ArbeiterInnenbewegung und LGBTQ-Selbstbestimmung

Nikita Tarasov

Der Kampf für LGBTQ-Rechte ist ein Kampf der gesamten ArbeiterInnenklasse

Am 17. Juni fand in Wien die Regenbogenparade statt. Gut so! Die Errungenschaften des Kampfes um LGBTQ-Rechte (Lesbian, Gay, Bixesual, Transgender, Queer) gehören gefeiert. Vor allem, weil der Kampf noch lange nicht vorbei ist: Zwar gibt es Erfolge zu feiern wie in den USA und Irland, aber auch verstärkte und massive Angriffe auf Rechte und Leben von LGBTQ-Personen wie in Tschetschenien.

 

Kapitalismus und LGBTQ-Rechte stehen grundsätzlich im Konflikt. Die klassische Hetero-Kernfamilie (Vater-Mutter-Kind) mit dem Mann als Haupt ist eine wirtschaftliche Einheit im Kapitalismus. Hier spiegelt sich auch die kapitalistische Unterdrückung wider. Der Mann bestimmt – beim Vater lernt man, dass man dem Chef gehorchen soll. Währenddessen verrichtet die Frau reproduktive Arbeit (z.B. Putzen, Kochen, Kinderbetreuung). Sie sorgt im Privaten und unbezahlt dafür, dass der Mann am nächsten Morgen für den Kapitalisten arbeiten kann, und dass das Kind, die nächste Generation von ArbeiterInnen, herangezogen wird. MarxistInnen wie Friedrich Engels, Wilhelm Reich oder Alexandra Kollontai haben sich eingehend mit diesen Themen befasst. LGBTQ-Lebensarten stellen die Kernfamilie und ihre Grundannahmen (Herrschaft vom Mann, Reproduktionsarbeit im Privaten, Privateigentum etc) in Frage. SozialistInnen tun das auch!

Homophobie gibt es in allen gesellschaftlichen Klassen und Schichten. Wer die Ideologie der Kernfamilie als „Keimzelle der Gesellschaft“ (und nicht vielmehr als Ergebnis einer Klassengesellschaft) sieht und verteidigt, der wird sie gegen andere Formen des Zusammenlebens „verteidigen“. Für die ArbeiterInnenklasse war und ist dieses bürgerliche Familienideal jedoch größtenteils nicht voll umsetzbar – es waren immer Menschen aus der ArbeiterInnenklasse, die als sexuelle „Abweichler“ Stoff konservativer Schauergeschichten waren. Im Gegensatz zum Bürgertum hat die ArbeiterInnenklasse ein Interesse daran, Freiheit für alle Formen des Zusammenlebens zu erkämpfen.

Homophobie wird auch gezielt als Spaltungsmechanismus verwendet. So schreiten zum Beispiel in Russland die Angriffe von oben gegen alle, die der Heteronorm nicht entsprechen, voran. LGBTQ-Personen werden oft am Arbeitsplatz gemobbt, auf der Straße gejagt und vom Gesetz weiter unterdrückt. So soll von den Folgen der Wirtschafts- und Regierungskrise in Russland abgelenkt werden: Die Einheit des Volkes und der Familie wird beschworen. Schuld an sozialen Missständen sei nicht das herrschende System, sondern diejenigen, die es in Frage stellen. Auch in Österreich gibt es z.B. die FPÖ, die gegen die vermeintliche „Homolobby“ hetzt, die ÖVP, die für die Vater-Mutter-Kind-Familie plädiert, und regelmäßige Übergriffe von Rechten auf LGBTQ-Personen. Gleichzeitig wird für die nationale Einheit plädiert, um den „Wirtschaftsstandort“ profitabel für die Reichen zu halten.

Der Kampf gegen sexuelle Unterdrückung und der Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung sind untrennbar miteinander verbunden. Ein Beispiel dafür ist die Russische Revolution. Im zaristischen Russland war Homosexualität illegal. Doch der Sieg der Revolution und die Umwälzung der alten Gesellschaftsnormen brachten unterdrückten Gruppen Rechte und Möglichkeiten, die es bis heute in modernen Staaten nicht gibt. Von 1917 bis 1926 waren alle, unabhängig von Sexualität oder Gender, gesetzlich gleichgestellt. Geschlechtsangleichende Operationen wurden staatlich finanziert. 1926 war es möglich, ohne irgendwelche Voraussetzungen in offiziellen Dokumenten sein angegebenes Geschlecht zu ändern. Georgiy Tschitscherin, 1918-1930 Kommissar für Außenangelegenheiten, war offen homosexuell.

Die Praxis zeigt, dass der Kampf um LGBTQ-Rechte ein Kampf der ArbeiterInnenklasse ist. Beispiel Irland: im Mai 2015 fand in Irland das Referendum zur Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Ehen statt. Mit 62,1% und einer Wahlbeteiligung von 60,5% wurde für JA gestimmt – trotz der Kampagne von Kirche, Medien und Regierung dagegen. Die höchsten Ergebnisse für „Ja“ gab es in den ärmsten ArbeiterInnenbezirken (Dublin Coolock 88%, Jobstown 87%)! Das ist darauf zurückzuführen, dass zeitgleich die Regierung eine Wassersteuer durchpeitschen wollte. Dagegen organisierte u.a. unsere Schwesterorganisation (Socialist Party) breiten Widerstand. Heterosexuelle, die durch die Bewegung gegen die Wassersteuer politisiert und mobilisiert wurden, erklärten sich solidarisch mit dem Kampf der LGBTQ-Personen für mehr Gleichberechtigung – auch, weil sie alle gemeinsam gegen die Wassersteuer kämpften. Sobald die ArbeiterInnenklasse anfängt, an einem Balken des kapitalistischen Unterdrückungsgerüsts zu rütteln, geraten auch die anderen schnell ins Schwanken!

Durch vereinten Klassenkampf kann Druck auf die Herrschenden aufgebaut werden, um Rechte (z.B. Adoptionsrecht) zu erzwingen. Doch diese Errungenschaften geraten unter Beschuss, sobald die wirtschaftliche Lage Konformität verlangt. Um mit den Ursachen der Unterdrückung aufzuräumen, muss mit dem kapitalistischen System gebrochen werden. An seiner Stelle braucht es ein sozialistisches System, wo die Bedürfnisse von allen, und nicht die Profite von wenigen, im Mittelpunkt stehen - unabhängig von Gender, Sexualität, Nationalität oder Hautfarbe. 

 

 

 

 

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