Josef Hindels: historische Verdienste, verdrängte Vergangenheit und widersprüchliches Erbe eines großen Antifaschisten

Michael Gehmacher

Vor 110 Jahren, am 10. Jänner 1916, wurde Josef Hindels in Wien geboren. Heute sagt sein Name nur noch wenigen Menschen etwas – vor allem im Vergleich zu der Popularität und Bedeutung, die er in der Nachkriegszeit bis zu seinem Tod 1990 hatte. Hindels war ab 1945 über Jahrzehnte eine zentrale Figur am linken Flügel der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, insbesondere in der GPA. Er wirkte als Bildungsfunktionär – zunächst in der Sozialistischen Jugend, später in GPA und ÖGB – und schließlich als freischaffender Publizist sowie Funktionär der sozialdemokratischen Freiheitskämpfer.

Um seine Bedeutung zu verstehen, hilft ein Blick auf die Sozialistische Jugend der 1980er Jahre. Es ist heute kaum mehr vorstellbar, aber in den Nachwehen von 1968 gab es einen massiven Linksruck in den sozialdemokratischen Jugendorganisationen. Zehntausende Jugendliche orientierten sich nach links, es existierten verschiedene marxistische Strömungen, und es wurde heftig diskutiert. Man verstand sich als Teil einer breiten sozialistischen Bewegung. In einem Bezirk wie Favoriten gab es zeitweise über ein Dutzend aktive SJ-Gruppen mit regelmäßigen Treffen. In der SJ-Grundsatzerklärung hieß es programmatisch: „Unser Ziel ist der Sozialismus, ist ein neuer freier Mensch.“ In der Arbeit am linken Flügel der SPÖ sahen viele eine Alternative sowohl zum Reformismus als auch zum Stalinismus. Nicht zufällig gründete sich in dieser Zeit auch Vorwärts als revolutionär-marxistische Strömung in der SJ. Die SPÖ-Linke war zahlenmäßig ungleich größer als die Linke außerhalb der Partei.

Hindels spielte bei all dem eine zentrale Rolle. Er war ein legendärer Redner: Vor allem auf Demonstrationen konnte er tausende Menschen mitreißen. Mit seiner Bildungsarbeit und seiner Agitation gelang es ihm, aus tausenden „diffus linken“ Jugendlichen überzeugte Marxist:innen zu machen. Seine Schrift Warum sind wir Sozialisten? war Pflichtlektüre in der SJ. Zugleich war er als Widerstandskämpfer eine moralische Autorität, die vielen das Gefühl gab, in einer wichtigen Tradition zu stehen. In der Tatsache, tausende Menschen zur Beschäftigung mit dem Marxismus gebracht zu haben, in seinem aktiven Antifaschismus und in seiner wichtigen internationalen Solidaritätsarbeit liegen die großen Verdienste von Josef Hindels, die es auch heute noch zu würdigen gilt.

Die verdrängte Vergangenheit

In Hindels’ Biographie gibt es jedoch auch wichtige Perioden, die vom Rampenlicht ferngehalten wurden – gerade auch von ihm selbst. Hindels verschwieg zentrale Aspekte seiner politischen Vergangenheit vor 1945 – und stärkte damit, gegen seine eigenen Absichten, letztlich den rechten Parteiflügel. Dem verstorbenen Widerstandskämpfer und Hindels‘ Jugendfreund, Georg Scheuer, dem marxistischen Geschichtsforscher Fritz Keller und anderen ist es zu verdanken, dass dieser versteckte Teil von Hindels‘ Biographie dennoch heute recht gut erforscht ist.

