Who runs the World? - Frauen in systemrelevante Berufen

Systemrelevante Berufe in einem kaputten System
Martina Gergits

In den aktuellen Krisenzeiten wird mit einem Schlag klar, welche Berufe lebensnotwendig sind. Es sind nicht die Banker*innen, nicht die Immobilienhaie, nicht die „Big Bosses“, auf deren „Leistung“ es jetzt ankommt. Sondern es sind Pfleger*innen, Ärzt*innen, Reinigungskräfte, Betreuer*innen, Supermarktangestellte, Erzieher*innen, Lehrer*innen, Apotheker*innen, die nun unverzichtbar sind. Die große Mehrheit der Beschäftigten in diesen Bereichen sind Frauen. Sie machen 85% in der Pflege, 62% im Gesundheitsbereich, 71% im Lebensmittelhandel und 77% in Apotheken aus. Das zeichnet sich auch international ab: Laut einer Untersuchung der WHO arbeiten in den Gesundheitsbereichen von 104 Ländern 70% Frauen. Jene Berufe werden heute als “systemrelevant” betitelt.

 

Von angeblicher und wirklicher “Systemrelevanz”

Das war nicht immer so. In der letzten Wirtschaftskrise 2008 galten noch Banken als „systemrelevant“ und damit als „too big to fail“. Damit argumentieren die unterschiedlichen Regierungen, dass diese mit unseren Steuergeldern gerettet werden mussten. Geld, das anschließend vor allem im bereits unter finanzierten Gesundheits- und Sozialbereich gekürzt wurde. Nach jahrzehntelangem Kürzungen, stehen wir nun vor einem kaputt gesparten Gesundheitssystem, dessen Kapazitäten kaum reichen, den Normalbetrieb aufrecht zu erhalten. Ausbaden müssen es die Beschäftigten mit Überstunden und hoher Arbeitsbelastung und die Patient*innen, die in den teuren privaten Bereich ausweichen müssen, oder eben nicht oder sehr spät die notwendigen Behandlungen bekommen. Vor diesem Hintergrund wirkt jedes Danke in den Reden der Politiker*innen umso zynischer.

Aber nicht nur im Gesundheitsbereich sehen wir die Auswirkungen neoliberaler Politik. Im Durchschnitt liegt der Bruttostundenlohn in den aktuell “systemrelevanten” Berufen um 15 bis 20% niedriger als in “nicht systemrelevanten” Berufen. Eine ganze Reihe “systemrelevanter” Berufe erhält eine so geringe Bezahlung, dass sie in den Niedriglohnbereich fallen, zum Beispiel bei Reinigungskräften oder im Supermarkt.

Es sind gerade jene Bereiche, die einen hohen Beschäftigungsgrad an Frauen haben. Und hier schließt sich der Kreis mit Zahlen, die wir bereits seit Jahrzehnten kennen. Frauen verdienen in Österreich im Schnitt 38% weniger als Männer - rechnet man Teilzeitbeschäftigung mit ein. Und ja: es ist notwendig, Teilzeitbeschäftigung einzubeziehen, denn in etwa jede zweite erwerbstätige Frau hat eine Teilzeitanstellung - und zwar keineswegs immer freiwillig, wie uns Regierungskampagnen einreden wollen. Mit der Folge, dass es unmittelbar zu Lohneinbußen kommt und in weiterer Folge zu geringeren Pensionen. Damit führt zu einem höheren Armutsrisiko: Alleinerziehende Mütter fallen zu 30 % unterhalb der Armutsgrenze, die Armutsgefährdungsquote für allein lebende Pensionistinnen liegt bei 20 % – fast doppelt so hoch wie bei Pensionisten. Neben den systemrelevanten Jobs leisten Frauen auch den Großteil der unbezahlten Arbeit. 2/3 der Hausarbeit wird in Österreich von Frauen erledigt. Das entspricht 9 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit pro Jahr, dem stehen 9,5 Milliarden Stunden bezahlter Erwerbsarbeit gegenüber.

