Frauenbefreiung und LGBTQI+-Rechte im revolutionären Russland

EMMA QUINN, Socialist Party Irland

Frauenbefreiung und LGBTQI+-Rechte im revolutionären Russland

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache am 14. Jänner 2016 auf der Homepage der „Socialist Party“, der irischen Sektion des „Committee for a Workers‘ International/Komitee für eine ArbeiterInneninternationale“ (CWI), der internationalen Organisation der Sozialistischen Linkspartei. Die Quellenangaben beziehen sich auf die Quellen in englischer Sprache, die für den Original-Artikel verwendet wurden.

http://socialistparty.ie/2016/01/womens-lgbt-liberation-in-revolutionary-russia/

International politisieren sich junge Menschen über die Unterdrückung von Frauen und LGBTQI+-Personen und beginnen Debatten darüber, wie diese Diskriminierung und Ungleichheit beendet werden kann. EMMA QUINN geht auf die Erfahrungen der Russischen Revolution und die radikalen, fortschrittlichen Maßnahmen, die von den Bolschewiki eingeführt wurden und als erste Schritte gesehen wurden, mit denen die volle Befreiung dieser beiden unterdrückten Gruppen eingeleitet werden sollte.

Kein anderes Ereignis in der Geschichte wurde vom kapitalistischen Establishment verzerrter dargestellt als die Russische Revolution. In ihren Darstellungen der Revolution wird die Rolle von Frauen kaum erwähnt, die massiven Verbesserungen, die durch die Revolution für Frauen erreicht wurden, sogar noch weniger.

Der völlige Sturz des Kapitalismus und Großgrundbesitzes durch die bolschewistische Partei und die ArbeiterInnenklasse 1917 hat eine radikalere Veränderung der Gesellschaft vorangetrieben als jemals zuvor oder danach. Die BolschewistInnen konnten die Macht übernehmen, weil sie die Stimme der unterdrückten Massen, ArbeiterInnen, Armen und Frauen waren. Ungleiche Reichtumsverteilung und Unterdrückung waren nie krasser als heute, der Reichtum des reichsten 1% der Weltbevölkerung wird ab 2016 höher sein als der der anderen 99% miteinander. Mitten in dieser steigenden Ungleichheit bleibt die Unterdrückung von Frauen und der LGBTQI+Community weltweit, selbst in den am meisten entwickelten Ländern, bestehen und ist ein großes, politisierendes Thema, besonders für junge Menschen – in Irland und international. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Und es gibt keine wichtigeren, als jene, die wir aus der Russischen Revolution lernen können.

Die Bolschewiki betonten die Rolle der gesamten ArbeiterInnklasse für die Veränderung der Gesellschaft und erkannten, dass Frauen unter einer doppelten Unterdrückung litten, die ihre Wurzeln im Kapitalismus und im bäuerlichen Patriarchat hatte. Für die Bolschewiki war die Befreiung der Frauen entscheidend im Kampf für eine sozialistische Gesellschaft. Lenin fasste die Wichtigkeit davon 1920 zusammen, als er erklärte: „Das Proletariat kann die Freiheit nicht erlangen, bis es die völlige Freiheit für Frauen gewonnen hat“. [i] Frauen spielten eine führende Rolle in der bolschewistischen Partei, sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene. Und die Auswirkungen der Revolution veränderten das Bewusstsein und die Leben von Frauen aus der ArbeiterInnenklasse auf einer breiten Ebene.

