LGBTQ-Bewegung und soziale Befreiung

Um echte Befreiung zu erkämpfen, müssen wir den Kapitalismus stürzen.
Pablo Hörtner

In den letzten 50 Jahren wurde eine Menge erkämpft. Und dennoch: Weltweit steigt homophobe und transphobe Gewalt wieder an. In Frankreich erreicht sie ein Rekordhoch. Das zeigt, dass auf Staat und Polizei kein Verlass ist. Dass die gleichgeschlechtliche Ehe in Österreich von der Justiz eingeführt werden musste, weil FPÖVP diese im Parlament bereits zwei Mal blockiert hatten, zeigt auf zynische Weise, dass selbst grundlegende Menschenrechte im „modernen“ Kapitalismus des 21. Jahrhunderts nach wie vor erkämpft werden müssen und keine Selbstverständlichkeit sind. Lieber halten FPÖ und ÖVP an einem reaktionären Weltbild mit klaren Rollenbildern und an der bürgerlichen Kleinfamilie als Ideal fest: Die Frau als liebende Mutter und Hausfrau; der Mann als Oberhaupt und Ernährer der Familie. Gleichzeitig schmücken sich große Konzerne wie Google, Amazon, Facebook oder Microsoft mit dem Label der Vielfältigkeit (Diversität) und Weltoffenheit, doch rühren diese „Global Players“ am Ende keinen Finger, wenn es darum geht, sich solidarisch zu zeigen und eine rechtliche Gleichstellung zwischen In- und Ausländer*innen oder zwischen den Geschlechtern zu erwirken.

Vor dem Kapital sind wir alle gleich: Fleißige Bienchen, die für möglichst wenig Lohn möglichst lange arbeiten und dabei möglichst viele Produkte oder Dienstleistungen auf den Markt werfen, die wir im Anschluss dann wieder zurückkaufen sollen. Im Idealfall verdienen sich die Kapitalist*innen so ein goldenes Näschen. Unser Geschlecht oder unsere ethnische Zugehörigkeit ist ihnen hierbei im Grunde egal, solange die Rendite stimmt.

Der Kampf gegen LGBTQ-Unterdrückung ist ein Kampf der Arbeiter*innenklasse in all ihrer Vielfalt.

Wehe uns aber, sollten wir auf die glorreiche Idee kommen, uns zusammenzuschließen und gemeinsam für einen europaweiten Mindestlohn, für eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit, für gleiche Rechte für alle – unabhängig von sexueller oder sozialer Identität – oder für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit zu kämpfen. Schließlich haben die Kapitalist*innen ein grundlegendes Interesse an einer nachhaltigen Spaltung der Arbeiter*innenschaft, profitieren sie doch am meisten von der unterschiedlichen Bezahlung von Frauen und Männern oder von billiger migrantischer Arbeitskraft. Darum sind die Kapitalist*innen keine Bündnispartner*innen und Pink Capitalism oder Corporate Prides keine Lösung.

Dabei drängt sich natürlich unweigerlich die Frage auf, weshalb selbst große und mächtige Gewerkschaftsverbände wie ÖGB, DGB, oder AFL-CIO in den USA und Kanada solche Kämpfe in der Regel weder initiieren noch unterstützen. Der gemeinsame Kampf für das Frauenwahlrecht oder für den Achtstundentag – unabhängig von Geschlecht oder ethnischem Hintergrund – zählt zu den besten Traditionen der Arbeiter*innenbewegung, und es wäre an der Zeit, diese positiven Traditionen aufzugreifen und solche zentralen sozialen Kämpfe wieder gemeinsam zu führen. Wir haben aber nichts davon, wenn ÖGB und AK die Pride formal unterstützen, in der Praxis aber nicht für unsere Rechte eintreten. Die Führungen dieser Strukturen haben es sich schon lange im Kapitalismus gemütlich gemacht und seine Ideologie übernommen. Das führte dazu, dass Auswege aus der Unterdrückung jenseits des Klassenkampfes gesucht wurden. Doch diese enden in identitätspolitischen Sackgassen. Die Konzentration auf die Forderung nach „Ehe für alle“ statt auf soziale Forderungen und die Suche nach individuellen Lösungen statt kollektiver Aktion sind die Folge. Es liegt an uns, die konservative Gewerkschaftsbürokratie herauszufordern und unsere Kämpfe wieder in die Gewerkschaften und Betriebe zu tragen, anstatt auf identitätspolitische Single-Issue-Bewegungen zu setzen.

