Sichere Schule? So sieht die Realität aus!

Interview mit einer Lehrerin an einer Wiener Pflichtschule.

Die Politik erzählt uns ständig, die Schulen sind "sicher". Wie geht es dir mit dieser Darstellung (die ja im Widerspruch zu Studien steht)?

Wie und warum genau sollen Schulen sicher sein? Das zeigt mir nur, wie realitätsfern unsere Regierenden sind. Die Klassen sind eng, moderne Schulen haben kein Waschbecken mehr in der Klasse, die Fenster sind in vielen Fällen kaputt oder lassen sich in modernen Schulen gar nicht öffnen - lüften ist daher schwer. Und bei einer erfolgreichen Nachverfolgungsrate von 27% (Quelle: ORF) zu Beginn des Lockdowns, empfinde ich jede Aussage wie “Es konnte kein Cluster in einer Schule festgestellt werden.” als irgendetwas zwischen Ignoranz, Hohn oder Dummheit.

Wie sind deine konkreten Erfahrungen? Habt ihr Unterstützung? Masken etc? Oder fühlt ihr euch allein gelassen?

Ich arbeite in einer Schule in einem der sozial und finanziell schlechteren Bezirke Wiens. Alleine gelassen fühlen wir uns auf jeden Fall. Das Meiste was bis jetzt getan wurde, ist dass wir gegen Ende des ersten Lockdowns Microsoft Teams bekommen haben. Die Schüler*innen ein paar, aber noch immer viel zu wenige, Leihlaptops.

Außer gute Tipps, wie Hände waschen und lüften, haben wir von der Regierung hier fast nichts bekommen. Es gibt an den beiden Eingängen Desinfektionsmittelspender und erst seit Ende November haben wir 780 Stück FFP2-Masken bekommen. Auch wenn wir lang auf die Masken warten mussten, haben wir jetzt ausreichend und dürfen auch nachbestellen. 

Desinfektionsmittel für ihre Klassen zahlen die Klassenvorständ*innen aus eigner Tasche und wir Lehrer*innen unser eigenes, zur Verwendung in der Schule, ebenfalls.  Im Frühjahr hat der Elternverein 5L für uns gekauft. Obwohl ich von min. 8 bestätigten Fällen und noch mehr Verdachtsfällen weiß (solche Informationen werden von der Direktion wenig bis gar nicht weitergegeben), wurden wir hier noch nie alle gleichzeitig getestet (Ca. 400 Schüler*innen und 50 Lehrer*innen). Die Eltern der betroffenen Klassen sind privat mit ihren Kindern testen gegangen. Wer die Kosten dafür übernommen hat, weiß ich nicht.

Von Kolleg*innen aus anderen Schulen (ehem. Studienkolleginnen, meiner Mutter,...) habe ich erfahren, dass beim ersten bestätigten Fall ein Testungsteam an die Schule kam und die Klasse sowie alle Lehrer*innen getestet wurden. Eine Schule durfte über mehrere Wochen im Zuge einer Studie jede Woche freiwillig zum Test “antreten”. Ebenso haben alle Lehrer*innen für ihre Klassen UND für die “Lehrertasche” Desinfektionsmittel bekommen. Auch Masken waren nach wenigen Schulwochen für die Lehrenden verfügbar. Leider weiß ich nicht, wer das bezahlt hat. Ich nenne diese Schulen “Fensehschulen”- also die Schulen, wo sich Minster*innen vom ORF filmen lassen. 

Bei den Kolleg*innen in ärmeren Schulen, wie meiner, sieht es aber ganz anders aus, wie ich zuerst schon gesagt habe. Ein Kollege einer anderen Schule hat 2 (!) Stück FFP2 Masken erhalten. Natürlich freue ich mich, dass ich so viele Masken bekommen habe, verstehe aber nicht, warum so ungleich verteilt wird. (Anmerkung: Der Redaktion sind andere Fälle bekannt, wo es viel zu wenig Masken gibt bzw. diese erst nach Schulstart geliefert wurden.)

Ebenfalls fahrlässig finde ich, dass mit 7. Dezember die Pflichtschulen vollständig geöffnet wurden, wo es doch jetzt viel mehr aktive Fälle gibt als Mai. Den ganzen Sommer hat die Regierung für eine Ampelregelung gebraucht, die nun erst recht wieder hinfällig ist. Nun müssen wir (Schüler*innen und Lehrkörper) durchgehen Maske in der Schule tragen. Die Kinder bekommen aber keine Maske von der Schule. 

Wie ist die Stimmung unter den Lehrer*innen im Spannungsfeld zwischen Verantwortungsgefühl für die Schüler*innen und Angst um die eigene Gesundheit/die von Angehörigen?

