Marx aktuell: Weder "gottgewollt" noch biologisch erklärbar

Sebastian Kugler

Friedrich Engels analysierte 1884 in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" die Entstehung der Klassengesellschaft, basierend auf den Forschungen von Lewis H. Morgan über die Iroquois. Die Iroquois waren eine Gesellschaft, in der es (noch) keine Klassen gab, kein Privateigentum und deswegen keine strukturelle Unterdrückung der Frau. Der marxistische Archäologe Gordon Childe (Man makes Himself, 1936) bestätigte diese Theorien. Seine Forschungen prägten den Begriff der "neolithischen Revolution": Als Gesellschaften durch verbesserte Kulturtechniken in der Lage waren, ständig mehr als unmittelbar zum Überleben nötig war zu erzeugen, entstanden privilegierte Schichten, die nicht am unmittelbaren Produktionsprozess teilnahmen. Es wurde wichtig, die Privilegien zu vererben - und somit die Sexualität der Frau zu kontrollieren.

Wo der Staat die Ungleichheit auf gesellschaftlicher Ebene festschrieb, tat die Ehe dies auf der privaten. Erbschaft wurde nun über die väterliche Linie weitergegeben - Engels bezeichnet dies als die "historische Niederlage der Frau". Gerda Lerner, US-amerikanische Kommunistin und Pionierin der Frauengeschichte, schreibt dazu: "Die sexuelle Unterordnung der Frauen wurde in den frühesten Rechtsordnungen institutionalisiert und mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln durchgesetzt. Die Kooperation der Frauen in diesem System wurde auf verschiedene Art sichergestellt: durch Anwenden von Gewalt, durch ökonomische Abhängigkeit vom männlichen Familienoberhaupt, durch das Gewähren von klassenspezifischen Privilegien für sich anpassende und abhängige Frauen der Oberschichten und durch die künstlich-willkürliche Unterteilung der Frauen in respektable und nichtrespektable Frauen." (Die Entstehung des Patriarchats, 1991)

Frauenunterdrückung ist also mit der Klassengesellschaft entstanden und kann nur mit ihr komplett abgeschafft werden. Dies versuchten die Bolschewiki nach 1917. Sie ergriffen sofort weitreichende Maßnahmen zu Befreiung der Frau, die sie als unverzichtbaren Teil des Aufbaus des Sozialismus begriffen. "Kein Sozialismus ohne Frauenbefreiung, keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus!" war die Parole der Bolschewikin und Begründerin des internationalen Frauenkampftags, Clara Zetkin. Auch Alexandra Kollontai und Nadeshda Krupskaja waren unermüdliche VorkämpferInnen. Sieben Wochen nach der Revolution wurde die kirchliche Ehe als Institution abgeschafft, Scheidung radikal erleichtert und uneheliche Kinder legalisiert. Vergewaltigung in der Ehe wurde strafbar - in Österreich dauerte das bis 2004. Die Bolschewiki wussten, dass nicht nur der Staat absterben muss, um die klassenlose Gesellschaft aufzubauen, sondern auch die klassische Familie. Denn diese reproduziert, wie der marxistische Psychologe Wilhelm Reich darlegte, die Ideologie der Klassengesellschaft schon durch ihre Struktur (Die Sexualität im Kulturkampf, 1936). Inessa Armand, Vorsitzende des Frauenflügels der Bolschewiki, verkündete: „Solange die alten Formen der Familie, des häuslichen Lebens und der Kindererziehung nicht abgeschafft sind, wird es unmöglich sein, Ausbeutung und Versklavung abzuschaffen und den Sozialismus aufzubauen".

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