„Es braucht vor allem einen Generalstreik“

Interview mit Nada Amin einer ägyptisch-österreichischen Aktivistin

Wie schätzt du jetzt nach zwei Jahren die Situation in Ägypten ein?

Also zur Zeit ist es wirklich schlimm geworden. Vor ein paar Tagen hat der Präsident 17 neue Gouverneure eingestellt und die gehören alle zu den Muslimbrüdern oder den Salafisten. Und der größte Skandal ist der neue Gouverneur in Luxor [1]. 1997 gab es Anschläge in Luxor. Und da sind mehr als fünfzig Touristen gestorben. Und der neue Gouverneur ist der Anführer dieser Gruppe von damals, also Gamaa al-Islam. Sehr viele Medien auf der ganzen Welt berichten darüber. Und damit geht der Tourismus in Luxor zu Ende. Es gibt zurzeit sehr viele Proteste dort. Ich bekomme meist Nachrichten von Aktivisten dort, aber die Medien berichten kaum darüber. Tourismus ist aber ein wichtiger Geldbringer für Ägypten. Der ist allgemein seit der Revolution zurückgegangen – das ist verständlich – aber das ist jetzt ein weiterer Schlag.

Und am 30. Juni, das ist ein Jahr nachdem Mursi Präsident geworden ist, sind riesengroße Demonstrationen in ganz Ägypten geplant. Ich persönlich bin nicht so optimistisch was diese Demonstrationen angeht, weil es wird nicht wieder so werden wie 2011. Es muss irgendwas neues passieren. Weil 2011 war das was Neues, darum hat sich so viel geändert. Aber in den letzten zwei Jahren waren wir immer auf Demonstrationen, gegen das Militär, gegen die Muslimbrüder. Und die haben uns einfach auf der Straße gelassen – aber es hat sich nichts geändert. Also sehr viele Leute sind enthusiastisch wegen den Demonstration am 30. Aber ich persönlich bin eher pessimistisch. Weil ich habe selber so viel gemacht und ich habe so viel gesehen. Am Anfang hat es schon geholfen, aber das ist eigentlich vorbei. Und wenn wir auf der Straße waren, hat die Polizei uns mit Tränengas und Gummikugeln angegriffen. Und dann sind wir wieder nach Hause gegangen und naja, ob das wirklich so was gebracht hat? Bin mir nicht sicher. Und mein Problem mit dieser Demonstration ist, dass alle Leute die gegen die Muslimbrüder sind demonstrieren werden. Also auch die Mubarak-Anhänger und die, die denken, dass das Militär die Macht übernehmen soll. Und das nervt. Das nervt mich und das nervt viele meiner Freunde, die aktiv waren bei der Revolution, dass da jetzt manche behaupten, dass das Militär an unserer Seite stehen wird. Und dass wir gemeinsam mit denen auf die Demonstration gehen, wo die schreien: „Das Militär und das Volk sind eins!“. Das sind Schickimicki-Leute, die bei der Revolution nicht dabei waren, oder sogar dagegen waren und die jetzt irgendwie revolutionär sind, weil sie gegen die Muslimbrüder sind. Aber das Militär ist eben nicht das Beste für Ägypten. Das sind die alten, säkularen Eliten von Mubarak und Sadat.

Wie schätzt du die Rolle des Militärs im Moment ein?

Ich habe bis jetzt gehört, das Militär hat gesagt: Es ist egal, was in Ägypten passiert, ihr einziges Interesse ist dass des den Ägyptern gut geht. Ich habe nichts gehört, dass sie gegen die Muslimbrüder sind, aber ab und zu hört man, dass jemand sich gegen die Muslimbrüder äußert, aber man weiß nichts Genaues. [2]

Also nach Mubarak war Tantawi vom Militär an der Macht. Und deren Herrschaft war schrecklich. 12.000 Zivilisten sind von Militärgerichten verurteilt. Es wurden Menschen getötet, Frauen wurden vom Militär angegriffen, v.a. auf Demonstrationen. Es gab damals viele Demonstrationen gegen das Militär und wir haben gefordert, dass die bestraft werden. Und als Mursi Präsident wurde, war das Einzige was er gemacht hat, dass er jemand anderen statt Tantawi eingesetzt hat. Und sonst hat er nichts gemacht. Also es gibt eine Zusammenarbeit zwischen Militär und Muslimbrüdern. Wäre es anders, wären die verbrecherischen Militärs bestraft wurden.

