ansätze verschiedenster reformistischer Kräfte in dem Aspekt nicht ausreichend waren: Sobald die Lösungsvorschläge und Positionierungen rund um feministische Themen das grundlegende System gefährden, werden sie, früher oder später, dem Erhalt eben dieses Systems geopfert.

So wurden diese Themen, z.B. von der SPÖ, nur so lange bedient, wie sie im Rahmen bürgerlicher Politik opportun waren. So hieß es etwa beim Kampf um Abtreibungsrechte in den 1970ern, um einem offenen Konflikt mit ÖVP und Kirche zu vermeiden: „Die sozialistischen Frauen [der SPÖ] können auf keinen Fall die Bezahlung der Schwangerschaftsabbrüche durch die Krankenkassen verlangen. [...] Es darf uns nicht nachgesagt werden, dass wir diejenigen sind, die weniger Kinder haben wollen“.

Im Gegensatz dazu wurden kurz nach der (von Frauen angestoßenen) Russischen Revolution von den Bolschewiki z.B. der Scheidungsprozess massiv vereinfacht, Schwangerschaftsabbrüche legalisiert und kostenfrei gestellt, Homosexualität legalisiert und Vergewaltigung in der Ehe strafbar gemacht.

Fast all diese Errungenschaften sind unter dem Stalinismus gegen die Interessen der Arbeiter*innen wieder gefallen. Das diente vor allem dazu, die traditionelle Familie wieder zu etablieren und diese als Stütze der eigenen Herrschaft und Bürokratie zu nutzen. Gleichzeitig entsprach der stalinistische Antifeminismus der reformistischen Sabotage revolutionärer Bewegungen z.B. in Spanien, wo im Kampf gegen Franco antifaschistische Frauen entwaffnet wurden, um ein Bündnis mit bürgerlichen Kräften zu schließen.

All dies zeigt: Nur mit einer wirklich revolutionären Perspektive kann der Kampf gegen Frauenunterdrückung gelingen.

Severin Berger

 

Sozialistischer Feminismus statt "Boss Bitches"

Es ist 2023 und die Gleichstellung und Befreiung von Frauen ist international noch weit entfernt. Frauen sind nach wie vor von reaktionären Angriffen auf das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper, Femiziden und dem (Wieder-) Erstarken toxischer Genderrollen betroffen. Zusätzlich treffen derzeitige Krisensituationen wie die Corona-Pandemie, Krieg oder die rollende Teuerungswelle Frauen besonders hart. “Boss Bitches“ wie die Kardashians und etablierte Politikerinnen wollen uns trotzdem erklären, dass Feminismus eine Frage der richtigen Einstellung ist und wir uns nur mehr „empowern“ müssen, um Angriffe auf unsere Körper und unsere Rechte wegstecken zu können. Wir von ROSA und ISA sagen, dass hinter Sexismus und Frauenunterdrückung viel mehr als ein fehlgeleitetes, plumpes Frauenbild steckt, dem man einfacher mit feministischer Aufklärung oder dem individuellen Empowerment von Frauen entgegenwirken kann. Diese “‚Boss-Bitch“-Strategien sind weit weg von der Lebensrealität der allermeisten Frauen. Feministische Politik, die nur bei individuellen Lösungsansätzen, Symbolpolitik, Gender-Quoten und anderen Scheinlösungen verbleibt, verkennt die Ursachen von Frauenunterdrückung. Dabei wird die Unterdrückung von Frauen häufig nicht als systematisches Problem erkannt, das seine materiellen Wurzeln im bestehenden kapitalistischen System hat.

Feminismus braucht Sozialismus - und umgekehrt

Wir als ROSA und ISA sprechen uns klar für einen sozialistischen Feminismus aus: Für uns ist klar, dass sexuelle Übergriffe, Sexismus und Gewalt an Frauen aus einer patriarchalen Struktur entstehen, die wiederum Teil des kapitalistischen Systems ist. Der Kapitalismus begründet sich nicht nur aus der Ausbeutung von Arbeiter*innen, sondern auch gezielt aus der Ausbeutung der billigen oder sogar unbezahlten (Care-)Arbeit und der Körper von Frauen. (Klein)Bürgerliche Feminist*innen setzen vor allem auf Maßnahmen wie Gendern, “Anerkennung” weiblicher Care-Arbeit, Frauenquoten in höheren beruflichen (Vorstands-) Positionen und Repräsentation in der Medienlandschaft. Solche Symbolpolitik greift nicht nur zu kurz, sondern kann auch benutzt werden, um sexistische Politik zu verschleiern.