Anti-Kriegs-Agitation und die bolschewistischen Frauen

Im Vorfeld der Revolution spielten Frauen eine wichtige Rolle, sowohl beim Niedergang des zaristischen Regimes als auch beim Sieg der Bolschewiki. Mehr als jede andere politische Kraft zu dieser Zeit verstanden die Bolschewiki die Bedeutung davon. Als zehntausende Frauen im Februar 1917 auf die Straße gingen, waren ihre Forderungen Gerechtigkeit, Frieden und Brot. Diese Ereignisse lösten die Februarrevolution aus. Der Protest brach am internationalen Frauentag aus. Dieser wurde in Russland von der bolschewistischen Aktivistin Konkordia Samoilova vier Jahre zuvor, 1913, eingeführt. [ii] Bolschewistische Frauen spielten eine Schlüsselrolle bei der Organisierung der Demonstrationen. Sie bauten einen stadtweiten Frauenzirkel auf, der unter arbeitenden Frauen und Frauen von SoldatInnen mobilisierte und agitierte, trotz ständiger Schikanen des Staatsapparates. Die bolschewistische Partei, inklusive ihrer weiblichen Mitgliedschaft, hatte wegen ihrer entschiedenen Opposition zum ersten Weltkrieg seit 1914 unter heftiger Repression gelitten, viele wurden gefangen genommen oder mussten ins Exil fliehen. Das, und die Brutalität, welcher die ArbeiterInnenklasse durch den Krieg ausgesetzt war, inspirierte sie, am internationalen Frauentag eine Anti-Kriegs-Demonstration zu organisieren. Am 23. Februar flutete die ArbeiterInnenklasse Petrograds auf die Straßen, angeführt von Frauen, die die Bevölkerung aufriefen, sich anzuschließen und an die Soldaten appellierten, nicht zu schießen und mit ihnen zu marschieren.

Der Internationale Frauentag 1917

„Am Frauentag, am 23. Februar 1917, wurde in einer Mehrheit der Fabriken und Werke ein Streik erklärt. Unter den Frauen herrschte eine sehr kämpferische Stimmung – nicht nur unter den Arbeiterinnen, sondern auch unter den Massen der Frauen, die sich in Schlangen für Brot und Kerosin anstellten. Sie hielten politische Treffen ab, dominierten die Straßen, bewegten sich zur Stadtduma mit der Forderung nach Brot, hielten Straßenbahnen an. „GenossInnen, kommt heraus“, riefen sie enthusiastisch. Sie gingen zu Fabriken und Werken und riefen die ArbeiterInnen auf, die Werkzeuge niederzulegen. Alles in allem war der Frauentag ein enormer Erfolg und beflügelte den revolutionären Geist“, schrieben Anna und Maria Uljanow in der Pravda vom 5. März 1917. [iii]

Die BolschewistInnen erkannten das Ausmaß der Radikalisierung von Frauen im Sommer, der auf die Februarrevolution folgte, als eine Welle von Streiks unter anderem WäscherInnen, Dienstleistungssektor, Hausangestellte, VerkäuferInnen und KellnerInnen erfasste. Während dieser Periode ragten die Bolschewiki heraus bei der Organisierung von Arbeiterinnen. Die Bolschewiki, besonders die weiblichen Mitglieder, wendeten massive Anstrengungen auf, um Arbeiterinnen und Frauen von Soldaten zu erreichen und waren erfolgreich dabei, eine Basis unter diesen neu politisierten Schichten von Frauen aufzubauen – trotz der Schwierigkeit von tief verwurzeltem Sexismus und der Haushaltsverantwortung und des Analphabetismus von vielen. Sofia Goncharskaia, ein Mitglied der bolschewistischen Partei, leitete die Gewerkschaft der WäscherInnen und spielte eine Schlüsselrolle in ihrer Aktivität. [iv] Revolutionäre Frauen gründeten weibliche Lesekreise unter Streikenden, um die Frauen zu politisieren und auszubilden. Durch die Streiks wurden Frauen in breitere ArbeiterInnenkämpfe gezogen und ihr Klassenbewusstsein gefestigt. Als die Bolschewiki im Oktober die Macht ergriffen und die provisorische Regierung stürzten, waren mehr Frauen am Sturm des Winterpalais beteiligt als bei seiner Verteidigung, auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird.