Wie siehst du die soziale und wirtschaftliche Lage zurzeit?

Viele große Firmen, sowohl internationale als auch ägyptische, haben nach der Revolution viele Leute entlassen. Also die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Und Preissteigerungen – also alles ist richtig teuer geworden. Und zurzeit gibt es so viele Stromausfälle weil es nicht genug Gas gibt. Und es stehe riesige Schlangen vor allen Tankstellen. Ich habe mit einer Freundin vor Ort geredet, die haben drei oder vier Stunden am Tag keinen Strom – und das bei dieser Hitze, da braucht man eigentlich eine Klimaanlage. Und in der Hitze kann man z.B. am Computer dann fast gar nichts machen in der Arbeit. Also das ist aktuell die Lage: kein Gas und keine Elektrizität. Ich denke, solche Sachen bringen die Leute auch gegen die Regierung auf. Das ist einer der Gründe warum jetzt so viele Leute demonstrieren. Wobei, das Viertel wo Mursi wohnt, die haben immer Elektrizität. Mein Onkel wohnt da ganz in der Nähe und die haben immer Elektrizität. Aber alle anderen Leute, da wird er abgedreht.

Es hat ja in der letzten Zeit eine Verlagerung der Bewegung von Kairo ins Delta und an den Suezkanal gegeben. Vielleicht kannst du das kurz erläutern.

Also Mahalla ist etwas ganz spezielles in Ägypten. Man kann sagen, eigentlich hat die Revolution in Mahalla begonnen. Weil dort war es das erste Mal, dass Arbeiter protestiert haben und nicht zur Arbeit gegangen sind. Das war 2007. Man weiß, dass die Leute in Mahalla die Stärksten sind. Es sind sehr viele Arbeiter dort und die wissen welche Rechte sie haben und auch wie sie diese durchsetzen können. Port Said, Ismailiya und Suez, das sind die Städte am Suez-Kanal. Es ist schon lange bekannt, dass die Menschen aus diesen Städten sehr rebellisch sind. Man hört in den Medien meist nur von der Hauptstadt und vielleicht noch von Alexandria. Aber die Revolution, also in Suez war es am Schlimmsten. Es war alles zugesperrt von der Polizei. Niemand konnte rein oder rausgehen. Es gab keine Medien vor Ort, nur Leute die über Facebook oder Twitter berichtet haben und erzählt haben wie schlimm die Situation ist. Es wird zurzeit eigentlich besser in den anderen Städten in Ägypten. Früher haben wir immer gedacht, weil dort so viele arme Leute sind, darum wählen sie die Muslimbrüder. Wir haben gedacht: die haben kein Geld, keine Perspektiven, die haben nur den Glauben an Gott und wenn jemand kommt, es ist Gottes Wille die Muslimbrüder zu wählen, dann machen sie das auch, weil sie es nicht besser wissen. Aber mittlerweile ist es anders. Die jungen Leute dort, die machen wirklich was, klären die Menschen auf, erklären ihnen wie es wirklich ist, wofür die Muslimbrüder wirklich stehen. Es hat sich viele zum Guten verändert durch die junge Leute.

In den westlichen Medien wird immer dargestellt, die Bewegung gegen Mursi wäre gegen „den Islam“. Stimmt das wirklich? Sind da wirklich nur AtheistInnen und ChristInnen auf der Straße?

