Revolutionärer Internationalismus zwischen den Weltkriegen

War das Wirken der ursprünglichen Komintern nur von kurzer Dauer, so ist ihre Aufgabe heute akut.
Franz Neuhold

Vor 100 Jahren wurde vor den Trümmerhaufen des ersten imperialistischen Weltkriegs die Kommunistische Internationale (Komintern) gegründet. Als der Weltkrieg bereits im vierten Jahr tobte, nahmen Massenproteste und Ansätze sozialer Revolutionen vielerorts an Fahrt auf. Sie waren inspiriert vom Sturz des russischen Zaren und etwas später erzürnt von der kapitalistischen Übergangsregierung, die den Krieg fortgesetzt hatte. Die Sozialdemokratien hinderten die revolutionären Arbeiter*innen jedoch daran, eine neue Gesellschaft zu errichten. Schließlich hatten es sich viele der bürokratischen Funktionär*innen gut eingerichtet im bürgerlichen Nationalstaat - materiell wie philosophisch-theoretisch.

Die grundlegende internationalistische Ausrichtung der späteren Komintern war bereits zu jener Zeit gefestigt worden, als die Mehrheit der 2. (sozialdemokratischen) "Internationale" ihren jeweils herrschenden Kriegstreibern unzählige Arbeiter*innen als Kanonenfutter überantwortete. Man wollte den Platz an der (nationalen) Sonne mit "seinem" Bürgertum teilen. Der "Sozialismus" käme schrittweise von selbst und innerhalb der etablierten staatlichen Gerüste; soweit der selbstzufriedene Ansatz des "Reformismus". Um das zu erreichen, müsse und dürfe man in friedlichen Zeiten natürlich um Lohnerhöhungen ringen und im Parlament hin und wieder aufs Pult hauen. Doch im Krieg gibt es plötzlich wieder das "Vaterland", für das man zu sterben und zuvor Arbeiter*innen anderer Länder zu töten habe. Dieser letzte Teil reformistischer "Logik" entfaltete sich allerdings erst, als er dies musste. Der Schock saß dementsprechend tief, als im Sommer 1914 die "Internationale" infolge der Kriegsunterstützung binnen Tagen kollabierte.

Doch die Internationalist*innen bauten entgegen der allgemeinen Stimmung auf folgende Einschätzung: Einer der zentralen Widersprüche des „modernen Kapitalismus“ bzw. seines imperialistischen Stadiums besteht darin, dass der globalen Arbeitsteilung und dem Welthandel die nationalen bürgerlichen Egoismen entgegenstehen. Ohne weitreichende Planung der Wirtschaft und echte Demokratie der Produzent*innen zerreißt es die Gesellschaften. Es wird sich eine Periode von Revolution und Konterrevolution eröffnen. Die gescheiterten und niedergeschlagenen Revolutionen im Westen 1918/19 erhöhten nun massiv den Druck auf die junge Sowjetrepublik, die nach dem Revolutionsjahr 1917 gerade eben den Weltkrieg schwer gezeichnet überstanden hatte. Den führenden Marxist*innen war klar, dass genau dieses Steckenbleiben der internationalen Kette von sozialistischen bzw. Arbeiter*innen-Revolutionen die größte Bedrohung darstellte. Um die Eigentums- und Produktionsverhältnisse grundlegend zu ändern sowie die nötigen Räte-Demokratien aufzubauen, muss es eine "Weltpartei der sozialistischen Revolution" geben. Die 2. Internationale war eine lose Zusammenkunft nationaler Parteien und hohler Phrasen. Demgegenüber verfügte die Komintern über programmatische Verbindlichkeit und eine zentrale Führung. Die innere Demokratie verlangte große Opfer: Trotz widrigster Umstände wurden zwischen Frühjahr 1919 und Ende 1922 vier (!) Weltkongresse organisiert. War die Gründung der Komintern alternativlos, kam sie jedoch unverschuldet zu einem ungünstigen, weil verspäteten Moment. Der Revolutionär Leo Trotzki fasste dies 1924 in „Fünf Jahre Komintern“ zusammen: "Der Krieg führte nicht direkt zum Sieg des Proletariats in Westeuropa. Es ist heute nur zu offensichtlich, was 1919 und 1920 für den Sieg fehlte: eine revolutionäre Partei fehlte." Die mächtige "Nachkriegsmassengärung" begann bereits abzuebben.

Die Folgen der anti-revolutionären Rolle der sozialdemokratischen Führungen brach nicht nur der ersten Welle revolutionärer Versuche das Genick. Sie ermöglichte auch den Aufstieg des Faschismus. Die tödliche Gefahr für die Komintern entsprang denselben Quellen, die zum Aufstieg der stalinistischen Bürokratie in der nunmehrigen Sowjetunion führten. Die Isolation, allgemeiner Mangel und Erschöpfung erleichterten das Wachstum von Bürokratie und Polizeistaatlichkeit. Es kann hier nicht ausführlich der weitere Verlauf geschildert werden. Nur soviel: Im Laufe der 20er- und 30er-Jahre, parallel zur Stalinisierung der UdSSR und dem damit verbundenen Bruch mit Prinzipien von Räte-Demokratie und Internationalismus, degenerierte auch die Komintern, bis sie nur noch den Interessen der Moskauer Bürokratie diente. Es folgte ein Zick-Zack, wobei zuerst die gesamte Sozialdemokratie zu einem Flügel des Faschismus erklärt wurde, nur um wenig später eine Bündnisoffensive mit den großen bürgerlichen Parteien auszurufen. Der Höhepunkt dieses völligen Verrats an der internationalen Arbeiter*innenklasse war der Hitler-Stalin-Pakt 1939. Stalin entledigte sich danach 1943 der blutleeren Komintern und löste sie auf.

Der Aufbau einer "Weltpartei der sozialistischen Revolution" ist heute die entscheidende Aufgabe für jede/n, der/die sich wirklich um die Zukunft auf diesem Planeten schert. Die Bedingungen dafür sind - trotz aller Schwierigkeiten - heute entschieden vorteilhafter als in der Phase 1919-1938. Es gilt keine Ausrede.

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

Der Wahnsinn des Kapitalismus

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