480 Bewerbungen

Interview mit Gerald Fleischmann, 43, arbeitslos

„Wer einen Job will, findet auch einen!" Eine Standardbehauptung, die, obwohl häufig gesagt, schlicht und einfach falsch ist. Das folgende Interview mit dem 43-jährigen Arbeitslosen Gerald Fleischmann zeigt, wie die Realität aussieht.

Vorwärts: Gerarld, Du bist seit November 1996 erwerbslos. Wieso?

Gerald F.: Ich habe HTL-Giesereitechnik gelernt. Aber nach den zwei Erdölkrisen, war kein Job mehr in Österreich zu finden, ich hätte nach Brasilien auswandern müssen. Ich war damals schon verheiratet, meine Frau ist auch berufstätig, da mußte ich umsatteln und bin ins Versicherungwesen gegangen. Ich habe dann 19 Jahre in der Branche gearbeitet und bin dann mit dem konfrontiert gewesen, was heute Mobbing heißt. Die wollten mich los werden und haben mir eine fristlose Entlassung angehängt. Mir ist nichts anderes übrig geblieben, als auf Fortführung des Dienstverhältnisses zu klagen. Da ist mit miesesten Methoden gearbeitet worden. Damit ich wenigstens meine Abfertigung bekomme, habe ich nach eineinhalb Jahren Prozeß einem faulem Kompromiß zustimmen müssen.

V: Was hast Du getan, um wieder einen Job zu bekommen?

GF.: Durch den Prozeß habe ich eineinhalb Jahre keinen Job annehmen dürfen. Ich habe zwar die Zeit für Fortbildung genutzt, aber meine Ausgangschancen waren dann doch denkbar schlecht. Nach dem Vergleich habe ich sofort begonnen, Bewerbungen zu schreiben, mit Computer und allem drum und dran, per e-mail und allem. Damit die potentiellen Arbeitgeber gleich sehen - aha, der Bursche ist am Puls der Zeit. Das war aber sehr ernüchternd - gezählte 480 Bewerbungen in einem halben Jahr. Das geht ganz schön ins Geld.

V: Wie war die Reaktion auf Deine Bewerbungen?

GF: Von den 480 sind 20 % zurückgekommen, mehrheitlich abschlägig mit der Begründung „passen nicht in das Anforderungsprofil". Das heißt im Fachjargon „zu alt". Ich habe rund 20 Vorstellungsgespräche gehabt, bei einigen bin ich auch in die engere Wahl gekommen - aber den Job hab ich dann nicht bekommen.

V: Glaubst Du, daß die Ablehnungen auch mit dem Prozeß und Deiner Tätigkeit im Betriebsrat zu tun hat?

GF: Es ist in einigen Bewerbungsgesprächen angesprochen worden und ich habe schon den Eindruck gehabt, daß in dem einen oder anderen Fall der ehemalige Arbeitgeber negativ interveniert hat bzw. Informationen weitergegeben hat, die nicht gerade dienlich waren. Mein Dienstzeugnis ist für Vorstellungen ohnehin unbrauchbar.

V: Wie sieht Deine  finanzielle Lage momentan aus?

GF: Ich habe zwei Kinder und vor zehn Jahren habe ich mir ein Eigenheim gekauft - mit entsprechender Rückzahlungsbelastung. Ich bekomme jetzt  öS 12.000.- Notstandshilfe. Diese wird aber jetzt auch noch gekürzt, weil meine Frau in Zukunft mehr arbeiten wird als bisher.
Dazu kommt noch, daß es auch beim AMS kein Geld mehr für Kurse gibt. Letztes Jahr konnte ich noch Kurse zur Fortbildung besuchen, heuer geht gar nichts mehr.

V: Du hast kurz einen Job gehabt?

GF: Ja, es gab ein kurzes Zwischenspiel: Durch Intervention von Freunden war ich kurz im AKH - und das war auch sehr bezeichnend für die Situation am Arbeitsmarkt: Ich habe es gewagt zu fragen, wie lang vorher ich darüber informiert würde, ob ich Samstag Dienst hätte. Ich habe ja auch noch ein Privatleben. Der Vorgesetzte hat mir dann erklärt, derjenige, der Samstags Dienst hätte, würde am Freitag bestimmt werden. Mein Kommentar „Na des is ja leiwand", war offensichtlich genug, um das Dienstverhältnis noch in der Probezeit zu lösen.
Das war ein Hilfsarbeiterjob, aber ich habe gehofft, wenn ich erst mal in der Gemeinde einen Job habe, wird das besser. Verdient habe ich dabei 11.500 netto - also um 500.- weniger, als meine Notstandshilfe ausmacht!

V: Welche Vorschläge hättest Du zum Umgang mit dem Problem Arbeitslosigkeit?

GF: Meiner Meinung nach wäre eine radikale Arbeitszeitverkürzung ein wirklich gutes Rezept. Ich habe viele Freunde, die noch im Berufsleben stehen - die arbeiten teilweise 60-80 Stunden pro Woche und das natürlich mit allen Konsequenzen für die Gesundheit und das Privatleben. Die Arbeit könnte doch gerecht aufgeteilt werden - und zwar mit vollem Lohnausgleich.

V: Was sagst Du zu dem Unternehmerargument: „Das können wir uns nicht leisten“?

GF: Ich habe die Wiener Zeitung abonniert und die führenden Unternehmen veröffentlichen dort ihre Bilanzen. Da gibt es Gewinnsteigerungen von einem Jahr auf das andere von bis zu 80 %! Da kann ich mir nicht vorstellen, daß das nicht finanzierbar sein soll!

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

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