Die Stunde Null und andere Mythen

John Evers

 „Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!” –  dieser Satz aus der Weihnachtsansprache 1945 des damaligen Bundeskanzler Leopold Figls, drückte nicht nur die echte Notlage großer Teile der damaligen, österreichischen Bevölkerung aus. Er steht bis heute für den Mythos eines angeblich völlig am Boden liegenden Landes, welches sich in der Folge lediglich durch einen klassenübergreifenden Kraftakt selbst empor arbeiten konnte.

„Es war ja nix da”

Die Voraussetzungen des österreichischen Kapitalismus 1945 waren grundlegend anders und deutlich besser als 1918. Während der Zusammenbruch der Monarchie den Wegfall traditioneller Märkte, Einflusssphären und wichtiger Industriegebiete in Böhmen bedeutete, hatte die Nazis eine Art „Modernisierung” der österreichischen Wirtschaft eingeleitet. Nicht zuletzt durch Terror, Arisierung und Zwangsarbeit waren der Sektor der kleinen und mittleren Unternehmen „strukturbereinigt” und moderne Großindustrien vor allem in Ober- und Westösterreich im Rahmen der deutschen Kriegswirtschaft aufgebaut worden. Gemeinsam mit dieser „Westverschiebung” der Industrie änderte sich die österreichische Exportstruktur – vor allem Richtung Deutschland. An diese Entwicklung schlossen in weiterer Folge der Marshallplan und die Westintegration der 2.Republik – im Rahmen des weltweit einsetzenden Nachkriegsaufschwunges - direkt an. Lediglich die schnelle Verstaatlichung – nicht zuletzt um die Beschlagnahme der Anlagen als deutsches Eigentum zu verhindern – bedeuteten hier einen gewissen Bruch in der ökonomischen Struktur des Landes nach 1945. Wesentlich deutlicher wäre dieser allerdings durch die Enteignung der nach Kriegsende noch vorhandenen österreichischen Kapitalistenklasse ausgefallen, die schon vor 1938 zu den treibenden Kräften des Anschlusses an NS-Deutschland gehörte. Ebenso hätten solche Enteignungsmaßnahmen alle treffen müssen, die von Arisierung, Sklavenarbeit und Verfolgung – in welcher Form auch immer – direkt profitiert hatten; bei gleichzeitiger Entschädigung der Opfer im Rahmen eines sozialistischen und demokratischen Wiederaufbauplanes.  

Radikaler Bruch erfolgte nicht

1945 gab es in Österreich noch ca. 10.000 Jüdinnen und Juden (1938: 206.000), aber 536.000  registrierte - ehemalige – Nationalsozialisten. Rund 100.000 ÖsterreicherInnen waren aus „rassischen” oder politischen Motiven ermordet worden – alleine in den ersten Wochen nach dem „Anschluss” hatten SS und Gestapo 50.000 bis 70.000 politische GegnerInnen inhaftiert. Statt einem radikalen Bruch, setzte das kapitalistische Nachkriegsösterreich hier realpolitisch auf Kontinuität: Nur rund 2.000 Personen wurden von „Volksgerichten” wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen verurteilt, davon erhielten lediglich 341 Personen Strafen im oberen Bereich. 1950 kam die Tätigkeit dieser Gerichte fast völlig zum Erliegen, im selben Jahr meldete beispielsweise die Israelitische Kultusgemeinde, dass seit 1945 lediglich 6.514 Personen aus dem Exil zurückgekommen waren. Schon kurz davor hatten die „Ehemaligen” wieder das Wahlrecht erhalten und wurden von allen Parlamentsparteien heftig umworben.

Verpasste Chance?

Die Voraussetzungen 1945 tatsächlich einen „Neubeginn” zu erringen waren zweifellos beschränkt: Zwei – ungleiche – faschistische Diktaturen hatten die ArbeiterInnenbewegung und vor allem ihre revolutionären Teile zwischen 1934 und 1945 enorm geschwächt. Die Befreiung vom Faschismus erfolgte nicht durch Partisanenkampf oder Massenstreiks, sondern durch die Alliierten - also von außen. Der Sturz des Kapitalismus stand deshalb in Österreich – im Gegensatz zu anderen Teilen Europas (z.B. Griechenland, Jugoslawien, mit Einschränkungen auch Italien)  nicht unmittelbar auf der Tagesordnung. Vor allem auch deshalb, weil der von SPÖ, ÖVP und KPÖ 1945 verbreitete antifaschistische Grundkonsens tatsächlich nur konsequent auf den kapitalistischen „Wiederaufbau” abzielte – und nicht auf die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus (und seinem Wegbereiter, dem Austrofaschismus). Antikapitalistisches Potential war allerdings in der österreichischen Gesellschaft durchaus vorhanden: Bis 1950 entlud es sich nicht nur in mehreren Streiks gegen die sozialen Folgen des „Wiederaufbaus”, sondern zeigte sich etwa auch im vergleichsweise guten Abscheiden der KPÖ – trotz sowjetischer Besatzung und Stalinismus. Nicht zuletzt existierte in der SPÖ damals ein linker Flügel der zumindest eine klare ideologische Opposition gegen den Kapitalismus ausdrückte und sich zuweilen am deutlichsten gegenüber den ehemaligen Nazis positionierte. 1945/46 wurde beispielsweise noch auf SPÖ-Plakaten der Austausch von Kriegsgefangenen in der Sowjetunion gegen die, sich in  Österreich befindenden, Nazis gefordert. Zu solchen klaren Worten sollten sich in den kommenden Jahrzehnten sozialpartnerschaftlicher Harmonie nur mehr wenige politische Kräfte durchringen – die Chance auf einen echten Neubeginn war nicht ergriffen worden.

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

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