#Metoo, Pilz & Co.

Sexuelle Belästigung ist die widerliche Normalität in einer hierarchischen Gesellschaft
Sonja Grusch

Seit einigen Wochen machen mit dem Hashtag #metoo Frauen (und auch einige Männer sowie Trans- und LGBTQ+Personen) auf die sexuellen Übergriffe aufmerksam, die sie erleben mussten. Nun ist mit Peter Pilz auch der erste Österreicher über seine übergriffigen Handlungen gestolpert. Einige Punkte zum Thema:

 

  1. Sexuelle Belästigung ist kein neues Thema, mindestens ¾ aller Frauen und ¼ der Männer und viele Trans- und LGBTQ+ Personen waren im Erwachsenenalter betroffen. Doch steigt das Bewusstsein dafür und sind v.a. Frauen immer weniger bereit, dazu zu schweigen. Daher wird mehr darüber berichtet und scheint es, als ob mehr belästigt würde. Wer sich darüber aufregt, dass „schon wieder“ oder „dauernd“ was dazu in Facebook oder den Medien ist, regt sich über jene auf, die die Übergriffe sichtbar machen anstatt über jene, die sie begehen.

  2. Sexuelle Belästigung hat wenig mit Sex, aber viel mit Macht zu tun. Die Täter sind meistens Männer - nicht weil sie „sexueller“ oder „triebgesteuerter“ sind, sondern weil sie in der Regel in der mächtigeren Position sind. Sie sind Vorgesetzte, Chefs etc. die ihre Macht gegenüber Untergebenen ausspielen und diese demütigen, auf „ihren Platz“ verweisen. Wo Frauen in solchen mächtigen Positionen sind, sind auch sie immer wieder Täterinnen.

  3. Weil Frauen aber nicht nur in der konkreten Situation, sondern auch gesamtgesellschaftlich in der unterdrückteren Rolle sind, herrscht ein Machtgefälle das erklärt, warum es auch unter scheinbar gleich (ohn)Mächtigen zu Übergriffe meist von Männern gegenüber Frauen kommt. Medien und Politik leben und zeigen täglich ein Frauenbild, das von echter Gleichberechtigung weit entfernt ist.

  4. Die Panik mancher, dann könne man ja gar nicht mehr Flirten, ist lächerlich. Die Täter wissen sehr genau, dass sie Grenzen überschreiten wenn sie einer Frau in einer Bar auf den Hintern greifen, ihr auf der Straße anzügliche Bemerkungen nachrufen oder beim Vorstellungsgespräch in den Ausschnitt starren, es geht auch nicht ums „Flirten“, das „passiert“ nicht und ist auch kein „Missverständnis“ sondern ein bewusstes Ausspielen von brutaler Macht. Der Unterschied zwischen Belästigung und ungeschicktem Flirten besteht im Machtgefälle, dem Weitermachen und der Ignoranz gegenüber der anderen Person. JedeR von uns ist das Produkt dieser Gesellschaft – wir alle wachsen mit Rollenbildern, rassistischen und sexistischen Vorurteilen auf, die uns prägen. Ein Scherz oder eine Bemerkung, die beim Gegenüber Unbehagen auslöst – das ist so gut wie jedem/r schon passiert. Die Frage ist: wie geht man selbst damit um? Ignoriert man die Reaktion? Macht man einfach weiter? Versucht man das Gegenüber als humorlos, bigott etc. zu diffamieren. Oder ist man in der Lage, zu reflektieren und die Betroffenheit beim Gegenüber wahrzunehmen und darauf auch entsprechend zu reagieren – nämlich sich zu entschuldigen und das Verhalten zu ändern.

  5. Viele Betroffene leiden still. Sie wollen sich ersparen, in der Öffentlichkeit oder vor Gericht ein weiteres Mal gedemütigt zu werden. Es ist gut, die Häufigkeit von Übergriffen mit Kampagnen wie #metoo sichtbar zu machen. Aber eine Web 2.0. Kampagne bleibt individuell. Es fehlt die Stärke des gemeinsamen Wehrens. Denn viele Betroffene können es sich nicht leisten, sich zu wehren, weil sie in einem (meist finanziellen) Abhängigkeitsverhältnis vom Täter stehen. Ausgelöst haben #metoo v.a. Frauen die in einer finanziell abgesicherten Situation sind, die auf die Übergriffe hinweisen. Die unzähligen Lehrmädchen, Kellnerinnen und sonstigen Angestellten, die diese Absicherung nicht haben aber dennoch Ziel von sexuellen Übergriffen sind, kommen nicht zu Wort. Wo ist hier die Gewerkschaft? Es reicht nicht, die Betroffenen darauf hinzuweisen, dass sie rechtliche Möglichkeiten haben, wenn diese auf den Job angewiesen sind! Wir brauchen also mehr: laute Proteste auf der Straße, solidarische Proteste v.a. aus den Gewerkschaften um Betroffene an ihren Arbeitsplätzen zu schützen.

  6. Natürlich wird Sexualität in unserer Gesellschaft auch als Waffe eingesetzt. Und ja, es gibt Fälle von falschen Anschuldigungen. Doch erstens sind sie die Ausnahme (gerne begibt sich kaum wer in die Opferrolle) und zweitens bleibt nur dann der Verdacht aufrecht, wenn der Vorwurf zum Gesamteindruck passt. Konkret kann es sein, dass es gegen Pilz, oder auch andere Abgeordnete z.B. in Britannien AUCH ein politisches Interesse gibt, diese los zu werden. Das ändert aber nichts an dem vorgeworfenen übergriffigem Verhalten. Funktionieren könnten „falsche“ Vorwürfe aber nur dann, wenn das vorgeworfene Verhalten ins Gesamtbild passt und auch die Reaktion auf die Vorwürfe von Verharmlosung und Ablenkung getragen ist. Wer sich auch sonst sexistisch verhält kann über einen Vorwurf stolpern unabhängig davon, was im auslösenden Fall geschehen ist.

  7. Sexuelle Belästigung ist Ergebnis und Bestandteil einer Gesellschaft, die auf Hierarchien und Ausbeutung aufgebaut ist. Sie muss im hier und jetzt bekämpft werden, kann aber nur mit der Überwindung dieser Gesellschaft beendet werden. Es ist gut, dass das Thema so breit diskutiert wird. Das macht vielen Mut. Bieten wir nun auch die Proteste, die Kampagnen und die Strukturen an, dass aus einem Aufschrei ein Umsturz der herrschenden Verhältnisse wird.

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