Rote Seitenblicke

Herbert Wanko

Was in den 1970er Jahren vor allem im 7. Wiener Gemeindebezirk begann, fand in anderen Teilen Wiens seine Fortsetzung. Dass die alten Biedermeier-Häuser damals zum Abriss freigegeben wurden, weiß heute kaum jemand von den BewohnerInnen des Spittelbergs. Unter anderem die Besetzung des „Amerlinghauses“ verhinderte, dass ein neues Viertel aus dem Boden gestampft wurde. Aus den alten Häusern wurde innerhalb weniger Jahre ein IN-Grätzl, das jetzt zum Weltkulturerbe zählt. Von den damaligen BewohnerInnen könnte sich heute niemand mehr die Miete leisten. Das die Gemeinde Wien das Kulturzentrum Amerlinghaus finanziell ausblutet, geht in dieselbe Richtung: Raus mit den linken QuerelerInnen, rein mit finanzkräftigen hippen Boutiquen.

Andere Gebiete innerhalb des Gürtels zogen nach und seit einigen Jahren sind auch weiter „außerhalb“ gelegene Bezirke betroffen. Vor allem Viertel rund um Märkte erfahren die „schleichende Aufwertung“ und damit die sukzessive Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung („Gentrifizierung“). Karmelitermarkt, Meiselmarkt und Brunnenmarkt werden aufgewertet und die Mieten schnalzen in die Höhe. Wer schon vorher dort gewohnt hat, wird noch einige Zeit durchhalten, viele müssen aber mittelfristig in billigere Gegenden ziehen. Die neuen BewohnerInnen müssen sich die Mieten auch leisten können (€ 15,-/qm im „hippen Brunnenviertel“ für eine neu angemietete Wohnung sind keine Seltenheit). Schließlich gehören sie auch einer völlig anderen sozialen Schicht an.

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