Rezension: Jürg Ulrich - Trotzki als junger Revolutionär

Trotzki verfasste 1936 ein Buch mit dem Titel „Der junge Lenin“. Darin zeichnete er den persönlichen und politischen Weg Lenins hin zum Anführer der Bolschewiki. Als Trotzki sein Buch über Lenin schrieb, stand die Sowjetunion mitten im stalinistischen Terror gegen das Erbe und die revolutionäre Tradition des Bolschewismus und damit Lenins. Eine ganze Generation von russischen RevolutionärInnen „verbrannte“ sich selbst Ende des 19. Jahrhunderts in einem terroristischen Kleinkrieg mit dem Zarenregime. Darunter nicht nur AltersgenossInnen Lenins, sondern auch sein deswegen hingerichteter Bruder. Anders Lenin, er behielt einen kühlen Kopf und wandte sich dem Marxismus zu. Eine wesentliche Aufgabe des Buches war es also zu zeigen, wie der junge Lenin mit dem Handwerkzeug des Marxismus durch die politischen Wirren im zaristischen Russland „klare Sicht“ bewahren konnte.

Und genau hier versucht offensichtlich Jürg Ulrich mit seinem Buch über „Trotzki als junger Revolutionär“ anzuknüpfen. Schon im Vorwort erfahren die LeserInnen, dass das Buch kurz nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Staaten Osteuropas (also so um 1990) geschrieben wurde. Zielsetzung war einer neuen, jungen Schicht eine andere Sichtweise von Sozialismus zu vermitteln. Also auch hier eine durchaus wahrscheinlich auch gewollte und gesuchte Parallele zu Trotzkis Werk über Lenin. Soweit einmal dazu.

Ulrich beschränkt sich aber nicht mit dem jungen Trotzki. Er beschreibt seinen Weg bis zu seiner Ermordung 1940. Allerdings widmet er dem jungen Trotzki den überwiegenden Platz und das kommt nicht von ungefähr. Seine Sympathien gelten nicht nur dem jungen Trotzki als Person, sondern auch seinen Anschauungen, der damals zwischen Bolschewismus und Menschewismus schwankte und zu vermitteln versuchte. So werden Trotzkis Diskussionsbeiträge, Einschätzungen und Streitschriften (mit Lenin) über ihren zeitlichen Rahmen hinaus betont und verallgemeinert. Sowohl Trotzki als auch Lenin haben später immer deutlich gemacht, dass Vieles in ihren früheren Auseinandersetzungen im Rahmen der damaligen Zeit zu sehen und deswegen auch dort zu belassen ist. Dadurch, dass Ulrich „seinen“ Trotzki gerne ein bisschen weniger bolschewistisch hätte, überbetont er die Differenzen zwischen Lenin und Trotzki während der Spaltung in Bolschewiki und Menschewiki. Letztlich greift er damit aber in die gleiche Schublade, aus der sich die formierende Bürokratie unter Kamenew, Sinowjew und Stalin bediente. Mit der beginnenden Krankheit und Tod Lenins beriefen sie sich auf ebendiese Differenzen, um Trotzki den Bolschewismus abzusprechen. Zwei Motive, zwei Seiten, eine Medaille – es gab eben keinen Trotzki ohne Sowjetbolschewismus und umgekehrt!

An vielen Stellen im Buch versucht Ulrich über diesen Umweg seine persönliche Kritik am Bolschewismus einzuflechten. Dass er das nicht offen und vor allem in seinem Namen macht, ist sicherlich eine große Schwäche des ansonsten gut recherchierten Buches. Das geht soweit, dass er schließlich mit einigen Aussagen und Stellen in seinem Buch ganz klar mit Trotzki bricht, sich aber noch immer seiner Autorität bedient. Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich auf Seite 48:

„Da Lenin seine Partei nach abstrakten Prinzipien aufbauen wollte, würde diese Partei nicht fähig sein, die Diktatur des Proletariats zu vermitteln, sondern würde eine Diktatur über das Proletariat errichten, sich selbst als Ersatz, als Substitution des Proletariats verstehen. Innerhalb der Partei würde die Organisation den Willen der einfachen Parteimitglieder ersetzen, die Organisation wiederum den Zentralausschuss, den Zentralausschuss wiederum die Diktatur des Einzelnen.“ (Ulrich – S. 48)

Konkret heißt das nichts anderes als, dass bereits im leninschen (und daher bolschewistischen) Prinzip der Stalinismus und die spätere Bürokratisierung verankert ist. Das mag vielleicht Ulrichs Analyse entsprechen hat allerdings mit Trotzki nichts mehr am Hut. Gerade Trotzkis Stalinismus-Analyse zeichnet sich im Gegensatz zu den anderen dadurch aus, dass er eben nicht „das Kind mit dem Bad ausschüttet“. Für Trotzki ist der Stalinismus kein Strang im Bolschewismus, sondern der Strang an dem der Bolschewismus schließlich durch Stalin aufgehängt wird.

Als Quellen verwendet Ulrich durchgehend Isaac Deutscher, Pierre Broue und Trotzkis Autobiographie aus dem Jahr 1929. Für bereits gut eingelesene LeserInnen findet sich nicht viel Neues. Sie sind aber auch nicht die Zielgruppe. Von Trotzki selbst und Broue übernimmt er an einigen Stellen die revolutionäre Leidenschaft, von Deutscher stammen die Skepsis und der Zynismus. Das spiegelt sich vor allem im letzten Viertel des Buches wider. Trotzkis Kampf und Mühe gegen Faschismus und Stalinismus wird zwar „honoriert“, aber als von vornherein als verloren dargestellt. Wie Isaac Deutscher in seiner dreibändigen Trotzki-Biographie, kritisiert auch Ulrich Trotzki für seine Zuversicht in kommende Revolutionen. Ob wie bei Deutscher die Kritik als Anlass für die eigene persönliche Frustration und Enttäuschung herhalten musste, entzieht sich meiner Kenntnis. So oder so, stimmt sie nicht, denn Europa erlebte vor und nach dem 2. Weltkrieg eine Reihe von revolutionären Situationen. Sei es die von Ulrich etwas geschmähte Spanische Revolution von 1933-36, der österreichische BürgerInnenkrieg 1934, die Kämpfe der Vietnamesischen Trotzkisten in Vietnam 1937, die Chinesische Revolution nach dem 2. Weltkrieg, der BürgerInnenkrieg in Griechenland bis 1949, der Korea-Krieg, die Konflikte in den unterschiedlichen Bürokratien der stalinistischen Staaten über Jugoslawien bis China – selbst die bürgerlichen Geschichtsbücher sind voll davon!

Was bleibt also? Auf jeden Fall ein kurzweiliges Buch mit dem Versuch einer Beschreibung Trotzkis wesentlichster Analysen und Ideen in seinen unterschiedlichen Lebensabschnitten. Es bleibt aber auch ein fahler Nachgeschmack auf die politische Vereinnahmung vor allem des jungen Trotzki durch den schon etwas älteren Autor Jürg Ulrich. Letztlich sind LeserInnen, die sich an den Ideen Trotzkis und deren Bedeutung für das Verständnis der heutigen Welt interessieren, bei andern Publikationen – wie denen des CWI – besser aufgehoben.

Autor: Jürg Ulrich

Titel: Trotzki als junger Revolutionär

Verlag: VSA (Hamburg)

ISBN: 978-3899653793

Der Wahnsinn des Kapitalismus

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