Wie konnte die Welle zur Todeswelle werden?

Tsunami: Erst Kapitalismus führt zur Katastrophe
Sonja Grusch

Der Tsunami - die Flutwelle - vom 26. Dezember hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Die Zahl der Todesopfer wird laufend nach oben korrigiert. Millionen haben alles verloren und leben - bestenfalls - in Flüchtlingslagern. Weltweit ist das Mitgefühl mit den Betroffenen enorm, zahllos sind Berichte über die Hilfsbereitschaft und Spendengelder. Viele fragen sich aber auch: hätte die Katastrophe verhindert werden können? „Es gibt keinen Grund dafür, dass eine einzige Person bei einem Tsunami getötet wird” sagte Tad Murty, ein kanadischer Tsunami-Spezialist. Ein Erdbeben ist nicht vorhersehbar - eine dadurch ausgelöste Flutwelle (eben ein Tsunami) - aber schon.

Für ein weltweites Frühwarnsystem, mit Stationen in allen gefährdeten Regionen, bei dem die verschiedenen Forschungsstationen vernetzt sind und unmittelbar nach einem Erdbeben eine Tsunami-Warnung herausgeben.

Heute gibt es nur wenige Tsunami-Frühwarn-Stationen. Seit 1949 existiert in Hawaii das Pazifische Tsunami Warn-Center (PTWC), seit 1995 das Tiefsee-Tsunami-Einschätzungs-und-Berichts-System (DART), ebenfalls im Pazifik. Im Juni 2004 erklärten SpezialistInnen bei einem Treffen der Zwischenstaatlichen Ozeanographischen Kommission der UNO, dass der „Indische Ozean durch örtliche und entfernte Tsunamis beträchtlich bedroht ist” und deshalb ein Warnnetzwerk nötig wäre. Aber keine Maßnahmen wurden beschlossen. Die gesamten Kosten Systems DART betrugen 2002 gerade einmal zwei Millionen Dollar. Ein paar Millionen Dollar hätten gereicht, um ein entsprechendes Warnnetzwerk im Indischen Ozean zu installieren. Es ist eine politische Entscheidung, ob Geld eingesetzt wird, um solche Frühwarnsysteme einzurichten. Heute ist die Welt insgesamt reich genug, um sich diese Sicherheit leisten zu können. Aber beispielsweise Regierungen wie jene in Sri Lanka und Indonesien verwenden das Geld lieber für den Ankauf von Waffen und die Ausrüstung ihrer Armeen um den Bürgerkrieg in den Tamilen-Gebieten im Norden Sri Lankas bzw. in Aceh weiter zu führen. Diese Regierungen haben ihre Prioritäten eben anders gesetzt.

Für internationale Strukturen, die im Interesse der Menschen agieren, um durch rechtzeitigen Informationsaustausch Leben zu retten.

Die Existenz von Forschungsstationen reicht nicht aus. Im PTWC in Hawaii wurde das Erdbeben vor Sumatra registriert - aber nichts geschah. Charles McCreery, Leiter des PTWC meinte „Wir haben keine Kontakte in unserem Adressbuch in diesem Teil der Welt.” Das wirft die Frage auf: Wozu gibt es Organisationen wie die UNO, wenn sie nicht in der Lage sind, ein Email- und Telefonverzeichnis zu produzieren, das in solchen Fällen eingesetzt werden kann?! Das macht einmal mehr deutlich, dass die vor 60 Jahren gegründete UNO versagt, wenn es um das Wohl der Menschen geht. Sie hat bisher keinen Frieden gebracht, sondern im Gegenteil Kriege geführt, bzw. legitimiert. Und jetzt hat sie bewiesen, dass sie nicht einmal als Informationsstruktur nützlich ist. Im Indischen Ozean, ca. 900 km südlich der Malediven, liegt die kleine Insel Diego Garcia. Im Gegensatz zu den Maledivien, oder auch der weit westlich liegenden ostafrikanischen Küste, gab es auf Diego Garcia keine Opfer. Denn diese Insel dient vor allem als US-Luftwaffenstützpunkt. Dieser wurde gewarnt, jedeR und alles konnte rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Das bedeutet, dass die US-Army und wohl auch das Verteidigungsministerium und damit die obersten Stellen in den USA bereits wenige Minuten nach dem Beben informiert und gewarnt waren. Eine Stunde brauchte die Flutwelle bis zu den Küsten Thailands und Malaysias, zwei bis Indien und Sri Lanka, drei bis zu den Malediven.

