Di 04.08.2026
Was ist Faschismus?
Vor dem Hintergrund all der autoritären Phänomene und politischen Rechtsrucks, die wir weltweit beobachten müssen, kommt beinahe zwangsläufig die Frage auf: Stehen wir vor einer neuen faschistischen Ära? Tatsächlich wäre es unseriös, diese Frage aktuell klar mit “ja” oder “nein” zu beantworten. Notwendig ist aber, ein klares Verständnis davon zu haben, was Faschismus ist - und was nicht.
Faschismus wird oft missverstanden: als extremistische Meinung, als irrationaler Ausbruch politischer Gewalt oder als “Unfall” der Geschichte. Eine solche Sicht bleibt an der Oberfläche. Wer Faschismus verstehen will, muss ihn in drei miteinander verschränkten Dimensionen begreifen: als Ideologie, als soziale Bewegung und als spezifische Form bürgerlicher Herrschaft. Erst in ihrem Zusammenhang wird sichtbar, warum Faschismus in Krisenzeiten eine reale politische Kraft werden kann – und warum er so zerstörerisch wirkt.
Faschismus als Ideologie
Auf den ersten Blick wirkt faschistische Ideologie wie ein widersprüchliches Sammelsurium: extremer Nationalismus, Antimarxismus, Autoritarismus, Militarismus, verbunden mit scheinbar „antikapitalistischen“ Versatzstücken. Leo Trotzki bringt diese eigentümliche Zusammensetzung auf den Punkt, wenn er vom „Auswurf politischer Gedanken“ spricht, der die „Schatzkammer“ des Faschismus füllt: archaische Bilder, moderne Krisenerfahrungen, Ressentiments, Mythen und Versatzstücke aus ganz unterschiedlichen politischen Traditionen. Gerade diese Ungleichzeitigkeit macht faschistische Ideologie anschlussfähig. Sie ist keine kohärente Theorie, sondern eine Verdichtung sozialer Widersprüche.
Faschistische Ideologie verteidigt imaginäres Eigentum: „unsere Nation“, „unsere Kultur“, „unsere Lebensweise“. Das drückt Eva von Redecker in ihrem neuen Buch Dieser Drang nach Härte aus, wenn sie Faschismus als “Phantombesitzverteidigung” definiert. Das Gefühl, „bestohlen“ zu werden, richtet sich nicht gegen reale Machtverhältnisse. Stattdessen wird ein Feind konstruiert, der den Phantombesitz angeblich angreift: Migrant:innen, „Eliten“, „Volksfeinde“. Diese Figuren sind widersprüchlich: Sie erscheinen zugleich übermächtig und minderwertig. Gerade das macht sie so geeignet als Projektionsfläche. So entsteht eine ideologische Konstellation, in der Aggression nach unten oder außen verschoben wird.
Faschismus als Bewegung
Aber Ideologie allein marschiert nicht. Entscheidend ist, welche soziale Energie sie organisiert. Faschismus ist weder das Werk „dummer Proleten“ noch eine einfache Verschwörung des Kapitals. Seine spezifische Dynamik entsteht aus seiner sozialen Basis: dem Kleinbürgertum. Sein Kern sind kleine Selbständige, freie Berufe etc.- also Schichten, die zwischen den beiden großen Polen Kapital und Arbeit stehen. Diese Lage ist strukturell instabil. Das Kleinbürgertum lebt von Konkurrenz, ist ihr aber ausgeliefert. Es fürchtet den Abstieg in die Arbeiter:innenklasse und ist zugleich ohnmächtig gegenüber dem Großkapital. Das Kleinbürgertum erlebt den Kapitalismus als Bedrohung, ist aber zugleich an ihn gebunden. Daraus entsteht ein „Antikapitalismus“, der nicht das System angreift, sondern einzelne Erscheinungen: „Spekulation“, „Finanzkapital“, „Parasiten“. Diese werden personalisiert und verschwörungsideologisch - z.B. antisemitisch - codiert.
Kleinbürgerliche Ideologie ist jedoch auch in allerlei diffusen Mittelschichten zuhause, die sich “zwischen oben und unten” zerrieben fühlen: mittlere Angestellte und Beamte, Teile der Intelligenz, Bauern. In Krisenzeiten wird diese Spannung zur offenen Verzweiflung: ökonomische Unsicherheit, sozialer Abstieg, politischer Orientierungsverlust. Clara Zetkin beschreibt den Faschismus deshalb als Bewegung der „Hungrigen, Notleidenden, Existenzlosen und Enttäuschten“. Zetkin zeigt zugleich die politische Dynamik dieser Bewegung. Die Mittelschichten schwanken zwischen den Hauptklassen. Wenn die Arbeiter:innenbewegung stark erscheint, orientieren sie sich nach links. Scheitert sie – etwa durch Reformismus oder politische Lähmung –, schlagen sie nach rechts um. Faschismus ist daher nicht nur ein Produkt der Krise, sondern auch des Versagens einer revolutionären Alternative.
