Wie es zum Anschluss kam

Der Kapitalismus benötigte den Faschismus zur Herrschaftsstabilisierung.
Lukas Kastner

Nach wie vor wird die Machtergreifung der Nazis in Österreich 1938 oft als unvermeidbares Unglück dargestellt. Dass Österreich bereits seit 1933 unter faschistischer Herrschaft stand und unter Engelbert Dollfuß die Weichen für die Machtergreifung der Nazis gestellt wurden, leugnet besonders die ÖVP allzu gerne. Andreas Khol, ÖVP-Präsidentschaftskandidat 2016, meint über Dollfuß in einem Interview: „Er war ein österreichischer Patriot“ und: „Die ÖVP hält ihn in höchstem Ansehen.“ Wer aber ignoriert, dass der österreichische Faschismus die Vorarbeit für die Nazis machte, dem erscheint dann auch der Einmarsch Hitlers als unerklärliche Tragödie. Wie konnte es also tatsächlich so weit kommen?

Wie in anderen Ländern entstand auch in Österreich die faschistische Bewegung im Anschluss an den 1. Weltkrieg. 1918 läutete jedoch zunächst der Jännerstreik eine revolutionäre Bewegung ein. Wie in anderen Ländern auch, bildeten sich ArbeiterInnenräte, die auch als Antwort auf die Erfahrungen des Horrors des Krieges eine sozialistische Gesellschaft herbeiführen wollten. Doch die sozialdemokratische Führung schaffte es, die Bewegung komplett zu vereinnahmen und abzuwürgen. Ihre Popularität nutzte sie vor allem, um den Kapitalismus mittels Reformen für die arbeitenden Massen erträglicher (v.a. im Roten Wien) zu machen, während sie sich in der Praxis mit ihm arrangierte. Doch selbst einzelne Reformen und die bloße Existenz einer großen ArbeiterInnenbewegung gingen den österreichischen KapitalistInnen zu weit. Die Christlich Soziale Partei (CSP) wurde als bürgerliches antisozialistisches Sammelbecken aufgebaut. Außerdem entwickelten sich mit Unterstützung von Unternehmen und Kirche faschistische Gruppierungen, die in einem Naheverhältnis zur CSP standen. Bei diesen handelte es sich um paramilitärische Organisationen, die sich aus den reaktionärsten Teilen der Armee, des Kleinbürgertums und der Bauernschaft rekrutierten. Zum einen wuchsen sie aus der Frontkämpfervereinigung in Wien, die von ehemaligen Soldaten gegründet wurde. Zum anderen entstanden in den Grenzgebieten die Heimwehren als Wehrverbände. Diese verstanden sich vor allem nach der Ausrufung der Räterepubliken in Bayern und Ungarn als antimarxistische Kampfverbände. Zudem entstand 1918 auch die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei.

Der Machtergreifung der Nazis wurde durch den Austrofaschismus Tür und Tor geöffnet.

Das Verhältnis zwischen austrofaschistischen und nationalsozialistischen Organisationen war zu unterschiedlichen Zeitpunkten mal mehr von Rivalität, mal mehr von Zusammenarbeit geprägt. Diese Rivalität drehte sich in erster Linie um Machtansprüche. So wurden die Heimwehren seit ihrem Entstehen von Mussolini finanziell und waffentechnisch in beträchtlicher Weise unterstützt. Dieser erhoffte sich dadurch eine wirtschaftliche Stärkung Italiens im Donauraum. Auf der anderen Seite spiegelten sich in der Ideologie und dem Wunsch, Österreich in Deutschland einzugliedern der Nationalsozialisten die Expansionsbestrebungen der starken deutschen Wirtschaft wider. Dies wollte Mussolini verhindern und sah die Austrofaschisten als die geeignetsten Verbündeten an. Gleichzeitig bedeuteten die Bestrebungen der Nationalsozialisten eine Gefahr für die Machtansprüche der austrofaschistischen Kräfte, welche wiederum in Mussolini ihren Schutzpatron sahen. Ein wesentlicher Unterschied bestand im unterschiedlichen Expansions- und Modernisierungswillen von deutschem und österreichischem Faschismus. Vor dem Hintergrund der rückständigen österreichischen Wirtschaft träumten die heimischen FaschistInnen von einer in sich gekehrten, idyllischen katholischen, bäuerlich, ständisch geprägten Herrschaft. Der deutsche Faschismus war moderner, setzte auf Großindustrie und hatte aggressivere Expansionspläne. In Bezug auf Demokratiefeindlichkeit, die Zerstörung der ArbeiterInnenbewegung, Antisemitismus, Rassismus und Frauenbild waren die Unterschiede verschwindend. Dies wurde auch in der Praxis immer unter Beweis gestellt. So kam es z.B. in Salzburg auf Initiative der Nationalsozialisten zu einer gemeinsamen Wahlliste mit dem Salzburger Bauernbund und der CSP bei den Landtagswahlen 1922. Vor allem die Heimwehren wurden bereits im Laufe der 1920er Jahre in breitem Ausmaß in den Herrschaftsapparat integriert und wahren mehrfacher Partner der CSP in den „Bürgerblockregierungen“. Während dieser Jahre kam es immer wieder zu bewaffneten Angriffen auf die ArbeiterInnenbewegung. Zur Verteidigung wurde von der Sozialdemokratie der Republikanische Schutzbund gegründet.

