1938: Zwischen Pest und Cholera

Musste sich die ArbeiterInnenbewegung 1938 zwischen Schuschnigg und Hitler entscheiden?
Sebastian Kugler

Der Saal des Floridsdorfer Arbeiterheims ist zum Bersten voll. Die Kellner bringen die Krüge mit Bier und Soda Himbeer, so wie sie es vor 1934 bei ähnlichen Versammlungen hier getan hatten – bevor Dollfuß seine Artillerie auf das Heim gerichtet hatte. Nun, am 7. März 1938 haben sie das erste Mal seit mehr als vier Jahren wieder alle Hände voll zu tun. Die Luft ist nicht nur mit Zigarettenqualm gefüllt, sondern auch mit fühlbarer Spannung: Etwa 400 VertreterInnen der illegalen ArbeiterInnenbewegung haben sich versammelt, um über den drohenden Einmarsch Hitlers und den Widerstand dagegen zu beraten. Dass sie das können, ohne von der Polizei auseinandergetrieben und verhaftet zu werden, ist ein Zugeständnis des schwächelnden austrofaschistischen Regimes. Schuschnigg, der Nachfolger von Dollfuß, ist auf die Hilfe der von ihm unterdrückten ArbeiterInnenbewegung angewiesen.

Mussolini hatte ihm wenige Tage zuvor per Telefon jede Unterstützung gegen Hitler verweigert, und in der österreichischen Bevölkerung, besonders unter der ArbeiterInnenschaft, ist Schuschnigg verhasst. Währenddessen hatte sich die ArbeiterInnenbewegung nach ihrer Zerschlagung 1934 im Untergrund wiederaufgebaut und an Macht gewonnen. Bereits im April 1937 verfassten gewählte gewerkschaftliche Vertrauenspersonen, die ca. 100.000 ArbeiterInnen vertraten, einen Brief an Schuschnigg. Darin forderten sie die Legalisierung der ArbeiterInnenorganisationen, echte Gewerkschaften und Pressefreiheit als Bedingung, um effektiv gegen den NS kämpfen zu können. Damals ignorierte Schuschnigg die Forderungen, jetzt zeigt er sich verhandlungsbereit.

Nun laufen die Debatten heiß. Sollen sich die ArbeiterInnen mit jenen verbünden, die sie im Februar 1934 massenhaft ermordet hatten und sie seither in den Untergrund zwingen? Andererseits: Ist es nicht notwendig, angesichts der nahenden Katastrophe alle Differenzen über Bord zu werfen und gemeinsam gegen Hitler zu kämpfen? Ein Redner der KPÖ ist dieser Meinung: Er meint, nun sei nicht die Zeit, Forderungen oder gar Führungsansprüche zu stellen – jetzt müsse man „seinen Platz in der Abwehrfront einnehmen und Seite an Seite mit den kleineren Diktatoren kämpfen, zusammen mit den Priestern, kapitalistischen Unternehmern und wer sonst immer bereit wäre.“ Ein Vertreter der Revolutionären Sozialisten (RS, Nachfolgeorganisation der Sozialdemokratischen Partei) sieht das anders: er ist dafür, weiter mit Schuschnigg über ein Mindestprogramm an demokratischen und sozialen Verbesserungen zu verhandeln. Die Erfüllung dieser Forderungen würde den ArbeiterInnen „ein Interesse am Weiterbestehen des Staates geben“, und sie dazu bringen „im Kampf dafür ihr Leben einzusetzen“. Die Konferenz beschließt mit großer Mehrheit eine Liste an Forderungen, die sich im Wesentlichen mit dem Brief der 100.000 decken.

Nur eine kleine Minderheit der illegalen ArbeiterInnenbewegung lehnt es ab, mit Schuschnigg die „Unabhängigkeit Österreichs“ zu verteidigen. Es sind die Gruppen, die mit der internationalen Linken Opposition rund um Leo Trotzki in Verbindung stehen. Sie kritisieren, dass die zögerliche Politik der Sozialdemokratie vor 1934 und die Stalin-Treue der KPÖ mitverantwortlich für die verzweifelte Lage der ArbeiterInnenbewegung waren. Sie argumentieren, dass nur der konsequente Kampf gegen Schuschnigg Widerstand gegen Hitler ermöglichen würde –Was auf den ersten Blick wie Sturheit und Realitätsverweigerung wirkt, ist tatsächlich eine realistische Einschätzung der bitteren Lage: Schuschnigg weigert sich, die Mindestforderungen der ArbeiterInnenbewegung anzunehmen. Er ist eher bereit, sich Hitler zu unterwerfen, als Zugeständnisse zu machen. Noch dazu ist Schuschnigg faktisch bereits machtlos: Sein Staat ist mit Nazis durchsetzt und vor allem die städtische Bevölkerung hasst den ArbeiterInnenmörder. Viele wären bereit, gegen Hitler zu kämpfen – aber nicht für Schuschnigg. In den Wochen vor dem Anschluss kommt es zu starken antifaschistischen Mobilisierungen, mit Massenaufmärschen am 24. Februar. Zentrale OrganisatorInnen sind die illegalen Gewerkschaften. Neben den Nazis ist die ArbeiterInnenbewegung, obwohl geschwächt und im Untergrund, wohl die einzig handlungsfähige Kraft in diesen Tagen. Doch indem sie ihren Kampf gegen Hitler an Schuschniggs Mitarbeit knüpft, legt sie sich selbst Ketten an. Dieser kapituliert und führt die ArbeiterInnenklasse zur Schlachtbank Hitlers.

Der Fehler der ArbeiterInnenbewegung war, zu glauben, sie könne mit dem kleineren Übel das größere stoppen. Stattdessen wäre es notwendig gewesen, selbst durch Streiks und Mobilisierungen die Führung des Widerstands zu übernehmen. Ob zu diesem Zeitpunkt Hitler selbst mit der richtigen Taktik verhindert hätte werden können, ist fraglich. Ein solcher Aufstand wäre jedoch ein Hoffnungsschimmer für den Widerstand in Deutschland und Italien gewesen – und nicht zuletzt für die KämpferInnen gegen Franco in Spanien. Die Märztage sind eine bittere Lehre für heute: Nur der Aufbau einer starken, unabhängigen und revolutionären ArbeiterInnenbewegung kann den Faschismus langfristig besiegen.

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