Sind Roboter krisenfest?

Der Kapitalismus hofft, seinen inneren Widersprüchen mit Industrie 4.0 zu entgehen – was nicht funktioniert.
Sonja Grusch

Die Voestalpine eröffnet ein neues Drahtwalzwerk, das „vollautomatisch“ mit „zwei Mitarbeitern und 2.000 Sensoren“ (Presse, 27.9.) arbeitet. Glaubt man den Schlagzeilen, stecken wir mitten drin in einer neuen Industriellen Revolution. Auf Dampfmaschine folgte Fließband, dann kamen die Computer hinzu. Nun sollen Roboter und Internet die nächste Revolution prägen. Tatsächlich ging DIE Industrielle Revolution im 18. und 19. Jahrhundert mit grundlegender gesellschaftlicher Veränderung einher. Proletariat und Bourgeoise wurden zu den zentralen Klassen und die Herrschaftsverhältnisse mit den bürgerlichen Revolutionen umgeworfen. Solche Veränderungen haben seither weder die Fließbandproduktion („Fordismus“) noch das Internet begleitet. Die Produktivität wurde erhöht, an den gesellschaftlichen Strukturen aber hat sich nichts geändert. Der deutsche Gewerkschafter Welf Schröter bezeichnet Industrie 4.0. als „reinen Marketingbegriff“.

Trotz Erholung von ein paar Prozentpunkten ist die Wirtschaft von einem soliden Aufschwung mit wachsendem Lebensstandard auch für die breite Masse der Bevölkerung weit entfernt. Der Vermögensverwalter Pimco schätzt die „Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den nächsten fünf Jahren auf rund 70%“. Auf die Krise von 2007/8 folgte kein Boom, sondern ein Dahintümpeln, in dem die Grundlagen für den nächsten Einbruch vertieft wurden. Die KapitalistInnen in Europa und den USA haben Angst, von China abgehängt zu werden. Längst wird dort nicht mehr nur kopiert, sondern auch selbst entwickelt: China ist z.B. zum Weltmarktführer bei erneuerbaren Energien aufgestiegen. SAP-Finanzvorstand Mucic beschreibt den Wirtschaftskrieg, wenn er sagt, dass „Unternehmen in den USA, in Europa und Asien (sich) rüsten“. Diese Aufrüstung erfolgt (neben politischen und auch militärischen Konflikten) aktuell durch den Einsatz neuer Technologie.

Die zentralen Aspekte von Industrie 4.0. sind: 1) durch den Einsatz neuer Technologie einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Unternehmen herausholen, indem Arbeitskosten gespart werden und 2) Druck auf die Beschäftigten ausüben, sich der „neuen Arbeitswelt“ anzupassen, also billiger zu arbeiten. Auch wenn Visionen von der Herrschaft der Roboter völlig überzeichnet sind, so sind implantierte Chips, um die Beschäftigten zu kontrollieren ein Indiz dafür, worum es geht: die immer weitere Unterordnung der Menschen unter die Maschine. Allerdings im Interesse von Menschen – nämlich der kleinen Elite, der herrschenden Klassen, den KapitalistInnen, die von dieser Ausbeutung profitieren.

Dem Staat kommt dabei eine wichtige Rolle zu: die Politik soll den Rahmen schaffen, um die nationale Wirtschaft technologisch im Wettbewerb hoch zu rüsten. Und die Parteien liefern hier auch. In den Wirtschaftsprogrammen der Parlamentsparteien steht sowohl die Arbeitszeitflexibilisierung als auch die Technologieoffensive. Im Klartext: aus den Beschäftigten soll mehr herausgeholt werden. Die Lohn(neben)kosten sollen gesenkt und somit billiger als die Konkurrenz produziert werden. Und der Staat fördert Unternehmen bei der Modernisierung. Besonders wird hier auf „Start Ups“ gesetzt. V.a. in der Frühphase von Start-ups ist „reichlich öffentliches und privates Kapital verfügbar“ schreibt das GeldMagazin. Wobei es tatsächlich v.a. um Steuergeld geht: Öffentliche Förderungen v.a. von der Förderbank des Bundes (aws) und der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) sind hier die größte externe Kapitalquelle.

Der Nutzen dieser Strategie ist aus Sicht der Herrschenden vielfältig: Arbeitslose werden zu Versagern abgestempelt, weil ja angeblich jedeR mit einer guten Idee selbstständig werden kann. Also runter mit Arbeitslosengeld und Mindestsicherung. Die neugegründeten Kleinfirmen leben v.a. von der massiven Selbstausbeutung der „UnternehmerInnen“. Sind sie erfolgreich, werden sie häufig von großen Unternehmen aufgekauft. Die sparen sich teures Forschen im eigenen Unternehmen und kaufen erst das staatlich geförderte erfolgreiche Produkt der Forschung ein. Entgegen der Propaganda führt der ganze Prozess zu einer Konzentration. Große Unternehmen kaufen kleine auf bzw. fusionieren. Monopolisierung aber bremst die Forschung – wozu auch, wenn es keine Konkurrenz mehr gibt.

