Die letzten Tage der Menschheit und die letzten Cent im Börsel

Sebastian Kugler

Den zweiten Sommer infolge inszeniert Paulus Manker Karl Kraus‘ Abrechnung mit dem 1. Weltkrieg, „Die letzten Tage der Menschheit“, in der Serbenhalle nahe Wiener Neustadt. Das gesamte Stück gilt als unaufführbar. Doch mit über der Hälfte der insgesamt 220 Szenen ist Mankers Inszenierung die bis jetzt umfassendste und spektakulärste: Es gibt keine Bühne, am ganzen Gelände spielen sich Szenen ab, oftmals parallel. Man muss sich entscheiden: Geht man ins Lazarett, wo der Arzt Verwundete quält, als „Tachinierer“ beschimpft und „fürs Vaterland“ zurück an die Front schickt? Oder in den schummrigen Salon, wo kriegsbegeisterte deutschnationale Burschenschafter ihre Lieder absingen? Es ist der Inszenierung anzurechnen, dass sie im Gegensatz zu den meisten anderen kein Gewicht auf die Szenen, die fast schon Slapstick-Charakter haben, legt – auch wenn die Frage an den „Ober-Bombenwerfer“, wie das mit dem „Bomben owa werfen“ ist, nicht fehlen darf. In den Vordergrund treten hier aber die Herrschenden, die Kriegshetzer, die Profiteure des Krieges, die „den Weltmarkt in der Ritterrüstung erobern“ wollten. So etwa der Fabrikant, der sich mit dem Militär darüber unterhält, wie man „diese Gewerkschaftshunde“ loswird. Unter dem Bombast der Inszenierung leidet zwar die sprachliche Genialität von Kraus, doch die Verkommenheit der Herrschenden Klasse, ihres Kriegs und ihrer Presse wird umso greifbarer.

Der Haken: Auch wenn jede Vorstellung ausverkauft ist, ist das siebenstündige Spektakel für die allermeisten nicht zugänglich. Tickets kosten unglaubliche 145€ - kein Wunder, wenn es bei Produktionskosten von 450.000€ nur 728,75€ an öffentlichen Förderungen durch die ÖVP-dominierten Stellen gibt. Kraus selbst organisierte zeitlebens Aufführungen der „Letzten Tage“ übrigens meistens für Arbeiter*innen im sozialistischen Rahmen: in Wien, Prag, aber auch im New Yorker „Labor Temple“. Auch heute sollten solche Aufführungen im Interesse der Arbeiter*innenbewegung sein – denn dem bürgerlichen Kunstbetrieb sind sie offenbar keine Förderung wert.

 

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