100 Jahre Russische Revolution

100 Jahre Russische Revolution
Manuel Schwaiger

 

2017 scheint die Welt am Abgrund. Der Kapitalismus, in dem möglichst hohe Profite über allem stehen, zerstört Mensch und Umwelt. Eine Handvoll Menschen besitzt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, während Hunderttausende an Hunger oder heilbaren Krankheiten sterben. Millionen flüchten vor Krieg und Terror, während die Waffenindustrie fette Profite scheffelt. Umweltkatastrophen und Wetterextreme nehmen zu – die Welt taumelt in eine Klimakatastrophe, doch den Reichen sind ihre Profite wichtiger als Umweltschutz.

Doch bei der Russischen Revolution vor 100 Jahren gelang es, dieses System der Reichen zu beseitigen. Wer heute gegen den Kapitalismus kämpfen will, sollte sich mit diesem Ereignis auseinandersetzen und sowohl aus den Errungenschaften wie aus den Fehlern lernen.

1917 tobte der 1. Weltkrieg – Millionen starben für die Interessen der Banken und Konzerne. In der Folge wurde ganz Europa durch revolutionäre Entwicklungen erschüttert, doch nur in Russland konnten die ArbeiterInnen dem Großkapital die Macht entreißen.

Nach den Zerstörungen des Krieges hatten die ArbeiterInnen in ganz Europa das Vertrauen ins herrschende System verloren. In zahlreichen Ländern, wie Deutschland, Ungarn, Österreich und Russland, bildeten sich in den Betrieben Sowjets (russisch für Räte), demokratische Versammlungen der ArbeiterInnen. Sie übernahmen oft die Verwaltung ihrer Arbeitsstätten. Gerade in Russland wurde klar, dass der Kapitalismus und sein Staat nicht in der Lage sein würden, das soziale Elend zu überwinden oder auch nur den Krieg zu beenden. So übernahmen die Sowjets immer mehr Aufgaben und begannen Abgeordnete in regionale und landesweite Sowjetkongresse zu entsenden, die jederzeit abwählbar waren und nicht mehr verdienten als ihre KollegInnen.

In den meisten europäischen Ländern behielt die Sozialdemokratie die Führung der Bewegung. Deren AnführerInnen wollten eine Revolution ebenso verhindern wie die herrschende Klasse. In Deutschland ließen sie die Aufstände niederschießen. In Österreich gelang es ihnen, die Rätebewegung zu kontrollieren und den KapitalistInnen die Macht zurückzugeben. Revolutionäre Kräfte, die für die Machtergreifung der Räte argumentierten, waren noch zu schwach und unerfahren. Das erwies sich als fatal, denn die Widersprüche des Systems wurden nicht überwunden, sondern traten bald wieder offen zutage. Eine Entwicklung, die in Europa wenige Jahre später zu einer weiteren tiefen Wirtschaftskrise und schließlich zur Machtergreifung des Faschismus führte.

Anders in Russland. Mit der Bolschewistischen Partei gab es eine Organisation von RevolutionärInnen, die sich als Vorhut aller ArbeiterInnen und Unterdrückten verstanden. Ihre Mitglieder erarbeiteten sich in der Revolution von 1905 und danach das Vertrauen ihrer KollegInnen, sie übernahmen wichtige Aufgaben in den Sowjets, koordinierten Streiks und wenn nötig auch bewaffneten Schutz von ganzen Städten gegen weiße Armeen, die eine Militärdiktatur errichten wollten. Und sie verstanden, dass die ArbeiterInnenklasse nicht den kapitalistischen Staat übernehmen kann, sondern ihren eigenen Staat auf Basis der Sowjets aufbauen muss, wenn sie vom Elend befreit werden will.

Eine Lehre, die aktueller nicht sein könnte. Denn immer wieder bringen soziale Bewegungen den Kapitalismus ins Wanken, immer wieder bilden sich Ansätze demokratischer Selbstorganisierung, auch und gerade von ArbeiterInnen: die Selbstverteidigungsstrukturen gegen den Putschversuch in Venezuela 2002, die Plenas der bosnischen Protestbewegung 2014 oder jetzt die Selbstverteidigungskomitees der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung.

Was all diesen Bewegungen fehlt, ist eine Partei wie die Bolschewiki, deren Mitglieder sich durch die Beteiligung bei sozialen Protesten ausbilden und die Anerkennung ihrer KollegInnen gewinnen, während sie mit einer klaren marxistischen Analyse auf den Aufbau eines sozialistischen, rätedemokratischen Systems hinarbeiten.

Die Räteregierung in Russland spielte eine Vorreiterrolle bei Frauenrechten- und LGBTQ+-Rechten, bei Umweltschutz und Vielem mehr. Den Bolschewiki war klar, dass eine Revolution in einem armen und unterentwickelten Land wie Russland nicht allein überleben konnte. Sie versuchten alles, um die ArbeiterInnen anderer Länder bei ihren Revolutionen zu unterstützen. Doch v.a. wegen der Rolle der Sozialdemokratie blieb Russland isoliert, der lange Bürgerkrieg zerstörte das Land weiter. Isolation, Zerstörung und Rückständigkeit waren der Nährboden, auf dem das bürokratische Regime des Stalinismus, der im Widerspruch zum Bolschewismus stand, seinen Aufstieg fand und viele der Errungenschaften wieder zunichte machte.

Doch bis heute hat die Russische Revolution nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt, denn sie hat gezeigt, wie der Kapitalismus beendet werden kann: Durch die Kämpfe der ArbeiterInnenklasse, durch demokratische Organisierung in Betrieben und Stadtteilen, durch konsequenten Internationalismus und mithilfe einer revolutionären Partei.

 

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