Als Pädagogin empfinde ich den Lockdown als eine Katastrophe, allerdings hatte ich ihn mir weitaus schlimmer vorgestellt, mit den Erfahrungen vom ersten Lockdown. Jetzt hatten wir immerhin gleich von Beginn an ein paar Leihlaptops bzw. haben manche Familien ihrerseits Endgeräte gekauft. (Was eine Frechheit ist, da ich genau weiß, dass viele Familien sich das eigentlich nicht leisten können.) Die Kinder haben Probleme im Tages-Rhythmus zu bleiben, hängen im Stoff sehr weit hinterher, Förderung ist kaum möglich, kennen sich nur mäßig in MS Teams aus. (Wie auch: Digitale Grundbildung war nicht ordentlich möglich, da aus Hygienegründen die Computerräume nur von den Abschlussklassen benutzt werden durften.) Als Lehrerin muss ich mein gesamtes Material digital zur Verfügung stellen, was enorm viel Zeit kostet, da ich die letzten Jahre alles mit Arbeitsblättern und wenn ich Glück hatte mit Beamer lösen musste. Aber einen Beamer und gleichzeitig ein passendes Kabel zu haben war und ist eine Seltenheit. Das modernste ist in manchen Klassen ein Whiteboard mit Filzstiften. Ich bin froh, dass wir endlich MS Teams, also ein Unterrichtsprogramm haben. Aber das nützt mir in der Schule nichts, wenn nicht jede*r Schüler*in einen Laptop hat. 

Ebenfalls macht es mich fertig, wenn ich weiß, dass Kinder zu Haus Gewalt ertragen müssen, ich aber unter normalen Umständen schon kaum helfen kann. Jetzt im Lockdown können die Kinder nicht mal untertags vor der Gewalt fliehen. Zum Glück haben wir eine Sozialarbeiterin an der Schule (Luxus, ich weiß) die sehr bemüht ist, aber bei 400+ Schüler*innen ist sie allein viel zu wenig.

Als Mensch hatte ich in der Schule große Angst. Jeden Tag kam (und komme) ich mit Halsschmerzen nach Hause, da ich mit der Maske, immer schreien musste, damit die Kinder mich verstehen. Die psychische Belastung war und ist enorm - ich muss meine Großeltern betreuen und hatte und habe Angst ihr Todesengel zu sein, weil ich das Virus von der Schule nach Hause bringen könnte. Regenerationsphasen gibt es nur wenige, denn echte soziale Kontakte sind, außer für die Arbeit, nicht möglich. Dabei habe ich noch das Glück, nicht allein zu wohnen. Online-Treffen können echte kaum ersetzen. Obwohl nur für Teilzeit bezahlt, arbeiten Kolleg*innen  oft lang über das Vollzeitstundenausmaß hinaus. Teilweise bis zu 60h ohne auch nur eine Stunde unterrichtet zu haben, weil die administrativen Aufgaben so aufwendig sind.

Ist die Gewerkschaft präsent? Hilft sie euch?

Ich bekomme zwar regelmäßig E-Mails von denen, aber alles was ich nicht real in der Schule an Unterstützung sehe, ist mir eigentlich egal. Im Herbst waren sie mir mal total peinlich, als sie eine Maskenpflicht für Schüler*innen im Unterricht gefordert haben.

Was sind aus deiner Sicht nötige Schritte, Maßnahmen?

Nötig wäre es seit Jahren gewesen, das Bildungssystem ordentlich zu finanzieren. Viele der Forderungen sind seit meiner eigenen Pflichtschulzeit aktuell, also seit 12 Jahren. (Meine Mutter ist ebenfalls Lehrerin, daher trau ich mich das so zu sagen.) Ein System, das unter normalen Umständen schon riesige Probleme hat, hat in einer Krise noch größere. Aber bitte:

Alte, aber noch immer aktuelle Forderungen sind: Kleinere Klassen, mehrere Räume, gut gewartete Schulgebäude, mehr Personal in der Verwaltung und im Lehrkörper. Eine ordentliche Digitalisierung würde die Situation für Schüler*innen, Eltern und Lehrer*innen erleichtern. Schullaptops mit ein bisschen Internetvolumen für Lehrer*innen und Schüler*innen ab 10 Jahren. (Darunter bin aus pädagogischen Gründen dagegen, hier würden Computerräume vollkommen reichen). Mehr Platz für Unterricht/Sport/Nachmittagsbetreuung an der frischen Luft

Akute Forderungen sind: Ordentliche, täglich frische,  Masken für Schüler*innen und Lehrer*innen.  Flächen- und Handdesinfektionsmittel für Lehrer*innen, Schüler*innen und Verwaltungspersonal. Zusätzliches Raumpflegepersonal das bei der Reinigung untertags hilft. Regelmäßige Testungen ganzer Schulen. Junglehrer*innen bzw. Lehramtstudierende anstellen um kleinere Klassen zu ermöglichen und Schüler*innen, die durch die Lockdowns im Stoff hinterher hängen, extra fördern zu können.

Danke für das Gespräch.

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