1968: Revolutionäre Situation in Frankreich

1968: Frankreich steht auf...
Kurt Pfeifle, Stuttgart (aus Voran Nr. 29, gekürzt )

 1968 hielten in Frankreich auf dem Höhepunkt der Bewegung 11 Mio Arbeiter und Angestellte (bei insgesamt 15 Mio, von denen nur 2,3 Mio gewerkschaftlich organisiert waren) ihre Betriebe besetzt. Nicht nur Industriebetriebe, auch Bauernhöfe, Banken, Schulen, Unis, öffentliche Stellen, Bahn und Schiffe.. waren weitgehend lahmgelegt oder übernommen worden. Überall gab es Arbeiter-, Bauern- und Studentenkomitees. Fernsehen und Rundfunk befanden sich unter Kontrolle der Beschäftigten. Armee und Polizei waren angesteckt und wurden als „unzuverlässig“ bezeichnet. Die Machtorgane des Kapitals waren lahmgelegt, das Staatsoberhaupt de Gaulle war verschollen...
Mit Kriegsende ‘45 begann inFrankreich eine riesige Industrialisierungswelle. Innerhalb von 10 Jahren hatte sich die Anzahl der Leute mit Autos, Kühlschränken,... rapide erhöht. Jedoch verschleierte das glänzende, verchromte Frankreich von 1968 ein großes Ausmaß wirklichen Elends: „5-6 Mio. Franzosen leben am Existenzminimum. Ein Viertel der Arbeiter verdienen weniger als 150 FF pro Woche. Arbeitslosigkeit, von der wahrscheinlich mehr als 500 000 betroffen sind und Kurzarbeit sind neue, fremde Erscheinungen in einem Land, das 30 Jahre lang nur Vollbeschäftigung gekannt hatte“, berichtete mitten im Generalstreik eine englische Zeitung.

Anfang der Kämpfe

Am 1. Mai demonstrierten Hunderttausende unter der Parole „10 Jahre sind genug!“ - unter Anspielung auf den Jahrestag der Machtübernahme de Gaulles. Auf Basis der allgemeinen Unzufriedenheit veranstalteten die Studenten am folgenden Tag Demos zur Aufhebung der Geschlechtertrennung in Wohnheimen.
Diese Demonstrationen wurden von der Polizei brutal zerschlagen. Am 3. Mai wurden die Universitäten geschlossen. Daraufhin gingen die Studenten zu Tausenden auf die Straßen. Die ersten Straßenschlachten fanden statt. Die Parolen wurden schnell allgemeiner und politischer.

Arbeiter und Studenten

Die Studentenkämpfe waren nur der Beginn. Ihre Proteste fanden ein unmittelbares Echo in der Arbeiterklasse. Von den ersten Tagen an wurden die Studenten von mehr als 80 % der Pariser Bevölkerung unterstützt. Als am 6. Mai eine friedliche Demonstration von den CRS-Spezialeinheiten der Polizei angegriffen wurde, öffnete die Bevölkerung ihre Haustüren, um die Flüchtenden vor Polizei-Gummiknüppeln zu schützen Um die Wirkungen des massiv eingesetzten Tränengases zu lindern, wurde eimerweise Wasser aus den Fenstern auf die Straßen gegossen.
Die Brutalität der CRS erregte die Empörung der Arbeiter, insbesondere nachdem die Belegschaft der ORTF (Radio und Fernsehanstalt) darauf bestanden hatte, daß darüber ein Film im Fernsehen gezeigt wurde. Besonders jüngere Arbeiter sahen in den Studentenkämpfen eine Alternative und schöpften Mut aus der Tatsache, daß diese offensichtlich Risse in der gaullistischen Eintönigkeit zeigten. Bald traten sie selbst in Streik - bei Sud Aviation (Flugzeugfabrik) gegen Entlassungen, bei der Post für höhere Löhne.
Der Druck auf die Massenorganisationen der Arbeiterklasse wuchs. So riefen schließlich die Führungen von CFDT (ehem. katholischer Gewerkschaftsbund) und CGT (größte Gewerkschaft mit kommunistischer Mehrheit) für den 13. Mai einen 24-h-Generalstreik aus. Er war als Druckmittel gegen die Regierung gedacht und gleichzeitig als Sicherheitsventil, um den in der Arbeiterklasse angestauten Druck, gefahrlos abzulassen. Es gelang aber nicht, die Bewegung durch diese begrenzte Aktion zu dämpfen. Im Gegenteil: Die massiven Arbeitsniederlegungen - 1 Million allein in Paris! - ermutigten die Arbeiter nur noch mehr.
Am nächsten Tag kehrten die Arbeiter von Sud Aviation nur in ihre Fabrik bei Nantes zurück, um sie zu übernehmen, den Direktor einzusperren und an alle Arbeiter zu appellieren, sie zu unterstützen und ihrem Beispiel zu folgen!