Corona zeigt die Absurdität des Leistungsbegriffes im Kapitalismus

BEVOR DIESER ARTIKEL EURE AUFMERKSAMKEIT VERLIERT! Ja all das ist nichts Neues. Aber was sich verändert hat, ist der Blickwinkel. Diese Krise führt vielen sehr deutlich vor Augen, wie fehlgeleitet der Begriff „Leistung“ in einem nach profitgierigen System wie dem Kapitalismus ist. Wenn uns Covid 19 und die dazu beschlossenen Maßnahmen etwas gezeigt haben, dann, wer die tatsächlichen Leistungsträger*INNEN in dieser Gesellschaft sind. Seit Jahrzehnten wird gehämmert, dass die Unternehmen Arbeit schaffen würden, und ohne sie nichts ginge. Die Ausgangssperren und Corona-Maßnahmen zeigen aber sehr deutlich, dass es die Arbeiter*innen sind, die fehlen. 

Denn es sind vor allem jene Berufe, mit niedrigen Löhnen, mit Überstunden, Personalmangel und stressigen Arbeitsbedingungen mit psychischer und körperlicher Belastung, die nun unverzichtbar, also “systemrelevant” sind. Dabei hat gerade das kapitalistische System die prekären Arbeitsbedingungen in diesen Branchen produziert. Die Widersprüche des Kapitalismus werden in dieser Krise umso deutlicher sichtbar. Sie macht uns klar, was für unser Leben tatsächlich relevant ist, und führt auch dazu, dass immer mehr hinter die Kulissen und die Propaganda schauen und das ganze System in Frage stellen. Denn systemrelevant bedeutet in Corona-Zeiten eigentlich, dass diese Berufe für unser Überleben notwendig sind. Das galt auch schon 2008, aber damals ging es im Rahmen der Bankenrettung tatsächlich darum, das kapitalistische System zu erhalten. So locker wie man mit Steuergeldern zur Bankenrettung umging, speist man die Beschäftigten in den “systemrelevanten” Berufe heute ab. Ja, die Regierungen nehmen große Summen in die Hand und auch diesmal geht es um die Rettung des Systems dahinter. Doch Lohnerhöhungen, mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen gerade in den “systemrelevanten” Jobs lässt man in den Maßnahmen der Regierung schmerzlich vermissen. 

Danke an die Held*innen? Kampf unterstützen ist besser als klatschen!

Als Dankeschön für alle, die nun ihre Gesundheit riskieren, wenn sie an ihren Arbeitsplatz gehen, wird zu einem Applaus aus dem Fenster aufgerufen. Viele tun das, weil sie ehrlich dankbar sind und nicht wissen, wie sie das sonst ausdrücken sollen. So nett es ist, Danke zu sagen, so reicht hier kein Applaudieren. Und geradezu zynisch mutet der inszenierte “Dank” genau jener Politiker*innen an, die für den bisherigen und aktuellen Personalmangel und die miese Bezahlung in den “systemrelevanten” Berufen verantwortlich sind. 

Die Herrschenden werden nach der Krise nicht plötzlich zur Einsicht kommen. Anstatt die Profite der Unternehmen zu besteuern werden sie wieder Kürzungen zu Lasten der Arbeiter*innklasse planen. Wenn die ÖVP Frauensprecherin Juliane Bogner-Strauß in einem Interview angibt: “Frauen arbeiten oft in Jobs, die schlechter bezahlt sind.[...] Es kann uns total stolz machen, dass es großteils Frauen sind, die jetzt in systemkritischen Berufen tätig sind”, ist das ein Hohn. Es zeigt den Zynismus und die Untätigkeit der Herrschenden. Während sich Großunternehmen wie die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines bereits um Staatshilfen in Millionen- bis Milliardenhöhe anstellen, bleibt den “systemrelevanten” Berufen der Applaus. 

Die nächste Wirtschaftskrise ist bereits da und ihre Auswirkungen werden stärker sein als in der letzten Krise 2008. Man kann schon die Politiker*innen hören, wie sie argumentieren werden: „Wir müssen da jetzt gemeinsam durch... Diese Kürzungen im Bereich X können leider nicht verhindert werden...“. Und im Kanon mit den Unternehmer*innen: “Wir würden ja die Löhne erhöhen / mehr Leute einstellen, wenn wir könnten, aber wir müssen nach Corona noch sparen...“. Die Herrschenden werden nach dieser Krise nicht plötzlich zur Einsicht kommen. Sie handeln nach den Regeln des Kapitalismus, und damit gegen die Interessen von Arbeiter*innen.

