Vor 100 Jahren: ein Kommentar zum Thronfolgermord

Kommentierter Nachdruck einer sozialdemokratischen Stellungnahme

Während sich die bürgerlichen Zeitungen nach dem Mord am Thronfolgerpaar in Sarajewo am 28. Juni 1914 schon früh in hysterischem Kriegsgeschrei zu übertreffen versuchten, positionierten sich die größten Teile der Sozialdemokratie damals noch grundsätzlich anders. In diesem Zusammenhang bringen wir hier den Leitartikel der „Salzburger Wacht“, der Tageszeitung der Salzburger Sozialdemokratie, vom 1. Juli 1914 (der ersten Ausgabe nach dem Mord). Dieses kann als Beispiel für die Aufrechterhaltung einer Klassenposition unter äußerst schwierigen Bedingungen gesehen werden. Man musste der allgemeinen Stimmung Zugeständnisse machen – man kondolierte den Hinterbliebenen – und konnte auf Grund der Bestimmungen gegen Majestätsbeleidigung auch nicht zu offen Kritik anbringen. Nichtsdestotrotz: die Klassenposition wurde hier noch aufrecht erhalten. Die „Salzburger Wacht“ behielt ihre Anti-Kriegs-Politik noch länger bei. Noch am 25. Juli, also zu einem Zeitpunkt an dem die Kriegsstimmung bereits überkochte hieß es in einem Artikel: „„Seit gestern gellt es durch die christliche und chauvinistische Presse: Krieg, Krieg, auf nach Serbien, Sühne für die Belgrader Mordbuben! Und in Gasthäusern schreit der Spießer, der nie einrücken wird, die Argumente der Kriegshetzer gedankenlos nach und glaubt, wer weiß wie stark und gescheit zu sein, wenn er unter allen Umständen den Einmarsch in Belgrad verlangt.“ Wie der Artikel weiterging, wissen wir nicht. Der Rest fiel der Zensur zum Opfer. Das änderte sich jedoch bald. Die Parteiführung hatte beschlossen nichts gegen den Krieg unternehmen zu können oder zu wollen und schloss die Reihen mit Kaiser, Kirche und Bourgeoisie. So reihte sich auch die Salzburger Wacht in den Kampf „Gegen den russischen Erbfeind!“ ein und schrieb etwa am 3. August: „Mit verzehnfachter Kraft müssen wir, die wir grundsätzlich gegen den Krieg waren, gegen das mit tausendfacher Blutschuld beladene zaristische Russland kämpfen. Wir wollen lieber zu tausenden sterben, als die Beute einer Macht zu werden, welche der größte Feind der europäischen Kultur ist. Russlands Sieg wäre das Grab der europäischen Freiheit und all unsere Mühen eines halben Jahrhunderts, dem Volke Wohlstand, Freiheit und Glück zu erringen, wären ausgelöscht auf unabsehbare Zeit.“ Millionen Tote sollte der Krieg bringen. Die sozialdemokratische Parteiführung trägt dafür eine große Mitverantwortung. Nichtsdestotrotz, der folgende Kommentar zum Thronfolgermord zeigt, dass es auch anders ging.

Du sollst nicht morden!

Von verruchter Mörderhand wurde ein Ehepaar niedergestreckt, das auf den Höhen der Menschheit wandelte, gefällt, ehe es die Bahn seines Lebens noch durchlaufen hatte. An der Bahre der Gemordeten sinken drei unmündige Waisen nieder und weinen um Vater und Mutter, deren liebende, sorgende Herzen nun nicht mehr für sie schlagen.

In diesen Tagen, da die Entrüstung und der Abscheu über die Elenden, die gedankenlos zwei Menschenleben vernichteten und unsäglichen Schmerz in unschuldige Kinderherzen setzten, die ganze Oeffentlichkeit erfüllt, da die härtesten Herzen weich und für fremdes Leid empfänglich werden, mag es wohl an der Zeit sein, der bürgerlichen Oeffentlichkeit in Erinnerung zu rufen, wie vielfältig in dieser besten aller Welten Menschenleben vernichtet werden, wie viele unschuldige Kinder an den Leichensteinen ihrer Eltern weinen, die der grausame Kapitalismus gemordet hat, ehe ihre liebenden und sorgenden Herzen die Zukunft ihrer Kinder hätten sichern können.

Tiefer als die anderen fühlen die Arbeiter die Wahrheit des Gebotes: „Du sollst nicht morden!“ Die Arbeiter, die keinen Tag, wenn sie des Morgens ihre Geliebten verlassen, wissen ob sie ihre Lieben wiedersehen werden, ob sie nicht von der Maschine gemordet werden, ob nicht der Kapitalismus aus der Zahl derer, die ihm diesen müssen gerade sie zum Opfer auserwählt hat.

