1929 – 2019: Der Teufelskreis der Krisen

Jeder Versuch, Krisen auf Basis des Kapitalismus zu lösen, bereitet nur die nächsten Krisen vor.
Sebastian Kugler

Die Weltwirtschaftskrise 1929 nahm als Börsencrash in den USA ihren Ausgang – doch ihre wahre Wucht entfaltete sie, weil dieser die aufgestauten Widersprüche des Kapitalismus entfesselte. Das verbindet die damalige Krise mit unserer heutigen Periode, entsprechend gibt es viele Parallelen, aber auch Unterschiede. Die Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich: Die konkrete Form einer Krise im Kapitalismus ist das Ergebnis der Art, wie das System mit den vorhergehenden Krisen umgegangen ist.

Bis 1929 herrschte die liberale Auffassung, der Staat solle bei Krisen nicht steuernd eingreifen. Diese würden nur das „natürliche“ Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wiederherstellen. Auch Marx bemerkte im 3. Band des „Kapital“: „Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen.“ – Der Unterschied: Die bürgerliche Ökonomie sieht in diesem Gleichgewicht den natürlichen Zustand des Kapitalismus, während Marx erkennt, dass es nur „für den Augenblick“ hergestellt werden kann.

Der Liberalismus musste 1929 an seinen eigenen Voraussetzungen scheitern. Er verstand Krisen immer als Aussortierung der kleinen, nicht konkurrenzfähigen Marktteilnehmer*innen. Das bedeutete im Gegenzug, dass zunehmend große „Player“ übrigblieben, die immer größere Teile des gesamten Systems trugen. Durch diese Tendenz zur Monopolisierung kann sich das System im Krisenfall aber nicht mehr durch ein Auffressen der Kleinen stabilisieren.

Dieser Prozess ging einher mit der zunehmenden Verschmelzung verschiedener Wirtschaftszweige unter dem Kommando des Großkapitals, vor allem von Banken und Industrie. Dadurch sprang jede Krise in einem Sektor auf den anderen über. Österreich etwa wurde von der Krise 1931 mit dem Kollaps der Großbank Creditanstalt voll von der Krise erfasst. An ihr hingen zwei Drittel der österreichischen Industrie und große Mengen zentral- und osteuropäischen Kapitals - sie war „too big to fail“. Das ist heute noch ausgeprägter: Autokonzerne haben ihre eigenen Finanzmarkt-Unternehmen und Banken mischen in der Ölindustrie mit.

1931 kollabierte das internationale Kreditsystem. Nun schlug die Stunde des Staates, dessen Intervention zur Rettung des Kapitals verschiedene Formen annahm. Der russische Revolutionär Leo Trotzki bemerkte in dieser Periode, dass sie sich im Wesentlichen in zwei rivalisierenden Konzepten ausdrückte: Faschismus – wie in Österreich und Deutschland, und New Deal – wie in den USA.

In Österreich etwa nahm die autoritäre christlichsoziale Regierung zur Rettung der Creditanstalt eine Anleihe des Völkerbunds (Vorgänger von internationalen Organisationen wie UNO und IWF) von 300 Millionen Schilling auf – und verpflichtete sich zu brutalen Kürzungsmaßnahmen. Das erinnert an Griechenland während der Eurokrise: So wie in Athen die Troika der EU das Sagen hatte, schickte der Völkerbund einen Gesandten nach Wien, um die Einhaltung des Kürzungsdiktats zu garantieren - den niederländischen Faschisten Rost van Tonningen. Er erkannte, dass der kapitalistischen „Sanierung“ vor allem zwei Faktoren im Weg standen: Die Arbeiter*innenbewegung und die parlamentarische Demokratie, durch welche diese den Bürgerlichen immer wieder dazwischenfunkte. Nach der Ausschaltung des Parlaments notierte er in sein Tagebuch: „Zusammen mit dem Kanzler und [Nationalbank-Präsident] Kienböck haben wir die Ausschaltung des Parlaments für nötig gehalten, da dieses Parlament die Rekonstruktionsarbeit sabotierte.“

Der neue aufgehende Stern am dunklen Himmel der bürgerlichen Ökonomie hieß John M. Keynes. Er befürwortete staatliche Intervention zur Ankurbelung der Märkte. Keynes war kein Linker – er wollte nur den Kapitalismus von der Nachfrage-Seite wieder anstarten. Das konnte Lohnsteigerungen bedeuten, aber auch staatliche Infrastrukturmaßnahmen – vor allem im Rüstungsbereich. Deswegen begrüßte er sowohl den New Deal der Roosevelt-Regierung als auch die Zwangsbeschäftigung des frühen deutschen Faschismus.

