Regenbogen über Russland

Jan Millonig

Die Revolution 1917 in Russland bedeutete den Sturz der zaristischen Monarchie und der kapitalistischen Wirtschaft durch die Massen der Arbeiter*innen und Bauern. Angeführt von der bolschewistischen Partei stellten die darauffolgenden sozialistischen Maßnahmen einen neuen Maßstab für sozialen Fortschritt dar. So war es auch der erste Arbeiter*innenstaat der Welt, der vor 100 Jahren eine unschätzbare Pionierarbeit für die Rechte von LGBTQ-Personen leistete. Das revolutionäre Russland war weltweit das erste Land, das Homosexualität und die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte. Auch geschlechtsangleichende Operationen und die Eintragung des anderen Geschlechts im Pass wurden ermöglicht. Inter- und transsexuelle Menschen erhielten medizinische Behandlung und Forschungen zu diesen Themen wurden staatlich finanziert. Offen homosexuelle Menschen konnten in Regierungsämtern und öffentlichen Positionen arbeiten, wie zum Beispiel Georgy Chicherin, der 1918 Außenminister wurde. Es begann eine breite gesellschaftliche Diskussion zu Themen wie Beziehung und Sexualität. Die Zwangsinstitution der heterosexuellen bürgerlichen Kleinfamilie sollte aufgehoben werden – nicht wiederum durch Zwang, sondern durch die Vergesellschaftung der Hausarbeit durch kommunale Wäschereien, Kindergärten und Kantinen.

Aber die Folgen des 1. Weltkrieges, der nachfolgende Bürgerkrieg und imperialistische Interventionen, kombiniert mit der vor der Revolution unterentwickelten Wirtschaft und dem Ausbleiben von erfolgreichen Revolutionen im Rest Europas trieben das Land in Isolation und Mangel. Das führte zur Herausbildung einer bürokratischen Diktatur in Form des Stalinismus. Es war Ausdruck der Degenerierung der Sowjetunion, dass u.a. LGBTQ- und Frauenrechte im Zuge der stalinistischen Konterrevolution in den 1930er Jahren wieder abgeschafft wurden. Der Stalinismus setzte Homophobie sogar bewusst als Propagandainstrument ein. Das war der Anfang vom Ende – der kapitalistischen Restauration mit all den homophoben und reaktionären Auswüchsen, die wir heute in Russland sehen.

Doch der revolutionäre Geist lebt in der Vision, die diese Erfahrung gezeigt hat, weiter. Denn abgesehen davon, dass solche Verhältnisse zu jener Zeit in jedem anderem (bürgerlichen) Land unvorstellbar waren, stellen viele der damaligen Errungenschaften auch noch heutige Staaten in den Schatten. Die Perspektive, die die Russische Revolution aufgezeigt hat, nämlich die Möglichkeit der Arbeiter*innenklasse, die Herrschaft der Oligarchen und Konzerne zu stürzen und selbst eine demokratische Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung aufzubauen, gibt uns Hoffnung. Wir wissen: Der Kapitalismus und sein Establishment kann uns kein Leben in Würde bieten. Doch wir sind es, die ihn stürzen können.


Zum Weiterlesen:

Queer stellen! – Broschüre der SAV, deutsche Schwesterorganisation der SLP

Bestellbar unter: http://manifest-buecher.de/produkt/queer-stellen/

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Der Wahnsinn des Kapitalismus

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23.5.2018

Der Wahnsinn des Kapitalismus: Wir arbeiten grad am nächsten Vorwärts, im Schwerpunkt geht es um Imperialismus und die wachsende Kriegsgefahr. Dazu passend verschickt die schwedische Regierung an...mehr