„Der junge Karl Marx“: Über die Geburt einer Idee

von Aron Amm, Berlin

Ein Film über Karl Marx und die Idee des Sozialismus

Am 2. März kommt die französisch-deutsch-belgische Koproduktion „Le jeune Karl Marx/Der junge Karl Marx“ in die deutschen Kinos. Auf der Berlinale feierte das Werk seine Weltpremiere. Damit fällt der Filmstart quasi mit dem hundertsten Jahrestag der Russischen Revolution zusammen – bis heute überragendes Zeugnis von Marx‘ These, dass Ideen zu einer materiellen Kraft werden, wenn sie die Massen ergreifen.

Der Film des auf Haiti geborenen und in Zaire und in den USA aufgewachsenen Regisseurs Raoul Peck fokussiert sich auf die Jahre 1843-48 – in denen Deutschland, England, Frankreich und weitere Länder Europas von Industrialisierung, Verstädterung und dem Wachstum der Arbeiterklasse gekennzeichnet waren. Eine Zeit, die – konfrontiert mit 82-Stunden-Woche (in Deutschland), Kinderarbeit und Repression (der Film setzt mit dem Verbot der „Rheinischen Zeitung“, an der Marx mitwirkte, ein) – mit Widerstand und der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen einher ging. Der Streifen wirft unter anderem ein Schlaglicht auf die Auseinandersetzung von Marx und Engels mit den Anarchisten Proudhon und Bakunin. Alles Ereignisse, die in die Gründung des „Bundes der Gerechten“ (einer internationalen Organisation), dem auch Marx und Engels beitraten und der später in den „Bund der Kommunisten“ umbenannt wurde, mündeten. Was schließlich auch zusammenfiel mit der bürgerlichen Revolution 1848.

Revolutionär in Theorie …

„Le jeune Karl Marx“ gibt eine Ahnung davon, dass es bei den damaligen politischen Streitigkeiten keineswegs um persönliche Animositäten (auch wenn individuelle charakterliche Eigenheiten natürlich nicht zu leugnen sind), sondern um unterschiedliche Ideen und Programme ging. Während, in einer Schlüsselszene, beim Kongress des „Bundes der Gerechten“ in London einige Gründerväter auf die Verwirklichung der Ideale der Französischen Revolution von 1789 „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ pochen, und das im Rahmen des Kapitalismus, und in allen Menschen Brüder sehen wollen, antworten Marx und Engels darauf, dass die Kapitalbesitzer alles andere als Brüder seien und sich nicht alle Menschen vereinigen, sondern – die neue Losung der in „Bund der Kommunisten“ umbenannten Organisation – die „Arbeiter aller Länder“ sich vereinigen müssten; Geschichte der Menschheit eben, wie es dann im „Kommunistischen Manifest“ heißt, Geschichte von Kämpfen zwischen den Klassen bedeutet.

Überhaupt zeichnet der Film nach, wie Marx und Engels die Grundpfeiler des wissenschaftlichen Sozialismus (dialektischer und historischer Materialismus sowie die politische Ökonomie – auch die Mehrwerttheorie wird in groben Zügen erklärt) entwickeln und die Notwendigkeit sehen, den „Bund“ politisch, programmatisch zu bewaffnen.

… und Praxis

Ein Verdienst des Films besteht darin, aufzuzeigen, dass Marx und Engels (eigentlich hätte der Film auch „Der junge Karl Marx und der junge Friedrich Engels“ heißen können) sich nicht auf einen theoretischen Beitrag zum Aufbau der Arbeiterbewegung beschränkten (gleichwohl dieser von unschätzbarem Wert war), sondern sich aktiv im „Bund“ einbrachten. In den Folgejahren engagierten sie sich maßgeblich bei der Gründung der I. Internationale 1864 sowie Engels, nach Marx‘ Tod 1883, bei der Gründung der II. Internationale 1889.

„Eingerahmt“ wird der Film von gesellschaftlichem Kampf. So wird Engels in einer der ersten Szenen Zeuge einer Rebellion von Lohnabhängigen in Manchester im Werk seines Vaters – bei dem seine spätere Freundin Mary Burns als Rädelsführerin entlassen wird. Vor dem Abspann werden zu Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ Bilder von Unruhen und Protesten in verschiedenen Teilen der Welt seit dem Tod von Marx und Engels gezeigt.

