Das Imperium schlägt zurück

Harald Mahrer war zum Zeitpunkt der Geschehnisse in Port Said und Kairo.

„Das ist Krieg und kein Fußball“, so der sichtlich geschockte Mannschaftsarzt des erfolgreichsten ägyptischen Teams, Al-Ahly, am Abend des 1. Februar 2012 im Port Said Stadion.

Was war passiert? Bewaffnete Schläger gingen auf die Ultras Ahlawy los. Dutzende wurden von den Rängen gestoßen, mit Messern und Flaschen schwer verletzt oder im Gedränge vor dem versperrten Ausgang zu Tode getrampelt. Über 70 Tote und rund 1.000 Verletzte blieben zurück. Die Polizei sah tatenlos zu. Al-Masry-Fans berichteten von Bussen voll mit Menschen in Al-Masry-Fankleidung, die sie noch nie bei Spielen gesehen hätten und von nicht vorhandenen Kontrollen an den Stadiontoren. In den Augen der meisten ÄgypterInnen trägt der Sicherheitsapparat die Verantwortung. Einerseits wollte die Polizei Rache an den Ultras Ahlawy nehmen, andererseits mit dem gestifteten Chaos die Rufe nach einer starken Ordnungsmacht wieder stärken.

Die Ultras waren bei den Demonstrationen der Revolution 2011 und in den Monaten danach an vorderster Front. Sie sind keine homogene politische Gruppe, aber sie sind nicht unpolitisch und verfügen über Erfahrung in der konkreten Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften. Amr Fahmy, Mitglied der Ultras Ahlawy, betonte in einem Interview, es gäbe sowohl KommunistInnen, Liberale, AnarchistInnen als auch IslamistInnen in ihren Reihen: „Nur Mubarak-Sympathisanten wird man bei uns nicht finden. … Wir haben uns seit unserer Gründung 2007 gegen seine Polizisten gewehrt und wurden dafür in den Medien als Terroristen und Gewalttäter dargestellt.“

Ob die Taktik des Militärs aufgeht, ist mehr als fraglich. Im Gegenteil befindet sich der Militärrat in einem Rückzugsgefecht. Die Präsidentschaftswahl musste bereits vorverlegt werden. Die Ereignisse haben einmal mehr gezeigt, dass Sport und Politik nicht zu trennen sind. Die Ultras sind weder in Ägypten noch anderswo einfach nur unpolitische Schläger. Sie kommen oft aus Schichten, die besonders von sozialen Problemen und Unterdrückung betroffen sind – und sind eben auch Teil des Kampfes dagegen.

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