So griff Justizministerin Zadić kürzlich in einem Kommentar öffentlichkeitswirksam das Thema Menstruation auf und ließ sich dafür feiern - in ihrem Ministerium wurde gleichzeitig seit 2021 eine Gesetzesnovelle im Kindschaftsrecht ausgearbeitet, die unter anderem alleinerziehende Frauen noch stärker von potentiell gewalttätigen Ex-Partnern abhängig machen könnte. Für uns ist daher klar, dass ein Kampf um die Befreiung von Frauen nicht bei Debatten um Gendern, Repräsentation oder anderen symbolhaften Gleichstellungsfragen verbleiben kann, die nicht jenes System angreifen, das die Unterdrückung von Frauen überhaupt erst produziert. Ein Feminismus von unten muss sich deshalb klar von vermeintlich empowertem ”Bitch-Boss”-Sein oder Symbolpolitik abheben und weiter gehen. Gewalt an Frauen in jeglicher Form hat strukturelle Wurzeln und ist nicht nur durch ein anderes ”Mindset” ausgleichbar. Wenn wir also von sozialistischem Feminismus sprechen, meinen wir einen Feminismus, der beispielsweise Arbeitskämpfe im Pflege- und Gesundheitsbereich unterstützt und organisiert – ein Bereich, der überwiegend weiblich ist und als Dank für die systemrelevante Arbeit während der Pandemie von den Bossen derzeit mit De-Facto-Lohnkürzungen konfrontiert ist.

Wir von ROSA und ISA führen den Kampf um Geschlechtergerechtigkeit als Klassenkampf. Für uns ist klar, dass wir feministische und gleichzeitig antikapitalistische Kämpfe in verschiedensten Facetten – in Form von Streiks, Pride-Protesten, Kampf für demokratische Rechte, Umweltprotesten und vielen anderen Kämpfen gegen das kapitalistische System führen müssen. Diese Kämpfe müssen feministisch, sozialistisch, proletarisch und international sein, da nur durch die aktive Bekämpfung des kapitalistischen Systems die Frauenbefreiung errungen werden kann. Schließ dich unserem Kampf für eine sozialistisch-feministische Alternative an und werde mit uns aktiv.

Celina

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Zwischenkriegszeit: Halb geht nicht

Teil 4 der Artikelserie: Geschichte der österreichischen Arbeiter*innenbewegung
Yasmin Morag

Armut, Elend, Inflation... führten in Russland und Europa während und nach dem 1. Weltkrieg zur revolutionären Lage. In Österreich kämpften Arbeiter*innen gegen Krieg und für bessere Lebensbedingungen. Der Matrosenaufstand in Cattaro, ein Generalstreik, Massendemonstrationen während des Krieges, die Bildung von Räten und die wachsende Unterstützung für Revolution wurden 1918 mit der Schaffung der bürgerlichen Republik beantwortet. Die Bourgeoisie war gezwungen, Monarchie und Teile ihres Reichtums zu opfern, um an der Macht zu bleiben. Die Sozialdemokratische Partei (SDAP) half ihr.

Die Führung der SDAP vertröstete auf den Sozialismus “später” und lenkte die revolutionäre Energie in ihr Projekt, das “Rote Wien”, um. Das Rote Wien mit öffentlichem Wohnbau, Kliniken und Kinderbetreuungseinrichtungen war der Abtausch für eine Revolution, die weit mehr erreichen hätte können. Doch die folgende Wirtschaftskrise ging auch am Roten Wien nicht vorüber, die SDAP hatte keine Lösung.

Zusätzlich hatte sich seit Kriegsende die extreme Rechte aufgerüstet und organisiert. Als klar war, dass von der SDAP keine Gefahr ausging, ging die Bourgeoisie daran, den “revolutionären Schutt” zu beseitigen. 1927 brachen Unruhen aus, nachdem der Staat rechte Heimatwehr-Mörder freigesprochen hatte, die ein Kind und einen Veteranen, die an einer friedlichen Demonstration teilgenommen hatten, getötet hatten. Die Wut entlud sich in wilden Streiks und Massenaufmärschen, der Justizpalast wurde in Brand gesteckt. Die Polizei schoss in die Menge, tötete 89, verletzte über tausend - 700 wurden verhaftet, 350 verurteilt. 