Hindels begann als Jugendlicher in der Sozialistischen Jugendbewegung, konkret im Verband sozialistischer Mittelschüler (VSM). Unter dem Eindruck des Vormarsches des Faschismus wurde er 1930 Kommunist und trat in die KPÖ ein. Als kaufmännischer Lehrling wurde er Aktivist der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO). Die Kapitulation der KPD vor den Nazis 1933, die stalinistischen Schauprozesse und die außenpolitische Anbiederung des Stalinismus an bürgerliche Staaten (etwa in der Stalin-Laval-Erklärung, in der Stalin dem imperialistischen Frankreich volle Unterstützung zusicherte) führten Hindels zur revolutionären linken Opposition gegen Reformismus und Stalinismus, also zum Trotzkismus. Er wurde ein führender Kader der Revolutionären Kommunisten Österreichs (RKÖ). Die RKÖ war eine kleine, junge, trotzkistische Organisation, aber sie spielte eine wichtige Rolle im antifaschistischen Widerstand (Die Publikationen der RKÖ sind dankenswerterweise im Archiv des österreichischen Trotzkismus abrufbar). Zu dieser Gruppe gehörten eine Reihe beeindruckender Menschen, u.a. auch Georg Scheuer. Als Scheuer 1936 verhaftet wurde, konnte er Hindels noch warnen: „Morgen holen wir uns den Hindels“, hatte er einen verhörenden Polizist sagen hören. Als Scheuers Schwester ihren Bruder in der Haft besuchte, bat Georg sie, Hindels zu warnen. Hindels gelang daraufhin die Flucht nach Prag.

Zur RKÖ zählte auch Melanie Berger, die letztes Jahr als 103-Jährige die olympischen Sommerspiele in Paris als Fackelträgerin eröffnete. Berger war aus Wien nach mit RKÖ-Genoss:innen nach Frankreich geflüchtet, wo sie auch in einer spektakulären Aktion von der RKÖ aus dem Gefängnis befreit wurde. Sie blieb nach 1945 in Paris und wurde Leichtathletin. Ebenso Mitglieder waren Maria und Karl Fischer, der das KZ Buchenwald überlebt hatte, jedoch nach der Befreiung vom NKWD von Linz nach Sibirien verschleppt wurde – was seine engen Freund:innen Emily und Roman Rosdolsky dazu bewegte, nach der Befreiung vom Faschismus vor dem Stalinismus in die USA zu flüchten. Mit Fischer im KZ Buchenwald war auch der Ernst Federn, ebenfalls RKÖ-Mitglied. Der spätere Psychoanalytiker und Justizreformer war der Sohn von Paul Federn, einem linken Sozialisten und Mitarbeiter von Sigmund Freud. Nicht zuletzt war auch Josef Reinwein Teil der RKÖ. Der Widerstandskämpfer stand bis ins hohe Alter in Austausch mit der Vorwärts-Strömung und später der SLP, er hatte ein Vorwärts-Abo, holte die Zeitung regelmäßig im Büro ab und besuchte Ortsgruppen. 

Im Prager Exil baute Hindels das Auslandsbüro der RKÖ auf. Jan Frankel, ein Sekretär Trotzkis, der selbst aus Tschechien stammte und mit Hindels in Prag aktiv war, versuchte Hindels die Ausreise nach Mexiko zu ermöglichen. Trotzki selbst bemühte sich beim mexikanischen Innenminister um ein Visum für Hindels, leider vergebens. Nach dem Zusammenbruch der Tschechoslowakei gelang ihm schließlich die Flucht nach Skandinavien.

Anpassung, Druck und politische Fehler

Im norwegischen Exil trat Hindels in linkssozialistische und sozialdemokratische Organisationen ein, hielt aber weiterhin Kontakt zur RKÖ. Wie mehrere ehemalige RKÖ-Kader entwickelte er in den 1940er Jahren eine Kritik am Leninismus, dem er die Schuld für die konterrevolutionären stalinistischen Auswüchse zuschrieb. Spätestens nach 1945 gab Hindels den revolutionären Marxismus auf und wurde schrittweise ein weit linksstehender Sozialdemokrat.

1946 kehrte Hindels nach Wien zurück. Nicht zuletzt aufgrund der Anwesenheit sowjetischer Truppen verschwieg er seine trotzkistische Vergangenheit. Mit Hilfe von Kontakten aus seiner Jugend und dem antifaschistischen Widerstand begann er seine Tätigkeit in der neu gegründeten Sozialistischen Jugend. Das eigentliche Problem war jedoch nicht dieser politische Wandel, sondern die Verleugnung seiner eigenen revolutionären Vergangenheit – einer Vergangenheit, für die es keinen Grund zur Scham gab.

