Her mit der 30 Stunden Woche bei vollem Lohn!

Wachsender Arbeitsdruck, Stress und Überstunden. Das ist der Alltag vieler Lohnabhängiger. Gleichzeitig nimmt ungewollte Teilzeitbeschäftigung zu. Eine 30 Stundenwoche für alle muss her.
Christian Bunke

Die Firma „Henry am Zug“ ist für das Catering von ÖBB-Fahrgästen zuständig. Die Beschäftigten schuften 17 Stunden am Stück. Ohne Pause. Der von der Gewerkschaft Vida ausgehandelte Kollektivvertrag sieht eine Arbeitszeit von „nur“ 12 Stunden vor.

In einem Wiener Bürobetrieb sorgt ein Personalnewsletter der Geschäftsleitung für Erheiterung. Man solle die Diensthandies am Wochenende ausschalten und die Zeit mit der Familie verbringen, ist dort zu lesen. Das sei außerdem für die Gesundheit gut. Allerdings: Die selbe Geschäftsleitung fordert die Erreichbarkeit per Diensthandy vehement ein.

Arbeitszeit betrifft uns alle. Und damit ist nicht nur die Zeit gemeint, die wir „in der Arbeit“ verbringen. „Arbeitszeit“ umfasst auch jene Bereiche, die zwar Arbeit bedeuten, aber nicht bezahlt werden: Hausarbeit, Einkaufen, Kinderbetreuung, die Pflege kranker oder gebrechlicher Verwandter etc.

Die anfallende Arbeit ist ungerecht verteilt. Frauen arbeiten insgesamt länger, allerdings ist weniger dieser Zeit bezahlt als bei Männern. Die wöchentliche Gesamtarbeitszeit schrammt bei beiden an der 70 Stunden-Marke. Männer leisten mehr Lohnarbeit, machen sich dafür bei Haushalt, Kinderversorgung oder Pflege rar. Frauen kriegen einen kleineren Teil des Kuchens „Lohnarbeit“, dafür „dürfen“ sie länger unbezahlte Arbeit verrichten. Und mit jeder Schließung einer Spitalsabteilung, mit jedem Kostenbeitrag für Kinderbetreuung, mit jeder Verringerung von Pflegeeinrichtungen wird diese unbezahlte Arbeit mehr.

Zufrieden ist aber kaum wer mit der Situation. Viele wollen kürzer arbeiten, weil der Druck zu hoch ist, viele aber auch länger, weil sie das Geld dringend brauchen. Oft finden sich beide Wünsche in einer Person wieder.

Es ist absurd. Während der Arbeitsstress für Vollzeitbeschäftigte jedes Jahr ansteigt, sinkt seit 1995 jedes Jahr die Zahl der Vollzeitjobs. Auch das betrifft vor allem Frauen, die in schlecht bezahlte Teilzeitjobs gedrängt werden, deren Lohn zum Leben nicht reicht.

Gleichzeitig diskutieren die PolitikerInnen über eine Verlängerung der Arbeitszeit und die Einführung des 12 Stundentages. Schon jetzt wird die anfallende Arbeit in vielen Betrieben extrem verdichtet. Die Produktivität steigt, die Zahl der Beschäftigten aber nicht. Es sind nicht nur modernere Maschinen, sondern ganz stark auch erhöhter Arbeitsdruck, der die Gewinne erhöht, aber die Beschäftigten in die Dauererschöpfung treibt. Den meisten LeserInnen fallen Beispiele aus dem eigenen Arbeitsleben dazu ein...

Die SLP fordert eine radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn – als ersten Schritt braucht es die 30 Stundenwoche. Die anfallende Arbeit muss auf alle Schultern verteilt werden. Und zwar nicht nur die bezahlte Arbeit. Da ist es mit einer Arbeitszeitverkürzung allein aber nicht getan. Es braucht mehr und bessere Kindergärten, mehr und bessere Pflegeeinrichtungen. Es braucht eine Gesellschaft, in der alle anfallenden Arbeiten wirklich als gesellschaftliche Aufgabe gesehen werden und nicht mehr „privatisiert“ werden. Auch Putzen, Wäsche und Kochen kann zu einem großen Teil durch Maschinen und professionelle öffentliche Einrichtungen übernommen werden.

Eine 30 Stundenwoche wäre auch ein effektives Mittel zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit. Auch diese ist ein Ergebnis der ungleich verteilten gesellschaftlichen Arbeit. Einerseits schaffen immer weniger Firmen neue Jobs, andererseits fallen Jobs im öffentlichen Dienst oder dem Gesundheitswesen zunehmend Einsparungen zum Opfer. Gerade im Gesundheitswesen wird absurd lange gearbeitet. Laut Arbeiterkammer entspricht allein das Volumen der unfreiwillig in Österreich geleisteten Überstunden 50.000 Vollzeitjobs. Insgesamt werden in Österreich 270 Millionen Überstunden geleistet. Das entspricht 150.000 Vollarbeitsplätzen. Die durch Arbeitszeitverkürzung neu entstehenden Jobs sind hier noch gar nicht eingerechnet.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Schon im Jahr 1909 verfasste Sidney Chapman, Chefberater der damaligen britischen Regierung, einen Bericht, in dem er eine Arbeitszeitverkürzung als „produktivitätssteigernd“ bezeichnete. Diese scheitere aber an der „Kurzsichtigkeit der Unternehmer“. Sein pessimistisches Fazit: „Der freie Markt produziert zu lange Arbeitszeiten“.