Die SDAP-Führung hat eine Revolution aktiv verhindert

Bis heute rühmt sich die SPÖ dafür, die Massen im Juli 1927 zurückgehalten zu haben. Die Enttäuschung vieler Arbeiter*innen über “ihre Partei” wuchs. In der Sozialdemokratie bildete sich eine junge, radikalere Opposition, die jedoch eine Trennung von “der Partei” um jeden Preis vermied. Anders als in Deutschland setzte die SDAP auf radikale Rhetorik - in der Praxis aber auf “machbare” Reformen und verhinderte so den Kampf für Sozialismus ganz im Sinne der Bourgeoisie. Von der vorrevolutionären Situation 1918, über den mutigen Aufstand 1927 kommen wir zu einer Arbeiter*innenklasse in der Defensive und einer sozialdemokratischen Partei, deren Politik letztlich den Faschismus ermöglichte.

1932 wurde der Austrofaschist Dollfuß Kanzler, 1933 schuf er das Parlament ab, begann den Angriff auf demokratische Rechte, verbot den sozialdemokratischen Schutzbund. 1934 löste ein Angriff der Polizei auf ein Linzer Arbeiter*innenheim einen kurzen, aber blutigen Bürgerkrieg aus. Arbeiter*innen wehrten sich verzweifelt, aber ohne Unterstützung der Parteiführung, gegen den faschistischen Staat. Dieser ließ durch das Bundesheer Gemeindebauten beschießen, verhaftete tausende, tötete hunderte.

Der schwache, an Italien orientierte Austrofaschismus wurde seinerseits rasch überrannt. Der Anschluss ans Deutsche Reich wurde am 10.4.1938 offiziell vollzogen. Innerhalb weniger Tage wurden 70.000 Menschen verhaftet - meist Jüd*innen, Sozialist*innen und Kommunist*innen. Die Zerschlagung der Arbeiter*innenorganisationen hatte der Austrofaschismus weitgehend erledigt, nun folgten die Liquidierung der Opposition und der jüdischen Bevölkerung. 

Viele sehen im Austro-Marxismus eine radikalere Sozialdemokratie, doch die SDAP hatte revolutionäre Stimmung und reale Möglichkeit, die Macht- und Besitzverhältnisse für immer zu verändern, aktiv unterdrückt und einen Schleier von Radikalität und Versprechungen über die Augen der Massen gelegt. Die Vorstellung, dass es nur eine Partei der Arbeiter*innen geben dürfe, hatte die sozialdemokratische Führung tief verankert und wirkt bis heute. Das Rote Wien ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was mit einer Massenbewegung der Arbeiter*innenklasse gewonnen werden kann. Aber es ist auch ein Beispiel für die Grenzen innerhalb des Systems - die erreichten Reformen sind stets begrenzt und werden von der Bourgeoisie so schnell wie möglich zurückgenommen. Auch wenn die Idee eines schrittweisen Übergangs zum Sozialismus schön klingt, ist sie nicht möglich, da die herrschenden Eliten ihre Macht nie kampflos aufgeben. Das “Bauvolk der kommenden Welt” darf sich nicht ausbremsen lassen - damals wie heute!

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Schwerpunkt: ihre Medien und unsere

Vorwärts als Alternative

 

Morgens auf dem Arbeitsweg liest sich eine heute- oder Österreich-Zeitung leicht im Vorbeigehen. Es sind unkritische panikmachende Blätter, für kritisches informiert Werden, Sein und Bleiben ist zwischen Job und Familie zu wenig Zeit. Wir konsumieren also jeden Tag Medien, die bürgerlicher Natur sind und das berichterstatten, was dem kapitalistischen System zugutekommt. Das Ethos eines unabhängigen, objektiven Journalismus gibt es zwar in der Theorie, kann aber in der kapitalistischen Praxis nicht halten. Auch sogenannte Qualitätsmedien wie Standard oder Falter stützen letztlich die vorherrschende Meinung, statt auf Arbeits- oder Klassenkämpfe aufmerksam zu machen.

(Massen)Medien stellen ein Propagandainstrument der herrschenden Klasse dar. 2021 gab die türkis-grüne Regierung mehr als 28 Millionen für Inserate in österreichischen Zeitungen aus. Der Inseratenskandal um die ÖVP war nur die Spitze dieses Eisbergs. Fragen wir, wem die großen Medienhäuser gehören. Österreichs Boulevard-Zeitungen sind fast zur Gänze in privater Hand zweier Familien: Dichand und Fellner. Beim Rest spielen u.a. die ÖVP-Hausbank Raiffeisen sowie die katholische Kirche ganz vorne mit. Es führen hier also ganz wenige ganz viel Eigenregie über die Berichterstattung, wie es ihnen beliebt. “Werbetauglichkeit” ist hier nur ein anderer Begriff für “wer zahlt, schafft an” - entsprechend die Inhalte. 

