Melzer-Kopie und Melzer-Druck im Konkurs

"Wie im falschen Film"
Harald Mahrer, ehem. BR bei Melzer-Kopie

Am 17.10 wurde über Melzer-Kopie und Melzer-Druck der Konkurs eröffnet. Ende Oktober ordnete das Handelsgericht die Schließung beider Betriebe an. Rund 120 KollegInnen wurden arbeitslos. Damit nicht genug: Der Geschäftsführer nutzte die letzten Tage für heftige Auseinandersetzungen mit dem Betriebsrat. Am 2. Oktober wurde die Melzer-Belegschaft vom Geschäftsführer Dr. Krutak in einer eilig und ohne Angabe von Gründen einberufenen Betriebsversammlung vor vollendete Tatsachen gestellt.

Melzer-Kopie und Melzer-Druck waren zahlungsunfähig, die Löhne für September waren nicht ausbezahlt, der Gang zum Konkursgericht unvermeidlich.
Der Betriebsrat wurde "natürlich" nicht vorab informiert. Die Versammlung selbst verlief dennoch turbulent, da eine allein erziehende Kollegin Dr. Krutak mit der Frage konfrontierte, wie sie sich und ihr Kind ernähren solle? Die lapidare Antwort: Er könne auch nichts machen. Auf die Frage, wie es ihm ginge, antwortete Dr. Krutak: Er sei natürlich auch betroffen, aber Geld hätte er noch.

Schneller “Ladenschluss”

Mitte Oktober waren dann alle Filialen geschlossen. Doch für Belegschaft und Betriebsrat war die Angelegenheit keineswegs vorbei. Mir wurde Telefon, E-Mail-Zugang und Computer entzogen. Gerade in dieser turbulenten Phase konnte ich nur mittels privatem Handy Kontakt zu den KollegInnen halten, was mir eine 200 EUR-Rechnung einbrachte.
Bei einer weiteren Betriebsversammlung (mit AK und Gewerkschaft) wurde uns mitgeteilt, dass zwar all unsere finanziellen Ansprüche gesichert seien, eine Auszahlung aufgrund des Prozedere (Abrechnung, Einreichung, etc.) erst in einigen Monaten zu erwarten sei.

Unsere Forderungen

Meine BR-Fraktion verteilte eine Zeitung, in der wir einerseits die Rolle und Verantwortung der Geschäftsleitung beim Konkurs aus unserer Sicht darlegten und andererseits folgende Forderungen erhoben:

  • Eine namhafte Summe aus dem Privatvermögen der Eigentümer und Geschäftsführer zur Verhinderung von extremen Notlagen bei KollegInnen (z.B. Delogierungen)
  • Eine Gesetzesänderung hinsichtlich der Auszahlungsmodalitäten des Insolvenzgeldausfallsfonds. Wir argumentierten: Wenn bei jeder Gasrechnung zuerst gezahlt und dann berechnet werden kann, sollte das auch hier möglich sein.
  • Eine Gesetzesänderung hinsichtlich des Rechts auf begründeten vorzeitigen Austritt: Dieses muss gerade im Konkursfalle gegeben sein.
  • Die Übernahme der Melzer-Gruppe durch die öffentliche Hand und eine Weiterführung unter demokratischer Kontrolle durch die Belegschaft.

Brief an Gewerkschaft und Geschäftsleitung

Entsprechend unserer ersten Forderung verfassten wir einen Brief an Dr. Krutak und Herrn Schönbichler, den rund 30 KollegInnen unterzeichneten. Bezüglich der Gesetzesänderungen legten wir eine Unterschriftenliste auf, welche von 90 KollegInnen und dem Landessekretär Johannes Steiner von der DJP (Gewerkschaft Druck, Journalismus und Papier) unterschrieben wurde.

Betriebsrat oder Lohn

Der Geschäftsführer drohte daraufhin, die Lohnabrechnung zu verzögern, sollte ich nicht von meinem Mandat zurücktreten. Gleichzeitig drohte er mit fristlosen Entlassungen wegen kleinster Kleinigkeiten. Er begann seine Wut auf mich an den KollegInnen auszulassen: Mittels Drohungen, Wutanfällen und der Verbreitung des Gerüchts er könne die Auszahlung unserer Ansprüche verhindern, sollte ich nicht zurücktreten. Ein Kollege rief mich an und fasste die Situation in seiner Filiale mit den Worten "Man glaubt, man ist im falschen Film." zusammen, nach dem dort gedroht wurde, wer auch nur 5 Minuten zu spät käme - obwohl eh keine Arbeit vorhanden war - würde die “Fristlose” bekommen.

Kapitualtion der Mehrheitsliste

Während die geschäftsleitungsnahe Mehrheitsliste kapitulierte, nahm ich die Dinge selbst in die Hand und konnte - selbstverständlich ohne Rücktritt - für einen einigermaßen geordneten Ablauf sorgen, in dem ich mit dem Masseverwalter direkt in Kontakt getreten bin. Mit Dr. Stortecky, dem Masseverwalter, konnte ich klären, dass es zu keinen Entlassungen komme würde und dass er die verschärfte Gangart Dr. Krutaks nicht unterstützen würde. Bei diesen Gesprächen konnte ich für eine Kollegin auch einen Abfertigungssprung, der knapp verfehlt worden wäre, sichern. Mit Ende Oktober organisierte ich dann die Austritte der KollegInnen, da das mit dem Schließungsbefehl des Gerichts endlich möglich war. So konnten wir erstens die Ansprüche sichern und uns zweitens den Anfällen der Geschäftsleitung entziehen.

Ohne Mandat und Firma für die KollegInnen

Selbstverständlich bleibe ich meinen KollegInnen auch ohne offiziellem Mandat als Ansprechpartner für Probleme in der Causa Melzer erhalten. Ich bedanke mich bei all jenen, die mir dabei geholfen haben, in der heißen Phase kühlen Kopf zu bewahren. Denn mit Rückgrat und kühlem Kopf bin ich doch entscheidend weiter gekommen, als die geschäftsleitungsnahe BR-Mehrheit, die sich mit ihren Betteleien nur einen Wutanfall nach dem anderem seitens Dr. Krutak eingefangen hat. Und das obwohl er ohnehin nicht mehr zuständig war.

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