Nein, das stimmt natürlich nicht. Es sind sehr viele Muslime gegen die Muslimbruderschaft auf der Straße. Es war nie gegen den Islam an sich. Die Muslimbrüder repräsentieren für viele Muslime in Ägypten nicht den Islam. Das wird nur in den Medien so dargestellt – das sieht man jetzt auch wieder im Falle der Türkei. Es geht nicht gegen den Islam. Viele Ägypter sind religiös, natürlich nicht wie in Saudi Arabien, aber ich kenne viele Menschen, die mit mir am Tahrir und auch seither sehr aktiv waren, die sehr religiös sind. Die denken, die Muslimbrüder missbrauchen die Religion.

Was wichtig ist: die Muslimbrüder sind unglaublich reich. So viele Geschäfte und Unternehmen gehören den Muslimbrüdern, also die Besitzer sind Mitglieder der Partei. Die kaufen auch viele Marken aus Europa. Zum Beispiel Zara in Ägypten, das Franchise wird von einem von den Muslimbrüdern betrieben. Die haben überall ihre Finger drinnen – Wirtschaft, Hotels, Tourismus. Also die haben zum Beispiel Tourismusagenturen und ihnen ist auch egal ob das was sie machen mit dem Islam vereinbar ist oder nicht. Sie sind überall. Das nervt viele Ägypter.

Wie ist der Stand der Dinge bei der Opposition?

Ich bin kein Anhänger der liberalen Opposition. Aktuell gibt es einen Trend zu denen hin. Aber die verbreiten teilweise Sachen, die sind einfach völlig weit weg. Man hat manchmal den Eindruck sie leben nicht in Ägypten, sondern auf einer Wolke. Also es ist gut, dass sie säkular sind, aber um die Muslimbrüder zu bekämpfen sind ihre Strategien unbrauchbar. Also Petitionen zu unterschreiben, das bringt nichts in Ägypten. Selbst 14 Mio. Unterschriften, das bringt die Regierung nur zum Lachen. Zurzeit gibt es eine Petitionsplattform, die heißt „Rebell“, das haben bisher etwa 15 Mio. Menschen unterschrieben. Das ist jetzt irgendwie Mode geworden. Und damit habe ich ein Problem. Die kommunizieren den Leuten, dass es cool ist zu unterschreiben und der politische Aspekt fällt völlig unter den Tisch. Ich bin vielleicht ein bisschen extrem, aber Petitionen unterschreiben bringen überhaupt nichts. Da hat die Regierung keine Angst.

Es gibt da diesen Schwarzen Block. Wie sind die einzuschätzen?

Ich finde ja alles, was irgendwie rebellisch ist super. Aber wenn man sich den Schwarzen Block anschaut, das ist es echt nichts. Aber wenn man sich die Fotos anschaut – da gibt es welche, auf denen sie gemeinsam beten. Sie versuchen irgendwas zu machen um zu zeigen, dass sie eh ganz normale Leute sind. Aber das ist doch opportunistisch. Die sind ja mittlerweile auch überall im Fernsehen zu sehen und in Talkshows und sie verlieren irgendwie ihren Sinn.

Die wollen anonym sein, sind das aber nicht mehr. Sie sind ein bisschen anarchistisch unterwegs, verstehen aber nicht was Anarchismus ist. Am Anfang habe ich mir gedacht, das ist ganz gut, aber mittlerweile; Aber deren Strategie bringt nichts. Jetzt werden auch von der Polizei einfach Leute verhaftet, die irgendwie eine schwarze Kapuze tragen. Man darf sich in Ägypten auf Demonstrationen nicht mehr vermummen. Trifft auch die ganzen verschleierten Frauen. Außer natürlich auf den Demos von den Muslimbrüdern oder den Salafisten. Da ist das ok. Ich meine, es ist nur fair, wenn sie gegen die Polizei kämpfen, die uns mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummikugeln angreift. Aber nur auf die Polizei losgehen, das bringt nichts.

