Italiens A(lte) N(azis)?

Maria Hörtner

Im Dezember 1946 wurde in Rom der MSI - der Movimento Sociale Italiano ("Italienische Soziale Bewegung") - gegründet, um das Erbe Mussolinis anzutreten. Auf dem Kongreß von Fiuggi im Jänner 1995 benannten sie sich in Alleanza Nazionale um. Maria Hörtner mit einem Lokalaugenschein.
MSI war seit ihrer Gründung eine verhältnismäßig kleine Partei, die bei ihren ersten Wahlen im Jahre 1948 nicht mehr als 2% schaffte - mit der Hilfe der Democrazia Cristiana und einer etwas gemäßigteren Politik verbreitete sich ihre Anhängerschaft immer mehr. Anfang der 70er Jahre kam dann mit Giorgio Almirante als Parteisekretär ein endgültiger Durchbruch: mit seinen Aussagen wie "Freiheit und Demokratie seien für den MSI erstrangige und unverzichtbare Werte" und seiner Forderung ein Präsidialsystem einzuführen, wurde gefordert, die Ausschlußpolitik gegenüber dem MSI zu beenden. Die Partei Almirantes bekannte sich nun zur faschistischen Tradition, kombiniert mit der Betonung des demokratischen Prinzips und des politischen Pluralismus. Diesen Kurs führte Gianfranco Fini, Almirantes Ziehsohn, der nach dessen Tod die Parteispitze übernahm, weiter. Mehr noch, er wurde sogar von Teilen der internationalen Presse als Exponent eines verfassungstreuen und demokratischen Konservatismus gesehen. 1994 führte er seine Partei in einen Wahltriumph von 13,5% (5,5% zwei Jahre zuvor).
Hauptursache dieses Erfolges war jedoch die Umwälzung des gesamten italienischen Parteisystems infolge des Korruptionsskandals von Tangentopoli, wo führende Köpfe der jahrzehntelang regierenden Parteien sich wegen ihrer Machenschaften vor Gericht verantworten mußten und politisch erledigt waren. Nun nutzte ein neuer Politiker die Chance seine eigene Partei emporzubringen: Silvio Berlusconi mit seiner Firmen- und Fernsehpartei Forza Italia. Durch seinen Wunsch über die Linken zu siegen, war ihm jeder Bündnispartner recht: neben der rassistischen Lega Nord auch der neofaschistische MSI. So kam es, dass Berlusconi zwei separate Bündnisse schloß: im Norden mit der Lega zum Polo per le liberta, im Süden mit der Alleanza Nazionale (bereits umbenannt) zum Patto del buongoverno.
Während sich die AN immer mehr als demokratisch angehaucht ausgab, provozierte Fini gleichzeitig mit faschistischen Aussagen. "Ich lehne vom Faschismus das ab, was angeschimmelt ist: römische Grüße, schwarze Hemden, aber das Wort Faschismus macht mir keine Angst", ließ er einmal bei einem Kongreß verlautbaren. Weiters verkündete er, dass Mussolini für ihn "der größte Staatsmann des Jahrhunderts" sei.
Auf der Programmkonferenz in Verona 1998 gab Fini eine neuerliche Provokation von sich; er stellte den Holocaust mit den von Partisanen vorgenommen Hinrichtungen auf eine Stufe: "Und wir vergessen nicht jene Italiener, die nur weil sie Juden waren, in die Vernichtungslager deportiert wurden - wie wir auch diejenigen nicht vergessen, die liquidiert wurden, weil sie gegen den Kommunismus waren."
Die AN verfügt über einen schlagkräftigen Apparat und ist durchaus in der Lage, ihre Anhänger kurzfristig zu Massenaufmärschen zu mobilisieren. Politisch halten die Alleanza Nazionale jedenfalls an ihren alten Werten fest: die Überzeugung, dass es höhere und niedrigere Rassen gäbe, dass die Todesstrafe wieder einzuführen sei, dass Homosexuelle bestenfalls als krank gelten dürften - all das ist der Beweis ihrer Ideologie. Eine Befragung unter Delegierten des AN 1995 ergab, dass 69% ein positives Urteil gegenüber dem Faschismus abgaben: 7% gaben an, der Faschismus sei die beste aller möglichen Regierungsfor-men; für 62% war der Faschismus ein gutes Regime mit einigen diskutablen Entscheidungen; lediglich 0,2% lehnen den Faschismus als brutale Diktatur ab. 80,4% der Befragten hielten Mussolini für jemand, der für die politische Bildung von Jugendlichen wichtig sei.

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