Eine neue Idee

In gewisser Weise ist die „Hauptfigur“ dieses Films das „Kommunistische Manifest“. Denn er behandelt eben jene Zeitspanne, in der Marx und Engels zu den Kerngedanken des „Manifests“ gelangten. Und der Film endet mit der Ausarbeitung dieser Schrift – die das Programm des „Bundes der Kommunisten“ bilden sollte. Dass ein Film die Erarbeitung einer solchen Schrift zu seinem Höhepunkt macht, ist beachtlich. Zumal meist nicht Systemalternativen und positive Visionen, sondern eher Dystopien Thema sind – so auch bei der diesjährigen Berlinale-Retrospektive „Future Imperfect“, in der Klassiker des Science Fiction aufgeführt werden.

Der Film stellt heraus, dass Marx und Engels im Unterschied zu anderen oppositionellen Kräften für eine grundlegende Umwälzung der Produktions- und Eigentumsverhältnisse und für das Ziel einer sozialistischen Gesellschaft eintraten. In mehreren Szenen argumentieren sie, wie wichtig auch für die einzelnen Kämpfe die Vision einer anderen Welt ist. Wofür die SLP und das CWI auch heute eintritt. Zum Beispiel, wenn die sozialistische Stadträtin Kshama Sawant in Seattle erklärt: Man muss kein Sozialist sein, wenn man für einen 15-Dollar-Mindestlohn aktiv ist – aber es hilft! Generell haben Sektionen des CWI sehr bewusst den Begriff „Sozialismus“ in ihren Organisations- oder Parteinamen aufgenommen.

Filmische Umsetzung

Raoul Peck ist einer der aktuell interessantesten Filmemacher. Sein Durchbruch gelang ihm mit „Lumumba“. Bei „Mord in Pacot“ legt er Pasolinis „Teorema“ als Folie über eine Handvoll Erdbebenopfer in Port-au-Prince. Neben Marx hat sich Peck zuletzt dem Schriftsteller James Baldwin, 1924-87 (einem „8.000er“ der Literatur), der als Afroamerikaner und Homosexueller über die ihm erfahrene Diskriminierung in „Eine andere Welt“ und weiteren Romanen grandios schreibt, gewidmet: das Ergebnis, ein Dokumentarfilm unter dem Titel „I Am Not Your Negro“, der ebenfalls auf der diesjährigen Berlinale zu sehen ist.

Auch „Le jeune Karl Marx“ ist ein redlicher Versuch, sich Marx und Engels zu nähern. Allerdings erweist es sich doch als schwieriges Unterfangen, auf Kinolänge ein solch ereignisreiches Jahrfünft und die ganze Wucht und Tragweite der Marx’schen Ideen zu beleuchten. Ersteres gerät zwar nicht zur Karikatur, letzteres selten zu Plattheiten. Dennoch bleibt manches blass. Was auch daran liegt, dass August Diehl als Marx und Stefan Konarske als Engels nicht die gleiche Präsenz besitzen wie zum Beispiel Barbara Sukowa als Margarethe von Trottas „Rosa Luxemburg“. Eindrücklicher sind Vicky Krieps als Jenny von Westphalen und Hannah Steele als Mary Burns – im Übrigen schildert der Film auch die damalige Lage der Frau und geht auf die bedeutsamen Rollen, die gerade diese beiden Personen, echte Persönlichkeiten, spielten, ein; auch etwas, was man dem Film zugute halten muss.

Maßgeblicher als die letztlich respektablen Schauspielerleistungen dürfte indes das Format für die Schwächen sein. Es wäre wohl ratsamer gewesen, sich mehr Zeit zu nehmen (so gibt es durchaus Beispiele für gelungene Mehrteiler beziehungsweise Fernsehserien, wie unter anderem Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“). Oder aber, wenn es denn ein dramaturgisch verdichteter Kinofilm sein soll, nach dafür speziellen filmischen Ausdrucksmitteln zu suchen. Die (immerhin in den Film aufgenommene) so zentrale Aussage „Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern“ bleibt doch recht dünn, wenn sie wie hier von Marx nach einer durchzechten Nacht einfach so dahingesagt wird. (Da prägen sich Schlüsselaussagen der Spanischen Revolution beispielsweise in Ken Loachs „Land and Freedom“ stärker ein; nicht zuletzt weil er unter anderem Schlussfolgerungen zur Kollektivierung der Landwirtschaft nicht jemandem thesenartig in den Mund legt, sondern den Zuschauer an Hand einer Debatte unter Bauern selbst „erleben“ lässt.)

Unterm Strich bleibt allerdings eine sehenswerte Unternehmung, dem Wirken von Marx und Engels näher zu kommen. Eine Unternehmung, die anregt, sich tiefer gehend mit ihnen zu beschäftigen beziehungsweise ehemals Erfahrenes aufzufrischen.

 

Der Wahnsinn des Kapitalismus

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