Für ein Warnsystem, dass die Sicherheit der Menschen an oberste Stelle stellt.

Ein Frühwarnsystem allein reicht aber nicht aus - es braucht auch ein Kommunikationssystem und den Willen der Behörden, eine Warnung rauszugeben. Daran mangelte es offenbar zumindest in Indonesien und Thailand, die beide Mitglied im Warnsystem PTWC sind und daher informiert wurden. Trotzdem wurde nicht gewarnt - etwa aus Angst vor einem Fehlalarm mit Massenpanik und negativen Folgen für den Tourismus? Schon vor fünf Jahren wurden rund 2000 Menschen auf Thailand durch einen Tsunami als Folge eines Erdbebens in Papua Neu-Guinea (gehört zu Indonesien) getötet, weil die Behörden aus „Rücksicht” auf die Tourismusindustrie nicht informierten. Kann es uns nicht auch in Österreich passieren, dass, aus Angst vor Schäden für die Wirtschaft, z.B. nicht vor Lawinen oder auch vor Gift im Essen gewarnt wird?

Weil Armut eine der Ursachen für das Ausmaß der Katastrophe ist, muss die Armut beseitigt werden

In Nallavadu, einem kleinen Ort an der südindischen Küste von Tamil Nadu, gab es am 26. Dezember keine Opfer. Vijayakumar, ein junger Mann, der als Gastarbeiter in Singapur arbeitet sah dort die Tsunami Warnung. Sofort informierte er die örtlichen Behörden in Nallayadu, die Sirenen heulten und über diverse Kommunikationskanäle wurde die Bevölkerung rechtzeitig gewarnt. Die Folgen der Flutwelle sind also keine unabwendbare „Strafe Gottes” wie es ein australischer Kirchenvertreter behauptet hat.

Sicherheit - eine Frage der Ressourcen

Was fehlt ist das Geld, um die regionalen und lokalen Behörden mit Internet, Telefon und ausreichend geschultem Personal auszustatten. Notwendig ist es, dass Sicherheit Vorrang hat, dass jede Warnung ernst genommen wird. Notwendig ist es auch, dass präventiv (also im Vorhinein) in Schutzmaßnahmen und Informationsnetzwerke investiert wird. Das bedeutet z.B., dass überall - und nicht nur wie jetzt in reichen Gegenden - erdbebensicher gebaut wird. Am 26. Dezember 2003 starben im Iran 41.000 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke fünf auf der Richterskala, am 22. Dezember 2003 starben in Kalifornien nur zwei Menschen bei einem Beben der Stärke 6,5. In den USA ist mehr Geld für erdbebensicheres Bauen da. Die Opfer von „Naturkatastrophen” sind oft das Ergebnis von schlechter, billiger Bauweise bzw. von fehlenden Sicherheitsvorkehrungen. Weltweit wird heute privatisiert: gerade in diesen Betrieben wird oft zuerst bei der Sicherheit gespart. Die Todesopfer bei British Rail zeigen es. Auch im Flugverkehr fällt die Sicherheit dem Rotstift zum Opfer. Profitdenken geht stets auf Kosten der Sicherheit.
Die UNO rechnet mit einer Verdoppelung der Opfer durch Seuchen und Krankheiten. Weil es „zu teuer” ist, sind die Menschen in dieser Region nicht gegen Typhus, Cholera, Hepatitis und andere Krankheiten geimpft. Weil „kein Geld da ist” gibt es keine ausreichende Infrastruktur. Die Flutwelle hat die ganze Region v.a. deshalb so stark betroffen, weil die Menschen zum Großteil sehr arm sind. Diese Armut ist aber nicht „natürlich”. Als Folge von Kolonialismus und Imperialismus sind diese Länder Jahrhunderte lang ausgebeutet worden. Die Rohstoffe wurden billig auf den Weltmarkt geworfen, die Menschen wurden als billige Arbeitskräfte benützt. Der Reichtum der Länder wurde exportiert und steigerte die Gewinne internationaler Unternehmen. Ganz bewusst wurde durch den Einfluss der imperialistischen Staaten verhindert, dass sich in diesen Ländern eigenständige Industrie entwickelte bzw. wenn, dann v.a. als Zulieferindustrie. Länder wie Sri Lanka verkauften billig ihre Rohstoffe und mussten teuer Industriegüter einkaufen. Dadurch entstand die Verschuldung, die heute ein massives Problem dieser Staaten ist. Alleine für die Zinsen dieser Kredite muss Indonesien jährlich 13,7 Milliarden Dollar zahlen, Indien 13 Milliarden, Thailand 17,9 Milliarden, Sri Lanka 653 Millionen und die Malediven 20,8 Millionen. Im Gegensatz dazu sind die zugesagten Hilfsgelder lächerlich. Die USA wollte ursprünglich nur 15 Millionen Dollar zahlen (sie gibt ca. vier Milliarden Dollar pro Woche für die Besetzung des Irak aus). Auch die 4-5 Milliarden Dollar die von UNO-Seite angekündigt wurden, sind im Vergleich mit den Schulden der betroffenen Länder (insgesamt ca. 360 Milliarden Auslandschulden) nur wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Von Streichung der Schulden und Sozialismus