Ähnlich hieß es 2013 in einem Aufruf zahlreicher deutscher WissenschafterInnen für die Einführung der 30 Stundenwoche: „Die faire Teilung der Arbeit trägt sowohl den Interessen der Beschäftigten als auch der Arbeitslosen gleichermaßen Rechnung.“

Doch der Trend geht in die andere Richtung. Die täglich und wöchentlich erlaubte Arbeitszeit soll erhöht und Überzahlungen (für Überstunden, Nachtarbeit etc.) reduziert werden. Argumentiert wird das mit dem Wirtschaftsstandort Österreich, der im internationalen Wettbewerb fit werden/bleiben müsse. Und weil Profite das Ziel sind, ist das Mittel zur Wettbewerbssteigerung die Kostensenkung. Und das bedeutet, aus den Beschäftigten mehr für weniger Geld heraus zu holen. Die Hoffnung, dass dann alle von einem Wettbewerbsvorteil profitieren würden, erweist sich als trügerisch. Lohnverzicht ist kein Mittel, um Arbeitsplätze zu schaffen oder auch nur zu erhalten. Aber eine Spirale nach unten wird so losgetreten.

Unternehmen sind dann für Arbeitszeitverkürzung, wenn es ihren kurzfristigen Interessen nützt. Während der Krise 2008-09 wurden zehntausende österreichische Lohnabhängige von ihren Betrieben in die mit staatlichen Geldern subventionierte Kurzarbeit geschickt. Die Unternehmen reagierten so auf die drastisch gesunkene Auftragslage. In Erwartung, dass die Krise nicht so lange andauert, wollten sie die Verfügbarkeit über die Arbeitskraft für ihre Betriebe erhalten.

Die Kluft zwischen dem, was für die Wirtschaft und was für die Menschen nötig ist, wird im Kapitalismus immer größer. Es wäre weltweit und in Österreich genug Reichtum vorhanden, um modernste Technologie zum Wohle aller einzusetzen, die Arbeitszeit drastisch zu reduzieren und allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Doch dieser Reichtum ist so ungleich wie noch nie in der Menschheitsgeschichte verteilt.

Damit das Mittel der Arbeitszeitverkürzung volle Wirkung entfalten kann, muss es der demokratischen Kontrolle der Beschäftigten unterstehen. Das bedeutet auch einen gesellschaftlichen Bruch mit dem kurzfristigen Streben nach Profit als Hauptantrieb für die Wirtschaft. Die großen Betriebe gehören in Gemeineigentum überführt, damit sie den Menschen und nicht mehr den KapitalistInnen dienen.

So kann auch verhindert werden, dass Arbeitszeitverkürzung benutzt wird, um den Stress für die Beschäftigten zu erhöhen. Denn genau dies nimmt immer mehr zu. So werden vielerorts halbe Stellen für einen Berg an Arbeit geschaffen, dessen Bewältigung eigentlich eine Vollzeitkraft oder sogar zwei benötigt. Selbst gesetzlich vorgeschriebene Pausen werden zum Fremdwort.

Gesund ist das nicht. Zahlreiche Studien warnen vor erhöhten Burnout-Raten, Depressionen und anderen durch Überarbeitung verursachten Krankheiten. Die Krankenstandstage haben sich zwischen 1994 und 2011 vervierfacht.

In den letzten Jahren haben manche Kollektivverträge wie zum Beispiel in der Elektroindustrie einen so genannten „Freizeitausgleich“ eingeführt. Wenn KollegInnen auf Lohn verzichten, dürfen sie mehr Urlaub nehmen. Das ist ein bedenklicher Trend. Arbeitszeitverkürzung darf nicht aufs Geldbörserl gehen. Die 30 Stundenwoche muss mit vollem Lohn und Gehalt erkämpft werden.

 

Der ganze Schwerpunkt zum (Klassen)kampf um die Arbeitszeit:

  • Der (Klassen)kampf um die Arbeitszeit von Karin Karin Wottawa

https://www.slp.at/artikel/der-klassenkampf-um-die-arbeitszeit-8651

  • Her mit der 30h Woche bei vollem Lohn! Von Christian Bunke

https://www.slp.at/artikel/her-mit-der-30-stunden-woche-bei-vollem-lohn-8652

  • Marx aktuell: "Normalität" des Achtstundentagen von Thomas Hauer

https://www.slp.at/artikel/marx-aktuell-%E2%80%9Enormalit%C3%A4t%E2%80%9C-des-achtstundentages-8653

  • Zahlen und Fakten: Arbeitszeit in Österreich

https://www.slp.at/artikel/zahlen-und-fakten-arbeitszeit-in-%C3%B6sterreich-8654

  • Geschenkt ist nix – Arbeitszeitverkürzung erkämpfen! Von Manuel Schweiger

https://www.slp.at/artikel/geschenkt-ist-nix-arbeitszeitverk%C3%BCrzung-erk%C3%A4mpfen-8655

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Der Wahnsinn des Kapitalismus

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23.5.2018

Der Wahnsinn des Kapitalismus: Wir arbeiten grad am nächsten Vorwärts, im Schwerpunkt geht es um Imperialismus und die wachsende Kriegsgefahr. Dazu passend verschickt die schwedische Regierung an...mehr