Klassismus: Leugnung der Klassengegensätze

Anna Hiermann

Menschen werden auf verschiedenste Art und Weise unterdrückt. Aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer Herkunft, ihrer Sexualität sowie ihrer Klassenzugehörigkeit. In der intersektionalen Theorie wird diese Art der Unterdrückung als „Klassismus“ bezeichnet. Gemeint ist z.B., wenn über Menschen mit niedrigem Einkommen oder ohne Arbeit gelästert wird, weil sie angeblich zu dumm wären, einen gut bezahlten Beruf zu erlangen. Die Ursachen für diese Diskriminierungserfahrungen werden dabei häufig in der Kultur gesucht. Lösungsansätze beschränken sich daher meist auf Symbolik, wie z. B. die Erhöhung des Anteils an “Arbeiter*innenkindern” an Universitäten. Diese Vorgehensweise ist jedoch gefährlich. Die Gegensätze zwischen den Klassen sollen nicht mehr überwunden, sondern nur die Auswirkungen möglichst minimiert werden. Menschen aus der Arbeiter*innenklasse sollen einfach nur mehr respektiert werden usw.  Die bestehende Klassenunterdrückung ist kein kulturelles Phänomen, nicht “nur” eine Diskriminierung, sondern ein Produkt der Klassengesellschaft, ohne die der Kapitalismus nicht existieren könnte. 

Die marxistische Klassenanalyse setzt nicht bei kulturellen Ursachen an, sondern bei den grundlegenden Klassenwidersprüchen. Es stimmt, dass Menschen aus der Arbeiter*innenklasse weniger Zugang zu Universitäten oder Ähnlichem haben. Aber die Ursachen dafür liegen viel tiefer. Der Marxismus ergründet ebenso Ursprünge wie Strategien der Bekämpfung. Weiters hat er eine klare Definition des Begriffs „Arbeiter*innenklasse“. Darunter fallen alle Menschen, die „nichts anderes zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft“ (Marx). Die Entstehung spezifischer Unterdrückungsformen ist eng mit der Entstehung von Klassengesellschaften verbunden. Die Entstehung der ersten Klassengesellschaften beschreibt Friedrich Engels 1884 in seinem Werk: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. Seit der neolithischen Revolution (=Übergang der Altsteinzeit in die Jungsteinzeit vor ca. 12.000 Jahren) wird mehr produziert, als zum unmittelbaren Überleben benötigt wird. Aus diesem gesellschaftlichen Mehrprodukt resultierte ebenso die Unterdrückung „des weiblichen Geschlechtes durch das männliche“, da in den meisten Gesellschaften nach der männlichen Linie vererbt wurde, sowie eine ungleiche Verteilung des Reichtums generell. Die Unterdrückung der Frau (und andere Formen der Diskriminierung) ist (sind) untrennbar mit der Klassenunterdrückung verbunden und überschneiden sich nicht bloß punktuell.

All diese Arten von Unterdrückung gehen aus den Klassengesellschaften hervor. Die Klassenunterdrückung bildet also das Fundament für alle anderen Unterdrückungsformen. Somit müssen alle Kämpfe gegen die Benachteiligungen aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Sexualität, Religion etc. als Klassenkämpfe geführt werden, d.h. darauf abzielen, die ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse gemeinsam zu überwinden.

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Zum Weiterlesen: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, Friedrich Engels

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