Das Kreuz mit der Ethik

Einen „neutralen“ Ethikunterricht kann es nicht geben.
Moritz Bauer

Trotz Koalitionsbruch bestehen die Faßmann-Pläne für einen verpflichtenden Ethik-Unterricht für alle konfessionslosen sowie vom Religionsunterricht abgemeldeten Oberstufen-Schüler*innen weiterhin. Das bedeutet de facto den Raub einer Freistunde, die viele Schüler*innen angesichts des steigenden Leistungsdrucks dringend brauchen. Gleichzeitig fordert das Volksbegehren „Ethik für ALLE“ aktuell die Einführung eines verpflichtenden Ethikunterrichts für alle Schüler*innen. Das Volksbegehren kritisiert richtigerweise diese Pläne, da damit lediglich Schüler*innen von der Abmeldung vom Religionsunterricht abgehalten werden sollen. Doch auch der verpflichtende Ethik-Unterricht für alle ist nicht unproblematisch.

Denn auch heute schon ist Ethik allzu oft nur ein versteckter Religionsunterricht. Viele (v.a. katholische) Religionslehrer*innen haben die Fortbildung zum/zur Ethik-Lehrer*in gemacht, teilweise unterrichtet sogar dieselbe Lehrkraft sowohl die Ethik- als auch die Religionsgruppe einer Klasse. Ob das Volksbegehren dies verhindern kann ist – trotz aller Beteuerungen – fraglich angesichts der ungebrochenen Macht der katholischen Kirche in Österreich. Zudem gilt in Österreich immer noch das Konkordat, dieses will das Volksbegehren in keiner Weise angreifen. Das Konkordat ist ein Vertrag von 1933 zwischen der damals austrofaschistischen Bundesregierung und dem Vatikan, in dem u.a. auch der konfessionelle Religionsunterricht unter die Kontrolle der Kirche gestellt wurde.

Ein Ethikunterricht mit fixem Lehrplan vermittelt, es gäbe eine „unabhängige Ethik“ oder eine „ethische Kompetenz“, die man unabhängig von den anderen Fächern erlernen könne. Allerdings gibt es keine „objektive“ Ethik, sie ist immer an gesellschaftliche Voraussetzungen und soziale Interessen gebunden. Das ignoriert das Volksbegehren und spielt damit den Herrschenden in die Hände. Der Plan der Regierung war, durch verpflichtenden Ethik-Unterricht verstärkt ihre reaktionären „Werte“ in die Köpfe junger Menschen zu pflanzen.

Für Marxist*innen muss es dagegen darum gehen, ethische und philosophische Fragestellungen in allen Fächern zu verankern, anstatt ethische Reflexion in ein (schein-) religiöses Fach inmitten des Fächerkanons zu verwandeln. Doch damit würden die „ethischen“ Fragen als das, was sie wirklich sind, entlarvt werden: Fragen konkurrierender Interessen. Bei Diskussionen in Biologie über den Klimawandel kommt schnell die Frage auf, wer von der weiteren Nutzung fossiler Energieträger profitiert – und wer unterm Klimawandel am meisten leidet. Wenn in Geschichte über die NS-Zeit diskutiert wird, dann stellt sich die Frage, wer die Nazis groß gemacht hat – und warum. Bei der Beantwortung stellt sich unweigerlich die Systemfrage. Doch das wollen die kapitalistischen Herrschenden natürlich verhindern und verbannen darum ethische Diskussionen in die Abstraktion.

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