Do 25.06.2026
Anlässlich des 100. Todestags von Ingeborg Bachmann veröffentlichen wir einen Artikel wieder, der 2023 anlässlich des 50. Todestags 2023 in Tagebuch - Zeitschrift für Auseinandersetzung 11/2023 eschien.
Pünktlich zu Ingeborg Bachmanns 50. Todestag kommt Margarethe von Trottas Film Ingeborg Bachmann. Reise in die Wüste in die Kinos. Die Hommage beeindruckt zunächst als Reigen opulenter und glanzvoll ausstaffierter Szenerien. Dabei wirken die Straßen Roms, ja sogar die Wüstenlandschaften, nicht weniger sauber und ordentlich als das dafür notorische Zürich. Dasselbe gilt für die Figuren: Der wunderschönen Bachmann liegt im Film ausnahmslos jeder Mann, dem sie zwischen Paris und Kairo begegnet, nicht nur metaphorisch zu Füßen; der Gruppensex im exotistischen ägyptischen Hotelzimmer wird zum tableau vivant stilisiert. Dem im Film referenzierten Kostümepos Lawrence von Arabien ist Von Trottas Werk so unähnlich nicht.
Die Wüste will Von Trotta dabei explizit als Ort der Befreiung und Erlösung für Bachmann verstanden wissen. In Bachmanns direkt nach der Ägyptenreise entstandenen Entwürfen für ein Wüstenbuch, wie auch in dem daraus hervorgegangenen Romanfragment Der Fall Franza, erscheint die Wüste im Gegensatz dazu als Ort, in welchem die Protagonistin ihre Heilung sucht und ihre Vernichtung findet. Franza wird vergewaltigt und zerschlägt sich danach selbst an den Steinen der Pyramide den Kopf – ein radikaler Bruch, welcher der Weichzeichner-Ästhetik des Films diametral entgegensteht.
Bachmanns Utopiebegriff
»Sie scheinen sehr wenig über mich zu wissen. Erstaunlich, bei all dem Gerede und den Gerüchten, die es über mich gibt«, sagt Bachmann freudig überrascht beim ersten filmischen Zusammentreffen mit Frisch. Tatsächlich wurde die Person Ingeborg Bachmann zeitlebens und darüber hinaus wie kaum eine andere deutschsprachige Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts zum Objekt eines literarischen Voyeurismus, dem ihre Texte nur die lichtdurchlässigen Vorhänge am Fenster ihres Privatgemachs sind. Der noch zu ihren Lebzeiten von Roland Barthes verkündete Tod des Autors wurde Bachmann nicht gegönnt. Zu stark war der male gaze des Diskurses der Literaturkritik, um Ohren zu haben für Barthes‘ Plädoyer gegen die »Autorin« als »letztes Signifikat« eines Textes, als dessen eigentliche Wahrheit, die durch ihn hindurch (oder zur Not an ihm vorbei) ergründet werden solle. Dass Von Trottas Film – wenn auch mit einer gut gemeinten Umwertung der Werte – durch seine Anlage sich in diese Tradition stellt und damit nicht nur der Schriftstellerin Bachmann, sondern auch seiner eigenen Filmfigur ins Wort fällt, gereicht ihm nicht zum Vorteil.
