Rote Seitenblicke

100 Jahre Untergang der Titanic
Alexander Svojtko

Das neungängige Dinner erster Klasse an Bord versprach standesgemäße Genüsse: Neben verschiedenen Hors d´oeuvres speiste man Filet Mignons Lili und gebratenes Täubchen auf Brunnenkresse, zuletzt Pfirsiche in Kräuterlikör-Gelee. Die feinen Damen und Herren saßen schon längst beim Digestif, als die „RMS Titanic“ am 14. April 1912 mit einem Eisberg kollidierte und zweieinhalb Stunden später sank.

Nicht nur, dass die „oberen Zehntausend“ besser speisten als die Passagiere der unteren Decks; sie wurden auch bei der Evakuierung bevorzugt, als klar war, dass die „Titanic“ mit rund 1500 Menschen absaufen würde. So konnte sich von den männlichen Passagieren der ersten Klasse nahezu jeder Dritte retten (32%), unter der Besatzung waren es 22%, in der dritten Klasse 16% und in der zweiten gar nur acht Prozent. Die Nachrufe in den Zeitungen galten nicht den hunderten Toten unter der Mannschaft oder den namenlosen AuswandererInnen, sondern den glamourösen MillionärInnen, Eisenbahnmagnaten, Stahlbaronen und Automobilherstellern, die die Jungfernfahrt des schiffgewordenen kapitalistischen Größenwahns nicht überlebten.

Dazu passt, dass seit der Ortung und der Bergung erster Fundstücke in den 1980er-Jahren ein skurriler Rechtsstreit um die Eigentums- und Bergungsrechte am Wrack tobt. Zuletzt kolportierter Streitwert: 225 Mio. USD.
Übrigens - die Bergungstaucher an der havarierten „Costa Concordia“ sollten nicht nur nach Vermissten suchen, sondern auch die untergegangenen Wertgegenstände der „besseren Gesellschaft“…

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