Russland 1917: Revolution wird gemacht

Teil 3 der Artikelserie: Revolutionen und ihre Lehren
Till Ruster

Am Ende dauerte es nur eine Woche, um die 400 Jahre alte Zaren-Dynastie der Romanows zu stürzen. Eine Woche im Februar 1917 (bzw. März, nach dem russischen Kalender) voll Streiks, Demonstrationen und massenhafter Befehlsverweigerungen der Soldaten an der Front genauso wie derer, die den Aufstand niederschlagen sollten. Millionen von Arbeiter*Innen, Soldaten und Bauer*Innen waren beteiligt.

Das repressive System war schon lange morsch. Das Elend des 1. Weltkrieges hatte die Widersprüche zwischen Adel und Armut, Arbeiter*innen und Kapitalist*Innen weiter zugespitzt. Als sich die Wut endlich die Bahn brach, hatte die alte Ordnung keine Chance: Schnelle Reformversuche, um die Monarchie zu retten, halfen nichts.

Wer kann mit der Revolution mithalten?

Räte organisierten alles: Schutz vor Plünderungen, Müllentsorgung, bis zu Gesundheitssystem oder Versorgung der Armee. Räte („Sowjets“), die während des Aufstands überall als Kampforgane entstanden waren. In Nachbarschaften, Kasernen, Dörfern und v.a. Betrieben wurden Delegierte gewählt, die aus ihren Reihen Vertreter*innen wählten, um sich auf Bezirks-, Stadt- und nationaler Ebene zu organisieren.

Revolutionen sind turbulent, was gestern noch heilig war, ist heute überflüssig. Wahlen sind Momentaufnahmen von Stimmungen, die sich aber ständig ändern. Das Räte-System aber lässt zu, dass Delegierte ständig ab- und neu gewählt werden können. Im Mai fanden die Wahlen zum „1. allrussischen Sowjetkongress“ statt. Zu diesem Zeitpunkt hatten eher gemäßigte Parteien der Linken eine Mehrheit. Sie meinten, das Wichtigste sei jetzt „Stabilität“, also eine Versöhnung mit den alten Eliten und sogar eine weitere Beteiligung am Krieg. Auf dieser Basis wurde eine Unterstützung für eine bürgerliche Regierung ausgesprochen, die es wohl ohne diese Unterstützung nicht gegeben hätte.

Rasch gerieten die Sowjets in einen immer heftigeren Konflikt mit dieser Regierung, die darum bemüht war, möglichst viel der alten Ordnung zu erhalten. Doch am Land fingen Bäuer*innen an, endlich den Großgrundbesitz des Adels auch gegen den Willen der Regierung unter sich aufzuteilen. In den Städten kam es wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen regierungstreuen Soldaten und streikenden Arbeiter*Innen und an der Front weigerten sich die Soldaten, die Befehle der Regierung auszuführen. Konterrevolutionäre Generäle erhöhten den Druck auf die Regierung, um den Zaren mit Gewalt zurück zu bringen.

Revolution sucht revolutionäre Partei

Schon auf dem 1. Sowjetkongress hatten die Bolschewiki, aus denen später die Kommunistische Partei wurde, ihr Programm deutlich gemacht: Die Sowjets sollten die Macht übernehmen und der Sowjetkongress das höchste Gremium werden. Damals waren sie eine Minderheit, aber die Entwicklung gab ihnen Recht. Niemand außer einer Sowjetregierung konnte die wichtigsten Forderungen der Massen erfüllen: „Land, Frieden, Brot!“.

Die Bolschewiki hatten anfangs wenig Mitglieder, aber hatten sich zunehmend den Ruf als kämpferische Partei erarbeitet. Jetzt wuchsen sie rasant. Sie bemühten sich um die „besten Kämpfer*innen“ aus den Sowjets und konnten ihre Ideen so verbreiten. Sie versuchten, die Erfahrungen und Lehren aus vergangenen Revolutionen zu ziehen. Unermüdlich diskutierten und agitierten sie und orientierten sich an Stimmung und Bewusstsein in den kämpferischsten Teilen der Arbeiter*innenklasse und auch der Bäuer*innen und nicht am liberalen Bürgertum. Nicht was für die Bürgerlichen “möglich” war, sondern was für die Massen nötig war, war ihr Fokus. Es war der Wunsch nach echter Veränderung und die konkreten Vorschläge der Bolschewiki in den Sowjets, die dazu führten, dass die Sowjets in Petrograd den Sitz der Regierung stürmten und letztlich dem 2. Sowjetkongress die Macht übergaben.

Tausende unkontrollierbare Prozesse und Faktoren machten die Revolution aus. Der entscheidende Augenblick war aber das bewusste Handeln der revolutionären Partei. Erfahrung, Verankerung und Marxismus machten aus den Bolschewiki die richtige Partei für diese Aufgabe und gaben dem russischen Proletariat die historische Chance, den ersten sozialistischen Staat aufzubauen. Die spätere Entwicklung des Stalinismus bricht mit den kämpferischen und demokratischen Prinzipien der Bolschewiki und wird in einem späteren Teil der Serie behandelt.

 

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