In solchen Situationen kann der Faschismus als “Partei der konterrevolutionären Verzweiflung” (Trotzki) auftreten. Seine „Kunst“ besteht – so Trotzki – darin, das Kleinbürgertum „durch Feindseligkeit gegen das Proletariat zusammenzuschweißen“. Die Aggression richtet sich nicht gegen die Ursachen der Krise, sondern gegen jene, die als unmittelbare Konkurrenz erscheinen: Arbeiter:innenorganisationen, Minderheiten, politische Gegner:innen: „Was wäre zu tun, damit alles besser werde? Vor allem die niederdrücken, die unten sind.” Gewalt spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ist nicht nur Mittel, sondern Form der Vergemeinschaftung. In der gemeinsamen, gewalttätig organisierten Feindschaft entsteht jene „Volksgemeinschaft“, die der Faschismus verspricht.
Für das große Kapital ist der Faschismus ein zweischneidiges Schwert. Wenn die gesellschaftliche Krise tief genug ist, greift es zur Unterstützung faschistischer Kräfte, um die “Ordnung” wiederherzustellen, die fürs Profitemachen notwendig ist. Damit werden jedoch das Gewaltmonopol des Staates und andere Sicherungsmechanismen gefährdet, auf die es sonst zählen kann. An die Macht kommt der Faschismus deshalb nicht einfach auf Knopfdruck von oben, sondern als kleinbürgerliche Massenbewegung, die eine Dynamik entfacht, die auch über die unmittelbaren Interessen des großen Kapitals hinausweist und sich in einem kruden “Anti”-Kapitalismus auch gegen sie stellt. Umso wichtiger ist es für das große Kapital, den Faschismus unter Kontrolle zu bringen, sobald er an der Macht ist - was bisher in der Geschichte auch immer der Fall war.
Faschismus als Herrschaftssystem
Die Bewegung und das Regime sind nicht identisch. Mit der Machtübernahme verändert sich der Charakter des Faschismus grundlegend. Was als Aufstand der Mittelschichten beginnt, endet nicht in ihrer Herrschaft, sondern in ihrer politischen Entmachtung. Trotzki formuliert das klar: Der Faschismus ist „alles andere als eine Regierung des Kleinbürgertums“. Die Mittelschichten dienen als Rammbock gegen die Arbeiter:innenbewegung – und werden danach selbst untergeordnet.
Die zentrale Funktion des faschistischen Staates liegt in der Zerschlagung aller unabhängigen Organisationen der Arbeiter:innenklasse. Gewerkschaften, Parteien, Vereine – alles wird zerstört oder gleichgeschaltet. Damit werden jene Kräfte ausgeschaltet, die eine alternative Lösung der Krise darstellen könnten.
Gleichzeitig stabilisiert der Faschismus die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse. Seine scheinbar „antikapitalistischen“ Elemente verschwinden oder werden in reine Symbolpolitik überführt. Rituale, Mythen und Inszenierungen kompensieren die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität. Diese Symbolpolitik hat jedoch eine materielle Seite: Gewalt. Pogrome, Verfolgung bis zur industriellen Vernichtung sind keine Exzesse, sondern integraler Bestandteil der faschistischen Herrschaft. Sie erzeugen eine negative Einheit – eine Gemeinschaft durch Ausschluss, der sich bis zur Vernichtung steigern kann, wenn der Widerspruch zwischen der versprochenen “Volksgemeinschaft” und der realen Lage groß genug wird.
Nach außen führt diese Dynamik zur kriegerischen Eskalation. Da die inneren Widersprüche nicht gelöst werden können, verlagern sie sich nach außen: Aufrüstung, Expansion, Krieg. Für Trotzki ergibt sich daraus eine klare Alternative: Faschistische Herrschaft treibt notwendig auf die Entscheidung zwischen Krieg und Revolution zu.
Faschismus ist keine historische Anomalie und keine bloße Ideologie. Er ist eine spezifische - und bisher brutalste - Form kapitalistischer Krisenbearbeitung. Als Ideologie bündelt er widersprüchliche Erfahrungen. Als Bewegung mobilisiert er die verzweifelten Mittelschichten. Als Herrschaftssystem stabilisiert er das Kapital durch Gewalt – nach innen und außen. Faschismus entsteht nicht außerhalb der bestehenden kapitalistischen Ordnung, sondern aus ihren Widersprüchen. Wer ihn bekämpfen will, muss diese Widersprüche an ihrer kapitalistischen Wurzel packen - und ausreißen.
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