Der permanente Revolutionär

Leo Trotzki kämpfte sein Leben lang gegen Kapitalismus, Faschismus und Stalinismus
Thomas Hauer

Vor 80 Jahren wurde der Revolutionär Leo Trotzki durch einen stalinistischen Agenten ermordet. Das Schicksal vieler revolutionärer Köpfe, die nach ihrem Tod ihres Inhalts beraubt als harmlose Götzen dargestellt wurden, blieb Trotzki jedoch erspart. Wo sein Name heute fällt, polarisiert er. Von seinen Gegner*innen – Verteidiger*innen des Kapitalismus, Faschist*innen, aber auch heutige Stalinist*innen – wird er gehasst, von seinen Anhänger*innen verteidigt. Diese Verteidigung beschränkt sich aber nicht nur auf seine Errungenschaften. Vor allem bezieht sie sich auf seine Arbeiten, Analysen und die Methode, mit der er diese erarbeitet hat. Trotzki war ein Virtuose der materialistischen Dialektik. Von Trotzki lernen heißt nicht, starre Formeln und Dogmen auswendig zu lernen, sondern eine Sache in ihrer ganzen Komplexität zu betrachten, aufmerksam auf sich ändernde Rahmenbedingungen zu sein und Fehler zu akzeptieren, aber auch aus ihnen zu lernen.

 

Wo auch immer Trotzki politisch aktiv war, spielte er eine führende Rolle. In den Revolutionen 1905 und 1917 war er jeweils Vorsitzender des St. Petersburger Sowjets. Nach 1917 war er unter anderem Volkskommissar für äußere Angelegenheiten und Gründer der Roten Armee. In dieser Funktion führte er die revolutionären Arbeiter*innen und Bäuer*innen gegen imperialistische Armeen und zaristische Generäle an, die das revolutionäre Russland stürzen wollten, weil es gewagt hatte, seine Herren zu verjagen. Dieser Bürger*innenkrieg schwächte das Land enorm und vertilgte viele der besten Kommunist*innen, sodass es in den Folgejahren einer opportunistischen Clique um Stalin gelang, alle Machtpositionen zu übernehmen. Gegen diese führte Trotzki in seinen letzten 15 Lebensjahren einen entschlossenen Kampf. Gleichzeitig warnte er als erster vor dem katastrophalen Potential des Faschismus. Doch anstatt diese Warnungen ernst zu nehmen, brandmarkte der Stalinismus jede mögliche Bedrohung als Trotzkismus - so entledigte sich die stalinsche Bürokratie der besten und aufrichtigsten Köpfe der Oktoberrevolution. Der größte Gegner war hier natürlich Trotzki selbst. Neben gefälschten Bildern, vernichteten Werken und der Streichung Trotzkis aus den Geschichtsbüchern wurde auch sein Verhältnis zu Lenin verzerrt dargestellt.

 

Die beiden Führer der Oktoberrevolution waren nicht immer einer Meinung. Nach der Spaltung der russischen Sozialdemokratie in Bolschewiki und Menschewiki war ihr Verhältnis getrübt, da Trotzki damals noch nicht die Tragweite dieser Spaltung verstand. Trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten vor 1917 waren sie politisch jedoch nie weit auseinander – Trotzki stand den Bolschewiki näher als den reformistischen Menschewiki – und beide hatten so viel Courage, dass sie eigene Fehler eingestehen konnten. Vor dem Hintergrund der revolutionären Ereignisse fanden Trotzkis Theorie und Lenins Organisation zusammen: Trotzki trat erst 1917 den Bolschewiki bei, aber Lenins „Aprilthesen“ basierten auf Trotzkis Theorie der „permanenten Revolution“. Zu der Zeit hielten die führenden Bolschewiki, unter ihnen auch Stalin, Lenin für verrückt, da er in diesen Thesen von der Notwendigkeit der Machtergreifung durch das Proletariat schrieb. Der Oktober gab später Lenin und Trotzki recht. Auch 80 Jahre nach seinem Tod ist Leo Trotzki nicht nur ein Symbol für den unbeugsamen Kampf gegen Kapitalismus, Faschismus und Stalinismus, sondern auch Ideengeber für Marxist*innen in Klassenkämpfen und sozialen Bewegungen weltweit.

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