Besetzungen und Räte

In den folgenden Tagen verbreitete sich diese Welle von Besetzungen ohne jegliche Unterstützung durch die Gewerkschaften oder die Kommunistische Partei wie ein Lauffeuer und gipfelte in der totalen Lahmlegung der Wirtschaft am Ende der 3. Woche. Gegen den ausdrücklichen Willen der Führung der Kommunistischen Partei (damals einzige Massenpartei der Arbeiterklasse) wurden gleichzeitig Aktionskomitees gebildet: Arbeiterkomitees in den Fabriken, Komitees von Ärzten, Krankenschwestern und Patienten in Krankenhäusern, von Bauern auf den Höfen, von Studenten und Schülern in Universitäten und Schulen.
Ein Arbeiter-, Studenten- und Bauernrat „regierte“ ganz Loire-Atlantique um Nantes. Er kontrollierte das alltägliche Leben: den Verkehr, die Versorgung mit Wasser, Elektrizität,... Landarbeitergewerkschaften versorgten die Streikenden mit Essen, Arbeiter und Studenten halfen bei der Nahrungsmittelprokuktion, die Preise wurden drastisch gesenkt.
Jeder Winkel der französichen Gesellschaft wurde vom Aufruhr erreicht und angesteckt: Die juristische Fakultät „lehnte die Gesellschaft ab“, sogar die Totengräber und Meteorologen streikten. Die Polizeigewerkschaft sprach von einer „äußerst gefährlichen Situation“, weil viele ihrer Mitglieder mit den Arbeiter-Forderungen sympathisierten und selbst mit Streik drohten. Fußballspieler besetzten Stadien und Richter organisierten sich gewerkschaftlich.
Der Staatsapparat befand sich in Auflösung. Regierungsbeamte diskutierten ernsthaft, wie sie die Macht übergeben sollten! De Gaulle, der „starke Staat“in Person, „packte ein“ und berichtete dem US-Botschafter:„Das Spiel ist aus!“ Er floh aus Paris und galt als „vermißt“!

Staat machtlos

Die Macht lag für die Arbeiterklasse in Reichweite. Was jetzt noch fehlte, war eine Verbindung der Komitees auf örtlicher, regionaler und nationaler Ebene und die Bildung einer von diesen Komitees getragenen Arbeiterregierung. Ein solches oberstes nationales Arbeiterkomitee wäre von Anfang an eine demokratische Volksvertretung gewesen. Man hätte durch demokratische Wähl- und Abwählbarkeit aller Funktionen und Bezahlung durchschnittlicher Facharbeiterlöhne an alle Funktionäre und Komiteemitglieder, eine absoluten Kontrolle durch die Basis erreichen können. Vereinigt durch eine entschlossene Führung, hätte die Arbeiterklasse die gesamten gesellschaftlichen Reichtümer in Besitz nehmen können. Eine solche Regierung hätte alle Großkonzerne und Banken in Gemeineigentum überführen, Organe aus den Reihen der organisierten Arbeiter zum Schutz dieser Maßnahmen bilden und somit die Grundlage für eine geplante Wirtschaft unter demokratischer Arbeiterkontrolle schaffen können.