Aus ihrer Kritik an der Schwarzen Bürger*innenrechtsbewegung und ihrem klassenübergreifenden und identitätspolitischen Fokus auf das Schwarzsein entwickelten Schwarze Sozialistinnen in den USA in den 1970er Jahren ihre Theorie der Triple Oppression oder Dreifachunterdrückung – der Überschneidung (Intersektion) struktureller Unterdrückung aufgrund der sozialen, sexuellen oder ethnischen Zugehörigkeit. Dieser Kritik nach wurde die Mehrfachunterdrückung schwarzer Frauen aus der Arbeiter*innenklasse nur unzureichend von der mehrheitlich männlichen, heterosexuellen und sozial bessergestellten Führung thematisiert. Es war und ist richtig, das zu kritisieren. Wenn aber in heutigen, v.a. akademischen, Debatten verschiedene Formen der Unterdrückung nur nebeneinander aufgereiht werden, gerät ihre gemeinsame Basis aus dem Blickfeld. Die bürgerliche Ansicht des alten liberalen Feminismus kehrt zurück, wonach Rassismus und Sexismus nur Vorurteile seien, denen durch Aufklärung und Erziehung entgegenzuwirken wäre.

So auch in der Intersektionalitätstheorie, welche diese Gedanken aufnahm. Heute wird in postmoderner Manier aus Klassengegensätzen „Klassismus“ – eine Diskriminierungsform unter vielen. Damit wird die Beschaffenheit von Klassenunterdrückung jedoch nicht erklärt, die in den Produktionsverhältnissen wurzelt. Also darin, dass manche Kapital besitzen und andere nur die Arbeitskraft, damit dieses Kapital für erstere profitabel wird. Um LGBTQ-Unterdrückung zu beenden, müssen Menschen nicht aufhören, heterosexuell zu leben. Klassenunterdrückung zu beenden bedeutet jedoch, dass es über den Arbeiter*innen keine Kapitalist*innen geben kann, welche ihre Arbeitskraft ausbeuten.

LGBTQ-Aktivismus und Sozialismus gehören seit jeher zusammen. So war der Arzt und Begründer der modernen Sexualforschung Magnus Hirschfeld (1868–1935) bereits um die Jahrhundertwende einer der Mitbegründer der weltweit ersten LGBTQ-Bewegung – und Sozialist. Er verband den Kampf gegen Homophobie und Transphobie und für rechtliche und politische Gleichstellung stets mit dem Kampf gegen Kapitalismus und für eine andere Gesellschaftsordnung; ebenso seine Freunde und Genossen Kurt Hiller (1885–1972) und Arthur Kronfeld (1886–1941). Der Kampf um soziale und politische Rechte wurde immer wieder mit dem Kampf gegen Kapitalismus verbunden.

Bei den Stonewall-Riots und nachfolgenden Protesten trat die Differenz unterschiedlicher Geschlechteridentitäten (Gender) oder ethnischer Zuschreibungen gegenüber dem gemeinsamen Klassenhintergrund und ähnlichen Lebensumständen, gemeinsamen Interessen und einem gemeinsamen Feind – Staat, Patriarchat und Kapitalismus – in den Hintergrund. Die untrennbare Verbindung der Produktions- und Geschlechterverhältnisse wurde wieder zentral. Bereits Marx und Engels hatten von der Verschränkung von Klassengesellschaft und Patriarchat aufgrund ihrer gemeinsamen Wurzel geschrieben. Auch wenn sich im Kapitalismus einige rechtliche und soziale Verbesserungen erkämpfen lassen, muss uns klar sein, dass diese schon bei der nächsten Krise oder autoritären Wende wieder unter Beschuss geraten könnten. Nur eine gemeinsam erkämpfte Gesellschaft ohne Klassen und gesellschaftliche Zwänge, Ausbeutung und Unterdrückung kann auf Dauer ein gutes Leben für alle garantieren.

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