The revolution will be televised!

von Simon P. Salzmann

Angesichts des Doppel-Erfolges von „Barbenheimer“, der den großen Studios einen riesigen finanziellen Gewinn bescherte, könnte man fast glauben, die kreative Krise Hollywoods sei überwunden. Wer hätte gedacht, dass Menschen gerne ins Kino gehen, wenn Filme von Autor*innen, Regisseur*innen und Schauspieler*innen geschaffen werden, denen man wenigstens ein bisschen künstlerischen Freiraum gibt?

Doch dieser kurzzeitige Erfolg täuschte nur kurz über die Realität Hollywoods hinweg. Einerseits werden dem Publikum weiterhin Franchise Reboots, Sequels und/oder der nächste Superheldenfilm vorgesetzt. Andererseits kämpft der große Teil der Arbeiter*innen in der Filmindustrie ums Überleben. Doch dagegen regte sich nun heftiger Widerstand: Ungefähr 11.500 Drehbuchautor*innen der Writer’s Guild Of America (WGA) haben Anfang Mai 2023 die Arbeit niedergelegt. Grund dafür sind die vor allem durch Streamingdienste massiv verschlechterten Arbeitsbedingungen. Studios verwenden deutlich weniger Autor*innen für deutlich weniger Zeit und Gehalt. Die Löhne sind um 23% gesunken, während die Gehälter der CEOs in die Höhe schießen.

Ungefähr 70 Tage später schloss sich die rund 160.000 Mitglieder starke Schauspielgewerkschaft  SAG-AFTRA (auf Druck der Basismitglieder) dem Streik an. Auslöser war hier, dass Backgroundschauspieler*innen für einen Drehtag bezahlt werden, und ihre Gesichter (mittels KI) anschließend beliebig oft für andere Projekte verwendet werden können. Damit geht eine der wenigen konstanten Arbeitsmöglichkeiten verloren.

Nach 146 Tagen Streik kam es (pünktlich zu Redaktionsschluss) zu einer ersten Einigung zwischen den Verhandler*innen. Sozialist*innen wie unsere US-Schwesterorganisation Socialist Alternative forderten, dass die Basis ohne Einflussnahme von oben über eine etwaige Annahme des Deals entscheiden soll - und dass die weiterstreikenden Schauspieler*innen nicht alleine gelassen werden dürfen.

Die Traumfabrik denen, die darin arbeiten!

Hollywood ist, anders als oft von Rechten behauptet, keine Bastion linker Ideen - sondern eine kapitalistische Industrie wie jede andere. Filme reden uns den American Dream, Copaganda und Werbung für den amerikanischen Imperialismus schön. Repräsentation marginalisierter Personen macht Geschichten noch nicht an sich fortschrittlich. In der Realität können sich Künstler*innen größtenteils ihre Wohnungen nicht leisten. Die Bosse der großen Studios (Disney, Warner Brothers & Co) sind nicht bereit, den vielen Arbeiter*innen in der Filmbranche ihren verdienten Lohn zu zahlen und wollen die Streikenden aushungern. Es kursieren Aussagen, wonach man den Streik auswarten wollte, bis die Autor*innen ihre Wohnungen verlieren. Ebenso überlegt man sich nun, große Teile der Arbeitskraft durch Künstliche Intelligenz zu ersetzen.

Der Streik erfährt sehr viel Solidarität in der Bevölkerung und ebenso von anderen Gewerkschaften. Das Bild des reichen Schauspielers oder Schauspielerin als Superstar zerbröselt. Das Franchise ist der Star. Man sieht eine Proletarisierung – in vielen Berufen – aber vor allem unter Künstler*innen. Anders als noch vor Jahren werden diese Berufe weniger romantisiert. Die Armut, der Kampf und der Frust gegenüber dem aktuellen System sind dafür zu groß. Es ist eines klar: Es braucht ein neues System.

Sowohl für die arbeitenden Künstler*innen als auch für Fans des bewegten Bildes sind künstlerische Freiheit und materielle Sicherheit nötig. Allerdings ist dies im Kapitalismus nur in seltenen Einzelfällen möglich. Sogar der Starregisseur George Lucas (Star Wars) meinte einmal: “Ich kenne viele russische Filmemacher*innen, und diese haben viel mehr Freiheit als ich”. Das war weniger ein Loblied auf die stalinistische Sowjetunion, als ein vernichtendes Urteil über die “freie” Marktwirtschaft. Gleichzeitig drückte er damit den Wunsch nach einem System aus, das den Arbeitenden in der Filmindustrie Freiheit und Sicherheit schenkt, das zu tun, was ihnen und ihrem Publikum Freude bereitet. Er weiß es vielleicht nicht, doch auch George Lucas wünscht sich echten - demokratischen - Sozialismus.

 

Bild: Fabebk, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

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