Wie soll qualitativer und emanzipatorischer Journalismus bestehen, wenn einzelne Superreiche besitzen, was wir zu lesen und konsumieren kriegen? Im Gegensatz dazu erscheint Vorwärts seit 1983 als Zeitung von Arbeiter*innen für Arbeiter*innen. Vorwärts ist die inzwischen älteste durchgängig erscheinende sozialistische Zeitung Österreichs. Sie ist ein Mittel zur Aufklärung über ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse und liefert Fakten und Analysen, die in bürgerlichen Medien nicht vertreten sind. V.a. aber richten wir uns an jene, die politisch aktiv werden und bleiben wollen. Die Vorwärts ist nur durch Spenden und frei von Werbung finanziert. Im Gegensatz zu bürgerlichen Medien vertreten wir ein sozialistisches Programm. Wir stehen für den Aufbau einer sozialistischen Alternative, auch auf dem Papier.

Bianca Szabó

 

40 Jahre Vorwärts - 40 Jahre marxistischer Aufbau

1983 erschien die Erste Ausgabe von „Vorwärts“. Untertitel: Betriebszeitung der Sozialistischen Jugend Favoriten – Gruppe „Rote Werkstatt“. Seither hat sich viel geändert. Wir waren bei allen großen (und vielen kleinen) Entwicklungen der letzten 40 Jahre dabei. Vorwärts kommentiert und analysiert aus marxistischer Sicht und macht Vorschläge für Aktivist*innen der Arbeiter*innenbewegung.

Anfang der 80er hieß „Arbeit in der Arbeiter*innenbewegung“ vor allem Arbeit in der Sozialdemokratie. Die SPÖ hatte damals rund eine halbe Million Mitglieder, die aktivsten Schichten der Arbeiter*innenbewegung sahen sie als ihre Partei. Doch die schon lange bürgerliche Führung der SPÖ in Kombination mit der neoliberalen Offensive und dem Zusammenbruch des Stalinismus beschleunigten ab Ende der 80er Jahre den Verbürgerlichungsprozess der Sozialdemokratie. Für Sozialist*innen wurde es zentral, Ansätze für eine neue linke Arbeiter*innenpartei mit aufzubauen und zu unterstützen. So titelte Vorwärts z.B. im Sommer 2005: “Wir brauchen eine neue ArbeiterInnenpartei!”

Aber: „Arbeit in der SPÖ“, hieß nicht, wichtige Initiativen außerhalb der Sozialdemokratie zu ignorieren. Gleich in Nummer 2 wird auf der Titelseite vom Kampf von Teilen der General Motors (Heute OPEL)- Belegschaft in Wien Aspern (22. Bezirk), berichtet: „Kampf gegen Überwachungssysteme am Beispiel General Motors“. Die Blockaden und spontanen Streiks (!) gegen die Montage von neuen Überwachungssystemen werden solidarisch unterstützt.

Gelebte internationale Solidarität

„Vorwärts“ war Teil der internationalen Solidaritätskampagne mit dem britischen Bergarbeiterstreik 1984, und holte einen streikenden Bergarbeiter nach Österreich. Für 24. November 1984 wurde zur Großveranstaltung ins Haus der Begegnung in der Per Albin Hanson-Siedlung nach Wien Favoriten geladen. Ob Streiks in Osteuropa, Südafrika, heute Iran, uvm.: Gelebter Internationalismus ist Teil unserer Tradition. 

Anfang der 90er erlebte Vorwärts einen Aufschwung, neue Jugendliche machten mit, und die Zeitung verbreitete sich in die Bundesländer. Die FPÖ unter Jörg Haider feierte in den 90ern einen Wahlsieg nach dem anderen und, vor allem in Deutschland, kam es zu Attacken von Neonazis auf Asylwerber*innenheime. Die Aktivist*innen von Vorwärts und unsere Internationale reagierten mit der Gründung der europaweiten Initiative „Jugend gegen Rassismus in Europa“. Wir leisteten in vielen Ländern Europas wichtige antirassistische Basisarbeit und stellten uns rechten Mobilisierungen und Aktionen entgegen. Im Oktober 1992 mobilisierten wir über 40.000 Menschen zur ersten europaweiten Demonstration gegen rechts nach Brüssel. Auch später waren wir in vielen antirassistischen Bewegungen aktiv. Ein Höhepunkt war hier die Flüchtlingsbewegung 2013 und die Kandidatur eines Geflüchteten und Flüchtlingsaktivisten bei der Nationalratswahl für die SLP.