Diese Verleugnung hatte politische Konsequenzen. Hindels war dadurch erpressbar. Teile des SPÖ-Apparats nutzten seine Autorität, um ihn gegen andere Linke in Stellung zu bringen. Bereits in den Konflikten mit der Gruppe um Hilde Krones und Erwin Scharf spielte dies eine Rolle. Um seine Position zu sichern, wirkte Hindels mit seiner Autorität und Propaganda objektiv im Sinne der Parteiführung gegen andere Linke. Mehrfach stellte er sich gegen Versuche, einen organisierten linken Flügel in der SPÖ aufzubauen. Seine versteckte Vergangenheit nahm ihm die Möglichkeit zu offener Kritik an der Parteiführung. Privat formulierte er diese Kritik sehr scharf: "Die SP ist mies, opportunistisch, korrupt und nazistisch verseucht", schrieb Hindels an seinen Jugendfreund Georg Scheuer: „In der SPÖ werde ich als Linker verfolgt, diskriminiert und von allen Funktionen ferngehalten" und „Kreisky… hasst mich besonders“. Öffentlich konnte er dies jedoch nicht sagen – im Gegenteil, er musste es dementieren.

Dieser Widerspruch war kein individuelles moralisches Versagen, sondern Ausdruck des enormen Drucks des Parteiapparats und der Gewerkschaftsspitzen. Hindels fürchtete, von der Arbeiter:innenklasse isoliert zu werden, und war – nach den Jahren des Widerstands, des Exils und der Verfolgung – wahrscheinlich materiell von einem Job in SJ und später im ÖGB abhängig. Doch die politischen Folgen waren gravierend: Weil die SPÖ-Linke – Hindels eingeschlossen – dem Druck des Apparats und den „opportunistischen, korrupten und nazistisch verseuchten“ Tendenzen in der SPÖ nicht offen und organisiert entgegentrat, wurden diese letztendlich gestärkt.

Der langjährige Sekretär für Bildungsarbeit und Europaarbeit in GPA und ÖGB Wolfgang Greif hat nun ein lesenswertes Buch über Josef Hindels herausgebracht (Josef Hindels: Unbeugsamer Linkssozialist und antifaschistischer Mahner. VGA, 2025). Ein positiver Aspekt dieses Buches ist, dass die Verfolgung von Josef Hindels durch die rechten Teile der SPÖ-Bürokratie dargestellt werden – insbesondere als es darum ging, ein Nationalratsmandat für Hindels zu verhindern. Greif dokumentiert aber auch einen vielsagenden Briefwechsel von Josef Hindels mit dem SPÖ-Parteipräsidium. 1975, direkt nach dem historischen Sieg Vietnams gegen den US-Imperialismus, engagierte Hindels sich für den Vorläufer der „Gesellschaft Österreich-Vietnam“. Aus Sicht der SPÖ-Spitze war das „Kommunismus“ – und damit ein Bruch mit dem Parteistatut. In einem langen Brief erläutert Hindels, dass es nötig ist, sich mit Vietnam zu solidarisieren. Er erwähnt, dass es unzählige solche Gesellschaften in Österreich gibt (Östereich-Sowjetische Gesellschaft, Österreich-Kubanische Gesellschaft usw.), und dass Sozialdemokrat:innen in ihnen mitarbeiten. Hindels zeigt sogar auf, dass SPÖ-Funktionär:innen sich an rechtsextremen Organisationen gemeinsam mit Leuten aus ÖVP, FPÖ und der faschistischen NDP beteiligen – und fragt in diesem Zusammenhang, ob die Beteiligung vieler SPÖ-Funktionär:innen am Kärntner Ortstafelsturm nicht auch gegen das SPÖ-Parteistatut verstoße. Nach vielen weiteren starken Argumenten erfolgt jedoch in einem einzigen Satz die 180-Grad-Wende: Hindels versichert, aus der Gesellschaft Österreich-Vietnam ausgetreten zu sein – er hatte sich also dennoch der Parteispitze gebeugt. Diese kurze Episode ist beispielgebend für das Scheitern der SPÖ-Linken: Viele gute Argumente gegen die Obrigkeit, viel Wissen und genaue Argumentation – und trotzdem am Schluss die Kapitulation. Die offene Konfrontation mit der Parteibürokratie hätte nur in einer organisierten Form stattfinden können. Genau zu dieser Organisierung war aber auch Hindels letztlich nicht bereit. Ein Fehler, der den massiven Rechtsruck der SPÖ beschleunigte. Fehler wie diese gilt es zu benennen. Sie schmälern jedoch nicht die historischen Leistungen von Josef Hindels.

