ArbeiterInnenselbstverwaltung

Sonja Grusch

Wir finden das Modell gut: die Beschäftigten entscheiden selbst, wann und wieviel sie arbeiten. Wenn sie meinen, sie müssen nicht immer da sein oder ihre Arbeit lastet sie nicht aus, können sie einen zusätzlichen Job annehmen. Interessenskonflikte gibt es keine, weil ja eh alle dasselbe wollen. Über Gehaltshöhe und -erhöhungen bestimmen die Beschäftigten selbst, ebenso über Pensionsantrittsalter, Pensionshöhe und eventuelle Steigerungen. "Goodies" sind auch vorgesehen, Zuschläge für Zusatzarbeit, und manchen, die besonders viel Verantwortung haben, wird auch beim Transport zu und von der Arbeit unter die Arme gegriffen. Das Modell hat Zukunft finden wir – und sollte auf alle Beschäftigten ausgedehnt werden.
Momentan haben nur die 183 ParlamentarierInnen diese Arbeitsbedingungen. Die Debatte über die Offenlegung der Nebeneinkünfte ist skurril. Angeblich müssen PolitikerInnen soviel verdienen, weil sie "so viel Verantwortung" haben. Wie stehts mit Verantwortung & Einkommen einer Krankenpflegerin? Und: Nur wer genug verdient wäre unabhängig und unbestechlich. Es brauche "leistungsgerechte Politikereinkommen" (Kukacka) bzw. ein "anständiges Gehalt" (Lackner) denn PolitikerInnen leisten so viel. Warum bekommen dann Zivildiener, für die die 40-Stunden-Woche nicht gilt, so wenig? Warum haben so viele PolitikerInnen Zusatzeinkünfte? Zuwenig Einkommen,  zuwenig Arbeit? Wer diese Frage stellt kriegt aber auch gleich eine passende Antwort: PolitikerInnen sollen nicht "nur" PolitikerInnen sein, weil sonst würden sie den Bezug zur Realität verlieren. Hä? Wie war das? Sie würden soviel arbeiten und deshalb so viel verdienen …? Und das finale Totschlagargument: Man könne die Einkommen nicht veröffentlichen, weil in Österreich herrsche eine "Neidgesellschaft" und man "müsse auch den Datenschutz beachten" (Molterer).
Wir sind nicht dafür, dass PolitikerInnen bei Wasser und Brot in einer Substandardwohnung leben müssen. Aber sonst auch niemand. Daher: Was notwendig ist, für die 183 ParlamentarierInnen, sollte genauso gelten für die restlichen 8.000.000 Menschen, die in Österreich leben. Nämlich dass nicht andere über ihr Leben, ihr Einkommen und ihre Arbeit entscheiden, sondern sie selbst.

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