Schon Anfang der 90er zeigten wir, dass wir in der Lage sind, auch ohne große Geldgeber und gut bezahlte Werbeagenturen im Hintergrund, Menschen zu mobilisieren. „Vorwärts“ wuchs weiter. 1992 kam es zum Ausschluss von 5 Vorwärts-Aktivist*innen aus der Sozialistischen Jugend Wien. Treibend war die damalige SJ-Wien Spitze rund um den heutigen SPÖ-Abgeordneten Kai –Jan Krainer und die heutige Siemens-Managerin Sonja Wehsely. Bekanntheit und Auflage des Vorwärts stiegen noch weiter. Tagelang berichteten die bürgerlichen Zeitungen, dass „Trotzkisten aus der SJ ausgeschlossen“ wurden, dies so oft, dass sich die liberale Tageszeitung „Standard“ bemüßigt sah, eine Wissensnotiz über Leo Trotzki und seine historische Rolle zu bringen.

Entgegen der Vorwürfe der SJ-Bürokrat*innen zweigten wir kein Geld von der SJ ab, sondern waren schon damals in der Lage, unsere politische Arbeit durch Spenden und Beiträge von Aktivist*innen und Mitgliedern zu finanzieren -  und sind so finanziell und politisch unabhängig. Vorwärts war und ist gut genug, um nicht gratis verteilt zu werden. Der Zeitungsverkauf ist ein wichtiger Gradmesser für die Verbreitung unserer Ideen. 1996 zogen wir die Konsequenz aus der Verbürgerlichung der Sozialdemokratie und gründeten uns als „Sozialistische Offensive Vorwärts - SOV“ eigenständig. 2000 folgte die Umbenennung in „Sozialistische LinksPartei – SLP“, 2021 in “Internationale Sozialistische Alternative - ISA”.

„Die SLP, die Linkspartei, mischt sich unter die Groß-Betriebsversammlung und fordert zum Kampf auf“ Bildunterschrift im „Standard“ April 2003

Aktiv in Bewegung und Betrieb

2000 war ein wichtiger Einschnitt in das österreichische politische System durch den Eintritt der Haider-FPÖ in die Regierung und die Massenbewegung gegen die neue blau-schwarze Bundesregierung. Wir waren ein wichtiger Teil dieser Bewegung. Täglich, später wöchentlich, zogen große Demonstrationen durch Wien und es gab andere wichtige Aktionen. Während andere Gruppen stark auf „zivilen Ungehorsam“ oder Neuwahlen setzten, nutzten wir die Zeitung, um die Notwendigkeit von Streiks zu erklären. Allein im Februar 2000 erschienen dazu 5 Sondernummern. Jede Ausgabe wurde viele tausendmal verbreitet, nicht nur bei Demonstrationen, auch bei vielen betrieblichen Aktionen und Gewerkschaftsveranstaltungen. Wir setzten die Initiative für einen großen Schulstreik im Februar 2000, unterstützten viele betriebliche Ansätze und kleinere Streiks. Über die Solidaritätsarbeit für die Streiks beim Postbus, der AUA, der ÖBB und die Streiks gegen die blau-schwarzen Pensionskürzungen waren wir Teil der Streikbewegung 2003.

Rassismus und Sexismus sind wesentliche Elemente des Kapitalismus. Seit über 20 Jahren finden sich in allen Ausgaben (und nicht nur zum 8. März) Artikel zum Thema. Dazu gehören Beispiele aus der tagtäglichen Frauenunterdrückung, Kämpe und Organisierung aus Bereichen, wo viele Frauen arbeiten genauso wie die Auseinandersetzung mit Kämpferinnen wie Alexandra Kollontai und Clara Zetkin. Im Februar 1999 titelte Vorwärts: “Abtreibung ist Frauenrecht”, wir intensivierten den Kampf für das Frauenrecht auf Abtreibung und unsere damalige Frauensprecherin wurde von radikalen Abtreibungsgegner*innen geklagt (wir haben gewonnen). 