Das Klatschen von Politiker*innen ist zynisch, aber die Solidaritätswelle durch die Bevölkerung ist echt. Sie zeigt eine beginnende Verschiebung des Bewusstseins. Worauf es nach dem jetzigen Ausnahmezustand ankommen wird, ist die richtigen Schlüsse aus den nun umso deutlicher hervortretenden Widersprüchen zu ziehen. 

Eine Pflegerin fasst  in einem Fb-Post auf der Page “Corona-Arbeitsrealitäten” (https://www.facebook.com/groups/ohneunsgehtnichts/) zusammen: “ Ich möchte nicht, dass man sich bei mir/uns bedankt. Ich möchte, dass sich was ändert. Vor dem Virus haben wir geschrien und niemand hat uns gehört, und so darf es nach der Krise nicht weitergehen”. Die Held*innen der Coronakrise haben sich gezeigt. Und was sie brauchen ist eine deutliche Lohnerhöhung, mehr Personal  und eine Arbeitsentlastung. Es sind Forderungen für uns alle, als solche müssen wir sie auch begreifen und gemeinsam erkämpfen. 

Frauen im Widerstand: vorher, während und danach

Frauen* standen  schon vor Covid 19 und vor allem auch nach der Krise 2008 an der vordersten Front gegen Kürzungen, gegen Lohnsenkungen, gegen Ausbeutung. Denken wir nur an die Massenproteste in den letzten Jahren in Argentinien, Frankreich, Chile, etc. Auch in Österreich gärte es bereits vor der Corona-Krise seit Jahren im Sozial- und Gesundheitswesen. Der diesjährige Streik im Rahmen der SWÖ-Verhandlungen wurde durch Corona abgeblasen, die Gewerkschaftsführung hat einen miesen Kollektivvertragsabschluss hinter dem Rücken und auf dem Rücken der Beschäftigten abgeschlossen. Die Gewerkschaftsbürokratie hat “Staatsräson” vor die Interessen der Beschäftigten gesetzt. Wir müssen verhindern, dass das ein zweites Mal passiert.

Schaffen wir es gemeinsam, eine ordentliche Lohnerhöhung, Arbeitszeitverkürzung in einer Branche zu erkämpfen, können wir gestärkt auch in anderen Branchen diese Verbesserungen einfordern. Der springende Punkt ist: wir dürfen uns nicht spalten lassen. Wir - das sind die Beschäftigten, die Arbeiter*innen, die Arbeitslosen - haben ein gemeinsames Interesse. Wann wäre ein besserer Zeitpunkt damit anzufangen für dieses zu kämpfen, wenn nicht gerade jetzt, wo so deutlich wird, was alles schief gelaufen ist und wer tatsächlich lebensnotwendig ist.

Wie die Welt nach Covid 19 aussieht, wird bereits jetzt verhandelt. Protest, Streik, lauter Widerstand, Organisieren muss in Zukunft noch viel stärker als bisher unser Mittel sein, um unsere Interessen durchzusetzen. Wir haben uns dieses Virus nicht gewünscht, wir haben das Virus nicht gemacht, aber wir können die Erschütterung des maroden Systems nutzen und für dessen Überwindung kämpfen. Holen wir uns Lohnerhöhungen in den “systemrelevanten Berufen”, holen wir uns Arbeitszeitverkürzung und gehen wir über diese Forderungen hinaus um sicherzustellen, dass nicht Profite, sondern das was wirklich wichtig ist im Zentrum steht.

Nachrichten aus dem Quarantäne-Kapitalismus

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25.03.2020

Die Coronoa-Krise trifft alle, aber nicht alle gleich  Aktuell rücken die Lebens- und Arbeitsrealitäten von uns allen näher zusammen. WAS wir konkret für einen Job machen ist gerade...mehr