Wohl ist kein Mensch sicher, ob er nicht durch einen Unfall zugrunde geht, ob nicht ein tückischer Mörder meuchlings seinen Lebensfaden zerschneidet. Die statistischen Nachweisungen, die die Statistische Zentralkommission veröffentlicht, beweisen uns, daß von 28 ½ Millionen Menschen, die Oesterreich bewohnen, in einem Jahre durch Unfälle 9059, durch Mord und Totschlag 715 umgekommen sind, sodaß also von rund 2800 Menschen je einer auf diese Weise stirbt. Aber dieselben amtlichen Nachweisungen beweisen, daß von 2 Millionen den Arbeiterunfallversicherungen angehörigen Arbeitern im Jahre 1910 nicht weniger als 1189 durch einen Betriebsunfall den Tod gefunden haben, von 1670 also schon einer.

Schlagen wir nun einmal die Berichte der Gewerbeinspektoren auf und wir können fast auf jeder Seite schreckliche Klagen darüber lesen, welche Gefahren den Arbeitern durch die Zustände in den Fabriken drohen, durch die vom Kapitalismus an sich schon geschaffenen Zustände, wie auch durch die Sorglosigkeit und Unachtsamkeit, ja vielfach durch den verbrecherischen Leichtsinn vieler Unternehmer und ihrer Vertreter, Da erfahren wir, daß im Jahre 1912 in den der Gewerbeaufsicht unterliegenden Betrieben sich nicht weniger als 92.317 Unfälle ereignet haben, die nicht weniger als 704 Todesfälle zur Folge hatten. Aber der Zentralgewerbeinspektor bemerkt selbst dazu, daß diese Ziffern auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen, da in manchen Bezirken trotz aller Bemühungen der Gewerbeinspektoren noch immer nicht von allen politischen Behörden Anzeige an die Gewerbeinspektionen erstattet werden. Man ist daher gezwungen, die Nachweisungen der Statistischen Zentralkommission zur Korrektur heranzuziehen, die aber allerdings bei diesem Kapitel nur bis zum Jahre 1910 reichen.

Da finden wir dann für die Jahre 1908 bis 1910 folgende Angaben über die schweren Unfälle.

 

Anzahl der Verunglückten

Folgen der Verletzung

Zahl der Hinterbliebenen

Unfallsanzeigen überhaupt

 

 

Erwerbsunfähigkeit

Tod

Witwen

Kinder

 

1908

35.221

34.014

1207

725

1517

128.435

1909

34.155

32.903

1252

750

1467

129.186

1910

34.715

33.526

1189

727

1389

128.094

In 3 Jahren

104.091

100.443

3648

2202

4373

 

Aber selbst von den unfallversicherungspflichtigen Betrieben sind nicht alle bei den territorialen Unfallversicherungsanstalten, sind also bei dieser Statistik nicht miteingerechnet. Darüber erfahren wir aus diesen amtlichen Nachweisungen, daß im letzten Berichtsjahre im Bergbau 1891 Arbeiter schwer verletzt wurden, 173 den Tod, im Naphtabergbau 543 Arbeiter schwere Verletzungen, 41 den Tod erlitten, im Salzbergbau 6 schwere Verletzungen, 150 den Tod, und daß bei 443 Eisenbahnunfällen 1901 Eisenbahnbedienstete schwer verletzt, 135 getötet wurden. Rechnen wir die Angaben über alle diese schweren Betriebsunfälle zusammen, so finden wir, daß in einem Jahre nicht weniger als 38.019 Arbeiter durch Betriebsunfälle schwer verletzt, 1544 getötet wurden. Wieviele Witwen und unmündige Waisen sie hinterlassen, ist im Statistischen Jahrbuch nicht für alle angegeben. Wenn man annimmt, daß das Verhältnis bei allen Arbeitergruppen dasselbe ist, so kommt man zu dem schrecklichen Ergebnis, daß in drei Jahren allein nicht weniger als 115.000 Arbeiter durch Betriebsunfälle schwer verletzt, 4600 getötet wurden und daß in diesen drei Jahren nicht weniger als 2800 Witwen und 5400 Waisen ihren Ernährer, den liebenden Vater und sorgenden Gatten beweinen und nun auf die karge Rente angewiesen sind, die für des Lebens Notdurft auch bei den bescheidensten Ansprüchen nicht hinreichen. So viele Tausende Kinder hat der Kapitalismus ins Elend gestürzt, werden die, die sonst herzlos daran vorübergehen und deren Herzen nun angesichts des Verbrechens von Sarajewo weich geworden sind, nun auch dem Mörder Kapitalismus an den Leib gehen?