„Mit der gemeinsamen Kranzniederlegung haben sie unsere Eltern und die Kämpfer für Freiheit, für Recht, für Demokratie und gegen Faschismus ein zweites Mal sterben lassen.“

Interview mit Maria Mair, einer Zeitzeugin der Februarkämpfe
Wie hatten sie und ihre Familie etwas mit dem Februaraufstand zu tun?

Mein Vater Josef Skrabal war Schutzbundunterführer und natürlich bei allen anderen Vereinen wie dem Sportverein dabei. Mein Vater war eben mit seinem ganzen Denken Sozialist. Im Krieg hat er einen sozialistischen Leutnant gehabt, der hat ihm die Augen geöffnet. Mein Vater hat einmal zu mir gesagt er habe überhaupt nicht mehr gewusst „Bin ich ein Weibl oder ein Mandl“. Sein Vater war eben Monarchist für Kaiser und Vaterland. Dann kam dieser Leutnant und hat ihn aufklärt. So wurde mein Vater zum Kriegsgegner. Die Demokratie war sein höchstes Gut. Der Schutzbund selbst war dazu da, dass die Versammlungen die die SPÖ abgehalten hat, störungsfrei verlaufen konnten. Sowohl braune als auch schwarze Faschisten versuchten nämlich regelmäßig diese zu stören. Der Schutzbund hat keine Waffen tragen dürfen, er war immer im Untergrund aktiv. Ich kann mich nicht erinnern dass ich meinen Vater einmal öffentlich mit einem Gewehr gesehen hätte. Ich habe gewusst, dass wir Waffen besessen haben aber das alles im Untergrund. In den Jahren 1930, 1933 und 1934 hat die Polizei bei uns schon welche gesucht. Es hat aber mehrere Verstecke gegeben - nur die, die ich, mein Vater und meine Mutter versteckt haben, die haben sie nie gefunden. Da bin ich sehr stolz darauf.

Wie gut hat diese Verteidigung in der Praxis funktioniert?

Ich glaube für die Verteidigung gab es von Unten her eine große Bereitschaft aber von oben glaube ich war das mehr so ein Papiertiger. Stark war er in den 20er Jahren - Anfang der 30er war es schon sehr schwer, weil immer die Hausdurchsuchungen waren, die waren fürchterlich. Sie haben die Wäsche aus den Kästen hinausgeschmissen. Wir hatten zwar keine Waschmaschine, trotzdem mussten alle Kleidungsstücke wieder frisch gewaschen werden. Meine  Mutter könnte davon ein Lied singen. Mein Vater war bis auf die Letzte nie bei einer Hausdurchsuchung dabei. Normalerweise war er in der Arbeit. Sie haben die Hausdurchsuchungen ja nur gemacht wenn die Frauen alleine waren.

Er ist also direkt nach dem 1. Weltkrieg der SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei) beigetreten?

Ja, selbstverständlich, die SDAP war damals für Errungenschaften verantwortlich die mir in die Wiege gelegt worden sind. Der Acht-Stunden-Tag, Krankenkassen, Urlaub und das Verbot von Kinderarbeit - all das sind Dinge mit denen ich aufgewachsen bin. Das haben die Bergarbeiter gesehen was für einen Fortschritt das war. Die waren 12 Stunden unter Tag. Wenn sie in die Grube gegangen sind war es finster, wenn sie nachhause gegangen sind war es finster und das an sechs Tagen die Woche. Wenn sie am Sonntag dann frei hatten, was haben die Bergleute dann gemacht bevor die Sozialisten gekommen sind? Getrunken haben sie. Und dann ist die Sozialdemokratie gekommen und hat diesen Bergarbeitern den acht Stunden Tag und die 48 Stunden Woche gebracht. Das da ein Arbeiter mit Hirn nur die SDAP wählen konnte war für meinen Vater eigentlich selbstverständlich. Er hat es nicht begreifen können wenn ein Arbeiter das Kapital wählt.

