Massenwiderstand stoppt die Zerstörung von Wohnungen

Zusammenstöße zwischen Baracken-BewohnerInnen und Polizeieinheiten in Bakai (Kasachstan)
Ainur Kurmanov, Sozialistischer Widerstand (CWI-Kasachstan)

Am 12. Mai kam es in Bakai, einem Vorort der kasachischen Hauptstadt Alma-Ata, zu Zusammenstößen zwischen den dortigen BewohnerInnen und der Polizei. Auslöser war der Räumungsbefehl der städtischen Repräsentanten, mit dem die Polizeieinheiten in das „illegale Wohnviertel“ eindrangen. Dieses Vorgehen ist Teil eines Regierungsprogramms aus Alma-Ata, mit dem die Wohngebäude der armen Bevölkerung in den Barackensiedlungen beseitigt werden sollen, um Bauland für Großanleger freizumachen.

Die 100 zur Unterstützung der Gerichtsvollzieher entsandten Polizisten trafen jedoch unmittelbar nach ihrem Eintreffen und den ersten Versuchen, die Hütten abzureißen auf erbitterten Widerstand. Als die Polizei versuchte, einen Zaun niederzureißen, hatte sie schon einiges damit zu tun, die ersten 40 BewohnerInnen fernzuhalten, die aus ihren Wohnungen gestürmt waren, um Widerstand zu leisten. Dieses entschiedene und mutige Verhalten zwang die Polizisten zum ersten Rückzug. Zunächst hatten die städtischen Autoritäten sich nach dem Aufruf der Betroffenen, sich gegen die Räumung zur Wehr zu setzen, gezwungen gesehen, die Belagerung durch die Polizeieinheiten aufzuheben.

Aber entgegen ihrer Zusagen, fuhr die Polizei – unter ihnen 40 Mitglieder einer berüchtigten gewalttätigen Einheit – binnen einer Stunde mit der Zerstörung eines anderen Wohnviertels in Bakai fort. Einer der Gerichtsvollzieher gestand: „Wir haben den Auftrag, heute acht Wohnungen zu beseitigen“. Bald verfolgten sie noch das Ziel, wenigstens eine Baracke zu zerstören, um vorgeben zu können, sie hätten zumindest versucht, ihren Dienst verrichten! Schon bei ihrem zweiten Versuch standen Gerichtsvollzieher und Polizei dann plötzlich über 100 BewohnerInnen gegenüber – unter ihnen viele Jugendliche und junge Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm. Jugendliche kletterten mit Knüppeln und Molotow-Cocktails bewaffnet auf das Dach einer betroffenen Baracke, „für den Fall der Fälle“, wie einer von ihnen erklärte.

Bis dato wenig erfolgreich, wartete die Polizei dann auf schweres Gerät, um die Zerstörung durchziehen zu können. Auch dieser Versuch misslang, weil BewohnerInnen sich unterdessen in Richtung der anrückenden Bulldozer auf den Weg gemacht hatten. Sie konnten die Fahrer davon überzeugen, nicht tätig zu werden. Polizei und Widerstand leistende Betroffene standen sich in der Folge anderthalb Stunden in brütender Sonne gegenüber. Die BewohnerInnen nutzten die Zeit, um mit den Polizisten fruchtbar „zu diskutieren und zu erklären“, in welcher Situation sie sich befänden. Während dies vor sich ging, war die hiesige Feuerwehr damit beschäftigt, eine brennende Straßenblockade zu löschen, die einige Zeit zuvor errichtet worden war. Es ging teilweise zu wie im Gazastreifen!

Die Versuche, die Polizei von ihren Plänen abzubringen, verliefen leider ergebnislos. Um 14.30 Uhr wurde doch noch die Baracke gestürmt, die das erste Ziele der Polizei gewesen war. Die Betroffenen wehrten sich zwar mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten – Steine flogen von überall her –, allerdings waren zu diesem Zeitpunkt schon über 200 Polizisten am Ort des Geschehens. Sondereinsatzkräfte zogen dann nach, setzten Schlagstöcke ein und verletzten mehrere BewohnerInnen. Danach wurden Beamte gegen die Jugendlichen auf dem Dach eingesetzt, die mit Steinwürfen antworteten und die Polizisten mit Benzin übergossen. Weder dies noch die Tatsache, dass sich kleine Kinder in den von der Polizei attackierten Baracken befanden, hielten die Angriffe zurück. Die Protestierenden skandierten „Der Boden gehört den Menschen!“ und die Polizisten wurden als „Faschisten“ beschimpft. Auf Seiten der BewohnerInnen kam es zu schweren Verletzungen und Dutzende trugen leichtere Verletzungen davon.

Polizei-Rückzug

Um 16 00 Uhr gab die Polizei endlich auf. Sie kündigte ihren Rückzug an und dass sie am kommenden Tag nicht zurückkehren würde. Über 200 BewohnerInnen begannen daraufhin in Jubelgeschrei auszubrechen. Um ihnen zu zeigen, wie unerwünscht sie sind, folgten Kinder den Polizisten und bewarfen sie mit Sand und Steinchen.

Sobald die Staatsmacht sich zurück gezogen hatte, wurde ein Treffen einberufen, um unter den BewohnerInnen und ihren UnterstützerInnen die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Mensch beschloss VertreterInnen zu den BewohnerInnen nach Shanyrak zu schicken, um mit diesen in Diskussion zu treten. Shanyrak ist ein anderer Baracken-Vorort von Alma-Ata, der vor kurzem erst „Besuch“ von Gerichtsvollziehern und Polizeieinheiten erhalten hatte (Berichte dazu auf www.socialistworld.net). Die entschlossensten ProtestiererInnen wurden vom Treffen in Bailak zu den BewohnerInnen Shanyraks geschickt.

Mitglieder von Sozialistischer Widerstand (Schwesterorganisation der SLP in Kasachstan) begrüßten den ersten Erfolg der BakailerInnen. Es war wunderbar, das Feuer der Begeisterung in den Augen der BewohnerInnen zu sehen. Wir verteilten Flugblätter zum Thema Vergesellschaftung des Bodens.

Wir gehen davon aus, bald schon wieder von den Autoritäten aus Alma-Ata heimgesucht zu werden. Ihre Versuche, die Siedlungen von Shanyrak und Bakai zu zerstören, stießen bereits auf den erbitterten Widerstand der BewohnerInnen und konnten gestoppt werden. Damit wurde ein Flächenbrand ausgelöst, der nicht mal eben so von oben gelöscht werden kann.

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