Was ist die Rolle der Linken in Ägypten?

Ich kenne fast keine Linke mehr in Ägypten. Was jetzt im Bild ist, sind die Muslimbrüder, die Salafisten und die Liberalen. Ein Beispiel wären die Revolutionary Socialists [die ägyptische Schwesterorganisation der Linkswende; Anm.] Ich kenne da einige Leute von denen, die schon länger aktiv sind. Die machen nichts mehr selbständig. Die reagieren nur auf Vorschläge und entweder sind sie dafür oder dagegen. Sie kommen nicht mit neuen Ideen. Deswegen sind sie nicht mehr sehr stark. Auch wenn ihre Studenten immer noch aktiv sind. Aber generell in Ägypten, wenn man von Sozialismus redet, da ist eher weniger Resonanz.

Dazu kommt: damals, bei den Wahlen haben die Revolutionary Socialists die Muslimbrüder unterstützt. Auch wenn ich einige individuelle Mitglieder kenne, die die Wahl boykottiert haben. Aber deren Führung hat gesagt: wir haben Shafik oder Mursi. Und Shafik ist vom alten System von Mubarak. Also, es ist nicht das Beste für Ägypten und jetzt haben wir die ersten demokratischen Wahlen. Und dann haben sie Mursi unterstützt, weil sie Sahfik nicht unterstützen wollten. Und das war natürlich auch blöd. Aber viele, so auch ich wären jetzt im Gefängnis, wenn Shafik Präsident wäre. Er hat gesagt, ich bringe alle ins Gefängnis, die mit der Revolution angefangen haben. Alles wäre genau so geblieben, wie es war – so schlimm die Muslimbrüder jetzt auch sind. Die Linke hat gesagt: Mursi ist besser als Shafik, daher wählen wir ihn. Aber eine Gruppe, da war auch ich dabei, wie haben eine Boykottgruppe gegründet.

Notwendig wäre ein selbständiges Programm der Linken. Aber die, die ich kenne machen das nicht. Was sie machen sind kleine Workshops, aber da gehen immer nur dieselben Leute hin. Aber ein Programm, für das sie so richtig kämpfen, gibt es nicht. Es gab jetzt auch viele Wahlen, aber da war nie wirklich wer von den Linken am Stimmzettel.

Allgemein: wohin bewegt sich Ägypten und was wäre notwendig?

Entwickeln wird sich Ägypten in den nächsten Jahren wohl gar nicht. Aber ich denke am 30. Juni, auch wenn ich da ein bisschen pessimistisch bin, da wird sich viel zeigen. Keine Ahnung wie es laufen wird, aber wenn es erfolgreich ist, dann kann sich doch was tun. Mal sehen, wie es läuft.

Nötig ist: Protest, Protest, Protest. Notwendig wäre ein Generalstreik. Wenn man sich das Business der Muslimbrüder anschaut – das würde sie am härtesten treffen. Man muss aufzeigen wie sie wirklich sind, was für Fehler sie machen; auch, dass das nicht der wirklich Islam ist, den sie verbreiten. Man muss mit den verarmten Menschen zusammenarbeiten. 40 Prozent der Ägypter leben unter der Armutsgrenze. Das war die Wahlbasis der Muslimbrüder. Die müssen die Wahrheit wissen und mit denen muss man gemeinsam kämpfen. Man muss das Bewusstsein entwickeln. Aber es braucht vor allem einen Generalstreik.

[1] Am 23. Juni, drei Tage nach dem Interview kündigte Adel al-Khayat, der genannte Gouverneur von Luxor auf Grund des öffentlichen Drucks seinen Rücktritt an.
[2] Am 23.06. kündigte der ägyptische Generalstabschef Abdel Fattah al-Sisi an im Falle von größeren Unruhen militärisch eingreifen zu wolle.
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