Lehren für heute

Zum 110. Geburtstag von Josef Hindels veröffentlichte der ÖGB eine Würdigung auf seiner Homepage. Nicht nur wird darin die revolutionäre, marxistische Jugend von Hindels verschwiegen – es werden sogar falsche Angaben zu seiner politischen Arbeit gemacht. Wir haben den ÖGB gebeten, die unrichtigen Angaben zu korrigieren. Dies wurde verweigert. Warum legt der ÖGB im Jahr 2026 noch immer eine so starre Haltung diesbezüglich an den Tag? Es würde ja nichts an den Leistungen des Josef Hindels schmälern, wenn man bekennt, dass er vor dem Exil auch in der KPÖ und bei den RKÖ aktiv war.

Wer für soziale Verbesserungen und eine Welt ohne Profitlogik kämpft, muss sich für einen Weg dafür entscheiden. Doch eine solche Entscheidung ist nur möglich, wenn, verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl stehen. Augenscheinlich geht es der Sozialdemokratie und der ÖGB-Spitze jedoch auch heute noch darum, die politischen Alternativen zu ihrem offiziellen Kurs klein zu halten. Denn egal ob es sich um schlechte Lohnabschlüsse des ÖGB oder den nächsten Umfaller der SPÖ-Spitze handelt: ihr Weg überzeugt nicht politisch, er überlebt, weil er von den Spitzen von ÖGB und SPÖ als alternativlos dargestellt wird („Koalition ist das kleinere Übel“, „Streiks sind nicht möglich“, „mehr ist nicht drin“ usw.) Das Schweigen über jene entscheidenden Teile von Hindels‘ Biographie, in denen er aktiv an solchen Alternativen gearbeitet hat, erklärt sich aus dem Unbehagen der Bürokrat:innen darüber, dass an ihnen deutlich wird, dass es marxistische und revolutionäre Alternativen zum sozialdemokratischen Reformismus gab – und immer noch gibt.

Sosehr aber die Linke in der SPÖ diesen Alternativen mit Herz und Hirn verbunden waren – in der Praxis haben sie die bürokratische Erzählung von der Alternativlosigkeit akzeptiert. Die Entwicklung der SPÖ in den letzten Jahrzehnten, wohin der Weg SPÖ-Linken geführt hat. Heute macht die SPÖ gerade unter dem früheren linken Antirassisten Babler die massivsten rassistischen Gesetzesverschärfungen mit, während sie unter dem „linken“ Ökonomen Marterbauer die brutalsten Kürzungen der Zweiten Republik durchsetzt – und selbst dann gibt es in der Partei ehemalige Spitzenpolitiker wie Hans Niessl, die gemeinsam mit FPÖ-Kadern Unternehmen betreiben, selbst Bundespräsident werden wollen und sich von einer angeblich „links-linken“ SPÖ abgrenzen. Das zeigt nur, wie weit der Rechtsruck tatsächlich schon gediehen ist, und wie sehr der Versuch einer linken Erneuerung innerhalb der Partei gescheitert ist.

Eine der wichtigsten Lehren aus dem Leben von Josef Hindels lautet daher: Es ist ein politischer Fehler, die eigene marxistische Vergangenheit zu verschweigen und aus „taktischen“ Gründen linke Kritik an Partei- und Gewerkschaftsführungen zurückzuhalten. Heute ist es die SPÖ selbst, die dabei ist, Hindels‘ historische Verdienste komplett zu zerstören. Sie heute weiterzutragen kann heute nur bedeuten, die verschütteten und verschwiegenen politischen Alternativen wieder sichtbar zu machen und dadurch eine neue, wirklich sozialistische und antifaschistische politische Kraft der Arbeiter:innenbewegung aufzubauen.