Die Diskussionen über die Stundung der Schulden sind ebenso scheinheilig wie die mageren Spendenzusagen der Regierungen. Die Schulden sind das Ergebnis der Ausbeutung der sogenannten „3. Welt” in den letzten Jahrhunderten. Die SLP fordert seit vielen Jahren die Streichung dieser Schulden. Heute gibt es die Gelegenheit, auf Basis der Welle von Solidarität für die Opfer in Südostasien, diese Forderung nach vorne zu tragen. Die enorme Hilfsbereitschaft der „einfachen” Menschen beschämt die Regierungen und Wohlhabenden immer und immer wieder. Die Hilfsorganisationen können sich der Freiwilligen kaum erwehren, in Britannien haben arbeitslose Bauarbeiter angeboten, in die Krisenregionen zu fahren, um dort zu helfen - und sich sogar den Flug selbst zu zahlen. Die Spenden erreichen Rekordhöhen. Der Großteil der Spenden kommt von Menschen, die selbst nicht viel haben. Laut einer Untersuchung der Charities Aid Foundation geben die reichsten 10% der BrittInnen nur 0,7 % ihrer Haushaltsausgaben für wohltätige Zwecke aus, während die ärmsten 10% immerhin 3% dafür ausgeben! Die Forderung nach einer steuerlichen Absetzbarkeit von Spenden - wie sie Kirchen, Medien, aber auch Grüne erheben - scheint angesichts dieser Fakten, nur als ein Versuch, ein neuerliches Steuerschlupfloch für Reiche zu öffnen.

Erdbeben können nicht verhindert werden - Katastrophen schon

Die Katastrophe, bzw. ihre Folgen hätte verhindert werden können: nur wäre das im Kapitalismus nicht profitabel gewesen. Geradezu widerlich ist die Schamlosigkeit, mit der Unternehmen und Banken versuchen, die Katastrophe zu Werbe- und Profitzwecken zu missbrauchen: Die östereichische Firma Niedermeyer verkauft beispielsweise ihre eigenen Werbefeuerzeuge als „Licht” für die Flutopfer und behält von jedem Euro der herein kommt 17 Prozent für die Selbstkosten ein. Solche PR-Gags spielen lediglich zynisch mit der Hilfsbereitschaft der ArbeiterInnenklasse. Das Komitee für eine ArbeiterInneninternationale (CWI) fordert Hilfe, die wirklich und dauerhaft den Betroffenen zugute kommt und von diesen selbst verwaltet wird (siehe Kasten). Die Folgen des Tsunami haben gezeigt, dass unter einer kapitalistischen Profitwirtschaft die Menschen nicht ausreichend geschützt werden, ja das sogar Opfer in Kauf genommen werden. In einer sozialistischen Gesellschaft wird nicht bei der Sicherheit gespart, jede Warnung wird ernstgenommen und es gibt eine Grundversorgung, die Armut ausrottet. In einer sozialistischen Welt hätte das Erdbeben „natürlich” auch stattgefunden, aber die Katastrophe wäre ausgeblieben.

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Der Wahnsinn des Kapitalismus

Auch auf Facebook!

23.5.2018

Der Wahnsinn des Kapitalismus: Wir arbeiten grad am nächsten Vorwärts, im Schwerpunkt geht es um Imperialismus und die wachsende Kriegsgefahr. Dazu passend verschickt die schwedische Regierung an...mehr