Künstler und Krieg

Interview mit Ivan Ivanji
Nicole Hofmann

Am 19. April veranstaltete die SOV eine Veranstaltung im bis auf den letzten Platz gefüllten „Club International“ in Wien Ottakring zum Thema „Bringen NATO-Bomben Frieden und Selbstbestimmung?“. Am Podium Silvio Lehmann (SOS-Mitmensch), Michael Gehmacher (SOV) und Ivan Ivanji, Schriftsteller, ehem. Generalsekretär des jugoslawischen Schrifstellerverbandes und Botschaftsrat Jugoslawiens in der BRD a.D. Mit Ivan Ivanji führte Nicole Hofmann folgendes Interview.

Vorwärts: Herr Ivanji, Sie hatten in den letzten Wochen mehrere Auftritte bei diversen Veranstaltungen, waren Gast bei Nachrichtensendungen im Fernsehen und argumentierten dort gegen den Nato - Einsatz in Jugoslawien. Welchen Eindruck haben Sie bezüglich des Umgangs der Medien in Österreich und Deutschland mit dem Krieg am Balkan gewonnen?

I. Ivanji: In den letzten drei Wochen hatte ich 7 Auftritte im Fernsehen und mindestens 20 im Radio in Deutschland und Österreich. Mein Eindruck war, daß die Nachrichtensendungen, die ja die meisten Bürger beeinflussen, einer so strengen Sprachregelung unterworfen sind, daß es mich für die westeuropäischen freien Medien gewundert hat. Ob das von den Chefredaktionen kommt oder nur Gedankenfaulheit der Journalisten ist, weiß ich nicht. Gäste wie ich sollen wohl das Feigenblatt sein, zeigen, daß man auch anderes sagen darf. Ansonsten wird nicht darauf eingegangen, daß die zweifellos schrecklichen Untaten gegen die Kosovo-Albaner nicht mit wahllosen Bombenangriffen auf andere Zivilisten eingestellt werden können, sondern diese Angriffe das Gegenteil bewirken, nämlich den Vorwand für weitere Übergriffe liefern. Aber insgesamt scheint mir doch, daß diese Tendenz in den Medien allmählich von einer gewissen Nachdenklichkeit abgelöst wird.

Vorwärts: Die Widerstandsbewegung gegen die NATO-Bombardements ist in Österreich relativ klein. In Italien und anderen europäischen Ländern gab es jedoch bereits Massendemonstrationen die bei uns aber kaum medialen Widerhall gefunden haben. Wie schätzen Sie die europäische und speziell die österreichische Protestbewegung ein? Wie müßte Widerstand Ihrer Meinung nach aussehen und wie kann er organisiert werden?

I. Ivanji: Ehrlich gesagt, kann ich die Widerstandsbewegunggegen die NATO-Bomnardements in Österreich nicht mit jener in anderen Ländern vergleichen, weil ich zu wenig davon weiß. Es kommt sicher auf das gesellschafts - politische Umfeld im ganzen an. Leider bin ich viel zu sehr Einzelgänger, als daß ich wüßte, wie man einen Widerstand so organisieren kann, daß er in einer bestimmten Situation, in einem konkreten Umfeld etwas erreicht. Die Teilnahme an solchen Protesten hängt auch wohl nicht von momentanen, politischen Erfolgsaussichten  ab, sondern von der Verantwortung dem eigenem Gewissen gegenüber.

Vorwärts: Sie sind Schriftsteller und engagieren sich gegen die Kriegspolitik von NATO und USA. Welche Rolle können/sollten Künstler in der Politik spielen? Welche Verantwortung haben sie und mit welchen speziellen Schwierigkeiten sind sie konfrontiert?

I. Ivanji: Ich halte es da mit Günter Grass, obwohl er diesmal leider „auf der anderen Seite der Barrikade“ steht und die NATO-Luftangriffe gutgeheißen hat. Er sagte einmal sinngemäß, der Dichter habe keine größere politische Verantwortung als ein jeder andere Bürger, aber wenn er einen gewissen Ruhm in die Waagschale werfen könne um für seine Ansichten zu kämpfen, dann solle er es tun. Ich persönlich glaube ein wenig Deutsch zu können und setze diese Fähigkeit ein, um auf Tatsachen hinzuweisen, die sonst meiner Meinung nach übersehen werden könnten. Falls man die Gabe hat für seine eigene Meinung zu werben, hat man auch die Verantwortung sie einzusetzen. Schwierigkeiten habe ich in dieser Hinsicht nicht, aber ich würde mich auch dann nicht um sie kümmern, wenn sie auftauchen sollten. In meinem Alter muß man schon sich selber beim rasieren ins Gesicht schauen können, ohne sich schämen zu müssen.

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