Es waren nicht Keynes‘ „antizyklische“ Maßnahmen, die den Kapitalismus wieder aus der Krise holten. Auch der von ihm geforderte anhaltend niedrige Zinsfuß führte nicht zur Steigerung der Investitionen. Er musste selbst zugeben, dass es Krisen gibt, in denen „keine durchführbare Senkung des Zinsfußes groß genug sein wird.“ Das gilt auch heute: Nach der Krise 2008 senkten die großen Zentralbanken die Leitzinsen radikal, um Investitionen zu begünstigen und die Zinsen dann wieder stetig anheben zu können. Zehn Jahre später liegt der Leitzins der EZB noch immer bei 0,00% und auch die US-amerikanische FED senkte ihn dieses Jahr schon zum zweiten Mal. Diesmal auf 1,75%, Tendenz fallend.

„Überwunden“ wurde die Krise von 1929 schließlich durch den 2. imperialistischen Weltkrieg, der durch die verschiedenen Formen der Staatsintervention vorbereitet wurde. 1945 übernahmen die USA die Rolle der staatlichen Schutzmacht für den Weltkapitalismus. Der staatlich organisierte Marshallplan war das Instrument, um im Zuge des Wiederaufbaus in Europa den Nachkriegsaufschwung herzuleiten. Doch so wie der Liberalismus vor ihm, erzeugte auch sein Nachfolger, der Keynesianismus, die Bedingungen für sein eigenes Scheitern: Der Marshallplan schuf neue Märkte, doch das bedeutete neue Konkurrenz aus Europa und Japan. Das Ende des Nachkriegsaufschwungs konnte auch durch zunehmende Staatsverschuldung nicht gestoppt werden. Der Liberalismus kehrte zurück, nur dass dieser nun die gestiegene Bedeutung staatlicher Intervention weder zurücknehmen konnte noch wollte – er veränderte sie nur. Fernab davon, sich „zurückzuziehen“ wurde der Staat vielmehr als Instrument zur Schaffung von Finanzmärkten und als Abstellgleis für Schulden genutzt – die Explosion der Staatsschulden beginnt mit der neoliberalen Ära von Thatcher und Reagan. Als die finanzmarktbasierten Krücken des Weltkapitalismus 2008 wieder einbrachen, waren die Staaten ebenfalls zur Stelle – was in vielen Staaten die Fortsetzung der Krise als Staatsschuldenkrise bedeutete.

Jede Krisenpolitik, ob klassisch liberal, keynesianisch, neoliberal oder die aktuelle Synthese, verlagert nur das Problem in einen anderen Sektor des Kapitalismus. Egal wo die Bombe platzt: Wenn es nach diesem System geht, werden es wieder wir sein, die die Scherben aufsammeln müssen.

Kurz bevor die Krise der 1930er im Weltkrieg mündete, setzte sich Trotzki mit den verschiedenen Methoden der bürgerlichen Krisenbearbeitung auseinander. Seine Schlussfolgerung könnte aktueller nicht sein: „Um die Gesellschaft zu retten, ist es weder notwendig, die Entwicklung der Technik aufzuhalten, Fabriken zu schließen, Prämien für die Farmer festzusetzen, um die Landwirtschaft zu sabotieren, ein Drittel der Arbeiter in Bettler zu verwandeln, noch einen Appell an wahnsinnige Diktatoren zu machen. Alle diese Maßregeln, entschieden die Interessen der Gesellschaft gefährdend, sind unnötig. Unbedingt nötig ist die Trennung der Produktionsmittel von ihren parasitären Besitzern und die Organisation der Gesellschaft nach einem rationalen Plan. Dann erst wird es möglich sein, die Gesellschaft wirklich von ihren Übeln zu heilen.“

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