Die fortschrittlichsten Gesetze der Geschichte

Am 17. Dezember 1917, nur sieben Wochen nach der Formung des ersten ArbeiterInnenstaats der Welt, wurden religiöse Ehen abgeschafft und eine sehr einfach zugängliche Scheidung legalisiert. Im folgenden Monat wurde das Familiengesetzbuch eingeführt. Es schrieb die gesetzliche Gleichstellung von Frauen fest und schaffte die „Unrechtmäßigkeit“ von Kindern ab. Herausragend ist - und das streicht hervor, wie wichtig das Thema eingeschätzt wurde - dass das Familiengesetzbuch von den Bolschewiki eingeführt wurde, während sie gleichzeitig versuchten, den Weltkrieg zu beenden, einen BürgerInnenkrieg zu verhindern, die Bauernschaft zu befreien und die Industrie und Wirtschaft so schnell wie möglich anzukurbeln.

 

Während der gesamten 1920er wurde das Familiengesetzbuch erweitert und jede Änderung wurde von einer breiten, öffentlichen Diskussion begleitet. Von ihren ersten Tagen an argumentierte die Propaganda des sozialistischen Russlands für die Gleichstellung von Frauen, aber der Dreh- und Angelpunkt war für die Bolschewiki die Versklavung der Frauen in der traditionellen Familie. Vor der Revolution war das Leben einer Frau strikt vorgegeben: Heiraten, monogam sein, Kinder bekommen und an die „ewige Schinderei der Küche und Kinderstube“ gekettet sein. [v] Die Lebensqualität von Frauen wurde nie in Betracht gezogen und ob sie glücklich waren oder nicht, war irrelevant. Die Bolschewiki begannen sofort, das zu bekämpfen und die Rolle der russischen orthodoxen Kirche und des Patriarchats gleich mit.

Inessa Armand, die Direktorin des Zhenotdel, des Frauenbüros, das gegründet wurde, sagte „solange die alten Formen der Familie, des Haushalts und der Kindererziehung nicht abgeschafft sind, wird es unmöglich sein, Ausbeutung und Versklavung zu zerstören, es würde unmöglich sein, den Sozialismus aufzubauen“. [vi]

Der Kampf gegen die „traditionelle Familie“

Die Revolution unternahm enorme Anstrengung, um den sogenannten „Familienherd“ zu zerstören und begann, Pläne für gesellschaftliche Betreuung umzusetzen. Das beinhaltete Wöchnerinnenheime, Kliniken, Schulen, Kinderkrippen und Kindergärten, Sozialkantinen und -wäschereien. All das zielte darauf ab, Frauen von den Zwängen der Hausarbeit zu befreien. Bezahlte Schwangerschaftskarenz, sowohl vor als auch nach der Geburt, wurde eingeführt. Zugang zu Wickelräumen an den Arbeitsplätzen, um Stillen zu ermöglichen, und Pausen alle drei Stunden für junge Mütter wurden im Arbeitsgesetz festgeschrieben.

Abtreibung wurde 1920 legalisiert und von Trotzki als eines der „wichtigsten zivilen, politischen und kulturellen Rechte“ von Frauen beschrieben. [vii] Abtreibungen waren kostenlos und wurden vom Staat zugänglich gemacht, wobei Arbeiterinnen erste Priorität hatten.

Im November 1918 trat die erste all-russische Konferenz der Arbeiterinnen zusammen, organisiert von Alexandra Kollontai und Inessa Armand, mit über 1.000 Teilnehmerinnen. Die Organisatorinnen bekräftigten, dass die Emanzipation von Frauen Hand in Hand mit dem Aufbau des Sozialismus geht. [viii]

 

Nicht lange nachdem diese Veränderungen durchgeführt wurden, begannen die Kräfte der Reaktion einen BürgerInnenkrieg im Land, das bereits vom ersten Weltkrieg verwüstet war. Kurz nachdem der Krieg begann, wurde das Frauenbüro, das „Zhenotdel“, gegründet. Sein Ziel war es, Frauen zu erreichen, sie in die Aktivität zu bringen und auszubilden und sie über ihre neuen Rechte zu informieren. Das Büro organisierte Literaturkurse, politische Diskussionen und Workshops darüber, wie man Einrichtungen, die man am Arbeitsplatz braucht, organisiert, zum Beispiel Tagesstätten für Kinder usw. Delegierte Frauen aus Fabriken nahmen an Bildungskursen, die vom Büro organisiert wurden, teil. Die Kurse dauerten drei bis sechs Monate, dann kehrten sie zu ihren KollegInnen zurück, um zu berichten.

Das Frauenbüro war erfolgreich darin, das Bewusstsein unter Massen von Arbeiterinnen bei einer ganzen Reihe von Themen, wie Kindererziehung, Wohnen und öffentliches Gesundheitssystem, zu stärken und erweiterte den Horizont von tausenden Frauen. 1922 überstieg die Zahl der weiblichen Mitglieder der Kommunistischen Partei 30.000.

Trotz des Mangels wegen des Krieges stellte die Rote Armee dem Frauenbüro einen Zug und Zugang zum Eisenbahnsystem zur Verfügung, um durch das Land reisen und lokale Gruppen aufbauen zu können. Tausende Frauen traten bei. Die Ortsgruppen hielten sowohl kleine als auch große Treffen ab, außerdem Diskussionszirkel, die sich spezifisch mit Themen befassten, die Frauen betreffen.

Kristina Suvorova, eine Hausfrau aus einer kleinen Stadt im Norden des Landes, beschrieb die Beziehung und das Gefühl der Einbindung während der wöchentlichen Treffen zwischen Frauen von Soldaten und dem örtlichen Sekretär der bolschewistischen Partei: „Wir redeten über Freiheit und Gleichberechtigung von Frauen, über Warmwasser zum Waschen der Kleidung; wir träumten von fließendem Wasser in der Wohnung… das örtliche Parteikomitee behandelte uns mit aufrichtiger Aufmerksamkeit, hörte uns respektvoll zu, machte uns behutsam auf unsere Irrtümer aufmerksam, brachte uns Stück für Stück Weisheit und Vernunft bei. Es fühlte sich an, als wären wir eine glückliche Familie.[ix]

 

Sexuelle Freiheit

Während der gesamten Periode nach der Revolution stellten die Bolschewiki weitreichende und freie Debatten über Sexualität sicher, eine grundlegende Veränderung zum vorherigen Regime – sogar, als sie darum rangen, bis zur sozialistischen Revolution in anderen Ländern durchzuhalten. Und das entsprang direkt aus ihrer Philosophie der Selbstermächtigung der ArbeiterInnenklasse.

Die Veränderungen bei Familien und Familienstrukturen führten dazu, dass viele ihren Zugang zu Beziehungen völlig veränderten. 1921 zeigte eine Studie der Kommunistischen Jugend, dass 21% der Männer und 14% der Frauen die Ehe ideal fanden. 66% der Frauen bevorzugten langfristige Beziehungen, die auf Liebe basieren und 10% bevorzugten Beziehungen mit verschiedenen PartnerInnen. 1918 gab es in Moskau 7.000 Scheidungen und nur 6.000 Eheschließungen.

Alexandra Kollontai verteidigte die radikalen Veränderungen und erklärte, dass sich „die alte Familie, in der der Mann alles und die Frau nichts war, die typische Familie, in der die Frau keinen eigenen Willen, keine Zeit für sich selbst und kein eigenes Geld hatte, vor unseren Augen verändert...“ [x]

Die Bolschewiki glaubten, dass Beziehungen auf freier Entscheidung und persönlichem Zueinander-passen basieren sollten – und nicht auf finanzieller Abhängigkeit. Sie versuchten, die patriarchische Familie zu untergraben, indem sie öffentliche Dienstleistungen zur Verfügung stellten, die die Haushaltsarbeit ersetzen und freie Mußezeit ermöglichen. Das sahen sie als Element zum Aufbau des Sozialismus.

Von 1917 bis 1920 verbreiteten sich Sex-Debatten, -Forschungen und -Experimente über das ganze Land. Hunderte Broschüren, Magazine und Romane wurden über Sex geschrieben. Die Radikalisierung der Gesellschaft hörte nach der Revolution nicht auf. Die „Pravda“ druckte viele Artikel und Briefe, die Sex thematisierten. Vor allem junge Menschen waren begierig, ihre Sexualität zu erkunden, eine junge Frau, Berakova, schrieb „Roten Studenten“ 1927:

„Ich fühle, dass Frauen wie wir, obwohl wir noch immer nicht die volle Gleichstellung mit Männern erreicht haben, trotzdem Sinne und Vorstellungen haben. Die „Cinderellas“ sind alle verschwunden. Unsere Frauen wissen, was sie von einem Mann wollen. Ohne sich Sorgen machen zu müssen, schlafen viele von ihnen mit Männern, weil sie sich von ihnen angezogen fühlen. Wir sind keine Objekte oder Dummköpfe, die Männer umwerben sollten. Frauen wissen, wen sie sich aussuchen und mit wem sie schlafen.“ [xi]

Das wurde in einem Land geschrieben, in dem ein Jahrzehnt davor Abtreibung, Scheidung und Homosexualität gesetzlich verboten waren.

Prostitution wurde 1922 gezielt entkriminalisiert, aber Zuhälterei wurde gesetzlich verboten. Kliniken, die Frauen mit sexuell übertragbaren Krankheiten behandelten und sexuelle Aufklärung sowie Arbeitsausbildungen anboten, wurden eröffnet. Trotzki beschrieb Prostitution als „die extreme Degradierung von Frauen im Interesse von Männern, die dafür bezahlen können“. [xii]

Bolschewistische Sexualverbrechens-Gesetze waren unverkennbar in ihrer Geschlechtsneutralität und ihrer Ablehnung von Moral und moralischer Sprache. Das Gesetz schrieb fest, dass Sexualverbrechen „die Gesundheit, Freiheit und Würde“ des Opfers verletzen. Vergewaltigung wurde per Gesetz definiert als „nicht-einvernehmlicher Geschlechtsverkehr durch den Einsatz von physischer oder psychischer Gewalt.“ [xiii]

1921 war der BürgerInnenkrieg vorbei, Millionen von Leben verloren, Industrien zerstört, Hungerkatastrophen und Krankheiten weit verbreitet. Die wirklichen Ressourcen des Staates stimmten nicht mit den Visionen und Vorhaben der RevolutionärInnen überein. Die Wirtschaft bewegte sich am Rande des Kollaps. 1921 waren radikale Maßnahmen notwendig und die Regierung führte die „Neue Ökonomische Politik“ (NEP) ein. Das beinhaltete eine begrenzte Einführung von Marktmechanismen, der Versuch, die Wirtschaft am Leben zu erhalten, um durchhalten zu können bis zur Unterstützung der internationalen ArbeiterInnenklasse durch eine weitere Revolution in Deutschland, einer großen kapitalistischen Wirtschaft, in der es eine sozialistische ArbeiterInnenmassenbewegung und revolutionäre Bewegungen gab. Die NEP war ein Versuch, die Produktion unter diesen Umständen wiederherzustellen, aber resultierte in Leistungskürzungen, um den ArbeiterInnenstaat aufrechtzuerhalten, während für eine internationale Ausbreitung der Revolution agitiert wurde.

Angesichts der Tatsache, dass der Staat die Versorgung für Kinder nicht finanziell sicherstellen konnte und es unter Männern üblich war, Mütter zu verlassen, begann der Staat Unterstützung für Frauen, die mit der Versorgung der Familie zu kämpfen hatten, zur Verfügung zu stellen. Der Staat druckte Broschüren und Flugblätter, damit Frauen ihre Rechte kannten. Die Gerichte waren parteilich zugunsten von Frauen und priorisierten das Kind über die finanziellen Interessen des Mannes. In einem Fall teilte der Richter die Zahlung durch drei, weil eine Mutter in Beziehungen mit drei möglichen Vätern war.

Grundlegende Veränderungen im Leben von LGBTQI+-Personen

Die Russische Revolution veränderte auch die Leben von LGBTQI+-Personen. Unter dem Zaren war Homosexualität verboten, „Sodomie“ illegal; lesbische Liebe, wie weibliche Sexualität insgesamt, wurde völlig ignoriert. Nach der Revolution wurde Homosexualität entkriminalisiert, als 1922 alle Anti-Homosexuellen-Gesetze aus dem Gesetzbuch entfernt wurden.

In seiner Arbeit „Geschlecht und Sexualität in Russland“ beschreibt Jason Yanowitz den Einfluss, den die Revolution auf lesbische, schwule und Transgenderpersonen hatte. Erhaltene Memoiren zeigen, dass viele Schwule und Lesben die Revolution als Chance, offene Leben zu führen, wahrnahmen. Gleichgeschlechtliche Ehen waren legal, wie weit sie verbreitet waren, ist wegen unzureichender Untersuchungen unbekannt, aber mindestens ein Gerichtsfall etablierte die Legalität. Es gab Menschen, die nach der Revolution entschieden, als das andere Geschlecht zu leben und 1926 wurde es legal, das Geschlecht im Pass zu ändern. Inter- und transsexuelle Menschen erhielten medizinische Behandlung und wurden nicht dämonisiert. Forschungen zu diesen Themen wurde staatlich finanziert und es wurde erlaubt, Geschlechtsumwandlungen auf Wunsch des/der PatientIn durchzuführen. Offen homosexuelle Menschen konnten in Regierungsämtern und öffentlichen Positionen arbeiten. Georgy Chicherin zum Beispiel wurde 1918 als Außenminister eingesetzt. Er war ein offen homosexueller Mann mit einem ausgefallenen Stil. Es ist undenkbar, dass ein solches Individuum diese Rolle von einem kapitalistischen Land zuerkannt bekommen hätte.

1923 führte der Gesundheitsminister eine Delegation zum Institut für sexuelle Forschung in Berlin und beschrieb die neuen Gesetze zur Homosexualität als „bewusst emanzipatorisch, in der Gesellschaft breit akzeptiert und niemand versucht, sie zurückzunehmen. [xiv]

Die stalinistische Konterrevolution greift die Errungenschaften an

Jahre des Krieges gegen die UnterstützerInnen des Zaren und imperialistischer Armeen, die beabsichtigten, den ArbeiterInnenstaat zu zerschlagen – und die ausschlaggebende Isolation der Revolution durch die Niederlagen der Deutschen Revolution und anderer Aufstände der ArbeiterInnenklassen in Europa, schufen Bedingungen, die die Machtergreifung einer Bürokratie unter Stalin ermöglichten. Das drückte eine politische Konterrevolution aus, bei der Stalin und die Bürokratie autoritäre Maßnahmen anwandten, um das Bewusstsein, den Aktivismus und die Demokratie der ArbeiterInnen zu Hause in Russland zu zerstören und ihre Autorität nutzten, um Siege der sozialistischen Bewegung in anderen Ländern zu verhindern. Alles das mit dem Ziel, die Privilegien einer Bürokratie an der Spitze einer geplanten Wirtschaft zu zementieren. Diese Konterrevolution bewegte sich nicht nur weg vom Kampf für Sozialismus, eine Gesellschaftsform, deren Kern die Demokratie in allen Bereichen des Lebens ist, sondern attackierte auch bewusst die Errungenschaften, die von Frauen erkämpft wurden – mit dem Ziel, das Bewusstsein, den Aktivismus und die Interessen der ArbeiterInnenklasse als Ganzes zurückzuwerfen.

Unglaublich Inspirierendes Erbe

Der Aufstieg der Bürokratie, Stalins Verrat der Revolution und die Rücknahme der Errungenschaften vermindern nicht die Bedeutung der Bolschewiki und ihres Programms. Nie zuvor spielten Frauen eine solche Rolle in der Politik. Nie zuvor hatte eine Führung oder politische Kraft Anstalten gemacht, die Unterstützung von Frauen oder der LGBTQI+-Community zu sichern und die Qualität von deren Leben und ihr Glück in Betracht gezogen. Manche der Errungenschaften der Russischen Revolution vor fast einem Jahrhundert existieren heute in vielen Ländern noch immer nicht, wie in Irland, wo Kirche und Staat noch immer verbunden sind und ein schändliches verfassungsrechtliches Abtreibungsverbot weiterbesteht. Die Oktoberrevolution bleibt ein unbestreitbares und inspirierendes Zeugnis für die unlösbare Verbindung des Kampfes gegen alle Formen der Unterdrückung mit dem Kampf der ArbeiterInnenklasse für eine sozialistische Veränderung. Es ist absolut unglaublich, dass beispielsweise manche Transgender-Rechte anerkannt wurden, Jahrzehnte bevor sich die Frauen- und Homosexuellen-Befreiungsbewegungen entwickelten.

Die Wiedereinführung des Kapitalismus in Russland war ein Desaster. Neoliberaler Kapitalismus hat eine Ära von schnellem Verfall des Lebensstandards eingeleitet. Das und die entsetzliche und massive Unterdrückung der LGBTQI+-Community in Russland heute weisen auf die zutiefst reaktionäre Natur des kapitalistischen Systems hin. Kapitalismus in Russland steht für alles andere als Fortschritt und Demokratie. Errungenschaften, die vor einem Jahrhundert von der marxistischen Bewegung erreicht wurden sind für das reaktionäre Putin-Regime ein Gräuel. Es ist eines der für LGBTQI+-Menschen gefährlichsten Regimes der Welt.

Die Bewegung, die sich im Süden Irlands rund um das Ehegleichstellungs-Referendum im Frühling 2015 Bahn brach und die wachsende Bewegung im Norden für dieses Recht, belegen, dass ArbeiterInnenklasse-Gemeinden soziale und ökonomische Gleichstellung wollen und bereit sind, das Establishment herauszufordern. Frauen in Irland haben die Rechnung für ein brutales Kürzungs-Regime bezahlt und es waren diese Frauen, die nach vorne traten, um eine zentrale Rolle sowohl im Referendum als auch im Kampf gegen die Wasserabgaben im Süden zu spielen.

Die Russische Revolution zeigt, dass die ArbeiterInnenklasse die mächtigste Kraft in der Gesellschaft ist. Und nur der bewusste Aufbau einer Bewegung der 99% kann der aufblühenden Ungleichbehandlung von Frauen, LGBTQI+-Personen und Armen ein Ende setzen. Und so wie die Bolschewiki müssen auch wir erkennen, dass der Kapitalismus einfach nicht besiegt werden kann ohne Frauen - und besonders Frauen aus der ArbeiterInnenklasse, die an der Spitze des Kampfes gegen das 1% stehen.

[i] VI Lenin, On the emancipation of Women, Progress Publishers, 1977, Pg 81

[ii] Jane McDermid and Anna Hillyar, Midwives of the Revolution – Female Bolsheviks and Women workers in 1917, UCL Press, 1999, pg 67-68

[iii] Ibid. pg 8

[iv] Ibid. pg 9

[v] VI Lenin, On the emancipation of Women, Progress Publishers, 1977, Pg 83

[vi] Karen M Offen, European Feminism 1700-1950, Standford University Press 2000, Pg 267

[vii]  Leon Trotsky, The Revolution Betrayed, Dover Publications 2004, Pg 113

[viii] Barbara Alpern Engel, Women in Russia 1700-2000, Cambridge University Press 2004, pg 143

[ix] Ibid. pg 142

[x] Alexandra Kollontai, Communism and the Family, 1920

[xi] From Jason Yanowitz’s podcast, “Sex and Sexuality in Soviet Russia, http://wearemany.org/a/2013/06/sex-and-sexuality-in-soviet-russia

[xii] Leon Trotsky, The Revolution Betrayed, Dover Publications 2004, Pg 112

[xiii] http://wearemany.org/a/2013/06/sex-and-sexuality-in-soviet-russia

[xiv] Ibid.

 

 

 

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