Unterbelichtet bleibt dabei in dem Film Bachmann nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als kritische und politische Intellektuelle. Sie wandte sich in der im Film behandelten Periode zunächst vom logischen Positivismus des Wiener Kreises ab, den sie in ihrer Doktorarbeit noch verdienstvoll gegen Heidegger ins Feld geführt hatte – nicht ohne allerdings dabei die Sprachphilosophie Wittgensteins dialektisch umzustülpen, wie Sigrid Weigel nachgewiesen hat. Bachmann liest Wittgenstein nicht mehr als „Mentor des Schweigegebots« (Weigel), wie wir ihn von den zu Tode zitierten Sätzen aus dem Tractatus kennen (»Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt«, »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen«). Stattdessen schreibt Bachmann von Wittgensteins »verzweifelter Bemühung um das Unaussprechliche, die den Tractatus mit einer Spannung auflädt, in der er sich selbst aufhebt«. Zum Angelpunkt wird dafür ein weniger beachteter grenztheoretischer Satz aus dem Tractatus: »Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern ist eine Grenze der Welt« Die Verortung des Subjekts an der Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem, ja die Definition des Subjekts als diese Grenze, bedeutet, dass Grenzen nun nicht mehr zwischen, sondern durch die Welt und das Subjekt, durch die Sprache und durch das Wort selbst gezogen werden. Aus dieser inneren dialektischen Spaltung der Sprache, aus der »Bemühung um das Unaussprechliche« in ihr, entwickelt Bachmann einen eigenen Utopiebegriff. Ihre Utopie »liegt nicht im Was, sondern im Wie«, wie Uta Degner jüngst betont hat. Bachmann versteht Utopie „als Richtung, die einschlagbar bleiben wird, wenn unsere Kultur ihr Gesicht nicht einmal an ihren hohen Feiertagen wahren wird«, wie sie in ihren Frankfurter Vorlesungen ausführt. An der Utopie als poetologischem wie auch erkenntnistheoretischem Vektor – »Die Tatsachen, die die Welt ausmachen – sie brauchen das Nichttatsächliche, um von ihm aus erkannt zu werden«, heißt es in Der Fall Franza – richtet Bachmann ihr Schreiben aus. Ihre literarische Sprache sucht das Jenseits im Diesseits, das Unsagbare im Sagbaren, den Anderen im Ich. Daraus entwickelt sie auch eine ihr eigene politische Radikalität, die insbesondere Hans Höller herausgearbeitet hat. Bachmann hat wie niemand anderer die postnazistischen Kontinuitäten der österreichischen Nachkriegszeit mit ihren patriarchalen Bedingungen zusammen gedacht und literarisch verarbeitet – wie sich von dem ersten Lyrikband Die gestundete Zeit bis zum Fragment gebliebenen Romanzyklus Todesarten zeigen lässt.
„Kommunismus muss Luxus sein“
Ab Ende der 1950er Jahre lässt sich bei Bachmann aber auch eine explizite Politisierung nachzeichnen. Auf die Frage, was sie gerade lese, antwortet Bachmann Anfang 1963 einem verblüfften Interviewer: »Im Moment sieht es sogar nach recht systematischer Beschäftigung aus mit dem historischen Materialismus, von Marx und Lenin über die diversesten Stationen bis zu Ernst Bloch und Kolakowski.« Zum stalinistischen Zerrbild des historischen Materialismus, welches die Kommunistischen Parteien darstell(t)en, blieb Bachmann auf Distanz. An ihren Freund Hans Werner Henze schrieb sie 1965: »Alle meine Neigungen sind auf der Seite des Sozialismus, des Kommunismus, wenn man will, aber da ich seine Verirrungen, Verbrechen etc kenne, kann ich nicht votieren. « Im Gegensatz zu anderen Intellektuellen, die ihre Parteinahme mit einer Unterwerfung unter die Parteidoktrin und intellektueller Selbstverstümmelung bezeugen zu müssen meinten, verwandelt Bachmann sich den Kommunismus in kreativer Weise an – so schreibt sie in einem undatierten Entwurf: »Wo ist die marxistische Mode. Der Armenkittel der Bürgertracht, die blaue Jacke und die Ledermäntel – oh nein, sie sind der letzte Triumph von Klassen, die die untersten Klassen zur Schäbigkeit verurteilt haben. Rote Federn müßte man sich an den Kopf stecken, in gelbblaugrünen, in violetten und hinreißenden Farben, in kultischen Bemalungen die Befreiung feiern. [...] Der Kommunismus muß Luxus sein, oder er wird nicht sein.«
»Es kommen härtere Tage«, heißt es 1953 in Die gestundete Zeit, angesichts der sich festigenden Nachkriegsordnung und des sich schließenden Fensters für die Aufarbeitung des Faschismus. 70 Jahre später, 50 Jahre nach Bachmanns Tod, könnte dieser Vers angesichts multipler Krisen und Kriege nicht unheimlicher nachklingen. Wer sich diesen Verwerfungen aber entgegensetzt, wird in Bachmann eine – immer zweifelnde – Wegbegleiterin finden. Die letzten Verse ihres nachgelassenen Gedichts Eintritt in die Partei mögen es bezeugen:
Sterben ist es nicht, Aufstehen
ist das Wort. Ohne Verständnis
für die Ausbeutung diese Ausbeutung
beenden. Es komme die Revolution.
Es komme, so mag es denn kommen.
Ich zweifle. Aber es komme
die Revolution. Auch von meinem Herzen