Auch heute ist „Rosa“ ein zentrales Standbein unserer Arbeit, das viele junge Frauen, Queere und auch Männer mobilisiert und organisiert. Zahlreiche Aktivitäten gegen Gewalt an Frauen, Sexismus und Homo/Transphobie, werden von Artikeln im Vorwärts begleitet. Seit Herbst 2022 ist Rosa ein führender Teil der Solidaritätsbewegung mit der revolutionären Bewegung im Iran.

Seit 1994 machen wir durchgängig Arbeit in Betrieben, manche von uns sind bereits über 10 Jahre Betriebsrätin oder Betriebsrat. Regelmäßig wird darüber im Vorwärts berichtet, so z.B. in Ausgabe 303 zu den KV-Runden “Mach‘s wie Thomas“ – über die Mobilisierungsarbeit eines Genossen und Betriebsrates in der Elektroindustrie. Im Sozialbereich greifen wir seit Jahren gemeinsam mit der kämpferischen Basisinitiative „Sozial, aber nicht blöd“ aktiv in die Lohnkämpfe dieser Branche ein. Nicht zufällig gab es daher 2022 eine Serie mit Vorschlägen zu den Kämpfen im Sozialbereich. Und als unter Corona keine Aktionen auf der Straße möglich waren, produzierten wir eine Wandzeitung und diverse Artikel online mit unseren Forderungen u.a. für den Ausbau des Gesundheitswesens und die Vergesellschaftung der Pharmaindustrie. Immer wieder versuchen wir Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Verbesserungen gemeinsam erkämpft werden könnten. Aber wir zeigen auch, wo die Grenzen im Kapitalismus sind und verbinden die Kämpfe für Verbesserungen im Hier und Jetzt mit dem Einsatz für eine grundlegend andere Gesellschaft.

Im ersten Vorwärts im Februar 1983 hieß es: „unser Ausweg besteht in der Überwindung der heutigen Klassengesellschaft. Er führt zu einer neuen besseren Gesellschaft, einer sozialistischen Demokratie“. Der Kampf dafür geht weiter.

Michael Gehmacher

 

Marx Aktuell: die Rolle der Zeitung

1901 formulierte Lenin in „Womit beginnen“ die Aufgabe einer sozialistischen Zeitung sowie ihre Verbindung zur revolutionären Partei. Er betonte die Notwendigkeit einer organisierten und prinzipienfesten Partei, damit es in Zeiten, in denen sich Bewegungen bilden, schon Strukturen gibt, die Programm und Vorschläge hineintragen können. Sie kann auch verschiedene Bewegungen und Kämpfe miteinander verbinden und sie in der Arbeiter*innenbewegung verbreitern. 

Damit dies geschehen kann und die nötige Theorie zur Verfügung gestellt wird, braucht es ein Organ zur Verständigung und Diskussion. Hier kommt die sozialistische Zeitung ins Spiel: Hier wird Aktivist*innen eine Stimme gegeben, die Hintergründe von Aktionen erklärt und ein Programm für nächste Schritte herausgegeben. Die Notwendigkeit der revolutionären Umwälzung der Gesellschaft an sich wird erklärt (“Propaganda”) wie auch einzelne Probleme des Systems aufgezeigt und mit anderen verbunden werden (“Agitation”). Außerdem ist die Zeitung, wie Lenin auch sagte, „nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator“: Das Sammeln von Material für die Zeitung, die Diskussion und Erstellung sowie ihre Verbreitung braucht Struktur und bildet den Kern der revolutionären Partei. Zusätzlich kann sie Interessierte zur Aktion motivieren und in Kämpfe einbinden.

Lenin setzte sich auch für eine gemeinsame revolutionäre Zeitung ein und so wurden die revolutionären Schriften der Bolschewiki in ganz Russland verbreitet. Die Zeitung bildete die Basis dafür, die Partei aus den entwickeltsten Schichten der Arbeiter*innenklasse aufzubauen, was schließlich 1917 zur erfolgreichen Arbeiter*innenrevolution führte.

Nico Rastelli

 

Werde aktiv mit ISA und Vorwärts!

Die Übernahme von Twitter durch Elon Musk und davor die Whistleblowerin bei Facebook haben uns allen wieder deutlich vor Augen geführt, wer, in dem Fall, die Sozialen Medien kontrolliert und wie bewusst sie die Aufgabe erfüllen, die (reaktionären) Ideen der Herrschenden zu verbreiten. Superreiche und Konzerne schaffen so die Basis für den Erfolg von Andrew Tate und Co. Auf der anderen Seite kommen soziale Bewegungen und Proteste in Zeitungen und Medien bestenfalls verzögert, oft nur als Randnotiz, meistens gar nicht und im schlimmsten Fall falsch dargestellt vor.