Rolle der Arbeiterorganisationen

Doch nichts dergleichen geschah. Während die Massen instinktiv vorwärtsdrängten, wurden sie zurückgezerrt - von ihren eigenen Führern! Der Führung der KP fiel in dieser vorrevolutionären Situation nichts Besseres ein, als Neuwahlen zu fordern. Sie sprach sogar davon, daß es darauf ankam, „die Bewegung wieder zurück in sichere parlamentarische Bahnen zu lenken“.
Auf dem Höhepunkt der Streikbewegung wollten CGT- und CFDT-Führer mit der Regierung verhandeln! Mit einer Regierung also, die es de facto nicht mehr gab, keinerlei Macht mehr besaß und teilweise geflohen war. Die KP bestand darauf, daß der Kampf streng auf Löhne und Arbeitsbedingungen beschränkt sei, auf die „unmittelbaren Forderungen“ der 40-Stunden-Woche, eines höheren Mindestlohns und größerer sozialer Sicherheit. Als am 27. Mai Seguy, der Generalsekretär der CGT, in den Renault-Werken in Billancourt auftrat, um stolz zu verkünden, daß er in Verhandlungen Erhöhungen der KV-Löhne von bis zu 80 % und die besten Sozialleistungen seit Kriegsende herausgeholt hätte, wurde er ausgepfiffen und seine Rede von einer aus 30.000 Kehlen gebrüllten Parole unterbrochen: „Gouvernement populaire!“ (Volksregierung)
Ein Renault-Arbeiter schilderte  später seine Eindrücke: „Wir wollten alles verändern und wir hatten schon fast alles verändert. Wir erwarteten, daß sich unsere Führer an die Spitze stellten. Es war eine Revolution, ja eine Revolution, und wir dachten, die KPF würde sie anführen. Sie wollte jedoch gar keine Revolution. Als sie nur Neuwahlen forderte, wußten wir nicht, was wir tun sollten, es herrschte große Unsicherheit ... Ein paar Wochen später haben viele Streikende wieder de Gaulle gewählt, weil sie von den Linken die Schnauze voll hatten.“
In diesen Worten kommt klar zum Ausdruck, woran es der französischen Arbeiterklasse in jenen Maiwochen am meisten mangelte: an einer entschlossenen Führung, die den Weg zu Ende gegangen wäre, den die Massen spontan schon eingeschlagen hatten, anstatt alles abzubremsen. Die Mehrheit der Arbeiter erhoffte sich diese Führung von der KP. Als diese Führung jedoch ausblieb, wurden sie unsicher. Als sich die KP ganz gegen ihre Aktionen stellte, resignierten sie schließlich. Wohl versuchten sie noch, sich der offiziellen KPF-Politik entgegenzustellen. Sie zogen instinktiv und spontan in die richtige Richtung, doch es ging über ihre Kräfte, sich mitten im Kampf aus dem Stehgreif etwa eine neue Partei zu schaffen.

Umschwung

Mehrere Wochen herrschte in Frankreich eine Situation der Doppelherrschaft. Doch ohne eine organisierte Führung, die die Kämpfe koordiniert und ihnen Ziel und Richtung vorgegeben hätte, war die historische Chance der Machtübernahme der Arbeiter vertan. Wochenlang waren die „Bollwerke der Ordnung“ gelähmt, befanden sich in einem Zustand hochgradiger Zersetzung. Doch die langen Kämpfe erschöpften die Massen, die Haltung ihrer Führung entmutigte sie. Am 30. Mai kehrte de Gaulle nach Paris zurück. Er war in Baden-Baden gewesen, um die Unterstützung durch General Massu zu gewährleisten, der an der Spitze der 70.000 Mann starken französischen Rheinarmee stand.
Gleich wurde die Auflösung des Parlaments verkündet und Neuwahlen ausgeschrieben. Eine üble Hetzkampagne folgte, gegen die „die Bedrohung durch eine totalitäre Diktatur“,... Erst dann, nach mehr als 2 Wochen Generalstreik (praktisch ergebnislos), nachdem sich keine der großen Arbeiterorganisationen als fähig erwiesen hatte, schöpfte die Kapitalistenklasse wieder genug Mut zum Gegenangriff.
Panzer und Truppen formierten sich um Paris, eine reaktionäre Demonstration zog eine Mio. Teilnehmer an, auf der Parolen gerufen wurden wie „Der Kommunismus kommt nicht durch“, „Cohn-Bendit (damals Studentenführer, heute grüner Realo - Red.) nach Dachau“, „Erschießt Mitterand“. In den folgenden Tagen wurden die Arbeiter wieder aus den Fabriken getrieben, wobei sie nur vereinzelt aktiv Widerstand leisteten. Einige linke Gruppierungen wurden verboten, ihre Führer verhaftet und des Landes verwiesen. Demos durften bis auf weiteres nicht stattfinden.
Wie konnte diese völlige Umkehrung des Kräfteverhältnisses so plötzlich zustande kommen? Schon Marx und Engels hatten erklärt, wie sich in revolutionären Krisen die kämpfenden Klassen das Gleichgewicht halten können, jedoch nur für kurze Zeit, manchmal Monate, Wochen oder nur einen Tag lang, wenn es um die Machteroberung durch die Arbeiter geht. Wenn eine konsequente Führung  in einer solchen Situation fehlt, kann die Gelegenheit auf lange Zeit verpaßt sein.
Neue große Kämpfe stehen bevor, in Frankreich, in ganz Europa! Wenn die Lehren der vergangenen Kämpfe richtig gezogen werden, besteht kein Grund, warum es der Arbeiterklasse nicht gelingen soll, ihre nächste Chance voll zu nutzen!

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