Mit Vollgas in die Krise?

Das Beispiel der Autoindustrie verdeutlicht: 2019 erinnert stark an 1929.
Martina Gergits

Vor 90 Jahren ging der große Börsencrash als Sinnbild der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus in die Geschichte ein. Heute steuern wir erneut auf eine Krise zu. Im Unterschied zu 1929 geht ihr aber heute kein „goldenes Zeitalter“ des Aufschwungs voraus.

Politik und Wirtschaft versprachen in den 20er Jahren, vor allem in den USA, dauerhaften Wohlstand – der trotzdem bei vielen nie ankam. Dennoch: Kreditwesen entwickelte sich, der „Kauf auf Pump“ boomte. Konnten sich in den USA noch 1919 nur Reiche ein Auto leisten, so hatte Anfang 1929 jede*r Fünfte ein Auto. Bereits Ende der 1920er zeichnete sich in den USA Überproduktion ab. Es wurde mehr produziert als profitabel verkauft werden konnte. Die Aktienkurse lösten sich immer weiter von den ihnen zugrunde liegenden realwirtschaftlichen Daten. Es entwickelte sich eine Spekulationsblase, die am schwarzen Donnerstag 1929 platzte.

Auch 2019 werden die Zeichen für eine weitere Krise immer deutlicher. Der Welthandel verlangsamt sich und im April prognostizierte der Internationale Währungsfonds IWF eine Verlangsamung des Wachstums für 70% der Weltwirtschaft in diesem Jahr. Deutschland, die größte Industrie- und Exportwirtschaft der Eurozone, verzeichnete im April einen Rückgang der Industrieproduktion um 1,9%. Besonders betroffen war eine entscheidende Industrie: Der Automobilsektor. Deutschland wie Österreich hängen massiv von ihm ab. In Österreich ist jeder 9. Arbeitsplatz dieser Branche zuzuordnen.

Die Autoindustrie ist die wichtigste industrielle Branche des Weltkapitalismus. Bereits in den 1920ern begann sie, den „Eisenbahnkapitalismus“ als Wirtschaftsmotor abzulösen. Seit Jahrzehnten stellt sie nun mit der Ölbranche sieben von zehn der mächtigsten Unternehmen der Welt. Unter den 500 größten Unternehmen entfielen 2018 ein Drittel des Gesamtumsatzes an Öl, Auto und Flugzeugbau. Das Gewicht dieser Industrie zeigt sich auch darin, dass sie sich seit den 70er Jahren im selben Krisenzyklus wie die Weltwirtschaft bewegen.

Die Krise 2008 erwies sich als die bisher stärkste der Branche. 2007 wurde noch ein neuer Produktionsrekord aufgestellt, ähnlich wie vor der Krise 1973. Auch 2019 kommt sie nach dem Produktionsrekord von 2018. Laut einer Studie des Forschungsinstituts CAR könnte heuer der globale Absatz neuer Autos um gut 5% sinken. Einen derartigen Einbruch gab es nicht einmal nach der Krise 2008. Grund dafür ist vor allem der mangelnde Absatz in China. Selbst 2008 stieg die Autoproduktion in China und federte die Krise ab. Seit 2018 sehen wir jedoch auch in China einen Rückgang im Wirtschaftswachstum von prognostizierten 6% auf ca. 3-4%.

Die heutigen Entwicklungen wirken wie die Jahre nach 1929 in Zeitlupe. Je länger dies anhält, desto mehr drückt die Last des aufgestauten Kapitals. Findet es keine Möglichkeiten für profitablen Einsatz, sucht es Fluchtwege: Zunächst braucht es komfortable Plätze zum Verweilen. Das lässt Steueroasen aufblühen, wie sie die Panama Papers aufgedeckt haben. Mittlerweile sind 40% aller Direkt-Investitionen von Unternehmen Manöver zur Steuervermeidung. Andererseits fließt Kapital zurück in ebenjene Hochrisiko-Finanzmärkte, deren Einbruch die Krise 2008 ausgelöst hat.

Weniger mobiles industrielles Kapital verlagert seine Hoffnungen in Technologie, um die Konkurrenz zu übertrumpfen. Diese Flucht in die Forschung erleben wir als Hypes um „Industrie 4.0“ usw., die sich oft als heiße Luft herausstellen, welche sich in Tech-Blasen ansammelt. Sinkende Produktionskosten und steigender Wettbewerb bedeuten eine Krise der Profitabilität – eine Entwicklung, die auch in den 1920ern auftrat. Der immer größere Anteil maschineller Produktion gegenüber menschlicher Arbeit untergräbt nicht nur die Profitraten – die immer höheren Fixkosten machen die Industrie- und Tech-Giganten auch immer weniger manövrierfähig im Krisenfall: Arbeiter*innen lassen sich leichter abstoßen als Maschinenparks.

In den meisten Ländern hat der leichte „Aufschwung“ nach der Krise 2008 zu keinem erhöhten Lebensstandard der Arbeiter*innenklasse geführt. Im Gegenteil, das Kürzungsdiktat verstärkte Armut und Arbeitslosigkeit. Ein weiterer Faktor, der den Handlungsspielraum des Kapitals im nächsten Ernstfall beschränkt. Eine neue globale Wirtschaftskrise in Verbindung mit einer eskalierenden Klimakatastrophe sind ein turbulenter Start in die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts.

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