An den Grundwidersprüchen des Kapitalismus, die für dessen Krisenhaftigkeit verantwortlich sind, ändert sich auch mit neuer Technologie nichts. Einzelne Unternehmen oder auch Staaten verschaffen sich einen Vorsprung, andere ziehen nach. Weil aber menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt wird, sinkt damit die Profitabilität des eingesetzten Kapitals (siehe Kasten „Marx aktuell“). Die Firmen konkurrieren, das Chaos von Überproduktion und Fehlplanung bleibt also erhalten. Sinkt die Anzahl der Beschäftigten bzw. deren Einkommen, können die ArbeiterInnen die von ihnen an den Maschinen geschaffenen Werte immer weniger bezahlen. Die Firmen bleiben auf dem Produzierten sitzen. Im internationalen Maßstab verschärfen sich die Gegensätze ebenfalls, weil der Großteil der Robotisierung in wenigen Ländern stattfindet – man muss sich die Investition ja auch leisten können. Nicht nur national, sondern auch international beschneidet man mit der Modernisierung also gleichzeitig auch den eigenen Absatzmarkt. V.a. in den 1980er Jahren galt Japan als Vorreiter bei neuen Technologien. Vor der Krise hat das die japanische Wirtschaft nicht bewahrt, die im Gegensatz seit rund 25 Jahren nicht aus der Krise herauskommt. Die nächste Krise ist daher auch heute nur eine Frage der Zeit.

Die KapitalistInnen hoffen, dieser Krise zu entgehen und sitzen dabei ihrer eigenen Propaganda auf. Kapital fließt aus den Bereichen, wo die Renditen niedrig sind, in jene, wo höhere erwartet werden. Aber gerade weil die Basis alles andere als solide ist, entstehen „Blasen“. Aktuell ist das bei Technologieaktien der Fall, es wird schon von „irrationaler Euphorie“ gesprochen. Der US Nasdaq 100 Index, wo viele Technologieaktien gelistet sind, ist in den letzten fünf Jahren um 115% gestiegen, im Vergleich dazu der Dow Jones Industrieindex nur um 66%. Der TecDAX in Deutschland erlebte einen Höhenflug. Die Propaganda über Industrie 4.0 als Rettung des krisengeschüttelten Kapitalismus heizt die Börsen an. Doch der Höhenflug könnte schon wieder vorbei sein. Goldman-Sachs warnt bereits vor der Sorglosigkeit von Anlegern in Bezug auf die „Big 5“ (Apple, Amazon, Facebook, Alphabet, Microsoft). Eine Markt“erschütterung“ kann da schon mal in wenigen Stunden Börsenwerte von über 100 Milliarden Dollar vernichten (geschehen am 9. Juni 2017). Das Platzen von Blasen auf den Märkten hat schon in der Vergangenheit Krisen ausgelöst, wann die nächste folgt ist nur eine Frage der Zeit. Die Probleme, die zur Krise 2007/8 geführt haben, haben sich also nur auf höherer Ebene reproduziert. Gelöst wurde nichts.

Der Kapitalismus stellt sich also letztlich sogar als Hindernis für den Einsatz von moderner Technologie heraus. Verwendet wird, was sich „rechnet“. Und was ein Segen sein könnte, erzeugt unter kapitalistischen Vorzeichen Krise, Armut und Arbeitslosigkeit. Eine absurde Logik, die nur durch den Bruch mit der Profitlogik und damit dem Kapitalismus als Ganzes durchbrochen werden kann.

 

 

Der gesamte Schwerpunkt zu „Industrie 4.0“ der 262. Ausgabe:

Die Industrie stirbt. Oder wird als Industrie 4.0 erneuert. Die Beschäftigten kommen dabei unter die Räder. Und kann mit neuer Technologie eine Krise verhindert werden?

  • Titelseite: Die Zukunft der Industrie? Von Albert Kropf

https://www.slp.at/artikel/die-zukunft-der-industrie-8588#

  • Hauptartikel: Sind Roboter krisenfest? Von Sonja Grusch

https://www.slp.at/artikel/sind-roboter-krisenfest-8589

  • Zahlen und Fakten von Georg Kummer:

https://www.slp.at/artikel/zahlen-und-fakten-zu-industrie-8590

  • Marx aktuell: Von Maschinen und Profiten von Nicolas Prettner

https://www.slp.at/artikel/marx-aktuell-von-maschinen-und-profiten-8591

  • Digitale Revolution – Soziale Reaktion? Von Thomas Hauer

https://www.slp.at/artikel/digitale-revolution-soziale-reaktion-8592

Erscheint in Zeitungsausgabe: