Von halben und ganzen Sachen

1968 wurde der Sack nicht zugemacht – darum ist viel Erreichtes wieder verloren worden.
Moritz C. Erkl

Das Jahr 1968 gilt bis heute als Leuchtfeuer des internationalen Widerstands gegen Krieg, Kolonialismus, Ausbeutung, kurz: den Kapitalismus. 2018 geistert durch bürgerliche Medien wiedermal die Mär einer liberalen Studierendenrevolte. Bis heute fehlt vielen HistorikerInnen das Verständnis für die Ursachen – und das Scheitern - der revolutionären Situation in Frankreich, der Anti-Aphartheids Bewegung in Südafrika, der Antikriegsbewegung in den USA oder des Kampfes der ArbeiterInnen in der ehemaligen Tschechoslowakei gegen Stalinismus und für einen von ArbeiterInnen geführten Sozialismus.

Weltweit gelang es, Verbesserungen für die arbeitenden Massen als Zugeständnisse der herrschenden Elite abzupressen. Fragen der sexuellen Selbstbestimmung und der Gleichstellung von Frauen wurden ebenso wie Lohnerhöhungen oder (wie in Frankreich) eine Arbeitszeitverkürzung erstritten. Doch all diese Erfolge verblassen vor dem Hintergrund der tatsächlichen Möglichkeiten. Und vieles blieb nicht von Dauer.

Die herrschenden Systeme in Ost und West waren erschüttert, die Herrschenden in der Defensive, teilweise auf der Flucht. In Frankreich bildete sich in einzelnen Regionen gar eine Doppelherschaft: auf der einen Seite existierte nach wie vor die alte Staatsmacht, KapitalistInnen, Polizei und Justiz und die alte Elite. Auf der anderen Seite entstanden Streik- und Aktionskommitees, welche als demokratisch gewählte Räte „staatliche Aufgaben“ übernahmen. Die Macht lag auf der Straße.

Der Nachkriegsaufschwung hatte mit seiner Verbesserung der Lebenssituation der ArbeiterInnen nicht nur deren Möglichkeit sich zu organisieren erleichtert, sondern auch Millionen Menschen die Ketten, in welchen sie gefangen waren, bewusst gemacht. Die Ausbeutung durch die Herrschaft des Kapitals erzürnte die Massen und führte sie zum Widerstand. Was oft als kleine Studierendenproteste begann, führte auch die ArbeiterInnen auf die Straße. Der Sturz der Diktaturen in Spanien und Portugal waren eine der Folgen.

Die Macht der Herrschenden war erschüttert und sie waren uneinig darüber, wie sie reagieren sollten. Große Teile der Bevölkerung wollten, dass „sich etwas ändert“, und zwar nicht nur in Details. In vielen Ländern waren es Massen, die Teil von Protesten, Streiks und Bewegungen waren. Und doch gelang es der Linken und den Gewerkschaften nicht, die Revolution zum Sieg zu führen. Dies lag im Wesentlichen daran, dass die führenden Kräfte lieber den Status quo erhalten wollten, als „revolutionäre Wagnisse“ einzugehen. So orientierten sich die Kommunistischen Parteien dieser Welt am Kurs des stalinistischen Kreml. Hand in Hand mit den von ihnen dominierten Gewerkschaften wie der CGT in Frankreich hatten sie ihren Frieden mit dem Kapitalismus geschlossen, drängten die Bewegung, bei der zehn Millionen ArbeiterInnen im Streik waren, in parlamentarische Bahnen und scheuten einen revolutionären Weg. Das Credo war: soziale Verbesserungen jetzt, Sozialismus später.

Die reformistischen Führungen von Sozialdemokratie und Stalinismus wollten keine erfolgreichen sozialistischen Revolutionen – weder in Ost noch in West –, da sie ihre eigene Macht in Frage gestellt hätten.

Diese Haltung zeigte sich auch bei der Frauenbefreiung und Befreiungsbewegungen in den (ehemaligen) Kolonien. Der Kapitalismus bedeutete dort eine Fortführung der nationalen und v.a. wirtschaftlichen Ausbeutung. Trotzdem wurde argumentiert, man müsse als erste Etappe bürgerliche Demokratie und nationale Unabhängigkeit erkämpfen. Mit dem Kapitalismus würde man sich dann später beschäftigen. Das führte dazu, dass viele dieser Staaten nach wie vor in einem quasi-kolonialen Abhängigkeitsverhältnis von imperialistischen Staaten sind. Das Bewusstsein radikalisierte sich und manche erkannten – wie Malcom X oder auch Martin Luther King in den USA –, dass demokratische Rechte nicht getrennt von sozialen Rechten erkämpft werden konnten.

Doch vielen der linken Gruppen mangelte es an einer Perspektive und einem Programm, damit die Bewegung die Macht übernehmen konnte. Das kritisierte auch Militant, Vorfeldorganisation des CWI in Großbritannien in einem offenen Brief an die kommunistische Partei: „Nach Ansicht von Marxisten…hätte eine echte kommunistische Partei deutlich die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wandels verkündet.“ Die Herausgeber des kommunistischen Zentralorgans „verkündeten, dass es kein revolutionäres Bewusstsein gab. Das ist einfach nicht wahr.“

1968 war keine erfolgreiche Revolution, doch wurden maßgebliche Verbesserungen in vielen Bereichen erreicht. Doch eben weil die Bewegung in den meisten Fällen stecken blieb, weil der Kapitalismus nicht gestürzt wurde, waren viele Verbesserungen nicht von Dauer. Auf der revolutionären Welle kam es in den 1970er Jahren zu einer Serie von gesellschaftspolitischen und sozialen Reformen – die aber spätestens ab den 1980er Jahren wieder in Frage gestellt wurden. Vieles davon ist heute Geschichte. Einmal mehr hat sich gezeigt, dass eine halbe Revolution letztlich gar keine ist. Eine der wichtigsten Lehren von damals für heute ist: wir brauchen eine revolutionäre Partei, welche in objektiv revolutionären Situationen den subjektiven Unterschied ausmacht.

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

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