Was bleibt vom roten Oktober?

Jan Rybak

Die Oktoberrevolution war wohl das wichtigste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Zum ersten Mal ergriffen die ArbeiterInnen und Bauern in einem ganzen Land die Macht. Zum ersten Mal wurden Land und Fabriken aus der Hand der Großgrundbesitzer und Unternehmer genommen und von den ArbeiterInnen und Bauern gemeinsam demokratisch genutzt. Was sind die Lehren, die wir daraus für unsere eigene Zukunft ziehen können?

Aufstand!

Mit der Unterstützung der überwiegenden Mehrheit des russischen Volkes stürzten bewaffnete ArbiterInnen am 26. Oktober (7.November) 1917 die provisorische Regierung in Petrograd.
Der all-russische Sowjetkongress, der am Tag nach dem Sieg des Oktoberaufstandes zusammentrat stellte die Weichen für die Zukunft der Revolution. Er erließ einen Aufruf an die Völker der kriegführenden Länder für einen "Frieden ohne Annexionen und Kontributionen" zu kämpfen. Der Großgrundbesitz wurde unter den LandarbeiterInnen, Bauern und Bäuerinnen aufgeteilt. Millionen Menschen besaßen zum ersten Mal seit Jahrhunderten selbst den Boden, den sie bewirtschafteten. Den Völkern des russischen Vielvölkerstaates wurde das Recht auf nationale Selbstbestimmung zugesagt.
Die Revolution wird international
In den Jahren nach der Oktoberrevolution fegte ein revolutionärer Sturm durch Europa. Millionen ArbeiterInnen und Soldaten in Deutschland, Österreich, Ungarn, Frankreich, Italien, Finnland, etc. wollten es den RussInnen gleich tun und erhoben sich gegen die alte Gesellschaft, die sie in die Schrecken des Weltkriegs getrieben hatte.
Doch die FührerInnen der sozialdemokratische Parteien, wenige Jahre zuvor noch die Parteien der ArbiterInnenklasse, stellten sich schützend vor den Kapitalismus. In Deutschland kooperierte die SPD-Regierung sogar mit den semifaschistischen Freikorps. Die Revolution(en) hinterließen zwar überall tiefe Spuren - neben soziale Reformen kam es zur Bildung neuer, kommunistischer Massenparteien. Die revolutionäre Welle ebbte allerdings 1923 vorerst ab.

Errungenschaften …

Eine Vielzahl von sozialen und demokratischen Errungenschaften begleiteten den revolutionären Prozess in Russland selbst; dem einst reaktionärsten Land der Welt. Das Frauen- und AusländerInnenwahlrecht wurde eingeführt. Gewalt in der Familie - sowohl gegen die Frau als auch gegen die Kinder - wurde zum ersten Mal verboten und streng verfolgt. Das Recht auf Abtreibung wurde eingeführt und die Diskriminierung von Homosexuellen abgeschafft.
Zum ersten Mal wurde ein modernes Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystem aufgebaut, das, trotz der beschränkten Mittel, ein Vorbild für alle modernen Sozialsysteme darstellte. Der Arbeitstag in den Betrieben wurde von ehemals zehn, zwölf, oder noch mehr Stunden auf acht reduziert.

… und Rückschläge

Die wirtschaftliche Rückständigkeit Russlands, der Weltkrieg und der jahrelange Kampf gegen die Konterrevolution und ausländischen Interventionsarmeen führten zu Hungersnöten und einem dramatischen Rückgang der industriellen Produktion. Das, und die internationale Isolation Sowjetrusslands begünstigte das Wuchern bürokratischer Tendenzen im Land. Die FührerInnen der Revolution von 1917, allen voran Trotzki und Lenin, bekämpften die ausartende Bürokratisierung des Sowjetstaates. Bereits Mitte der 20er Jahre erwies sich diese neue Bürokratie allerdings als übermächtig; und begann schließlich sogar - in Form von Stalins Fraktion - die bolschewistische Partei schrittweise zu übernehmen. Einmal an der Macht, nahm Stalin - dessen Absetzung Lenin noch vor seinem Tod (1924) gefordert hatte - einen großen Teil der noch bestehenden Errungenschaften der Revolution wieder zurück. Abtreibung und Ehescheidung wurden verboten, da Industrie und Rote Armee ArbeiterInnen und Soldaten brauchten. Die demokratische Kontrolle der Wirtschaft durch die Beschäftigten wurde zu Gunsten eines bürokratischen Plans abgeschafft.

Die Lehren für die Zukunft

Trotz aller Rückschläge, die durch den Stalinismus entstanden, sehen wir sogar heute noch Leistungen, die die russische Revolution vollbrachte. Innerhalb weniger Jahre, wurde ein größtenteils agrarisches Land durch die Überwindung des Kapitalismus in eines der führenden Industrienationen der Welt umgewandelt. Und das obwohl die Wirtschaft bürokratisch und ohne Einbindung der ArbeiterInnen geplant wurde. Der Analphabetismus, der 1917 landesweit noch bei 74% war, wurde praktisch vollkommen beseitigt.
Beim Vergleich der Russischen Revolution und den Revolutionen in Deutschland, Österreich, Ungarn, etc. zeigt sich ein markanter Unterschied: In Russland bestand mit den Bolschewiki eine bewusste revolutionäre Massenpartei. Eine solche ist unbedingt nötig, um die Kräfte der ArbeiterInnen und der Jugend zu bündeln und damit den Sieg über den Kapitalismus zu erreichen.
Diese Aufgabe stellt sich heute genau so, wie vor 90 Jahren. Der Aufbau einer neuen revolutionären ArbeiterInnenpartei ist nicht nur in "alltäglichen" Kämpfen wichtig, sondern ist vor allem eine Voraussetzung für den Sturz des Kapitalismus und den Aufbau einer demokratischen sozialistischen Gesellschaft. Neben der "Lehre", dass eine andere, nicht kapitalistische Welt möglich ist, gehört deshalb für uns die Arbeit am Aufbau einer solchen unabhängigen ArbeiterInnenpartei zu den wichtigsten Schlußfolgerungen, die man aus den Erfahrungen der Oktoberrevolution ableiten kann.

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Nachrichten aus dem Quarantäne-Kapitalismus

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