Proteste und Bewegungen brauchen eigene Medien

Dagegen anzukämpfen und für eine Erwähnung zu sorgen, entpuppte sich schon oft als vergebliche Bemühung. Deshalb haben viele Initiativen und Bewegungen sehr schnell damit begonnen, eigene Medien zu produzieren, von Flugblättern über kleine Zeitungen bis zu eigenen Websites, um ihre Sicht der Dinge unter die Leute zu bringen - ob Betriebsräte, die ihren Newsletter im Betrieb verteilen, Instagram-Seiten, die sich mit gesellschaftlichen Themen beschäftigten oder die Lobau-Besetzer*innen, die schließlich eine Zeitung produzierten und diese in Wien verteilten, um selbst die Bevölkerung über ihr Anliegen zu informieren.

Aber auch politische Organisationen brachten und bringen Zeitungen heraus, um, neben einem Parteiprogramm oder Manifest, tagesaktuell ihre Positionen und Analysen zu aufkommenden Fragen und Ereignissen zu kommunizieren, aber auch zur Mobilisierung für Aktionen und Kampagnen.

Denn die meisten Menschen lernen Organisationen in einem bestimmten Kampf oder bei einem Protest kennen, wo sie dann mit deren konkreten Forderungen in Berührung kommen. Aber auch politisch Interessierte wollen wissen, was eine Organisation zu diesem oder jenem aktuellen Thema zu sagen hat.

Eine regelmäßig erscheinende Zeitung ist dafür das ideale Mittel, um einem sympathisierenden Umfeld aktuelle Antworten zu geben, um mit Menschen in Protestbewegungen in Diskussion zu kommen oder mit Slogans, die die aktuelle Stimmungslagen richtig aufgreifen, Interesse zu wecken. Oder auch um Forderungen auszutesten, um durch Rückmeldungen herauszufinden, wie die Stimmung zu einer bestimmten Frage ist.

Das unterscheidet auch eine reine Publikation von einer sozialistischen Zeitung. Diese Zwei-Wege-Kommunikation ist unerlässlich, um eine handlungsfähige und schlagkräftige Organisation aufzubauen, Aktivist*innen zu organisieren und ein Programm zu entwickeln, das „auf der Straße geprüft“ wurde.

Social Media bzw. Websites sind dazu eine gute Ergänzung, doch können diese Rolle nie ersetzen. Vor allem aber gehört Social Media nicht uns, unsere Zeitung schon. Linke und rebellische Kräfte werden dem Algorithmus letztlich immer unterlegen sein und nie die Ressourcen aufbringen können, die Konzerne und Reiche haben, um ihre Propaganda dort zu verbreiten. Außerdem werden wir immer gewisse Schichten damit nicht erreichen. Ein Flugblatt oder eine Zeitung erreicht sowohl 14-jährige Schüler*innen auf einer Fridays for Future-Demo, Menschen in einer Einkaufsstraße, die noch nie mit Politik in Kontakt waren, wie auch Arbeiter*innen vorm Fabrikstor beim Schichtwechsel. Selbst beim Aufstand im Iran war Internetaktivismus immer nur eine Ergänzung zum Druck von der Straße bzw. Mittel zur Mobilisierung dafür.

Das Konzept einer Parteizeitung geht zurück auf Lenin und die Bolschewiki (führende Organisation der russischen Sowjetrevolution 1917). Er beschrieb den Zweck der Zeitung nicht nur in der Verbreitung von Ideen, sondern auch als „kollektiver Organisator“, also ein Mittel, um den Kampf zu organisieren. Dazu dient auch eine Infrastruktur von Redakteur*innen, Autor*innen, Diskussionen und Aktivist*innen, die die Zeitung verkaufen und in ihrem Umfeld verbreiten. Diese allein stellt schon ein ganz gutes Rückgrat für eine Organisation dar, die auch dadurch fähig ist, bei Bewegungen, Streiks und Protesten eine Rolle zu spielen und auf deren Entwicklung einen positiven Einfluss zu üben.

Doch um diese Aufgabe zu erfüllen und wirklich unabhängig zu bleiben, brauchen wir auch eine eigenständige Finanzierung. Wir haben keine Sponsoren oder andere Geldgeber*innen. Der Verkauf unserer Zeitung finanziert auch unsere politische Arbeit. Das kannst du unterstützen! Schließe also jetzt ein Abo ab - und wenn du mehr willst, werde aktiv mit uns!