Die Wirtschaftskrise von 1929 führte letztendlich dazu, dass die österreichischen KapitalistInnen endgültig auf den Faschismus setzten. Die weitgehende soziale Verelendung und Spaltung verstärkte die Befürchtungen des Bürgertums, dass die sozialdemokratische Führung die ArbeiterInnenbewegung nicht im Zaum halten könnte. Nun sollten Nazis und (zunächst) vor allem die Austrofaschisten endgültig ihre historische Aufgabe der Vernichtung der ArbeiterInnenorganisationen verrichten. Diese waren im Laufe der Zeit zu Massenorganisationen mit über 300.000 Mitgliedern angewachsen. Dabei konnten sie vor allem unter kleinbürgerlichen und bäuerlichen Schichten, die sich zum einen vom Großkapital, aber auch von der ArbeiterInnenbewegung bedroht sahen, rekrutieren. Zur faschistischen Machtübernahme kam es letztendlich 1933, als CSP Kanzler Dollfuß das Parlament auflöste und von nun an auf die Heimwehren gestützt diktatorisch regierte. Der Schutzbund und die KPÖ wurden verboten. Als ersterer sich gegen diese Maßnahmen wehrte, kam es am 12. Februar 1934 zu den bekannten Februarkämpfen, welche aber aufgrund des Verrats der sozialdemokratischen Führung in einer Niederlage endeten. Die Folge waren die Zerschlagung sämtlicher Arbeiterorganisationen und die Ermordung ihrer Mitglieder bzw. deren Deportation in die berüchtigten Anhaltelager. Jeglicher größere Widerstand gegen den Einmarsch der Nazis wurde somit bereits in den Jahren vor 1938 ausgelöscht. Zwar wurden auch die Nazis 1934 verboten. Doch nach der Ermordung Dollfuß‘ wurden ihre führenden Köpfe unter seinem Nachfolger Kurt Schuschnigg sogar in die Regierung berufen. Der britische Journalist und Zeitzeuge Gedye berichtet von einer Begegnung zwischen illegalen Nazis und austrofaschistischer Polizei 1937, die Bände spricht:

„Herr Inspektor“, sagte ein Nazi […], „erinnern Sie sich daran, dass wir Nazi mit Ihnen gegen die Roten gekämpft haben?“ Der Inspektor nickte mit dem Kopf und lächelte. „Wir alle bei der Polizei wissen genau, was für eine außerordentlich wertvolle Kraft Sie im Lande sind.“ Die widerstandslose Machtübernahme Hitlers wurde dadurch bereits durch die VertreterInnen und VerteidigerInnen des österreichischen Kapitals vorbereitet.

Zwar steht heute die Herrschaft des Faschismus nicht vor der Tür. Doch sehen wir weltweit, wie vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und massiven Angriffen auf die ArbeiterInnenklasse, deren demokratische Rechte zurückgedrängt werden. Autoritäre und rechtsextreme Regierungen sind auf dem Vormarsch. Die Geschichte des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus zeigen, wie weit die Herrschenden gehen, um ihr Gesellschaftssystem zu erhalten.

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Der Wahnsinn des Kapitalismus

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