Marx aktuell: Trennung von Kopf- und Handarbeit überwinden

Nicolas Prettner, Sebastian Kugler

In früheren Gesellschaften gab es eine strikte Trennung von Kopf- und Handarbeit, beziehungsweise geistiger und körperlicher Arbeit: Fähigkeiten wie Lesen waren der Elite vorenthalten. Heute ist das durchschnittliche Bildungsniveau höher als in der vorkapitalistischen Zeit oder auch noch vor 100 Jahren. Das hat die ArbeiterInnenklasse erkämpft und auch der moderne Kapitalismus verlangt in weiten Teilen der Wirtschaft ein höheres Bildungsniveau, um diese Produktionsweise aufrecht erhalten zu können: Es muss mehr verwaltet als produziert werden. Grundkenntnisse wie Schreiben, Lesen und Rechnen sind heute auch in vielen der „einfachsten“ Berufe notwendig. Aber v.a. bedeutet eine allgemeinere Bildung eine breitere Einsetzbarkeit. ArbeiterInnen können einfacher zwischen verschiedenen Sektoren wechseln, je nach Bedarf.

Doch die Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit besteht fort. Auf globaler Ebene wird auch heute noch ein Großteil der produzierenden ArbeiterInnen, vor allem in der neokolonialen Welt, von grundlegender Bildung ausgeschlossen. Aber auch in reicheren, entwickelten kapitalistischen Ländern ist die Trennung nicht aufgehoben. Innerhalb der zunehmenden allgemeinen Teilung der Arbeit in immer kleinteiligere Bereiche wird sie abstrakter. Zwar müssen im modernen Produktionsprozess Maschinen zunehmend mehr per Computer als direkt per Hand bedient werden - die Funktion der Trennung bleibt aber erhalten: Der „Kopf“ befiehlt, die „Hand“ führt aus. Die untere Ebene macht, was die obere Ebene sagt.

Der moderne Kapitalismus muss also Individuen allseitig bilden, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Darüber hinaus behält die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit ihre Funktion. Das spiegelt sich auch im Bildungssystem wider. Es wird zwischen jenen unterschieden, die eine höhere akademischere Ausbildung erhalten und jenen, die „das Radl am Laufen“ halten sollen.

Marx beschrieb das bereits 1863 wie folgt: „Es ist ja eben das Eigentümliche der kapitalistischen Produktionsweise, die verschiedenen Arbeiten, also auch die Kopf- und Handarbeiten oder die Arbeiten, in denen die eine oder die andere Seite vorwiegt, zu trennen und an verschiedene Personen zu verteilen, was jedoch nicht hindert, dass das materielle Produkt das gemeinsame Produkt dieser Personen ist oder ihr gemeinsames Produkt in materiellem Reichtum vergegenständlicht;“ (Theorien über den Mehrwert)

Dieses gemeinsame Produkt der Arbeit, der „materielle Reichtum“, gehört jedoch denen, die am Arbeitsprozess weder mit dem Kopf noch der Hand beteiligt sind – den KapitalistInnen, die die Betriebe besitzen. Ihnen nutzt eine in zahllose Unterabteilungen und Befehlsketten gegliederte ArbeiterInnenklasse. Das alles kann unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen nicht überwunden werden. Notwendig wäre stattdessen, dass Kopf- und Handarbeit im Produktionsprozess zusammenfallen. Das wäre nicht nur persönlich befriedigender, sondern auch ein Fortschritt weil diejenigen, die eine Arbeit ausführen, auch demokratisch bestimmen können, was, wie und wofür gearbeitet wird. Dies ist erst in einer sozialistischen Gesellschaft möglich, in der Bildung nicht mehr dazu dient, am Arbeitsmarkt möglichst verwertbar zu sein.

 

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