Tauschkreis & Regiowährung: Der Wolf im Schafpelz!

Wirtschaftskrise und Entfremdung lassen Tauschkreise und Regionalwährungen als Alternativen erscheinen.
Sonja Grusch

Mit Tauschkreisen werden alternative Netzwerke geschaffen, um Güter und Dienstleistungen untereinander zu tauschen. Regionalwährungen sollen das Geld in der Gegend halten und die Wirtschaft ankurbeln. AktivistInnen stecken viel Zeit und Energie in die Projekte, die auch als Alternativen in Zeiten der Wirtschaftskrise präsentiert werden. Dazu dienen auch historische Beispiele wie das „Wunder von Wörgl“. 1932/33 wurde in dem krisengeschüttelten kleinen Tiroler Ort eine lokale Parallelwährung eingeführt. Die Arbeitslosigkeit sank und die lokale Wirtschaft wurde belebt. Das Projekt wurde – wie die meisten anderen Versuche – rasch von der Zentralbank abgedreht. Das ist wohl auch eine zentrale Basis für die Mythenbildung.

Doch eine nähere Betrachtung von Tauschkreisen und Regionalwährungen, der TeilnehmerInnen, der ideologischen Basis und der konkreten Auswirkungen zeichnen ein ganz anderes Bild. Bestenfalls handelt es sich um Selbstverwaltungsprojekte von Armen und Krisenopfern. Oft übernehmen sie beim Wegfall von Sozialleistungen Aufgaben des Staates und wirken systemstabilisierend. Häufig sind sie Betätigungsfeld von Rechtsextremen und FaschistInnen.

Die ideologische Basis der Projekte findet sich bei Silvo Gesell, bei AnhängerInnen der „Freiwirtschaftslehre“, bei „Libertären“. Gemeinsam ist: Nicht der Kapitalismus an sich wird als Ursache von Wirtschaftskrisen gesehen, sondern der Finanzsektor. Folglich geht es auch niemals um die Abschaffung des Kapitalismus. Vielmehr handelt es sich um ein „den ehrlichen Kleinunternehmer“ romantisierendes und rückwärtsgewandtes Konzept, also um „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“. Gesell und seine AnhängerInnen vertreten einen Manchester-Liberalismus, der z.B. Gewerkschaften ablehnt. Zentrale Idee ist heute, die regionale Wirtschaft – d.h. die örtlichen klein- und mittelständischen Unternehmen – zu stärken. Und zwar durch die Ausgabe eines Regionalgeldes, das rasch an Wert verliert – daher ist die Motivation hoch, es rasch auszugeben. Das kurbelt die Nachfrage und die Wirtschaft an. So die Theorie. Tatsache ist allerdings, dass nicht alle Versuche zentral abgedreht wurden sondern viele an sich selbst gescheitert sind. Und das Wörgler Experiment lebte von der Begeisterung der Gesell-AnhängerInnen, die ein Drittel der „Schwundgeldscheine“ als Souvenir horteten. Das „echte“ Geld legte Wörgl am Finanzmarkt an und kassierte die Zinsen.

Wenn mit Gutscheinen bezahlt wird, dann können Menschen gezwungen werden, beim – teureren – lokalen Kleinunternehmen zu kaufen. Sie können sich kein Geld für Notfälle zurücklegen, wenn das Schwundgeld an Wert verliert. Auch diszipliniert werden kann so: Wer brav ist, bekommt „echtes“ Geld. Unruhestifter, AsylwerberInnen etc. kriegen nur Gutscheine und Regionalgeld, was deren Handlungsspielraum einschränkt.

Alle Projekte führen dazu, die Energien von Menschen darauf zu bündeln, kleine Nischen zu schaffen, anstatt den Kapitalismus, der ja nur ein anderes Wort, nicht aber ein anderes Konzept als Marktwirtschaft ist, herauszufordern. Wie bei allen Wirtschaftsliberalen wird „der Staat“ abgelehnt, d.h. auch der Sozialstaat. Die ebenfalls von Gesell geforderte „Enteignung“ des Grundbesitzes ist nichts anderes als das wirtschaftsliberale Herstellen gleicher Ausgangssituationen: In ihrer perfekten Marktwirtschaft sollen die Stärksten sich durchsetzen, und unter gleicher Ausgangssituation werden jene sich hervortun, die stärker, schlauer, gerissener sind. Sozialdarwinismus in reinster Form.

Tauschkreise und Regionalgeld sind die typischen Konzepte kleinbürgerlicher Schichten im Angesicht der Wirtschaftskrise. Aus Angst, in der verschärften Konkurrenzsituation zerrieben zu werden, wird das idealistische Bild vom guten Unternehmer und der bäuerlichen Kleinidylle gemalt. Der Feind ist das Finanzkapital, das als Parasit gesehen wird. Der Trennung der Nazis in „raffendes“ und „schaffendes“ Kapital hat Gesell nur vorgegriffen. Dabei sind die verschiedenen Sphären der kapitalistischen Wirtschaft – Produktion und Finanz – seit über 100 Jahren eng und untrennbar verbunden.

Bei dieser Konzentration auf das Finanzkapital treffen sich Linke und Rechtsextreme in Tauschkreisen und Regionalgeldprojekten. Gesell selbst hatte mit der Zusammenarbeit mit völkischen und antisemitischen Zeitgenossen kein Problem. In diversen Projekten finden sich einschlägig bekannte Rechtsextreme und alte und neue FaschistInnen, wie z.B. im norddeutschen Hemmoor. Auch der rechte Uni-Professor Hörmann ist mit seiner Kritik am Geldsystem aufgefallen. Die ideologische Basis dieser Projekte passt zum Konzept der „Volksgemeinschaft“, wo Nation statt Klasse zählt und die Tüchtigen über die Schmarotzer siegen.

Der positive Ansatz dieser scheinbaren Alternativen ist, dass Menschen sich selbst organisieren. Doch sind die Projekte im besten Fall eine Ablenkung von einem ernsthaft antikapitalistischen Kampf, den sie stellen einen Rückzug ins Private, auf die Selbsthilfe dar, anstatt sich gemeinsam mit anderen zu organisieren und z.B. die Sparpakete und Nulllohnrunden zurückzuschlagen.

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