Wie alt waren sie zum Zeitpunkt des Febrauaraufstandes?

Ich war 13 Jahre alt.

Wie haben sie den 12. Februar 1934 miterlebt und welche Rolle hat ihr Vater dabei gespielt?

Am 12. Februar hat die Gendarmerie um 6 oder 7 Uhr in der Früh an der Türe geklopft. Sie haben geschrien: „Öffnen sie die Türe, Hausdurchsuchung“! Wir haben alle noch geschlafen und waren natürlich noch etwas schlaftrunken. Meine Mutter war aufgeregt sie wollte mich schnell anziehen. „Moment, moment anziehen werden sie uns wohl noch lassen müssen“, hat mein Vater dann zu ihr gesagt. Als die Polizei dann wieder geklopft hat meinte er zu ihnen sie wollen uns ja nicht nackt sehen. An diesem Tag war er zynisch, diese Art war mir eigentlich fast neu bei ihm, normalerweise hat er so etwas mit Vernunft geregelt. Ich glaube, er war schon sehr aufgeregt weil er noch nie eine Hausdurchsuchung miterlebt hat, er war ja sonst immer in der Arbeit. Denn wenn er von der Arbeit gekommen ist hat meine Mutter immer schon wieder sehr viel aufgeräumt gehabt. Oder zumindest die Kleiderstücke wieder in die Kästen gehängt. Er hat gewusst, in seiner Wohnung gibt es keine Waffe oder irgendetwas, das ihn belasten hätte können. Am Ende war es wieder ohne Erfolg für die Exekutive, sie haben nichts gefunden und mussten wieder abziehen müssen. Nachdem ich dann in die Schule gegangen bin kam der Melder: „Zu den Waffen, Generalstreik!“ Mein Vater hat sofort seine Uniform angezogen und ist in das Arbeiterheim. Und dann hat er natürlich den Auftrag gekriegt als Schutzbundführer den Schutzbund zu bewaffnen und alles für die Verteidigung vorzubereiten. Das hat er auch gemacht, sie haben Schützengräben den Wald entlang ausgehoben so dass sie das Arbeiterheim von der Ostseite her schützen konnten. Die Frauen haben Stroh in die Schützengräben hineingebracht, im Arbeiterheim hat mein Vater eine Truppe gelassen die anderen hat er am Bahnhof und beim Tunnel stationiert. Schließlich bekam mein Vater den Auftrag, die Polizei zu entwaffnen. Aber die Polizei war schon vorgewarnt. Da haben sie natürlich umkehren müssen und schauen dass sie wieder zum Ausgangspunkt kommen. Um 2 bis 3 Uhr ist ein Zug mit dem Militär gekommen. Darauf haben sie einen Angriff auf den Nordausgang des Tunnels gestartet und einen Vorstoß nach Holzleiten gemacht. Als das Militär zum Tunnel gekommen ist, hat sie der Schutzbund von oben beschossen. Weil sie dem Beschuss nicht standhalten konnten musste das Militär in den Wald fliehen. 1 bis 2 Stunden später haben sie noch einmal einen Angriff über den Wald zum Arbeiterheim gemacht. Bei dem ist ihr Leutnant in sehr große Bedrängnis gekommen. Auf einmal ist dann der Schutzbund dagestanden und hat sie sofort gestellt. Darauf wollten sie den Verantwortlichen des Schutzbundes sprechen. Sie sind in das Arbeiterheim gebracht worden. Mein Vater hat damals nicht verstanden wie man die in das Arbeiterheim bringen konnte wo die Zentrale war. Die haben dann ja gesehen, dass die wenigen Menschen da drinnen nicht gut bewaffnet waren. Bei Verhandlungen wurde die Freigabe vom Bahnhof gefordert, das ist jedoch abgelehnt worden. Der Schutzbund-Kommandant hat aber eine Waffenruhe durchgebracht. Mit einem Handschlag haben sie das dann ausgemacht. Aber das Militär ist nicht zurück nach Hausruck sondern hat den Tunnel besetzt. Als mein Vater nachhause gekommen ist hat er uns das alles erzählt. „Die hätten wir nicht mehr weglassen dürfen“, hat er gemeint. Darauf wollte er kontrollieren ob das Militär auch wirklich weg war, nicht dass sie in der Nacht angreifen. Mit vier anderen Schutzbündlern ist er durch den Tunnel gegangen, wollte jedoch dass die anderen drinnen warten während er sich die Sache draußen anschaut. Es war ja ausgemacht, dass das Militär weg ist. Als er hinausgekommen ist haben sie ihn 70 Meter gehen. Dann hat jemand geschrien „Halt“. Mein Vater hat gemeint das ist der Schutzbund und hat gesagt „was heißt Halt? „Wer da“ sollten sie sagen. „Halt“ sagt man beim Schutzbund nicht. „Ich bin es der Sepp!“ So hat er sich zum Erkennen gegeben. Dann ist geschossen worden. Mein Vater hat noch geschossen ist am Ende jedoch gefallen.

