Im Kapitalismus sind Mensch und Gesundheit Ware

Bei unserer Gesundheit zeigt sich besonders deutlich, dass es im Kapitalismus nur um Profite geht.
Dieser VORWÄRTS Schwerpunkt wurde erstellt von Flo Klabacher, Jan Millonig, Moritz Erkl, Sebastian Kugler und Stefan Reifberger

Heute sind die medizinischen Möglichkeiten enorm. Längst wäre es möglich, allen Menschen die medizinische Versorgung zukommen zu lassen, die sie brauchen – unabhängig von Herkunft und Einkommen. Doch im Kapitalismus geht es eben nicht um Menschen, sondern um Profite. Wie es um unsere Gesundheit und das Gesundheitswesen insgesamt steht, hängt von der Konjunktur, den Notwendigkeiten des Kapitalismus und der Kampfbereitschaft der ArbeiterInnenbewegung ab:

Als in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts die Versorgungslage von oben verbessert wurde, war das nicht Ausdruck des Humanismus des deutschen Kaiserreichs. Vielmehr war der Gesundheitszustand der Soldaten so schlecht, dass das „Menschenmaterial“ von ungenügender Qualität war. Die revolutionären Nachwehen des 1. Weltkriegs führten zu einem verbesserten Gesundheitswesen, das nicht mehr ausschließlich einer reichen Elite zur Verfügung stand. Unter den Nazis war die „Volksgesundheit“ nur insofern von Bedeutung, als sie (arische) Soldaten für den Eroberungskrieg sicherte. Im Zeitalter des kalten Krieges wurden die westlichen Sozialstaaten ausgebaut, denn der Kapitalismus sah sich in Form des Stalinismus mit einer Systemalternative konfrontiert. So verdorben dieser auch war, zwang er den Kapitalismus, soziale Standards einzuführen, um keine Hoffnungen in den Ostblock zu schüren (wo zwar Diktaturen herrschten, die Menschen jedoch z.B. eine garantierte Gesundheitsversorgung hatten).

Kapitalistische Staaten halten sich kein größeres Gesundheitswesen, als zur Aufrechterhaltung des Bestehenden nötig ist. Es muss also garantiert sein, dass sich die Mehrheit der ArbeiterInnenklasse erhalten kann und arbeitsfähig ist. Dementsprechend sind auch die Methoden des Gesundheitssystems im Kapitalismus. Erstes Ziel ist es, diejenigen, die nicht mehr fähig sind, sich ausbeuten zu lassen, wieder fit genug zu machen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Gleichzeitig macht Kapitalismus krank: 80% aller Beschäftigten sind im Job Gesundheitsrisiken ausgesetzt, eine Million hat bereits arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme. Harte körperliche Arbeit (nicht nur am Bau, auch in der Pflege etc.) schädigt den Bewegungsapparat, immer mehr Chemikalien führen zu Allergien, Atemwegserkrankungen und erhöhtem Krebsrisiko. Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen haben Arbeitsunfälle zur Folge. Wegen steigenden Arbeitsdrucks bzw. Arbeitslosigkeit, sinkender Reallöhne, Wuchermieten und Teuerung kommen viele kaum über die Runden. Das führt zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, zu dem, was bereits Marx im „Kapital“ als „industrielle Pathologie“ bezeichnet hat.
In den letzten Jahrzehnten haben in den entwickelten kapitalistischen Ländern v.a. psychische Krankheiten, aber auch andere „moderne“ Krankheiten so zugenommen, dass der Ausbau des Gesundheitswesens immer notwendiger wurde. Arbeiteten in Österreich 1985 noch 45.043 Menschen in nichtärztlichen Gesundheitsberufen (bei 7,5 Mio. EinwohnerInnen), waren es 2013 bereits 87.491 (bei 8,4 Mio. EinwohnerInnen). Allerdings wurde darauf geachtet, nicht etwa die kommunale Versorgung auszubauen, im Gegenteil: Trotzdem sank (!) die Anzahl der Krankenanstalten im gleichen Zeitraum von 300 auf 278, die Zahl der tatsächlich aufgestellten Betten von 75,168 auf 64.825! (Alle Zahlen: Statistik Austria) Es geht also zunehmend um Massenabfertigung. Welche Behandlung durchgeführt wird, hängt davon ab, wie „wichtig“ der/die PatientIn ist. Beispiel Hermann Maier: Jeder/m anderen wäre nach einem Motorradunfall wie seinem das Bein sofort amputiert worden – laut den behandelnden Ärzten. Auch in Österreich wird die 2-Klassen-Medizin immer deutlicher.