Jan Millonig

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Engels und die Welt der Amazonen

Albert Kropf

1884 veröffentlichte Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. Auch wenn manche Fakten im Buch überholt sind, besticht die Aktualität des Textes.

“Moderne” Wissenschaft mit alten Rollenbildern

Bis heute werden trotz aller Fortschritte auch mit Hilfe von Wissenschaft traditionelle Rollenbilder als naturgegeben präsentiert. Sei es in Kleidung, Verhalten, Berufswahl oder Lebensentwürfen. Auch der heutige Mann ist angeblich “Jäger” mit anderer Muskelstruktur, die Frau “Sammlerin”, die sich besser um Kinder kümmern könne. Wie falsch das ist, hat Engels schon 1884 gezeigt. Heute liefert die Wissenschaft Beweise für die Richtigkeit seiner Analysen. Bei der Untersuchung eines schon länger entdeckten Grabes eines Wikinger-Kämpfers mit neuen Methoden wurde deutlich, dass es sich um eine Frau handelte - und sie war nicht die einzige Kämpferin.

Ähnlich bei „National Geographic“: Ein 9.000 Jahre altes Grab eines Großwildjägers wurde aufgrund der auch von Wissenschafter*innen zugedachten Rollenverteilung für ein männliches gehalten. Neue Untersuchungen zeigen: Es war eine Frau - wie 30-50 % der amerikanischen, urzeitlichen Großwildjäger-Funde Jägerinnen waren.

Forschung passend machen

Hatte die Forschung früher direkt das herrschende Rollenbild transportiert, in dem Jägerinnen einfach nicht vorkamen, werden nun Ergebnisse passend gemacht. Es wird nicht anerkannt, dass “damals” die Geschlechterrollen anders als heute, weniger starr waren. Diese Rollen waren nicht notwendig, da diese Gesellschaften (noch) keine Frauenunterdrückung brauchten. Stattdessen wird heute argumentiert, es handele sich um biologische Geschlechter, die nichts über die Geschlechtsidentitäten aussagen. Also Kriegerinnen, die gesellschaftlich als Krieger aufgetreten seien. Klingt fortschrittlich, ist es aber nicht. So kann mit einer für heute geschlechtstypischen Interpretation weitergemacht werden: Krieger/Jäger sind männlich und weisen Funde auf weibliche Genetik hin, waren es eben biologische Frauen mit männlichen Geschlechtsidentitäten. 

Das Übertragen eigener kultureller Prägungen wird als „Selbstbespiegelung“ bezeichnet und gibt es seit der antiken Geschichtsschreibung von Homer bis Tacitus. Die Reitervölker der Skythen zogen vom Schwarzen Meer bis zum heutigen China. Im Gegensatz zu den starren Rollenbildern der griechischen Klassengesellschaft wurden Jungen und Mädchen gemeinsam erzogen, lernten reiten und jagen. Sowohl Kleidung als auch Rüstungen waren “unisex” und auch hier mindestens 25% Kriegerinnen. So entwickelten die griechischen Autoren aus der Abgrenzung die Amazonen-Legende. Die Darstellung einer Männer ablehnenden rein weiblichen Amazonen-Gesellschaft finden sich in antiken Quellen nicht. Sie sind neuer und sagen viel über unsere heutige Gesellschaft, die Ängste und Wünsche von Freiheit und Gleichheit, aus.

Friedrich Engels hat vor über 100 Jahren die theoretische Grundlage für diese neuen Erkenntnisse vorweggenommen: Erst die Entwicklung der Klassengesellschaften hat die Grundlage für umfassende Geschlechterunterdrückung geschaffen, wie wir sie heute noch kennen. Engels und Marx haben zur Analyse auch den Schlüssel zur Lösung geliefert: Ist Geschlechterunterdrückung ein Produkt der Klassengesellschaft, muss die Klassengesellschaft und somit heute der Kapitalismus überwunden werden, um die Überwindung von Geschlechterrollen auf allen Ebenen zu erreichen!

 

Info:

„Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ ist die Anwendung der materialistisch-dialektischen Methode auf die Gesellschaft, deren Entwicklung und den Staat als Unterdrückungsform. Mit einem “gesellschaftlichen Mehrprodukt” entstanden Klassengesellschaften und Eliten. Für deren Privilegien sind Vererbung und (unbezahlte) Hausarbeit - und damit Frauenunterdrückung - von zentraler Bedeutung. 

 

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

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