Wieder zur Gegenwart. Wie war ihre Reaktion als sie von der gemeinsamen Kranzniederlegung von SPÖ und ÖVP erfahren haben?

Ich war ganz erschrocken und sehr traurig. Ich habe sofort verschiedene Sozialisten angerufen, Bürgermeister und so weiter und habe denen das erzählt. Angelogen haben sie mich. „Das gibt es nicht, das glaube ich nicht“. Dann hat ein Bürgermeister gesagt „Moment, Maria warte kurz ich schaue im Internet nach was da ist. Zuerst konnte er es auch nicht glauben als er herausgefunden hat, dass diese Kranzniederlegung stattfindet. „Tatsächlich das darf nicht wahr sein, nein das darf nicht wahr sein, was machen die?“ meinte er. Danach habe ich die SPÖ in Vöcklabruck angerufen die sich damit auch gar nicht anfreunden konnten. Schon einmal vor 20 Jahren haben sie in Holzleiten versucht einen Gedenkstein zu errichten. Auf diesem sollten alle draufstehen, sowohl vom Schutzbund als auch vom Militär. Beide Seiten auf einem Grabstein. Da waren wir, die das miterlebt haben aber noch fast alle am Leben. Wir haben uns natürlich gewehrt. Ich habe damals gesagt: „Wenn das so ist, will ich den Namen meines Vaters nicht auf dem Denkmal haben.“ Und jetzt machen sie das. Jetzt könne sie es machen, weil fast alle, die das miterlebt haben, gestorben sind. So etwas darf es nicht geben. Mit dieser Kranzniederlegung haben sie unsere Eltern und die Kämpfer für Freiheit, für Recht, für Demokratie und gegen Faschismus ein zweites Mal sterben lassen. Wenn die SPÖ nicht umkehrt und sich zu den Arbeitern wendet statt zum Kapital dann wird sie noch mehr Stimmen verlieren. Sie haben das ja schon mal versucht, ich glaub das war in den 60er Jahren, seither kann ich sie schon nicht mehr wählen. Ausgetreten bin ich bei den Lohn-Preis-Abkommen. Ich hab sie nur mehr bei Präsidentschaftswahlen gewählt, aber jetzt… Nicht ich, sondern die SPÖ hat sich von den sozialdemokratischen Ideen wegbewegt!

Ich gehe zu den Feierlichkeiten zum Februar 34 von denen, die das Gedenken nicht sterben lassen wollen, die die Leute nicht einfach noch einmal sterben lassen wollen. Nun will der Hausbesitzer die Tafel mit den gefallenen Arbeitern vom Arbeiterheim wieder mal abmontieren, das möchte ich verhindern!

Maria Mair lebt in Salzburg, das Interview führte Stefan Reifberger

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