Aus diesem Phänomen der „industriellen Klinik“ wuchs auch die „klinische Industrie“. Pharmakonzerne scheffeln weltweit Milliarden durch den Verkauf von Medikamenten. An tatsächlicher, umfassender Gesundheit können sie kein Interesse haben, weil ihr Geschäft ja die Krankheit ist. Sie entscheiden, welche Medikamente verabreicht werden und prägen den Charakter des Gesundheitssystems: „Nicht die Bedürftigkeit der defekten Arbeitskraft, sondern die Profitbedürftigkeit der sie reparierenden Industrien bestimmt Art und Ausmaß des 'Gesundheitswesens' (M. Schneider, Klassenkampf und Neurose)

Spätestens mit Ende des Nachkriegsaufschwungs suchte sich das aufgestaute Kapital nicht nur in der Deregulierung von Finanzmärkten profitable Märkte – sondern zunehmend auch im Gesundheitswesen. Gesundheit/Krankheit wurde eine zusätzliche Profitquelle.

Seit den 1980ern, verstärkt seit Beginn der Weltwirtschaftskrise, rollt eine Welle von Kürzungen über den staatlichen Gesundheits- und Sozialbereich. Das Geld wird für Bankenrettungen und Unternehmenssubventionen gebraucht. Seither wird auch hierzulande das Gesundheitssystem mit „Strukturreformen“ und „Effizienzsteigerung“ immer weiter ausgehöhlt. So wurden Versicherungen, Spitäler und Pflegeeinrichtungen ausgelagert und privatisiert. So wurden Staatsausgaben reduziert, die Kosten mussten die PatientInnen tragen. Die privaten Gesundheitsversorger profitierten, während sich die Leistungen und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verschlechterten. Im ach so sozialen Österreich ist der Anteil der privaten Ausgaben für Gesundheit nun höher als im EU-Schnitt!

Staatliche Strukturen, die mehr boten als der Kapitalismus eigentlich bereit war zu geben (zur Versorgung und Begleitung von Kranken, Beeinträchtigten, Kindern oder älteren Menschen usw.), wurden über Jahrzehnte von der ArbeiterInnenbewegung erkämpft. Sie waren kein Geschenk des bürgerlichen Staates. Sie waren für ihn erträglich, solange der Nachkriegsaufschwung anhielt. Nun werden sie demontiert.

Frauen sind von Kürzungen im Gesundheitswesen dreifach betroffen: als Kranke, Pflegende, Beschäftigte!

Die Verschlechterungen bzw. aktuell schon oft katastrophale Situation sind für Beschäftigte, PatientInnen und Angehörige – also uns alle – spürbar. Frauen sind doppelt betroffen: zum einen direkt, weil sie den Großteil der Beschäftigten ausmachen. Zweitens, weil durch Mangel an Plätzen in Kindergärten und Pflegeeinrichtungen und der Verlagerung von stationärer auf ambulante Betreuung in Krankenhäusern immer mehr Menschen zu Hause betreut werden müssen. Das bleibt meistens an den weiblichen Angehörigen hängen – und zwar unbezahlt. Hier ist großes Potential für Widerstand! Eine gemeinsame Bewegung aller Betroffenen kann Regierungen und KapitalistInnen gehörig unter Druck setzen.

Wir haben ein Recht auf eine flächendeckende und hochwertige Gesundheitsversorgung. Diese kann und darf nicht profitorientiert sein, denn das bedeutet schlechte Qualität. Solange für Profite gewirtschaftet wird, bleibt Gesundheit eine Ware. Nötig ist eine demokratische Planung der Wirtschaft und auch des gesamten Gesundheitsbereiches. So könnten Beschäftigte und Betroffene – also die ganze Gesellschaft – entscheiden, welche Leistungen benötigt werden und wie viele Ressourcen in die Erhaltung der Gesundheit gesteckt werden. Das Gesundheitswesen und die ganze Gesellschaft muss vom Kapitalismus geheilt werden.

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