Warum es Klassenkampf statt Kulturkampf braucht

Im Bildungswesen braucht es radikale soziale Veränderungen mit SchülerInnen - nicht gegen sie.
Brandl Stefan

In der Neuerscheinung von „Kulturkampf im Klassenzimmer: Wie der Islam die Schulen verändert“ spricht Susanne Wiesinger - Lehrerin an einer „Brennpunktschule“ und jahrelange soialdemokratische Personalvertreterin - über die „problematische Entwicklung“ an Mittelschulen. Sie schreibt von „religiös indoktrinierten“ Kindern, die für Lehrer kaum mehr erreichbar sind und vom angeblichen Totschweigen dieser Thematik, um nicht gratis Wahlwerbung für den politischen Gegner (FPÖ) zu machen. Viele sehen nach der Veröffentlichung des Buches ein Tabu gebrochen.

Gegen den Islam zu hetzen stellte aber schon bisher kein Tabu dar. Ganz im Gegenteil: Seit Jahren wird überall gegen Muslime gehetzt. Tagtäglich werden muslimische Frauen diskriminiert, wenn sie ein Kopftuch tragen und Geflüchtete beleidigt, weil sie nicht perfekt Deutsch können. Die mediale Debatte wird nur darüber geführt, wie man Schwierigkeiten im Schulalltag mit mehr Repression - etwa Geldstrafen (!) für Nichtteilnahme bei Ausflügen oder Schullandwochen - lösen könnte, anstatt die wahren Ursachen anzusprechen. Verschwiegen wird dadurch auch, dass autoritäre Denkmuster bei weitem nicht nur bei muslimischen SchülerInnen zu finden sind.

Das Problem ist v.a. der Ressourcenmangel. Die Regierung streicht den 80 Millionen Euro schweren Integrationstopf, der 2016 angelegt worden ist, ersatzlos. Darüber hinaus sollen Teamteaching Stunden (zwei LehrerInnen unterrichten gemeinsam) wegfallen und nur noch in Einzelfällen eingesetzt werden. Des Weiteren werden ganztägige Schulangebote noch dünner finanziert und Verträge von SchulsozialarbeiterInnen nicht verlängert. Der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen wird nicht behoben, sondern verschärft und somit mehr Kinder in konfessionelle Kindergärten gedrängt. Die Regierung versucht, „Problemschulen“ untereinander zu isolieren und mehr Geld (5-7 Millionen Euro) für die AHS bereitzustellen – das Zwei-Klassen-System in der Bildung wird weiter einzementiert.

„Brennpunktschulen“ sind die Folge dieses Bildungssystems. Sozial schwächer gestellte Schichten werden bewusst in solche Schulen gefiltert, was MigrantInnen (und daher auch Muslime/a) überproportional stark trifft. Das ist nicht die Schuld der Betroffenen: Der Anteil an MigrantInnen, die eine höhere Bildung bzw. Matura anstreben, entspricht jenem der österreichischen Bevölkerung. Universitätsabschlüsse sind sogar häufiger. Bildung ist keine Frage der Herkunft, Religion oder Erstsprache – sondern in erster Linie eine Frage der Klassenzugehörigkeit. Das beweist etwa die elitäre Vienna International School: Dort, wo genügend Geld und Fördermittel vorhanden sind, wird Mehrsprachigkeit auch gefördert, anstatt sie in der Schule zu verbieten.

Probleme werden auf die abgewälzt, die sich nicht wehren können. Muslimischen SchülerInnen wird der Kulturkampf erklärt – ob sie das wollen oder nicht. Wer nicht perfekt Deutsch spricht, wird aus dem Klassenverband gerissen und isoliert. Kinder werden so in die Ecke gedrängt und müssen sich vor allem und jedem rechtfertigen: Der Schule, den Eltern, den Medien. Das drängt autoritäre Denkweisen nicht zurück, sondern macht die Betroffenen zu besonders leichter Beute für Hetzer aller Art. Wer etwa als Strafe für negatives Verhalten mehrere Tage von der Schule suspendiert wird, wird es nur noch schwieriger haben, Teil der (Schul-)Gemeinschaft zu sein.

Autoritäre Tendenzen können nicht durch ein autoritäres Schulsystem bekämpft werden, sie werden dadurch noch befeuert. An Stelle von staatstragender und pseudodemokratischer „Entradikalisierung“ braucht es Geld- und Personalmittel für kritische SozialarbeiterInnen und PsychologInnen. In- und außerhalb der Schule braucht es Organisationen der ArbeiterInnenbewegung, die konsequent für ein Bildungssystem ohne zwei Klassen-Bildung und eine Gesellschaft ohne soziale Benachteiligung kämpfen.

Nur mit einem gemeinsamen Kampf für mehr Ressourcen und gegen Rassismus kann auch fundamentalistischen Kräften (egal ob muslimisch, christlich oder esoterisch) das Wasser abgegraben werden. Wie so etwas aussehen kann? 2014 kam es gegen eine kurdische Schülerin in Wels wiederholt zu Gewaltandrohungen durch Jugendliche, die mit salafistischen Ideen sympathisierten. Die SLP griff diese Gefahr offensiv und erfolgreich auf und organisierte gemeinsam mit der Betroffenen die Kampagne „Gegen Fundamentalismus und rechte Hetze – gemeinsam für Bildung und Jobs“. Wir organisierten Diskussionsveranstaltungen und öffentliche Proteste, die sich sowohl gegen Fundamentalismus, als auch gegen rechte Law-and-Order Politik und den Sparzwang im Bildungssystem richteten. Solche Kampagnen braucht es, wo konkrete Probleme auftauchen. Was es dagegen nicht braucht, sind pseudo-aufklärerische Bücher, die sozial Benachteiligte weiter in Bedrängnis bringen, während sie nichts an der dafür verantwortlichen Problematik ändern.

Erscheint in Zeitungsausgabe: 

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